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Herrscher aus der zweiten Reihe

VON JAN-MARTIN WIARDA

20 Jahre lang war Christian Bode DAAD-Generalsekretär. Jetzt verabschiedet er sich in den Ruhestand.

Herrscher aus der zweiten Reihe© Michael Jordan - DAADNach 20 Jahren als DAAD-Generalsekretär verabschiedet sich Christian Bode in den Ruhestand
Nach vier Jahrzehnten im Geschäft weiß Christian Bode, was er von Journalisten zu erwarten hat. »Schreiben Sie bloß nicht, hier trete ein Fossil ab, sozusagen der letzte seiner Art, der es in die Gegenwart geschafft hat.« Als er das sagt, steht der Generalsekretär des Deutschen Akademischen Austauschdienstes auf dem Balkon der Berliner DAAD-Dependance, sechs Stockwerke über dem Gendarmenmarkt. In seiner Hand hält er eine Zigarette, er ascht in ein leeres Päckchen Kaffeesahne. Der knapp 68-Jährige ist es gewohnt, dass die Dinge so gemacht werden, wie er sie haben will. Auch darum ist der DAAD geworden, was er heute ist: die größte Austauschorganisation der Welt, die jedes Jahr 25 000 Studenten und Absolventen ins Ausland schickt und 40 000 empfängt.

In wenigen Wochen, am 30. September, endet die Karriere eines der einflussreichsten Wissenschaftsmanager der Bundesrepublik. Und auch wenn Bode nicht als der Letzte seiner Art gelten will: Die Pensionierung des gelernten Juristen markiert zweifelsohne den Abschied von einer Ära - und das nicht nur beim DAAD: Sie geht auch anderswo vorbei, die Zeit der mächtigen Verwaltungschefs, die den deutschen Hochschulen und Bildungsorganisationen ihren Stempel aufgedrückt haben. Sicher, es gab über ihnen noch die Präsidenten, doch die kamen in der Regel aus dem Wissenschaftsbetrieb und kehrten nach ein paar Jahren dorthin zurück. Über das Know-how, die Kungeleierfahrung und die Kontakte ihrer Verwaltungschefs verfügten sie nur selten - mit der Folge, dass sie die Entscheidungen der Herrscher aus der zweiten Reihe oft nur noch abnicken konnten.

Doch so wie an den Universitäten die Kanzler mittlerweile immer mehr von ihrer Macht an eine neue, machtbewusste Generation von Hochschulrektoren abtreten müssen, passiert es jetzt auch mit den Generalsekretären der Wissenschaftsorganisationen, die vielfach nur noch die Helfershelfer ihrer inzwischen selbst Strippen ziehenden Präsidenten sind. Präsidenten wie Sabine Kunst, die seit vier Jahren die Universität Potsdam leitet und sich dort bereits einen Namen als entschiedene Reformerin gemacht hat. Seit Kurzem steht sie auch an der Spitze des DAAD, und auch wenn es sich um ein Ehrenamt handelt, wurde schon bei einem ihrer ersten Auftritte als Präsidentin der Austauschorganisation klar, welchen Kurs sie fahren wird: Ein Tag im Juli, Kunst sollte vor Journalisten über die Schwerpunkte reden, die sie in ihrem Amt setzen will. Plötzlich redete vor allem der Noch-Generalsekretär Bode - fachkundig wie immer, ironisch und gelegentlich ein bisschen besserwisserisch.

Doch was in der Vergangenheit immer hingehauen hatte, funktionierte mit der blonden Norddeutschen nicht: Sie widersprach Bode, als der sagte, die Studenten sollten sich mal nicht so haben, wenn ihr Studium wegen eines Auslandsjahres etwas länger dauere. »Wir Hochschulen stehen in der Pflicht, alles zu tun, dass es zu keinen verlorenen Semestern kommt, wir müssen akzeptieren, dass das den Studenten heute extrem wichtig ist.« Ein Seitenblick der Präsidentin zu Bode, und die Hackordnung war hergestellt. Die Zukunft mag anderen gehören, doch die Vergangenheit gehört Bode. An seinen Karrierestationen lässt sich Hochschulgeschichte erzählen. Er begann als Referent im Bundesbildungsministerium, war neun Jahre lang Generalsekretär der Westdeutschen Rektorenkonferenz (WRK), seit 1990 schließlich Generalsekretär des DAAD. In seinen Ministerialjahren kam der sogenannte Öffnungsbeschluss der Hochschulen.

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Die Studentenzahlen explodierten, der Begriff der Massenuniversität kam auf - und alle damit verbundenen Assoziationen vom Numerus clausus bis zur Unterfinanzierung. In seine Amtszeit bei der WRK wiederum fiel die beginnende Integration der ostdeutschen Universitäten, die später in der Umbenennung zur Hochschulrektorenkonferenz (HRK) münden sollte. Und dann die zwei Jahrzehnte DAAD: Jahre der Globalisierung, an deren Ende die Zahl der deutschen Austauschstudenten um mehr als das Doppelte gewachsen ist. Und in denen sich der DAAD wandelte von einer behördigen Stipendienorganisation hin zur strategisch geschickt gesteuerten führenden deutschen Agentur für Hochschulmarketing im Ausland. Was für den DAAD gelte, lasse sich auf die deutschen Hochschulen übertragen, sagt Bode: »Natürlich sind sie nicht die besten in der Welt. Aber sie kämpfen sich ran. Und sie sind schon heute weitaus besser und professioneller, als sie es jemals zuvor in ihrer Nachkriegsgeschichte gewesen sind.« Woran Christian Bode einen enormen Anteil hat. Und am liebsten weiter haben würde: Den letzten Tag beim DAAD hat er um fast drei Jahre hinausgezögert. Doch zur Wahrheit gehört eben auch, dass die Hochschulen, die er selbst mitmodernisiert hat, einen neuen Typ Führungsfigur hervorgebracht haben: ähnlich pragmatisch wie er, aber vielleicht etwas weniger patriarchalisch.

Seinen Respekt verdient, wer sich auf die von ihm geliebten intellektuellen Schlagabtausche einlässt. Und wer ihm nicht genügend entgegenzusetzen hat, wird schon mal in Grund und Boden geredet. Ja, Christian Bode hat auf alles sofort eine Antwort parat - nur auf die eine Frage nicht: was er nach dem 30. September, seinem letzten Arbeitstag, macht. »Lesen, schreiben, weiter lernen - und hier und da auch vortragen und beraten«, sagt er erst nach langem Nachdenken, oben auf dem Balkon über dem Gendarmenmarkt. An der Vorfreude in seiner Stimme muss er noch ein wenig arbeiten.

Aus DIE ZEIT :: 09.09.2010

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