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Hier fehlt doch was

VON KATJA SCHERER

Politik und Wirtschaft bemühen sich heftig, Nachwuchs für technische Fächer zu gewinnen - mit mäßigem Erfolg. Das muss doch Gründe haben.

Hier fehlt doch was© stille wasser - photocase.deHybridstudiengänge fördern den Nachwuchs in technischen Studiengängen
Strom erzeugende Rasenmäher, selbstfahrende Autos und Straßenlaternen, die Feinstaubwerte messen: Deutschlands Zukunft ließ sich letzte Woche auf der Hannover Messe besichtigen. Die Veranstaltung gilt als wichtigstes Industrietreffen weltweit, als globales Schaulaufen für Ingenieurskunst. Wer hat die innovativsten Ideen, wer die besten Maschinen? Deutsche Firmen werben dort aber nicht nur um neue Aufträge, sondern auch um Nachwuchs: Unter dem Motto »Tec2you« schleust der Bundesverband der Deutschen Industrie jedes Jahr Tausende Schüler durch die Messehallen. Sie können experimentieren, beobachten, Fragen stellen - und sollen im besten Fall als begeisterte Technikfans wieder nach Hause fahren.

Messebesuche wie in Hannover, Schnuppertage an Universitäten und bundesweite Imagekampagnen: Seit Jahren werben Politik und Wirtschaftsverbände um mehr Studierende in den sogenannten Mint-Fächern. Was klingt wie eine Zahnpasta für frischen Atem, ist ein Kürzel für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Ohne genügend Fachkräfte in diesen Bereichen kann die deutsche Wirtschaft im globalen Wettbewerb nicht mithalten. Doch junge Menschen für ein Leben im Labor oder auf der Baustelle zu begeistern ist schwer. Etwa zehn Jahre ist es her, dass das Land der Ingenieure merkte, dass es ihm an Ingenieurnachwuchs mangelt. Die deutsche Wirtschaft rief den Notstand aus, erklärte den Fachkräftemangel in Natur- und Ingenieurwissenschaften zur größten Bedrohung für die wirtschaftliche Stärke des Landes. Und die Politik reagierte. 2009 schrieben CDU/CSU und FDP die Förderung der Berufe erstmals als Ziel in den Koalitionsvertrag. Seitdem ist eine Fördermaschinerie in Gang gekommen, die selbst vor den Kleinsten nicht halt macht. Die gemeinnützige Stiftung »Haus der kleinen Forscher« zum Beispiel tourt derzeit von Kita zu Kita, um die Sieger eines bundesweiten Mint-Wettbewerbs auszuzeichnen. In Essen lernen schon Vorschulkinder, wie Schattenspiele und Magnete funktionieren.

Weiter geht es in den Schulen: Jahr für Jahr werden Hunderttausende deutsche Schüler zum »Tag der Technik« geschleift. Sie besuchen Unternehmen und Forschungseinrichtungen, um Metallgitter zu löten, Molekülmodelle zu basteln oder Pflanzenzellen mit dem Mikroskop zu beobachten. Deutsche Jugendliche besuchen Schnupperkurse an Hochschulen, forschen in Schülerlaboren und lernen in Wochenend-Workshops, wie man Apps programmiert. Besonders motivierte Kandidaten können an bundesweiten Wettbewerben teilnehmen. Wie viel Geld so Jahr für Jahr in die Mint-Förderung gepumpt wird, lässt sich kaum sagen. Klar ist aber: Es ist sehr, sehr viel. Ob Bund, Länder, Kommunen, Stiftungen, Unternehmen - eine Mint-Initiative zu starten gehört in Deutschlands Förderlandschaft schon fast zum guten Ton. Und tatsächlich legen die Studentenzahlen bei den Mint-Fächern inzwischen zu. Im Studienjahr 2014 haben sich knapp 340.000 Abiturienten für ein Mint-Studium eingeschrieben, rund 40 Prozent aller Studienanfänger in Deutschland. Im Jahr 2000 entschieden sich nur knapp 34 Prozent aller Erstsemester für ein solches Studium.

Ein aktueller OECD-Bericht zeigt, dass Deutschland besser dasteht als viele andere Länder. Das ist die eine Wahrheit, die erfreuliche. Welchen Anteil die Förderung der Mint-Fächer daran hat, lässt sich allerdings nicht sicher sagen. So dürfte auch die Tatsache, dass Technik im Alltag immer präsenter wird und somit mehr Anknüpfungspunkte zu anderen Fächern bietet, eine große Rolle spielen. Viele Universitäten bieten inzwischen sogenannte Hybridstudiengänge an wie Bioingenieurwesen, Physikalische Technik oder Elektrochemie. Das zeigt eine aktuelle Untersuchung des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE). Manche Hochschulen haben die interdisziplinäre Forschung sogar zu ihrem Alleinstellungsmerkmal gemacht. Die Universität zu Lübeck etwa hat bereits 2010 alle Fakultätsgrenzen aufgehoben, damit einzelne Fachbereiche besser zusammenarbeiten können. Das scheint sich auszuzahlen: Insbesondere im Bereich Biologie zählt die Uni aktuell zu den Spitzenreitern im CHE-Hochschulranking, dessen neueste Ergebnisse gerade im ZEIT Studienführer erschienen sind.

Eine Popularisierung der Technik, die Mint-Förderung - was auch immer für den jüngsten Andrang auf die Fächer verantwortlich sein mag, Grund zur Entwarnung gibt es noch keinen. »Wir sind beim Thema Mint in den vergangenen Jahren deutlich vorangekommen. Aber wir sind noch lange nicht da, wo wir sein müssten«, sagt Irene Seling, Bildungsexpertin bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Noch immer fehlen in Deutschland derzeit nach Schätzungen des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft rund 161.000 Mint-Fachkräfte, Tendenz steigend. Das ist die andere Wahrheit: Dem Zuwachs an Nachwuchs steht weiter eine große Lücke am Arbeitsmarkt gegenüber. Einer der Gründe: Man hat mit mehr Studienanfängern nicht automatisch mehr Absolventen. Die Abbruchquote ist bei Mint-Fächern besonders hoch. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt hat nachgerechnet und festgestellt: Nur rund 38 Prozent der Studienanfänger schaffen einen Masterabschluss. Damit weniger Studenten das Studium hinschmeißen, sollten Universitäten bei der Auswahl genau hinschauen, rät die Arbeitgebervertreterin Seling. »Etwa durch Tests, bei denen die Eignung oder Neigung eines Schülers abgefragt wird.« Schwächeren Schülern könnte ein Vorbereitungskurs angeboten werden. Die erste deutsche Universität, die solche Tests eingeführt hat, war die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen. Sie gehört laut CHE-Hochschulranking vor allem in Informatik in vielen Bewertungskriterien jeweils zur bundesweiten Spitzengruppe.

Doch auch die erfolgreichen Absolventen dürften zum Teil mit einem Verlust an anderer Stelle erkauft werden: Der Zulauf der Hochschulen resultiert zu einem Teil aus der Akademisierung derjenigen, die sonst eine Ausbildung gemacht hätten. So geht in der beruflichen Ausbildung verloren, was an Fachkräften in die Hochschulen drängt - ein Nullsummenspiel. Zwischen 2003 und 2013 sank die Zahl der Mint-Azubis um acht Prozent. »Das ist für die deutsche Wirtschaft ein ernstes Problem«, sagt Seling. »Was bringt ein toll ausgebildeter Maschinenbauer, wenn es keine Fachkräfte gibt, die seine Entwürfe umsetzen können?« Ein weiteres Problem: Noch immer gibt es deutlich weniger Frauen in Mint-Fächern als Männer. Und das, obwohl sie in den vergangenen Jahren am stärksten umworben wurden. Schon 2008 hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung die Initiative »Komm, mach Mint« gestartet, speziell um Frauen anzusprechen. Eine digitale Landkarte auf der Internetseite der Initiative nennt bundesweit mehr als tausend Projekte, die ein Ziel verfolgen: Schülerinnen für Schweißarbeiten, Programmieren oder chemische Experimente zu begeistern. In Imagefilmen erzählen lächelnde Physikerinnen und Maschinenbauerinnen von ihren beruflichen Erfolgen.

Und dennoch ist die Zahl der Frauen, die ein technisches Studium beginnen, in den vergangenen Jahren kaum stärker gestiegen als die der männlichen Studienanfänger. Bei den Studienanfängern in Mathematik und Naturwissenschaft sind immerhin noch 40 Prozent weiblich; in den Ingenieurwissenschaften aber ist es noch nicht einmal ein Viertel. Und in den Mint-Ausbildungsberufen sieht es noch schlechter aus: Dort stagniert der Frauenanteil seit 1993 bei gerade einmal zwölf Prozent. Angesichts all der Zeit und des Geldes, die in den vergangenen zehn Jahren investiert wurden, ist das ein mehr als mageres Ergebnis. Ein Grund: Die klassische Vorstellung von Technik als Männerberuf hält sich hartnäckig. Und: Noch immer glauben rund 71 Prozent der Jugendlichen, die Arbeit in Industrieberufen sei kalt, schmutzig, gefährlich und unkommunikativ. So steht es im Mint Nachwuchsbarometer 2015, einer Studie der Körber-Stiftung und der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, acatech. Gerade junge Frauen schreckt das oft ab. Dagegen könnte immerhin der bereits erwähnte Fächermix helfen, der in der jüngsten Vergangenheit stark zugenommen hat. Das zeigt auch die Untersuchung des CHE. »Vielen Studentinnen scheint die Entscheidung für ein naturwissenschaftliches oder technisches Studium leichter zu fallen, wenn diese Fächer mit anderen attraktiven gemischt werden«, sagt CHE-Geschäftsführer Frank Ziegele. Im Masterstudiengang Medizintechnik an der Universität Erlangen-Nürnberg und im Bachelorstudiengang Informationstechnologie an der Uni Wuppertal zum Beispiel haben sich bei der letzten Bewerberrunde mehr Frauen als Männer eingeschrieben.

Aus DIE ZEIT :: 04.05.2016

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