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Hier Spitze, dort Breite

VON JAN-MARTIN WIARDA

Wie die Exzellenzinitiative die Universitätslandschaft neu sortiert. Eine Geschichte aus Berlin und Hamburg.

Hier Spitze, dort Breite© David Ausserhofer - FU BerlinEr ging von der Berliner FU an die Universität Hamburg: Dieter Lenzen
Normalerweise liegen zwischen Hamburg und Berlin ziemlich genau 300 Kilometer, doch an diesem Abend haben sich die Distanzen verschoben. Dieter Lenzen, der immer noch neue Präsident der Universität Hamburg, sitzt in seinem weitläufigen Büro an der Edmund-Siemers-Allee und versucht, die Enttäuschung aus seinem Gesicht zu lächeln. »Die Chance war äußerst gering, wir wussten das«, sagt er. Jan-Hendrik Olbertz, der noch neuere Präsident der Humboldt-Universität (HU) Unter den Linden, hat derweil ein anderes Problem. Er will sich nicht zu sehr freuen. »Eine Tasse Kaffee, ein Stück Marzipantorte, und weiter geht die Arbeit«, sagt er, sachlich-jovial wie immer.

Die Exzellenzinitiative geht in die nächste, in ihre letzte Phase. Am Mittwoch vergangener Woche haben Wissenschaftsrat und Deutsche Forschungsgemeinschaft mitgeteilt, welche der 89 Bewerberuniversitäten im Rennen bleiben um die Graduiertenschulen und Exzellenzcluster, vor allem aber um den begehrten Status der »Elite universität«. Wobei alle Beteiligten wieder einmal größten Wert auf die Feststellung legten, dass es Letzteren offiziell gar nicht gebe, gekürt würden lediglich die besten »Zukunftskonzepte«. Die demonstrative Nüchternheit konterkarierten allerdings die sie begleitenden multimedialen Einlagen, von der per Livestream übertragenen Verkündung der Vorrundensieger bis hin zu ihrem »Public Viewing« an mehreren Universitäten, inklusive Spontankommentaren durch die Präsidenten. Denn im Grunde war allen klar: Bereits zum dritten Mal teilt die Exzellenzinitiative die deutschen Universitäten in Spitze und Breite ein, in Hoffnungsträger und Enttäuschte.

Und plötzlich sind die Entfernungen zwischen Gewinnern und Verlierern riesengroß: Da feiert dann zum Beispiel die Uni Mainz vier Nominierungen inklusive Zukunftskonzept, während die ebenfalls reformorientierte Goethe-Universität um die Ecke in Frankfurt komplett leer ausgeht. NRW räumt ab mit 16 Anträgen in der Endrunde, ganz Hessen bekommt nur zwei Skizzen durch. Kaum jemand kennt das Spiel um Macht und Anerkennung in der Wissenschaft so gut wie die beiden Männer, die nach der Entscheidung vergangene Woche mit so unterschiedlichen Emotionen zu kämpfen hatten. Dieter Lenzen, 63, war bis vor Kurzem noch auf der Seite der Gewinner, er hat die Freie Universität Berlin 2007 zum Exzellenzsieg geführt. Jan-Hendrik Olbertz, 56, war Kultusminister in Sachsen-Anhalt, ein äußerst erfolgreicher dazu. Dann hat es bei beiden gekribbelt. Den einen, Lenzen, reizte es, ob er seinen Geniestreich von einst würde wiederholen können, innerhalb von zehn Jahren eine als »links und leistungsfeindlich« verschriene Uni zur nationalen Vorzeigeinstitution umzukrempeln; der andere, Olbertz, träumte davon, jene Universität aus der Dauerkrise zu reißen, die als einzige das Humboldtsche Erbe schon im Namen trägt. Lenzen wechselte im März 2010, Olbertz im Oktober. Für beide war es, zumindest von außen betrachtet, ein Abstieg.

Doch nicht in ihrer eigenen Logik: Sie hatten es noch einmal wissen wollen. Vergangene Woche haben beide ihre erste Antwort bekommen, und sie hätte unterschiedlicher nicht ausfallen können: Hamburg schaffte es mit gerade einmal einem Antrag in die nächste Runde. Die HU dagegen glänzte - drei Graduiertenschulen, zwei Exzellenzcluster, auch Elite-Uni kann sie noch werden. »Ich freue mich, dass die HU bescheinigt bekam, dass sie das Zeug dazu hat«, sagt Olbertz. Wieder so ein bescheidener Satz, der kaum ahnen lässt, was für traumatische Jahre die HU hinter sich hat. Vor der ersten Phase der Exzellenzinitiative 2006 hatten sie noch so fest mit dem Elitetitel gerechnet, als stünde der für eine Hauptstadt-Uni mit 200-jähriger Tradition bereits als gottgegeben fest. Dann kam die große Enttäuschung, und die gleich doppelt: Die HU verlor, und ausgerechnet die oft belächelte lokale Konkurrenz von der Freien Universität war obenauf. Was folgte, waren Jahre der Selbstzerfleischung, die Olbertz' sprühend gestartetem Vorgänger Christoph Markschies eine zweite Amtszeit verleideten.

Doch plötzlich sieht es so aus, als könnte die HU diesmal der große Gewinner werden mit ihrem Zukunftskonzept, dessen Motto »Bildung durch Wissenschaft« aus Olbertz' Feder stammt, obwohl der Antrag bereits vor seinem Amtsantritt eingereicht wurde. »Ich hatte Zeit in den Monaten nach meiner Wahl«, sagt er. »Ich war nicht mehr Minister und konnte mich ausschließlich um das Konzept kümmern.« Die Kernidee: Lehre und Forschung sollen in Zeiten von Bologna wieder miteinander versöhnt werden, so sollen schon Bachelorstudenten an Forschungsprojekten mitarbeiten können, die Masterprogramme sollen sich differenzieren in solche, die auf den Beruf vorbereiten, und solche, die den Weg in die Wissenschaft ebnen. Besonders Eifrige können den Master bereits mit der Promotion kombinieren. »Wir besinnen uns auf Humboldts Ideal und entwickeln es weiter für die Massenuniversität des 21. Jahrhunderts. Keine Universität kann das so glaubwürdig vertreten wie wir.« Dann betont der neue HU Präsident noch einmal, dass sein so viel geschundener Vorgänger ebenso viel beigetragen habe zu dem, was Olbertz lieber nur als »Aufforderung zum Erfolg« bezeichnet.

Es sind genau diese Schritte zur Versöhnung einer Universität mit sich selbst, die auch Dieter Lenzen gehen muss. Von seiner Vorgängerin redet er dabei nicht so gern. Monika Auweter-Kurtz, genannt »Raketen- Moni«, hatte sich mit den Fakultäten angelegt, die in Hamburg seit je ein berüchtigtes Eigenleben führen. Ihr Versuch, mehr Macht im Präsidium zu konzentrieren und so die seit Jahren andauernde Selbstblockade der Uni zu überwinden, scheiterte gründlich: Professoren und Studenten liefen Sturm gegen den autoritären Stil der Präsidentin, die Dekane setzten in einem historisch einmaligen Schritt ihren Abgang durch. Lenzen schlägt da ganz andere Töne an. »Ich will moderieren, ich will unterstützen, wo ich gefragt werde.« Lenzen, der Therapeut - es ist die neue Rolle, die der Erziehungswissenschaftler in Hamburg für sich gefunden zu haben scheint; eine Rolle, die all jene überrascht, die ihn in Berlin als gewieften Strategen und Macher kennengelernt haben. Nur Lenzen nicht: »Unter anderen Bedingungen verhält man sich auch anders, ist doch klar.«

Tatsächlich hat er so bereits viel erreicht: Er hat die wichtigsten Stiftungen der Stadt als Partner gewonnen, bereits eine Million Euro haben sie zugesagt. Er hat eine Reformdebatte eingeleitet, deren erste Ergebnisse Candy und Cindy heißen. Wofür die Akronyme stehen, kann sich ohnehin keiner merken. Wichtig ist, was sie bewirken sollen: Candy soll Hamburg zu einer führenen Uni in der Lehre machen, Cindy als Uni-weites Zentrum die Forscher zum Nachdenken über Inhalt und Ziel ihrer Arbeit anregen. Sowohl Candy als auch Cindy waren Teil des Exzellenzantrags, beide sollte der Hamburger Senat auch so fördern, wünscht sich der Präsident. Ob Olbertz oder Lenzen: Sie wissen, dass es im Wettbewerb um Fördergelder nicht nur um gute Ideen geht, sondern zunehmend auch um die schillernde Verpackung. Und sie haben ein Gespür für das, was bei Gutachtern ankommt. Lenzen indes hat am Ende all sein Wissen nichts genutzt, weil Hamburg keine Graduiertenschule mehr im Rennen hat - und ohne die gibt es keinen Elitestatus.

So kommt es, dass mit einem Male Welten liegen zwischen den beiden: Der eine war mal Präsident einer Exzellenz-Uni, der andere - darauf wetten viele Experten - wird es wohl werden. Lenzen, auch da sind sich alle einig, hat von jetzt an den schwierigeren Job, zumal Hamburgs Uni wie kaum eine zweite unterfinanziert ist, die Abschaffung der Studiengebühren droht und der künftige Erste Bürgermeister Olaf Scholz auch dank seiner Sparparolen die Wahl gewonnen hat. »Ich habe gewusst, worauf ich mich einließ«, versichert Lenzen. Man möchte es ihm glauben.

Aus DIE ZEIT :: 10.03.2011

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