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Hilfe! Panik! Stress! - Erfahrungsberichte von Doktoranden

von Silke Weber

Sechs Promovenden erzählen, wovor sie Angst haben und wie sie damit umgehen.

Hilfe! Panik! Stress!© Trueffelpix - Fotolia.comDer Lebensabschnitt Promotion bedeutet vor allem Stress - sechs Erfahrungsberichte

Nie fertig werden

Ich bin jetzt fünf Jahre dabei. Oh Gott, ich hatte eigentlich mit drei Jahren gerechnet. Die ersten zwei Jahre hatte ich eine Promotionsstelle an der TU Dresden in einem großen Projekt zum Verlauf psychischer Störungen in der Schwangerschaft. Meine Doktorarbeit befasst sich mit einem speziellen Teilbereich des Projektes. Anfangs habe ich oft bis spätabends in der Uni über den Daten gesessen. Später, als ich mit der Therapeutenausbildung begann, wurde es richtig eng: Drei Tage die Woche auf der Mutter-Kind-Station in der Psychiatrie, zwei Tage einen Nebenjob, an den Wochenenden Weiterbildung. Zwischendrin immer die Angst, dass ich nie fertig werde. Bei so einer Belastung werde ich schon mal gereizt und zickig. Ich habe öfter an Abbruch gedacht. Aber gerade läuft es gut, ich habe mir die Woche besser strukturiert: Montag und Dienstag schreibe ich, mittwochs bin ich an der Universität, Donnerstag und Freitag sehe ich meine Patienten. Ich will die Arbeit unbedingt fertig machen, sonst wären die letzten Jahre umsonst, das motiviert mich. In etwa einem Jahr bin ich fertig - hoffe ich.

Susanne Winkel, 31, promoviert am Institut für klinische Psychologie und Psychotherapie in Dresden.


Allein sein

Heute hast du nicht ein Mal den Mund aufgemacht, dachte ich. Du hast mit niemandem gesprochen. Das war der entscheidende Moment. Ich will kein Eigenbrötler werden. Bevor ich meine Promotion über die Fusionskontrolle von Softwaremärkten begonnen hatte, bin ich in meine erste eigene Wohnung gezogen. 45 Quadratmeter Ich. Wenn ich abends nach Hause kam, war alles genau so, wie ich es am Morgen verlassen hatte. Niemand wartete auf mich oder erwartete etwas von mir. Langweilig! Ich promoviere extern, habe keine Anbindung an einen Lehrstuhl. Das kann einsam sein. Vor zwei Monaten bin ich deshalb in eine WG gezogen, drei Mädels, ein Junge, alle berufstätig. Mein Leben hat wieder eine andere Dynamik. Wenn ich jetzt heimkomme, hat schon jemand gekocht oder sitzt mit Besuch bei einem Gläschen Wein am Küchentisch. Selbst wenn gerade niemand da ist, bleibt es spannend. Weil immer die Möglichkeit besteht, dass noch etwas passiert. Dass man aus dem eigenen Trott herausgerissen wird - selbst wenn der Mitbewohner nur fragt: »Spontan ins Kino?«

Anonym, 27, promoviert an der HU Berlin in Jura über Wettbewerbsbeschränkungen in der Internetökonomie.


Den Anschluss verpassen

Ich sage immer: Ich habe aus den richtigen Gründen abgebrochen. Und aus den falschen begonnen: Ich habe nicht gleich den Superjob gefunden und wollte Zeit überbrücken. Da ich gerne kuratorisch im Museum arbeiten wollte, habe ich meine Dissertation über Museumstheorie geschrieben. Mein Professor war schon emeritiert, und ich war sein letzter Doktorand. Da fehlten die akademischen Strukturen. Ich habe mich oft gefragt, ob mein Thema überhaupt jemanden interessiert, und hatte dazu keine wissenschaftliche Rückmeldung. Der Berufseinstieg rückte immer weiter in die Ferne. Dabei wären Kontakte und Erfahrungen für mich wichtiger gewesen als dieser Titel. Immer hat mich die Angst begleitet, dass ich Zeit verliere, in der ich Qualifikationen fürs Museum und für den Arbeitsmarkt erwerben könnte. Der ganze Druck und das schlechte Gewissen des Untätigseins waren weg, als ich nach vier Jahren abgebrochen habe. Heute jobbe ich im Berliner Computerspielemuseum und arbeite als Musikjournalist. Ich glaube nicht, dass ich mit Doktortitel eine bessere Position hätte.

Henje Richter, 35, brach die Promotion über Museumstheorie an der Uni Tübingen nach acht Semestern ab.


Vor dem Aus stehen

Mein Betreuer hat mich sitzen lassen. Es gab Irritationen zwischen uns, er spricht von Kommunikationsproblemen und Betreuungsengpässen. Aber ehrlich gesagt, kann ich mir bis heute nicht so richtig erklären, was passiert ist. Das wirklich Dramatische ist, dass ich seit Kurzem nicht mehr Mitglied im Graduiertenkolleg bin. Mein Thema passe nicht zu dem Kolleg, hieß es in der Stellungnahme. Dabei war es abgesprochen. Ich verhandle immer noch wie blöd mit der Uni, dass sie ihre Entscheidung überdenken soll. Das bedeutet nämlich den Verlust meines Stipendiums. Ich bin Anfang 30, ohne Arbeit und stehe ohne Lebensentwurf da. Meine Wettbewerbsposition ist versaut, die wissenschaftliche Karriere momentan ausgeschlossen. Ich fühle mich komplett verlassen. Dabei lief es anfangs gut auf dem Kolleg, und ich war glücklich, von den Kurzzeitverträgen auf ein Stipendium wechseln zu können. Davor war es schwierig, Zeit für meine Promotion freizuhalten, solange ich mich dauernd um die nächste Anstellung und das Einkommen sorgen musste. Jetzt merke ich, dass nicht nur die Arbeitsbedingungen für Mitarbeiter schlecht sind, auch der Rechtsschutz für Stipendiaten ist mies. Und wie abhängig jeder Promovierende von der Willkür der Unis ist, ihm die nötigen Ressourcen und die Betreuung zur Fertigstellung der Arbeit bereitzustellen.

Anonym, um die 30, promovierte im Bereich Geistes- und Sozialwissenschaften in den neuen Bundesländern.


Nicht zur Ruhe kommen

Ich bin immer so getrieben. Gerade liegt meine Dissertation zur Korrektur bei den Gutachtern. Ein Buch von 600 Seiten. Ich warte auf die Note und den Termin der Verteidigung. Wenn so eine Pause eintritt, holt man sich erst mal einen Schnupfen. Die letzten vier Jahre waren meine stressigste Lebensphase. Auch danach ist der Stress nicht weg. Ich denke immer, ich muss irgendwas machen. Könnte ich was vergessen haben? Ich habe so eine Sprint-Energie entwickelt. Im Grunde hetze ich atemlos von Termin zu Termin. Als Geisteswissenschaftler hat man keine abgeschlossene Berufsausbildung. Ich kenne viele, die in der Versenkung verschwunden sind. Die guten Stellen in der Wissenschaft sind besetzt, viele neue werden nicht geschaffen. Es gibt extrem viele Bewerber. Ich mache alles, um eine gute Stelle zu finden: Ich habe gute Noten und schon während der Dissertation ein Netzwerk aufgebaut, an Konferenzen und Symposien teilgenommen, Artikel publiziert, den eigenen Namen bekannt gemacht. Ich habe auch eine eigene Homepage. Wenn man auf diesem Gebiet weitermachen will, muss man ein bisschen für sich werben. Jetzt geht es darum, bei welchem Verlag ich meine Arbeit unterbringe. Am Institut habe ich mich schon einmal als verlässlicher Mitarbeiter in Position gebracht, aber ob das für eine Stelle reicht?

Lars Robert Krautschick, 30, promoviert über moderne Medien im Horrorfilm an der Universität Hildesheim.


Sich falsch entscheiden

Wache ich irgendwann auf und weiß es einfach? Will ich in die Wissenschaft oder in die Industrie? Diese Entscheidung hat mir während der Promotion lange Bauchschmerzen bereitet. Zwei Jahre lang habe ich zuvor für McKinsey gearbeitet, die finanzierten mir auch die Promotionsphase. Mein Thema waren zufallsbedingte Algorithmen. Zusätzlich hatte ich eine Stelle am Max-Planck-Institut für Informatik in Saarbrücken und ein Stipendium von Google. Geldsorgen kannte ich nicht. Aber ich habe mich gefragt: Welcher Lebensstil passt zu mir? Welcher geht besser mit Familie? Nach der Abgabe habe ich erst mal Teilzeit bei McKinsey und am Max-Planck-Institut gearbeitet, weil ich mich noch immer nicht entscheiden konnte. Irgendwann war mir aber klar, dass es schwierig werden würde, den Lebensstil einer Beraterin mit meinem Kinderwunsch zu vereinbaren. Am Max-Planck-Institut bekamen gerade zwei Kollegen Kinder. Ich fragte den Direktor, wie er meine Chancen auf eine feste Stelle in der Wissenschaft einschätze. Er war recht zuversichtlich. Das waren drei Signale für mich. Jetzt lebe ich in Paris und arbeite an der Université Pierre et Marie Curie. Ich habe eine Dauerstelle zum Forschen und entscheide frei, wie viel Lehre ich machen möchte. Mein Mann ist als Professor an einer anderen Uni in Paris. Unsere Tochter ist sieben Monate alt.

Carola Doerr, 29, promovierte an der Uni des Saarlandes und am Max-Planck-Institut für Informatik.

Aus DIE ZEIT :: 27.03.2014

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