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Hilfen zur Selbsterkenntnis

Interview: Jeannette Otto

An der Uni Hamburg gibt es eine verpflichtende Eignungsberatung für Lehramtsstudenten. Sie sollen darüber nachdenken, ob sie dem Beruf gewachsen sind.

Hilfen zur Selbsterkenntnis: Eignisberatung LehramtProf. Dr. Reiner Lehberger
DIE ZEIT: Schon im kommenden Wintersemester wird die Universität Hamburg eine verpflichtende Eignungsberatung für Lehramtsstudierende einführen. Werden wir dann endlich die Lehrer bekommen, die unsere Schulen brauchen?

REINER LEHBERGER: Ich bin sicher, dies wird ein Baustein dazu sein. Allerdings setzen wir in diesen Verfahren nicht auf Selektion, wir werden keine Studenten vom Studium ausschließen. Wir möchten aber, dass sich jeder Studierende bereits vor dem Studium einem Onlineeignungstest unterzieht. Ohne Nachweis, diesen Test erledigt zu haben, wird er sich bei uns nicht mehr einschreiben können. Es folgen bereits im ersten Semester Unterrichtsbesuche und die Auseinandersetzung mit der Lehrerrolle. Gegen Ende des Bachelorstudiums wird es ein integriertes Schulpraktikum geben, bei dem es eine Selbsteinschätzung auszufüllen gilt und der Mentor an der Schule die entsprechende Fremdeinschätzung vornimmt.

ZEIT: Was passiert, wenn herauskommt, dass der Student absolut ungeeignet ist?

LEHBERGER: Dann sollte das ausgesprochen werden, aber letztendlich wird der Student entscheiden, ob er sich für ein Fachstudium oder für die Fortsetzung des Lehramtsstudiums im Master bewirbt. Für uns ist entscheidend, dass vor dem Eintritt in das Masterstudium die Entscheidung für den Beruf bewusst gefallen ist.

ZEIT: Warum sind Sie so zögerlich, was das Aussortieren betrifft? Mediziner oder Ingenieure werden auch in den ersten Semestern rausgeprüft.

LEHBERGER: Die Frage ist doch, ob man überhaupt eine gültige Prognose abgeben kann. Da wir alle Pädagogen sind, setzen wir auf Entwicklung. Wir wollen ausbilden und Kompetenzen aufbauen. Und ob der geborene Lehrer vor einem steht, wer soll das sagen können? Sicherlich gibt es eine Anzahl von Studierenden, die extrem verhaltensauffällig sind. Denen sollte man dringend raten, keinen Beruf zu wählen, bei dem es ganz stark auf soziale und interaktive Kompetenzen ankommt. Dafür muss man aber nicht einen ganzen Jahrgang testen und aussortieren.

ZEIT: Warum widmen sich Universitäten dem Thema Eignung erst jetzt?

LEHBERGER: Mehrere Studien der vergangenen Jahre haben nachweisen können, dass sehr viele Lehrer den Belastungen nicht mehr gewachsen sind und dass bereits während des Studiums und im Referendariat ein Viertel der Auszubildenden ein problematisches Verhalten zeigt. Im Beruf gibt es einen hohen Anteil, der Burn-outgefährdet ist. Umso unverständlicher ist es, dass die Frage der Eignung bislang kaum eine Rolle spielte.

ZEIT: Im föderalen Deutschland wird es nicht einfach sein, Lehrereignungsverfahren bundesweit zum Standard zu machen.

LEHBERGER: Die gesamte Lehrerbildung entwickelt sich sehr heterogen. Wir haben in einem Pilotprojekt in Kooperation mit der ZEIT-Stiftung gewisse Mindeststandards ausgearbeitet, die man leicht an jedem Standort übernehmen könnte. Erste Zustimmung dazu aus anderen Universitäten haben wir bereits.

ZEIT: Die Uni Passau will ihre angehenden Lehrer in Sprach-, Team-, Organisations- und Moralkompetenz testen und aussieben. In Passau glaubt man nicht daran, dass die Kompetenzen, die am Anfang fehlen, sich im Studium noch erarbeiten lassen. Das stellt Ihren Ansatz infrage.

LEHBERGER: In Passau will man vor Studienbeginn 500 Bewerber eintägig prüfen, um dann zwei bis drei auszusortieren. Das halte ich in der Aufwand- Nutzen-Relation für unausgewogen.

ZEIT: Ihre Alternativen lauten Eignungsverfahren, Lehrertraining, mehr Praxis - welche Veränderungen erhoffen Sie sich damit?

LEHBERGER: Die Studenten erwerben Fähigkeiten, die hinterher im Klassenraum für guten Unterricht und die Vermeidung schwieriger interaktiver Situationen notwendig sind. Aus Untersuchungen wissen wir, dass Eignung nichts Konstantes ist, sondern sich entwickeln kann und ausbaufähig ist. Wir glauben, dass die Lehrertrainings zu Kompetenzen führen, die den Studierenden helfen können, rechtzeitig aus Gefährdungsmustern herauszufinden, indem sie ihr Verhalten reflektieren, darüber reden und Strategien entwickeln.

ZEIT: Wer so ausgebildet wurde, wird sich in der herkömmlichen Schule der Einzelkämpfer nicht mehr zurechtfinden?

LEHBERGER: Das ist richtig. Vieles muss sich auch im Beruf ändern. Wir werden stärker als heute Supervision benötigen, Gesprächsangebote, kollegiale Fallberatung - all das hilft, dass die Kollegen nicht im Burn-out landen. Die Bereitschaft, sich auf so etwas einzulassen, steigt, wenn man das alles im Studium kennengelernt hat.

ZEIT: Der gefürchtete Praxisschock könnte damit ins Studium vorverlegt werden?

LEHBERGER: Der Beruf gerät auf viel komplexere Weise in den Blick der Studierenden. Denn selbst wer 13 Jahre als Schüler in einer Schule verbrachte, hat nur eine beschränkte Sicht darauf, was es heißt, Lehrer zu sein. Die wirklichen Belastungssituationen sehen die meisten gar nicht. Jetzt aber lernen sie schon im Studium, dass die verbale Attacke eines Schülers meist nicht seine Person meint, sondern nur seine Rolle.

ZEIT: Bleibt beim Fokussieren auf die sozialen und kommunikativen Fähigkeiten am Ende die Fachlichkeit auf der Strecke?

LEHBERGER: Die Fachlichkeit ist die wesentliche Voraussetzung für guten Unterricht. Wir würden uns wünschen, noch mehr fachlich höher qualifizierte Studenten zu haben. Aber wir müssen auch an der Uni den Umgang mit Heterogenität lernen. Einige Studenten benötigen Stützkurse etwa in Mathematik oder Deutsch. Sonst enden sie als Studienabbrecher oder haben wegen schlechter Noten keine Chance.

ZEIT: Andererseits müssen fachlich gute Leute nicht unbedingt die begnadeten Lehrer sein.

LEHBERGER: Schwierig wird es, wenn wir zu wenige Bewerber haben, da kann man kaum auf beide Eignungen achten; in Zeiten des Lehrermangels wird sich die Frage der Eignungsfeststellung leider wieder relativieren. Gerade bei Seiteneinsteigern sehe ich momentan kaum Chancen für ein systemisches Verfahren, mit dem man die Eignung feststel len könnte. Oft geht es um diese Frage gar nicht mehr - da ist die Schulleitung einfach froh, den Eltern sagen zu können: Bei uns wird Physik wieder in der neunten Klasse unterrichtet!

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