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Hoch die Leiter

VON JAN-MARTIN WIARDA

Die TU München will die Professorenlaufbahn revolutionieren: Hochschullehrer sollen nach Leistung bezahlt und befördert werden.

Hoch die Leiter© Alex- - photocase.comDie TU München will ein neues Karriere- und Leistungsmodell für Professoren einführen
Leistung lohnt sich nicht wirklich, zumindest wenn man Professor ist. So lautete die Kernbotschaft eines Bundesverfassungsgerichtsurteils, das vor einigen Monaten für Aufregung an den Unis sorgte. Konkret ging es um einen jungen Hochschullehrer aus Hessen, der mit seinen 3000 Euro netto nicht zufrieden war. Die Summe an sich sei gar nicht das Problem, sagten die Verfassungsrichter - solange es zusätzlich eine Leistungszulage gebe, die an »klar definierte, vorhersehbare und erfüllbare Voraussetzungen« gekoppelt sei. Anders ausgedrückt: Wenn ein Prof gut ist, muss er auch mehr Gehalt bekommen können. Und er muss auch wissen, was er tun muss, um seine Qualität zu beweisen.

Fast scheint es, als hätten die Dauerhochschulreformer von der TU München (TUM) die Klage des hessischen Professors vorausgeahnt, als sie vergangenes Jahr an ihrer erneuten Bewerbung für die Exzellenzinitiative schraubten. Mittlerweile sind die Münchner zum zweiten Mal in den erlauchten Kreis der Eliteuniversitäten aufgenommen worden, und einen der Hauptgründe für ihren Erfolg sieht TU-Präsident Wolfgang Herrmann in ebendieser Idee, »die Professorenlaufbahn in einer in Deutschland einzigartigen Weise zu revolutionieren«. Die gewisse Großspurigkeit, die hier anklingt, hatte bisher auch meist einen guten Grund: So nahm sich die TUM mit ihrer mutigen Entscheidung, die deutschlandweit erste Fakultät für Lehrerbildung einzurichten, eines der Dauerproblemthemen im Bildungswesen an. Immer mehr Hochschulen machen es ihr nach. Auch die Idee mit den neuen Professorenlaufbahnen könnte, so schreibt der Wissenschaftsrat in seiner Beurteilung über das TUM-Exzellenzkonzept, »über die Universität hinaus einen Vorbildcharakter für andere Universitäten annehmen.«

Was die TU vorhat: In den kommenden Jahren will sie 100 neue Professorenstellen besetzen, was schon wegen der schieren Menge bemerkenswert für eine deutsche Uni wäre. Vor allem aber will sie erstmals in Deutschland eine durchgehende Karriereleiter schaffen vom hoffnungsvollen »Assistant Professor« bis zum honorigen »Distinguished Professor«. Der entscheidende Unterschied zu der Handvoll anderer Universitäten hierzulande, die sich bereits an einem sogenannten »Tenure Track« nach amerikanischem Vorbild versuchen: Jeder Professor, der neu ins System kommt, hat wirklich die gleiche Chance, es ganz nach oben zu schaffen - unabhängig von der zur Verfügung stehenden Stellenzahl. Denn jedes Jahr gibt es verpflichtende Feedback-Gespräche, und jeder Fortschritt ist einzig und allein abhängig von einer Bewertung durch ein Evaluationskomitee, wobei die Kriterien vorher genau festgelegt worden sind. Was umgekehrt natürlich auch bedeutet, dass jeder neu berufene »Assistant Professor« wegen mangelnder Leistung rausfliegen kann. Nach maximal sechs Jahren steht der entscheidende Sprung an: Wird die »Tenure Evaluation« erfolgreich bestanden, steigen die Kandidaten zum »Associate Professor« auf und bekommen einen unbefristeten Vertrag. Ansonsten heißt es: Servus.

Letzteres ist denn auch der Grund, weswegen Bernhard Kempen, Vorsitzender der Professorengewerkschaft DHV, den Münchnern für ihre Idee nur verhaltenes Lob zollen mag. »Es ist ja toll, dass Herr Herrmann sich überhaupt Gedanken macht, wie man jungen Leuten Entwicklungschancen bieten kann«, sagt er. »Viele seiner Kollegen tun das überhaupt nicht.« Nur: »Wenn die jungen Professoren dann vom ersten Tag an in der Mühle sind und sich permanent beweisen müssen, ist das doch ein wenig zu sehr an der Schraube gedreht.«

»Wieso?«, hält der Uni-Präsident Wolfgang Herrmann dagegen. »Ich halte es für wesentlich unfairer, wenn man W2-Professoren beruft, die trotz exzellenter Leistungsentwicklung dauerhaft null Chancen haben aufzusteigen.« Und weil er findet, dass die schmale W1-Besoldung von Nachwuchsprofessoren eigentlich eine Beleidigung sei, killt er nebenbei noch die »Juniorprofessur« und verspricht, dass künftig niemand mehr unterhalb von W2 einsteigen werde. »Ab Associate Professor gibt es dann automatisch W3, und wenn jemand Full Professor wird, lassen wir das Gehalt noch mal richtig durchatmen.«

Erfolgreich umgesetzt, könnte die TU München dank ihres neuen Karrieresystems zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Sie würde Top-Forschern aus dem Ausland einen attraktiven Einstieg verschaffen, indem sie die Karrieren auch nach oben öffnet. Und sie könnte die talentiertesten Postdocs abschöpfen, indem sie sie schon mit Ende 20, Anfang 30 auf eine Professur befördert. DHV-Chef Bernhard Kempen prognostiziert: »Wenn das Modell bei den Münchnern gut läuft, werden es ihnen viele andere Universitäten sehr bald nachmachen.«

Aus DIE ZEIT :: 09.08.2012

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