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Hochdeutsch im Hörsaal

Von Jan-Martin Wiarda

An den Schweizer Universitäten wächst die Angst vor einer "Germanisierung" des Lehrbetriebs.

Hochdeutsch im Hörsaal: Schweizer Angst vor Germanisirerung© zebulon666 - stock.xchng
Stefan Fischer fühlt sich bedrängt. Sobald er auf die Straße geht, begegnen ihm dicke Autos mit deutschen Nummernschildern und schlechten Fahrern am Steuer. "In letzter Zeit bin ich ein paar Mal fast angefahren worden", sagt der Politologiestudent. "Immer von Deutschen. Die fahren viel aggressiver als unsere Leute."

Jetzt könnte man sagen: Jedem seinen Verfolgungswahn. Nur ist Fischer Präsident des Studentenrates an der Universität Zürich und Auslöser einer Debatte, die in der Schweiz die Gemüter erregt: In einem Zeitungsinterview hat er die "Germanisierung " der Hochschulen im Alpenstaat kritisiert, nachdem seine Universität an einem einzigen Tag acht Professuren neu besetzt hatte - ausschließlich mit Deutschen.

Und damit nicht genug: Die Neuberufenen, so Fischer, brächten häufig ihr gesamtes Team aus Deutschland mit und zwängen ihre Studenten, Hochdeutsch zu sprechen, weil sie den Schweizer Dialekt nicht verstünden und auch keinerlei Mühe zeigten, sich zu integrieren.

Plötzlich war ausgesprochen, was unterschwellig schon seit Jahren bei vielen Eidgenossen Unbehagen auslöst: 2006 lehrten fast 1600 deutsche Professoren in der Schweiz, damit stammte fast jeder zweite ausländische Lehrstuhlinhaber aus dem großen Nachbarland im Norden. An der Universität Zürich liegt der Anteil der Deutschen unter den Professoren seit Jahren bei rund 30 Prozent, in einigen Fächern weit darüber. An der Universität Luzern stellen die Deutschen in zwei von drei Fakultäten die Mehrheit, 65 Prozent der Bewerber für zwei jüngst neu geschaffene Lehrstühle waren deutscher Herkunft. Die Angst vor einem zunehmenden "Klumpenrisiko" macht sich unter den einheimischen Akademikern breit, die der übermächtigen Konkurrenz aus dem Norden ohnmächtig gegenüberstehen.

"Wir brauchen eine bessere Durchmischung", sagt Stefan Fischer: hartes Vokabular, vorgetragen im gemütlichen Dialekt. Mit dem Interview hat er sich den Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit eingehandelt. "Ich finde diese Äußerungen extrem peinlich, unanständig und ungehörig", schimpft der Züricher Universitätsrektor Hans Weder. "Wir sind sehr stolz auf unseren Internationalisierungsgrad!" Rudolf Heinimann, Prorektor der ETH Zürich, ergänzt: "Ob Deutsche, Amerikaner oder andere, der Zustrom der besten Talente ist ein entscheidender Faktor, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten."
Mittlerweile räumt Fischer Fehler bei der Wortwahl ein und bedauert die "populistische Rhetorik". Doch er bleibt bei seiner These, es gebe zu viele Deutsche an Schweizer Unis, und spaltet so nicht nur die Uni-Öffentlichkeit. Um der drohenden Abwahl zuvorzukommen, hat er seinen vorzeitigen Rücktritt eingereicht.

Womöglich erfährt die zunehmende Präsenz der Deutschen so viel öffentliche Aufmerksamkeit, weil sie an einer Grundangst der Schweizer rührt: als kleines Land im Zeitalter der Globalisierung die eigene kulturelle Identität zu verlieren. "Durch die Öffnung gegenüber der EU und die Einführung der Freizügigkeit wollen immer mehr Hochqualifizierte ins Land", sagt Otfried Jarren, Publizistikprofessor in Zürich und selbst vor zehn Jahren aus Deutschland eingewandert. Früher seien vor allem wenig Gebildete gekommen, die Schweizer wirtschaftlichen und kulturellen Eliten hätten solche Wanderungsbewegungen kaum betroffen. "Doch jetzt spüren der Mittelstand und die Oberschicht die zunehmende Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt." An den Schweizer Universitäten wiederum, die noch immer als Wahrer der Kultur des Landes gelten, sind Ausstattung und Lehrbedingungen um Klassen besser als in Deutschland, was die Bewerberflut erklärt und die Furcht vor einer "schleichenden Germanisierung" weiter anfacht. Dass die Deutschen in den Berufungen so erfolgreich seien, liege an ihrer akademischen Qualität, betont Rektor Weder. "Wir wollen die schlausten Köpfe haben, und in einem Land, das zehnmal so viele Einwohner hat wie wir, gibt es naturgemäß mehr davon."

Zudem hat die Schweiz, bequem geworden durch den Zustrom in den vergangenen Jahren, den eigenen akademischen Nachwuchs vernachlässigt, sodass es mittlerweile nicht nur weniger Schweizer Bewerber um Professorenstellen gibt, sondern sie auch im Schnitt schlechter qualifiziert sind als ihre deutschen Altersgenossen. "Wir haben unsere Nachwuchsförderung verbessert", verspricht Hans Weder und nennt Beispiele: eine Erhöhung der Betreuungsintensität für Doktoranden, mehr Zeit für selbstständige Forschung, stärkere Leistungskontrollen. Eine Mindestquote für Schweizer Professoren lehnt Weder ab. Die Bildungsministerin des Kantons Zürich, Regine Aeppli, denkt indes über Richtlinien für den Nachzug ganzer Mitarbeiterstäbe aus Deutschland nach. "Der Mittelbau ist der Nachwuchs. Dieser muss auch lokal gefördert werden."

Indes machen immer mehr Deutsche Karriere an Schweizer Hochschulen. Otfried Jarren zum Beispiel ist seit Kurzem Prorektor in Zürich. Im Alltag sei das Miteinander tatsächlich schwieriger geworden, räumt er dennoch ein. "Die Leute hören sofort, dass man Deutscher ist, und die Vorurteile sind da. Ganz dazu gehört man nie." Zumal die Vorwürfe, die Deutschen wollten sich nicht anpassen, durchaus nicht nur aus der Luft gegriffen seien: "Manche meiner deutschen Kollegen tun so, als sei die Schweiz ein Annex von Deutschland. Diese Leute haben keinen Respekt vor den kulturellen Unterschieden, kein Gefühl für die Umgangsformen der Schweizer, ihre ruhige, Konflikte vermeidende Art." Regine Aeppli sagt: "Die Schweiz ist nicht einfach ein kleines Deutschland mit einer Sprache, die wie eine Halskrankheit tönt."

Aus DIE ZEIT :: 19.03.2008

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