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Hochsaison

VON ALINA SCHADWINKEL

Minus sieben Grad gilt hier als laues Lüftchen und der Sommer dauert nur wenige Wochen. Jetzt haben die deutschen Klimaforscher in der Antarktis besonders viel zu tun.

Hochsaison© westphalia - iStockphoto.comKlimaforscher in der Antarktis nutzen die Sommermonate für ihre Messungen
In der Antarktis herrscht Trubel. Soeben sind mehrere Tonnen Proviant und Forschungsequipment aus Kapstadt eingetroffen, mit ihnen Sommerbesucher und die neuen Überwinterer. Norweger, Deutsche, Engländer - ein Gewusel aus Nationen und Sprachen beherrscht in den frühen Morgenstunden die Landepiste nahe der norwegischen Troll-Station. Weder die berühmte antarktische Stille noch das Gefühl der endlosen, unberührten weißen Weite wollen sich einstellen. Eine Hebebühne surrt, Pistenbullis graben sich knirschend durch den Schnee, Anweisungen hallen über das Feld. Der Zeitplan ist eng und will eingehalten werden, auch hier am Ende der Welt. Denn nur im Sommer können die Stationen im ewigen Eis angeflogen werden. Spätestens Mitte Februar ist die Gelegenheit vorbei, dann wird das Wetter zu schlecht. Umso wichtiger ist, dass sich die Antarktis während der kurzen, hellen Jahreszeit des Öfteren von ihrer schönsten Seite präsentiert: mit leichten Minusgraden, wenig Wind und dem Farbenspiel von goldener Sonne, blauem Himmel und weißem Schnee. Eben so wie heute.

»Da haben wir einen perfekten Tag erwischt «, sagt Uwe Nixdorf. Der Geophysiker des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) aus Bremerhaven ist auf dem Weg zum Stolz der deutschen Polarforschung: Neumayer-Station III - Ganzjahresbastion der Klimaforschung auf dem entlegenen siebten Kontinent. Die Polregionen sind die Klimaarchive der Erde. Von der Atmosphäre bis tief ins Sediment: Was sich hier niedergeschlagen hat, verrät, welchen Veränderungen der Planet in den vergangenen Jahrhunderttausenden ausgesetzt war. Gelingt es, das »Klimasystem Antarktis« zu verstehen, lässt sich anhand von mathematischen Modellen besser als bislang die Zukunft vorhersagen. Die Antarktis als Treiber und Indikator für den Klimawandel, so lautet die Theorie.

Allem Klimawandel zum Trotz bleibt die Ostantarktis konstant kühl

Praktisch sieht es meist komplexer aus. Denn die Erderwärmung ist in der Ostantarktis nie angekommen. Direkt am Südpol wird es sogar kälter. Wirft das die bisherige Klimaforschung über Bord? »Nein«, sagt Nixdorf. »Die Veränderungen passen ins Bild. Es sind jedoch Fragen hinzugekommen.« Zum Beispiel, wie es sein kann, dass die Temperatur auf der Antarktischen Halbinsel steigt, im restlichen Gebiet jedoch nicht. Ob eine generelle Erwärmung zu einer stabileren Antarktis führen kann? Und, falls ja, ob dann nicht sogar dicker werdendes Eis am Südpol in Zukunft den Meeresspiegel konstant halten könnte? Mithilfe von Flugzeugen, Forschungsschiffen, Langzeitobservatorien und Feldforschung wollen die Polarforscher diese Wissenslücke stopfen. Sie haben sich über den Kontinent hergemacht, von der Küste bis hinauf auf das antarktische Plateau. Nixdorf nutzt diesen kurzen Sommer zur Inspektion. Er hat die Reise geplant und kümmert sich darum, dass jede Kiste, jede Reisetasche samt Besitzer an ihren Bestimmungsort geht. Seit 24 Stunden ist der Mann auf den Beinen. Ihn erwartet ein weiterer Flug, denn von der Troll-Station bis Neumayer III sind es noch mal 420 Kilometer. Das entspricht einer Fahrt von Hamburg nach Köln und ist doch nur ein Bruchteil der ganzen Reise. Am Ende des Trips wird der Forscher 9910 Kilometer zurückgelegt haben.

Die Sommergäste aus Deutschland reisen mit der Polar 6, dem neusten Flieger, den die Polarwissenschaftler zu bieten haben. Das Propellerflugzeug ist eine eigens umgebaute BT-67 und mit ihren roten Flügeln und dem blauen Bauch ein wahres Schmuckstück - sowohl von außen als auch von innen. Die Sitzbezüge sind handgenäht, das graue Leder mit Schaffellbesatz lädt zum Herumlümmeln ein. »Diesen Luxus gibt es natürlich nicht, wenn wir auf Messflug sind«, sagt Nixdorf und lässt sich tiefer in den weichen Sitz sinken. Denn dann ist das Innere der schmucken Maschine ein reiner Laderaum, komplett aufgefüllt mit wissenschaftlichen Instrumenten und Computern. Mit der Polar 6 ermitteln die Forscher die Dicke und Struktur des Eises und führen Atmosphärenmessungen durch. »Um die Wechselwirkung zwischen den Ozeanen, der Antarktis und der Atmosphäre zu verstehen«, erklärt Nixdorf über das Dröhnen der Propeller hinweg. An der Unterseite des Flügels sind Radarantennen montiert. Ihre Wellen dringen mehr als vier Kilometer durch den Eisschild und somit bis auf den Gesteinsuntergrund. Erst wenn bekannt ist, wie sich das Eis der Antarktis verhält, kann prognostiziert werden, wie es sich im Laufe des Klimawandels verändern wird.

Auf dem 7. Kontinent

Die Antarktis entstand, als vor zirka 180 Millionen Jahren der südliche Urkontinent Gondwana zerbrach. Ihr Land- und Meeresgebiet wird geografisch durch den südlichen Polarkreis begrenzt, sie reicht also bis 66°33' südlicher Breite. Sieben Staaten machen Hoheitsansprüche geltend, die aufgrund des Antarktisvertrags jedoch ruhen.

Die meisten Menschen, die im ewigen Eis leben, sind Wissenschaftler aus aller Welt. Im Winter gibt es gerade einmal 1000 Bewohner, im Sommer von Mitte Dezember bis Mitte Januar mehr als viermal so viele - auf einer Fläche von schätzungsweise 13,2 Millionen Quadratkilometern, die zu 99 Prozent dauerhaft mit Schnee bedeckt ist. Die Antarktis ist damit größer als Europa, und der dicke Eispanzer macht den siebten Kontinent zur größten Süßwasserreserve der Welt.
Mit Nixdorf und den neuen Überwinterern kehrt die Unruhe auch auf Neumayer III ein. Die kraftstrotzende Festung im Eis erzittert unter dem Ansturm der Antarktis-Neulinge - Hochbetrieb. Doch das enge Tagesprogramm muss weitergehen. Pünktlich um 11 Uhr schreitet Jölund Asseng zur Tat: Der Stationsmeteorologe erklimmt die letzten Stufen zur Ballonhalle auf dem Dach. Ein Knopfdruck, das metallene Rolltor schiebt sich ratternd nach oben und gibt den Blick frei auf den Horizont. Ein eisiger Windstoß fegt ihm ins Gesicht. »Hier oben ist es oft sehr stürmisch. Doch nach einem antarktischen Winter hat man sich daran gewöhnt«, sagt Asseng. Er schreitet hinaus, lehnt sich gegen die schneidende Bö und lässt einen großen, weißen Ballon steigen. Ein tägliches Ritual: Auf die Minute genau hat der Meteorologe in den vergangenen zwölf Monaten Wetterballone gestartet, um die Lufttemperatur, den Luftdruck und die Windgeschwindigkeiten in den höheren Luftschichten zu messen. Bis zu 35 Kilometer hoch steigen die Sonden. Einmal pro Woche entlässt Asseng noch einen weiteren Ballon, der ein Messgerät für den Ozongehalt trägt. Zudem zeichnen fest installierte Sensoren auf dem Dach und nahe der Station permanent Wetterdaten auf: Windgeschwindigkeit, Temperatur, Feuchte, Intensität der Sonneneinstrahlung. »Alle Werte gehen direkt online«, erklärt er, »sie fließen in die weltweiten Wettermodelle ein.« Und das seit 30 Jahren. Das ist die Zeitspanne, die Experten voraussetzen, bevor sie aus der Statistik des Wetters Aussagen über Veränderungen des Klimas ableiten. Seit diesem Januar gilt das meteorologische Observatorium daher offiziell als Klimabeobachtungsstation. Dank der Langzeitmessung konnten Wettervorhersagen verbessert und feinste Veränderungen im antarktischen Klima festgestellt werden. »Der Luftdruck ist hier in den drei Jahrzehnten ein wenig gestiegen, es gibt daher weniger Wolken und mehr Sonnenschein«, sagt Asseng.

Was sich in diesem Teil der Antarktis hingegen nicht geändert hat, ist die Temperatur. Seit Beginn der Wettermessungen war es an der Station im Jahresmittel minus 16 Grad Celsius kalt. »Der Klimawandel ist hier noch nicht messbar«, sagt der Meteorologe. Wohl aber auf der Antarktischen Halbinsel. Dort sei es um bis zu drei Grad wärmer geworden. Noch arbeiten die Forscher daran, die Erklärung für den enormen Unterschied zu finden. »Die Antarktis ist größer als Europa. Wenn es in Rom Klimaveränderungen gibt, in Moskau aber nicht, dann kann es furchtbar viele Gründe dafür geben. Und hier genauso«, sagt Nixdorf, die Unterschiede müsse man eben herausarbeiten. Auch die Folgen der einseitigen Erwärmung sind unklar. Das mildere Klima in der Antarktis könnte einerseits zu mehr Schneefall führen, der Eispanzer würde wachsen, die Antarktis stabiler werden. Andererseits trägt das Abschmelzen der Westantarktis zum Anstieg des Meeresspiegels bei. Bleibt die Frage, wie groß der Einfluss ist und ob sich dieser in Zukunft ändern wird.

Im Sturm ist ein schlichtes Seil die einzige Lebensversicherung

»Die Wetterbeobachtungen allein reichen nicht aus, um das Rätsel zu lösen«, sagt Uwe Nixdorf. Nach einem reichhaltigen Mittagessen - ein schwer arbeitender Polarforscher verbrennt bis zu 5000 Kalorien am Tag - geht es wieder hinaus in die Kälte. Sein Ziel ist das Spurenstoffobservatorium. Dort wird die antarktische Luft in ihre Bestandteile zerlegt. Himmel und Erde sind im Lauf des Vormittags immer weiter zu einer einzigen weißen Fläche verschmolzen. Das Auge findet keinen Anhaltspunkt, keinen Horizont, »Whiteout« heißt das im Polarjargon. Das Gefühl für Distanzen ist vollends verloren. Die anderthalb Kilometer, die das Labor von der Neumayer- Station entfernt ist, sind selbst für den sportlichen Nixdorf ein anstrengender Fußmarsch. Es gibt keinen richtigen Weg, nur tiefen Schnee. Nixdorf orientiert sich an der schwarzen Führungsleine, die bis zum Außenlabor reicht. Sich hier im konturlosen Weiß zu verlaufen, womöglich noch in einem Schneesturm, würde den sicheren Tod bedeuten. Da ist das schlichte Seil die Lebensversicherung. Am Ende der Leine hebt sich ein einsamer orangefarbener Container auf Stelzen scharf vom endlosen Weiß ab. Auf seinem Dach befinden sich Röhren und Antennen. »Schön, dass Sie sich zu mir verirrt haben«, sagt der Chemiker Rolf Weller. Während der Sommermonate führt er hier täglich seine Messungen durch.

Spielregeln für die Polarforscher


Am 23. Juni 1961 trat der Antarktisvertrag in Kraft. In 14 Artikeln regelt er menschliche Aktivitäten südlich des 60. Breitengrades, einschließlich des Schelfeises. In diesem Vertrag wurde unter anderem festgelegt, dass die Gebietsansprüche von Argentinien, Australien, Chile, Frankreich, Großbritannien, Neuseeland sowie Norwegen ruhen sollen. Und dass »die Antarktis für alle Zeiten ausschließlich für friedliche Zwecke« genutzt werden darf. Der Vertrag betont den Vorrang der wissenschaftlichen Forschung. So sollen nicht nur Informationen über alle Projekte, sondern auch Forscher und Ergebnisse zwischen den Stationen ausgetauscht werden.

Mit dem Umweltschutzprotokoll von 1991 sind diese Punkte bekräftigt worden. Weiter haben sich die Vertragsstaaten verpflichtet, die Antarktis als ein Naturreservat zu belassen; das bedeutet unter anderem, dass es verboten ist, Rohstoffe abzubauen. Der jetzige Vertrag läuft bis zum Jahr 2041. Weitreichende inhaltliche Änderungen sind auch danach nicht zu erwarten, da diese einstimmig beschlossen werden müssten. Weltweit haben derzeit 45 Staaten den Vertrag unterzeichnet, die Bundesrepublik im Jahr 1979.

»Die Luft in der Antarktis ist noch nahezu unberührt, wir sind hier weit von den Industriestaaten entfernt«, erklärt Weller, während im Hintergrund Rohre seufzen, Messkolben sich drehen und Computer surren. Der Chemiker stößt bei seinen Analysen vor allem auf Salz aus dem Meer, von Algen produziertes Sulfat und organische Schwebstoffe. Er zeichnet auf, in welchen Mengen und zu welchen Jahreszeiten die Stoffe im Schnee konserviert werden. Denn tatsächlich kommen alle Spurenstoffe, die im polaren Eis deponiert werden, aus der Luft. Weil die hier so rein ist, lassen sich die natürlichen Prozesse nachvollziehen - und kleinste Veränderungen rasch bemerken. Nachweislich hat in den vergangenen Jahren eines der stärksten Treibhausgase auch seinen Weg in die Antarktis gefunden: Schwefelhexafluorid (SF6), dessen Hauptverbraucher die Elektroindustrie ist. »Dieses Gas ist definitiv menschengemacht«, sagt Weller. Es wird kaum abgebaut und kann anhand von Vergleichsmessungen in der Arktis bis zum Ursprungsort zurückverfolgt werden. Nicht nur aus reiner Forscherneugier. Eigentlich, so fordert es das Kyoto-Abkommen zum Klimaschutz, soll SF6 möglichst aus dem Verkehr gezogen werden. Hinweise auf eine Abnahme können die Chemiker am Südzipfel der Welt jedoch noch keine finden. Irgendjemand produziert irgendwo munter weiter! »Auf diese Weise lernen wir, wie die nördliche und die südliche Hemisphäre zusammenhängen und sich untereinander austauschen«, sagt Weller. Was auf der Nordhalbkugel geschehe - es komme mit gut anderthalbjähriger Verspätung in der Antarktis an. An diesem Tag geht es zunächst zur Küste. Ein umgebauter Toyota-Truck dient als Raupenfahrzeug. Das motorisierte Monstrum quält sich mithilfe von Ketten langsam über die buckelige Schneepiste, die der Arzt Eberhard Kohlberg als »planierte Strecke« bezeichnet. Sie erinnert jedoch eher an einen Motocross- Parcours. 19 Kilometer eisiges Auf und Ab liegen noch vor ihm. Gemeinsam mit Nixdorf fährt er zur Schelfeiskante.

Kaimauer aus Eis: Die »Polarstern« legt an der Schelfeiskante an

Der Mediziner kommt seit zwölf Jahren regelmäßig während der kurzen Sommersaison in die Antarktis und koordiniert dort die logistischen Arbeiten. Er kennt die Umgebung der Station. »Dennoch würde ich nie ohne GPS und Funkgerät aufbrechen«, sagt er. An einem Tag wie heute ist der Weg kaum zu erkennen. Allein die Sonnenbrille schafft Kontraste - manche Bodenwelle wird übersehen. Trotz der holprigen Fahrt genießt Nixdorf die Aussicht, nicht ein Mal wendet er den Blick ab von der Natur. In der Ferne schieben sich die Oberkanten königsblauer Eisberge über den Horizont. Kontrastreich heben sie sich ab vom Rest der weißen Welt. Und plötzlich ist es da, das Meer. Schwarzblau erstreckt sich der Südliche Ozean vor der Eiskante des Ekström-Schelfs. »Hier geht es 17 Meter senkrecht runter. Das ist noch eine der flacheren Stellen, und sie eignet sich perfekt als Anlegestelle für die Polarstern«, erzählt Kohlberg. Das Forschungsschiff hat zuletzt vor Weihnachten hier geankert und 375 Tonnen Material für Neumayer geliefert. »Das Entladen dauerte zwei Tage«, sagt Kohlberg. Auf Schlitten wurden die nach oben geholten Container von hier mit Pistenbullis bis zur Station gezogen. Die meiste Zeit benötigt das Umpumpen des Treibstoffs. 300 000 Liter Arctic Diesel, Kerosin und ein wenig Benzin. »Per Luftfracht wäre das viel zu teuer. Zu Wasser, zu Land und in der Luft - das muss hier alles ineinandergreifen«, sagt Nixdorf und schwingt sich wieder in den Truck. Auf der Rückfahrt zu Neumayer III will er noch kurz die südafrikanischen Kollegen in ihrem Sommerlager besuchen. Kohlberg greift zum Funkgerät, meldet die Stippvisite an. Begrüßt werden die Besucher mit der Frage: »Wer möchte Kaffee, wer Tee?« Man duzt sich. Die deutschen Nachbarn sind immer herzlich willkommen. Denn die Südafrikaner dürfen die Container der alten Neumayer-II-Station als Sommerbasis nutzen, ganz im Sinne des Antarktisvertrags. Der Besuch ist eine kleine Zeitreise. Alte Polarhasen wie Nixdorf und Kohlberg können hier schnell nostalgisch werden: Die Raumaufteilung ist noch wie früher, die Einrichtung ist zum großen Teil übernommen worden, und ein altes Forschungsplakat, die Farbe ist schon ganz verlaufen, zeugt von der wissenschaftlichen Ausbeute einstiger Besatzungen. Die alte Station liegt sechs Kilometer von dem neuen Forschungsposten entfernt und war bis 2009 in Betrieb. Damals befanden sich die Wohncontainer - und mit ihnen Hospital, Labore, Werkstatt und Funkraum - nicht wie heute über dem Eis, sondern in einer verzweigten unterirdischen Röhrenkonstruktion. »Gegen Ende waren es ganze 14 Meter«, sagt Kohlberg. Damals ragten die Lüftungsschächte und zwei Treppentürme empor, heute ist die Rampe der Garagenzufahrt der letzte verbliebene Zugang.

Beim Durchschreiten der alten Fahrzeughalle macht sich Ehrfurcht breit. Die Antarktis versucht hier auf ihre Weise, die Leere zu füllen, welche die Wissenschaftler hinterlassen haben: Ganze Stahlträger sind von Eis umwuchert, riesige Zapfen hängen von der Decke. Jeder Schritt klingt, als würden die Forscher über Tausende feiner Scherben laufen. Je tiefer sie steigen, desto unwirklicher wird die Welt, die vom spärlichen Licht der Taschenlampen erhellt wird. »Die Natur hat in den letzten drei Jahren ihren Raum zurück erobert«, sagt Kohlberg. Über den Köpfen spannt sich ein Geflecht aus feinen Eiskristallen, das glitzernd das Leuchten der Funzeln reflektiert. Es knackt und knirscht. »Hier lässt sich gut sehen, welchen Druck der Schnee auf die Röhren ausübt«, sagt Kohlberg. Über seinem Kopf wölbt sich die Metallkonstruktion bedrohlich weit nach unten, wie ein Stück Papier hat der Schnee sie zusammengeknickt. »Langsam, aber sicher wird hier alles zerquetscht.« Es war definitiv Zeit für eine neue Forschungsstation.

Auf Neumayer III hat der Großteil der Besatzung mittlerweile Feierabend. Chris Behrendt lässt sich nur allzu gern ein weiteres Mal erzählen, wie es um die alte Dame im Eis steht. Der Ingenieur hat 2006 auf Neumayer II überwintert und ist noch immer tief beeindruckt. Die Vorbereitungen für seine zweite Überwinterung haben ihn bislang jedoch davon abgehalten, sich das Tunnelsystem noch einmal anzuschauen. »Ich muss unbedingt wieder hin«, sagt er, »schließlich habe ich dort unten Monate verbracht, die Station war mein zweites Zuhause.« Die tiefe Verbundenheit erklärt, warum es Behrendt, wie fast jeden Polarforscher, immer wieder in die unwirtliche Eiswüste zieht. »Wer einmal hier war, ist mit dem Antarktisfieber infiziert«, konstatiert er trocken. Warum sonst würde man all die Strapazen auf sich nehmen? Jede Überwinterung sei eine neue Herausforderung, körperlich und psychisch. »Irgendwann kommt das Heimweh, und es fehlt die Zweisamkeit.« Umso wichtiger sei der zentrale Aufenthaltsraum mit Heimkino, Billard und Bar. Hier lässt Behrendt den Abend heute ausklingen. Bier vom Fass gibt es, Wein und Martini. Schon jetzt freut er sich auf die größte Party der kommenden Überwinterung: das Mittwinterfest am 21. Juli. Von dann an wird es wieder hell. »Das ist unser Bergfest und wird gefeiert wie Ostern, Weihnachten und Neujahr zusammen.« Statt 40 werden sich dann nur noch neun Wissenschaftler und Techniker zuprosten. Während im Hintergrund die Billardkugeln aneinanderklackern, macht Nixdorf es sich mit einer Zigarette und einem Glas Rotwein auf der Couch bequem. Kurz durchatmen, dann geht er zu Bett. Denn am nächsten Morgen muss er wieder früh raus. Die Anstrengungen sind ihm nach dem kurzen Schlaf ins Gesicht geschrieben. Die Augen aber funkeln schon wieder vor Begeisterung, als Nixdorf in die Polar 6 steigt. Er ist auf dem Weg zu einem guten Freund: Heinrich Miller war direkt nach seiner Ankunft in der Antarktis weiter ins Inland geflogen. Während sich Neumayer III an der Küste nahezu auf Meereshöhe befindet, thront die deutsche Sommerstation Kohnen seit mehr als einem Jahrzehnt in 550 Kilometer Entfernung 2892 Meter hoch auf dem antarktischen Plateau im Königin-Maud-Land (siehe Karte). Hier entlocken die Polarforscher dem Eis seine Geschichte - in Form von Bohrkernen. Die auf einer schwarzen Pfahlkonstruktion stehende Sommerbasis ist weit weniger imposant als Neumayer III. Der schlichte Bau wirkt rudimentär, irgendwie behelfsmäßig. Über eine Metallleiter klettert Miller hinauf zu den drei Trakten: Im ersten Containerblock sind die Funkbude sowie der Aufenthaltsraum samt Küche, es folgen die Wasch- und Schlafräume, dann die Technik. Wohnlichkeit sucht man zwischen den mit braunem Holz verkleideten Wänden vergeblich. Ein paar Tische und Stühle und eine Durchreiche zur Küche müssen genügen. »Hauptsache, hier drinnen ist es warm«, sagt Miller. Die Station dient als logistische Basis für die Bohrungen des European Project for Ice Coring in Antarctica (Epica). In diesem europäischen Tiefeisbohrprojekt wird das antarktische Klima der vergangenen Jahrhunderttausende rekonstruiert, das Bohrloch dient heute als Eistiefenlabor. Die Bohrkerne, die hier an die Oberfläche gehievt werden, landen im Kühlkeller des AWI in Bremerhaven, wo Forscher darin lesen wie in einem klimatischen Logbuch. Messungen wie jene aus dem Chemiecontainer unweit der Neumayer-Station ermöglichen überhaupt, in diesem Eisarchiv die richtigen Zeitabschnitte zu finden.

Minus 34 Grad Celsius im Keller - ganz ohne künstliche Kühlung

Die geografische Lage von Millers spartanisch bestücktem Refugium ist wohlüberlegt. Während es in anderen Gebieten im Inland nur wenig schneit, wächst die Schneedecke bei Kohnen pro Jahr um 20 Zentimeter. Und die Station steht exakt auf einer Eisscheide. Hier schichtet sich herabfallender Schnee sauber auf, um unter dem eigenen Druck zu Eis zu werden. Am Hang würde es nach links oder rechts zur Seite abfließen, hier nicht - »eine solche Schichtung ist die perfekte Voraussetzung für eine Eiskernbohrung. Sie macht eine genaue Datierung möglich«, sagt Miller, während er in klobigen Stiefeln zielstrebig die Rampe zum Eiskeller hinabstapft. Eiszapfen bilden sich langsam an den Haaren seines Schnauzbarts. Im Herzen des Gewölbes, neun Meter unter der Oberfläche, herrschen minus 34 Grad Celsius. 2774 Meter tief hat der Geophysiker hier mit seinem Team gebohrt, bis zum felsigen Grund. Oder wie Miller gerne sagt: 200 000 Jahre in die Vergangenheit. Denn im Eis der Antarktis ist die Zeit eingefroren. Schicht für Schicht ist hier die Klimageschichte der Erde konserviert.

Um die Eiskerne interpretieren zu können, beraten sich die Klimaforscher mit den Kollegen des Spurenstoffobservatoriums neben der Neumayer-Station. »Die überwachen dort, welche Stoffe aus der Atmosphäre in welcher Jahreszeit in das Eis eingetragen werden«, sagt Miller. »Diese Informationen der Kollegen nutzen wir, um die Schichten im Eiskern abzuzählen und zu datieren.« So wissen die Forscher zum Beispiel, dass der Seesalzeintrag im Winter höher ist als im Sommer. »Wir messen die Konzentration im Eis und schauen dann nach den Peaks«, erklärt Miller. Unwägbarkeiten gehören zum Geschäft: Es kann ein ganzes Jahr fehlen, wenn ein heftiger Sturm den Schnee weggeblasen hat. Je weiter Miller in der Zeit zurückgeht, desto dünner werden die Jahresschichten - »und umso unsicherer ist das Ergebnis der Zählung«. Nachweisen konnten die Klimaforscher bereits, dass den sehr schnell erfolgenden Erwärmungsphasen in Grönland leichte Warmphasen in der Antarktis vorangegangen sind. Die beiden Hemisphären scheinen also im Rhythmus, aber in unterschiedlicher Weise auf Veränderungen der Sonnenstrahlung zu reagieren. Irgendwie tauschen sie über die Atmosphäre und Ozeanströmungen Energie aus. »Wir müssen diese Zusammenhänge verstehen, wenn wir unser Klima insgesamt verstehen wollen«, sagt Miller. Der Forscher blickt in das drei Kilometer tiefe Bohrloch auf Kohnen. »Wir machen jetzt Wiederholungsmessungen und sammeln Informationen über den Eiskörper«, sagt er. Dank des direkten Zugangs ins Innere des Eisschildes lernen die Wissenschaftler, wie er sich verformt und wie er fließt. So lässt sich berechnen, wie sich das Inlandeis der Antarktis in möglichen künftigen Klimaszenarien verhält und zur Veränderung der Meeresspiegelhöhe beiträgt. Mangels besseren Wissens rechnete man bislang mit einem einfachen Fließgesetz. Doch aufgrund der neuesten Daten weiß Miller: »Das Gesetz kann nicht für den ganzen Eiskörper gültig sein.« Die Daten, die er und sein Team auf Kohnen gewinnen, setzen neue Eckwerte für künftige Klimaprognosen. Gleiches gilt für die Langzeitreihen und Experimente auf Neumayer III. Nur dort trotzen die deutschen Polarforscher das gesamte Jahr über der klirrenden Kälte und verfolgen die Prozesse in Atmosphäre, Ozean und Meereis sowie deren Rolle im globalen Klima- und Ökosystem. Nixdorf ist nach seiner Inspektionsreise zufrieden mit den Kollegen. Und mit der Antarktis. Die Eiskönigin hat ihn mit offenen Armen empfangen. »Dieser Ort ist wunderschön, einfach großartig. Ich kann gar nicht anders, ich muss wiederkommen.«

Aus DIE ZEIT :: 02.02.2012

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