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Hochschulen 2025 - eine Vision ... die aber wahr werden kann, wenn ...

von ROLF-MICHAEL SIMON

Sobald das Wort "Vision" gebraucht wird, wird meist sogleich der Satz des Alt-Bundeskanzlers Helmut Schmidt zitiert: "Wer Visionen hat, sollte lieber gleich zum Arzt gehen". Visionen aber müssen nicht per se unsinnig, sie können hier und da auch hilfreicher sein als bloßer Pragmatismus. Ein Versuch mit Bezug auf die Hochschulen.

Hochschulen 2025 – eine Vision© contrastwerkstatt - Fotolia.comDie Vision von mehr Qualität an deutschen Universitäten kann wahr werden durch Vernunft und Einsicht
Wir schreiben den 1. Oktober 2025. An den Hochschulen dieses Landes beginnt das Wintersemester. An Hochschulen, die ein Jahrzehnt wahrhaft revolutionären Wandels hinter sich haben. Vergleichbar zu den 1960er/70er Jahren? Nur bedingt. Da war es um Quantität gegangen - mit allfällig bekannten Folgen. Die vergangenen Jahre jedoch hat gezielte Qualitäts-Steigerung charakterisiert. Dank ihrer ging an deutschen Hochschulen und Universitäten der demografische Wandel beinahe unbemerkt vorüber, fand der von vielen befürchtete (oder im Stillen erhoffte?) Einbruch der Studierendenzahlen nicht statt. Ein Paradigmenwechsel machte das möglich, in einem Wort zusammengefasst: Differenzierung.

War "Agenda 2010" das zentrale Schlagwort des ersten Jahrzehnts gewesen, so kristallisierte sich "Hochschule 2025" früh als das des zweiten heraus. Den entscheidenden Anstoß hatte zweifellos die Exzellenz-Initiative gegeben.

Zwischenzeitlich zwar ausgelaufen, zeigt sie nach wie vor Wirkung. Sie räumte endgültig mit der Lebenslüge der deutschen Bildungspolitik auf, alle Hochschulen seien gleich (und besser gleich schlecht, als dass eine besser wäre ...).

Was bei ihrem Start kaum absehbar war, beginnt sich jetzt in der Realität zu erweisen. Lothar Zechlin, der als Gründungsrektor die damals weithin beachtete Fusion der Universität Duisburg- Essen managte, prognostizierte bereits zu Beginn des Jahrzehnts: "Die Hochschullandschaft wird aus einem Mix öffentlicher und privater, großer und kleiner, innovativer und standardisierter, forschungs- und lehrfokussierter Einrichtungen bestehen."

Tatsächlich. Die Landschaft ist so heterogen wie nie zuvor: Kleine, hochspezialisierte Hochschulen, immer mehr in privater Trägerschaft, Elite-Unis, auf die sich die universitäre Forschung immer stärker konzentriert, dazu hoch angesehene Einrichtungen, oft Fachhochschulen, die sich mit exzellenter praxisorientierter Lehre profilieren.

Waren um 2010 noch 70 Prozent der hierzulande Studierenden an Forschungs-Universitäten immatrikuliert, was der US-Hochschulexperte Daniel Fallon damals "ehrgeizig, aber auf Dauer unbezahlbar" nannte (in USA waren es 20 Prozent), ist eine 180-Grad-Wende eingeläutet. Ohne dass, wohlgemerkt, das Ansehen der auf Lehre und Ausbildung fokussierten Hochschulen gelitten hätten.

Wie das funktionierte? Durch Einsicht und Vernunft auf der einen Seite sowie Verzicht auf ideologische Scheuklappen auf der anderen. Die Hochschulpolitik sprang mutig über viele ihrer Schatten und opferte "heilige Kühe", die allzu lange tabu waren, auf dem Altar rational begründeter Notwendigkeiten. Zuerst wurde die staatliche Grundfinanzierung den gestiegenen Studierendenzahlen ebenso angepasst wie den sich ausdifferenzierenden Ausrichtungen der Hochschulen. Man erinnere sich - vor nicht einmal zehn Jahren war von 2,3 Millionen Studienplätzen nicht einmal die Hälfte (!) ausfinanziert. Hier wurden Prioritäten neu gesetzt. Parallel dazu eröffnete man den Hochschulen weitergehende Möglichkeiten eigener Finanzierung, vor allem durch Studienbeiträge.

Selbst verbohrteste Wahlkämpfer hatten einsehen müssen, dass deren tatsächlich sozialverträgliche Gestaltung niemanden von einem Studium abhält, sofern die Studienbedingungen spürbar gewinnen. Zumal gerade diejenigen von verbesserten, weil zusätzlich finanzierten Lehrangeboten profitieren, die zuvor zu den potenziellen Abbrechern gehörten: Studierende aus bildungsfernen Schichten, aus Migrantenfamilien.

Dann wurden das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern gekippt, die Kapazitätsverordnung und die Agentur-Akkreditierungen, die in den Hochschulen enorme Mittel gebunden hatten. Diese stehen dort wieder den ureigenen Aufgaben zur Verfügung.

Außerdem kam zum Tragen, was Horst Albach schon vor Jahren sagte: "Die deutschen Universitäten werden zum Teil Private-Public-Partnerships sein. Diese werden sich mit ausländischen Universitäten zu "Wissenschaftskonzernen" zusammenschließen." Dies in Verbindung mit dem immer weiter aufgefächerten Spektrum des Lehr-Angebots - immer häufiger in englischer Sprache - erwies sich als hoch attraktiv für ausländische Studierende.

Und je heterogener die Hochschulen wurden, desto heterogener entwickelte sich ihre Studierendenschaft. Eine Entwicklung, die zu Beginn des Jahrzehnts Dieter Timmermann, damals Präsident des Deutschen Studentenwerks, so umschrieben hatte: "Neben klassischen Vollzeitstudierenden wird es eine wachsende Zahl von Teilzeitstudierenden wie von Studierenden in dualen Studiengängen geben; und immer mehr ältere Menschen im Rahmen des Lebenslangen Lernens."

Eine Herausforderung. Auf die sich die Hochschulen jedoch vorbereitet hatten: Mit differenzierten und zeitlich wie inhaltlich flexiblen Studienangeboten, basierend auf einer verlässlichen Finanzierung. Und auf einem Wandel in den Köpfen. Man spricht 2025 nicht mehr nur davon, dass Bildung die beste Zukunfts-Investition sei - man handelt danach: die Politik und, mehr noch, die Menschen in diesem Land.

Über den Autor
Rolf-Michael Simon war von 1999 bis 2010 Ressortleiter für Wissenschaft und Bildung der in Essen erscheinenden Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung.

Aus Forschung & Lehre :: August 2012

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