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Annäherung und Wandel - Zu den Leistungsprofilen von Hochschultypen

INTERVIEW MIT HORST HIPPLER

Die HRK vertritt als "Stimme der Hochschulen" die Interessen der Hochschulen. Wie steht sie zu dem an Fahrt gewinnenden Prozess der Differenzierung der Hochschultypen? Wieviel Annäherung, wieviel Kooperation ist ratsam, gar notwendig? Der Präsident der HRK zu Fragen zur Exzellenzinitiative, zum Verhältnis von Universitäten und Fachhochschulen und zum Status quo des Promotionsrechts.

Annäherung und Wandel - Zu den Leistungsprofilen von Hochschultypen© HRK/LichtenscheidtDer Präsident der HRK gibt eine Prognose zur Zukunft der Hochschullandschaft
Forschung & Lehre: In den vergangenen Jahren ist eine große Vielfalt an Hochschultypen entstanden, die Hochschullandschaft ist viel differenzierter geworden. Fast gegenläufig dazu gibt es u.a. durch die Bologna-Reform auch eine Entdifferenzierung. Wie sind beide Bewegungen zu bewerten?

Horst Hippler: Die Differenzierung der Hochschullandschaft der letzten Jahrzehnte zeigt, dass sie lebendig und entwicklungsfähig ist. Wir brauchten diesen Profilierungsprozess angesichts der Vielfalt der heutigen Ansprüche an Lehre und Forschung. Sicher haben wir im Hinblick auf die Veränderung des Bildungsverhaltens und auf die verkürzte Haltbarkeit von Qualifikationen längst nicht alle Herausforderungen gemeistert, sind essentielle Fragen noch politisch zu klären. Aber ohne den Differenzierungsprozess der letzten Jahrzehnte wäre das deutsche Hochschulsystem diesem rasanten Prozess bislang nicht gewachsen gewesen.

Dazu sehe ich den "Bologna-Prozess" mit seiner umfassenden Revision der Studienstruktur und der -abschlüsse nicht im Gegensatz und schon gar nicht als "Entdifferenzierung". Die europäischen Wissenschaftsminister wollten, dass die Studiengänge in Europa strukturell besser vergleichbar und international wettbewerbsfähiger werden.

Was die Inhalte angeht, ist die Vielfalt des Studienangebots, die seither in Deutschland entstanden ist, eher zu groß, die Differenzierung manchmal zu kleinteilig. Das spricht deutlich gegen Ihre These.

F&L: Die Exzellenzinitiative ist zunächst ein entscheidender Motor der Differenzierung innerhalb der Universitäten. Wird aber, je länger die Exzellenzinitiativen dauern, "Exzellenz" mehr und mehr zu einer Kategorie der Ähnlichkeit, weil sich die meisten Universitäten doch als exzellente Forschungsinstitution verstehen? Exzellenz als "Standard"?

Horst Hippler: Die Exzellenzinitiative hat unbestreitbar eine starke Dynamik in der Hochschullandschaft entfacht mit positiven Effekten - nicht nur für die geförderten Hochschulen. Fast alle Hochschulen haben notwendigerweise über ihre Zielsetzungen und geeignete Strategien nachgedacht. Vieles wurde auch außerhalb der Exzellenzinitiative umgesetzt. Davon profitieren das gesamte System und insbesondere auch künftige Studierendengenerationen.

Aber in der Tat war bei der Exzellenzinitiative allein die Forschungsstärke der Einrichtungen entscheidend. Die signifikante Vielfalt der Aufgaben einer Hochschule blieb außen vor. Immer noch ist die Forschungsreputation die "internationale" Währung, die in der Wissenschaft vor allem zählt. Alle Versuche, zum Beispiel die Lehrstärke als gleichgewichtigen Faktor aufzubauen, sind bisher gescheitert. Der Wissenschaftsrat hat in seiner Empfehlung zur Differenzierung der Hochschulen bereits im Jahr 2010 gemahnt, dass eine einseitige Ausrichtung auf Forschungsexzellenz unrealistisch ist und zu Verzerrungen führt. Er wirbt für die Anerkennung einer Vielzahl unterschiedlichster Qualitätsniveaus in Forschung, Lehre, Weiterbildung, Ausbildung, Wissenstransfer, Internationalisierung, Bildungsbeteiligung und gesellschaftlicher Integration. Diesem Ansatz stimme ich voll und ganz zu.

F&L: Universitäten und Fachhochschulen sind nach wie vor rechtlich-formal verschiedene Hochschultypen. Gleichwohl nähern sich beide einander an: Es gibt forschungsorientierte Masterstudiengänge an Fachhochschulen, die Universitäten bieten Studiengänge sowohl mit Forschungs- als auch mit Berufsorientierung an. Wo sehen Sie die Grenze der Annäherung?

Horst Hippler: Für eine Annäherung im Einzelfall existiert keine Grenze. Inwieweit eine Fachhochschule einen forschungsorientierten Masterstudiengang anbieten kann, wird immer von ihren Möglichkeiten in der Forschung, von ihrer Ausstattung und von eventuellen Partnern, insbesondere aus der Wirtschaft, abhängen.

Für einen praxisorientierten Studiengang an einer Universität gilt ähnliches. Auch hier ist die Frage, ob die Universität entsprechend aufgestellt ist und geeignete Partner hat, mit denen sie den Studiengang gestaltet.

Aber von ihrem Typus her sind Universitäten aufgrund ihrer Forschungsstärke vielmehr in der Lage, Studiengänge mit einer stärkeren theoretischen Grundlagenorientierung anzubieten, während die Fachhochschulen aufgrund ihrer Tradition und Erfahrung auf dem Gebiet der Praxisorientierung ihre Stärken haben. Das wissen natürlich auch die jungen Leute, die sich für ein Studium interessieren, das wissen Partner aus Wirtschaft und Wissenschaft.

Dieses Vertrauen der Gesellschaft in die Leistungsprofile bestimmter Hochschultypen ist schützenswert und muss bei der weiteren Ausdifferenzierung berücksichtigt werden.

F&L: Das Recht zur Promotion zeichnet bislang den Status einer Universität aus. Soll es dabei bleiben oder sollen auch die Fachhochschulen das Promotionsrecht bekommen?

Horst Hippler: Universitäten sind vonseiten der Länder dafür gerüstet, das Promotionsrecht qualitätsgesteuert auszuüben. Wenn Landesregierungen oder -parlamente darüber nachdenken, forschungsstarken Bereichen an Fachhochschulen das Promotionsrecht zu verleihen, müssen sie sich darüber im Klaren sein, dass das nicht ohne eine verbesserte Ausstattung geht. Alles andere wäre eine Mogelpackung. Durch die Promotion wird die Befähigung zu vertiefter selbstständiger wissenschaftlicher Arbeit nachgewiesen. Sie verkörpert eine eigenständige Forschungsleistung.

Doktorandinnen und Doktoranden müssen ein Umfeld haben, in dem das möglich ist. Dazu gehört eine größere Anzahl von qualifizierten, an verwandten Themen arbeitenden Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, so dass es zu wissenschaftlichem Austausch und wechselseitiger Unterstützung kommen kann. Das ist nicht gegeben, wenn nur ein einzelner oder einige wenige forschungsaktive Professorinnen oder Professoren da sind und zum Beispiel der Forschungsschwerpunkt gänzlich in Frage steht, wenn der oder die Betreffende die Hochschule wechselt.

Die kritische Masse muss nicht notwendigerweise am selben Ort vorhanden sein, sondern kann auch durch Vernetzung gewährleistet werden. Deshalb halte ich kooperative Verfahren von Universitäten und Fachhochschulen für den besseren Ansatz. Die HRK setzt sich seit Jahren für deren verstärkte Förderung ein. Für mich steht außer Frage, dass der Weg zur Promotion geeigneten Absolventinnen und Absolventen von Fachhochschulen offen stehen muss und bei der Auswahl dieselben Kriterien zugrunde zu legen sind wie bei Absolventen von Universitäten.

F&L: Was bedeutete ein Promotionsrecht von Fachhochschulen für ein Promotionsrecht von außeruniversitären Forschungseinrichtungen?

Horst Hippler: Die Universitäten sind das Herzstück des Wissenschaftssystems - weil sie Forschung und forschungsbasierte Lehre aus einer Hand anbieten und als einzige Institution auch alle weiteren Aspekte der tertiären Bildung beherbergen. Deshalb steht ihnen das Promotionsrecht als Alleinstellungsmerkmal zu.

Die außeruniversitären Forschungseinrichtungen bieten nur einen schmalen Ausschnitt des Leistungsspektrums der Universitäten (und auch der Fachhochschulen) an. Daher sehe ich gar keinen Anlass, in diese Richtung zu denken. Die Notwendigkeit einer Kooperation mit den Universitäten ist für die außeruniversitären Forschungseinrichtungen unerlässlich - nur durch Ausstattung und Strukturen allein sind sie für die besten Nachwuchskräfte nicht interessant.

F&L: Mit den "TU9" und den "U15" und weiteren haben sich Universitäten zu eigenen Universitätsverbünden zusammengeschlossen, um ihre jeweiligen Interessen besser vertreten zu können. Manche sprechen von einer "Kannibalisierung" der Hochschulen. Teilen Sie diese Kritik?

Horst Hippler: Nein. Es gibt solche Hochschulverbünde, die bestimmte gemeinsame Ziele verfolgen, ja nicht erst seit gestern, ihre Entwicklung ist eng mit der verstärkten Profilbildung der Hochschulen verknüpft. Einige Hochschulen sind sich ähnlicher als andere, ihre Interessensidentitäten sind stärker als die anderer Hochschulgruppen. Es ist legitim und verständlich, dass sie diese Interessen auch spezifisch vertreten wissen wollen. Dennoch müssen wir uns natürlich Gedanken machen, was dieser Prozess für das Gesamtsystem bedeutet.

Eine Zuspitzung wie auf den Begriff der "Kannibalisierung" kann da eine Initialzündung für den notwendigen Diskussionsprozess sein. Den klaren Worten von Herrn Radtke folgte eine sehr intensive und konstruktive Diskussion unter den Universitäten. Am Ende stand das Bekenntnis zur Differenzierung und Profilierung der Hochschulen im Wissenschaftssystem.

Dieser Prozess muss aber offen für alle Hochschulen bleiben und fair geführt werden, um die Dynamik und Leistungsfähigkeit des Systems aufrecht zu erhalten und zu fördern.

F&L: Was bedeutet der Differenzierungsprozess für die HRK?

Horst Hippler: Die HRK vertritt als "Die Stimme der Hochschulen" die gemeinsamen Interessen der Hochschulen - und das mit Erfolg. Wenn es um Fragen der Grundfinanzierung oder der Autonomie der Hochschulen geht, ist die HRK wichtiger Gesprächspartner der Politik.

An zentralen Punkten wie der Lockerung des so genannten Kooperationsverbots in Artikel 91b des Grundgesetzes legen die Hochschulen über die HRK ihr gesamtes Gewicht in die Waagschale. Die stärkere Priorisierung der Politik zugunsten der Wissenschaft in den letzten Jahren war sicher auch ein Verdienst der HRK. Die Mittelaufwüchse der jüngeren Vergangenheit - auch wenn sie uns im Vergleich mit der außeruniversitären Forschung unzureichend erscheinen - sind im internationalen Vergleich bemerkenswert, ebenso die gewonnenen Gestaltungsspielräume gegenüber der staatlichen Seite, die in den letzten beiden Jahrzehnten erreicht worden sind. Auch Internationalisierung, Studienreform, Nachwuchsförderung und gute wissenschaftliche Arbeit sind Themen, in denen die Hochschulen auch dauerhaft mit einer Stimme sprechen wollen und werden.

F&L: Ist die sog. "Idee der Universität" mit der Einheit und Freiheit von Forschung und Lehre, der Bildung durch Wissenschaft, angesichts des enormen Ökonomisierungsdrucks, der auf den Hochschulen lastet, überholt?

Horst Hippler: Die Einheit von Forschung und Lehre und der Verfassungsrang, der diesen Aspekten der Wissenschaft eingeräumt wird, sind schützenswerte Güter. Diese für das deutsche Hochschulsystem konstitutive Idee ist immer noch so aktuell wie zuvor. Wenn unser Hochschulsystem heute mehr als fünfzig Prozent eines Altersjahrgangs ausbildet, ist das aber ganz ohne Zweifel eine große Herausforderung für dieses Modell. Wir brauchen sicher eine bessere Finanzierung, etwa für Dauerstellen im Mittelbau. Wir brauchen aber auch innovative Konzepte.

Viele Fakultäten und Fachbereiche fördern "forschendes Lernen" heute sehr gezielt im Rahmen ihrer Curricula. Der diesjährige Ars legendi-Preis, den die HRK mit dem Stifterverband verleiht, hat sich diesem Thema gewidmet. Die Bandbreite der Projekte der vorgeschlagenen Hochschullehrerinnen und -lehrer hat uns zeigt, dass hier in allen Disziplinen viel passiert.

F&L: Wie sollte die Hochschullandschaft 2030 aussehen?

Horst Hippler: Was wir benötigen, ist die Differenzierung und Profilbildung in der ganzen Breite des Aufgabenspektrums der Hochschulen. Hier liegt die Chance für die Zukunft jeder einzelnen Hochschule, aber auch für die zeitgemäße Entwicklung unseres Wissenschafts- und Hochschulsystems.

Wenn "neue innovative Hochschultypen", wie vom Wissenschaftsrat empfohlen, aus der Taufe gehoben werden, so müssen sie wirklich Lücken füllen und nicht aus reinem Sparzwang heraus geboren werden.

Innovative Kooperationsformen von Hochschulen müssen weiter entwickelt werden, das vereinfachende Raster, "hier Universitäten, dort Fachhochschulen" werden wir möglicherweise noch stärker an den Realitäten messen müssen.

Aus Forschung & Lehre :: Januar 2015

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