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Hochschulpolitische Metaphernlehre

von Felix Grigat

Der Deutsche Hochschulverband hat Minister, Abgeordnete und Repräsentanten von Wissenschaftsorganisationen zum Verhältnis von Universitäten und außeruniversitären Forschungsorganisationen befragt. Dabei geht es auch um das Alleinstellungsmerkmal der Universität und die Finanzierungsstrukturen. Einige Schlaglichter.*

Hochschulpolitische Metaphernlehre© Jeremy Edwards - iStockphoto.comDer Zustand des Wissenschaftssystems wird zunehmend mit Metaphern beschrieben
Die Chancen stehen gut, dass künftige Chronisten der gegenwärtigen Hochschulpolitik eine anatomische Wende, einen "anatomic turn", bescheinigen. Da vom Geist, der Idee oder der Kultur schon lange nicht mehr die Rede ist, sind zur Zeit folgerichtig Körpermetaphern verstärkt im Gebrauch. Körpermetaphern für das Gemeinwesen sind seit der antiken Stoa oder Thomas Hobbes nicht unbedingt etwas Neues, interessant ist aber deren eigenwilliger hochschulpolitischer Einsatz, der zu merkwürdigen Anatomien führt.

Dabei ist daran zu erinnern, dass Metaphern helfen, wo Begriffe nicht so recht weiterkommen - was für die auf klare und distinkte Begriffe angewiesene Wissenschaft wiederum ein wenig bedenklich ist. Nach Hans Blumenberg gibt es "absolute Metaphern", die das Denken grundlegend strukturieren. Ihre Wahrheit sei pragmatisch. Sie geben, so Blumenberg, einer Welt Struktur, repräsentieren das nie erfahrbare, nie übersehbare Ganze der Realität. "Dem historisch verstehenden Blick indizieren sie also die fundamentalen, tragenden Gewissheiten, Vermutungen, Wertungen, aus denen sich die Haltungen, Erwartungen, Tätigkeiten und Untätigkeiten, Sehnsüchte und Enttäuschungen, Interessen und Gleichgültigkeiten einer Epoche regulierten". Man lese diesen Satz zweimal in Ruhe, um sich dann den Metaphern auszusetzen, die für die Universitäten gebraucht werden.

Klarer Favorit für die Lokalisierung der Universitäten im Wissenschaftssystem ist die Herzmetapher. Der aktuell häufige Gebrauch geht wohl auf DFG-Präsident Peter Strohschneider zurück, der die Universitäten aufgrund ihrer besonderen Komplexität als "Herzkammer" der Wissenschaft bezeichnete. Wer die zweite, anatomisch notwendige Kammer besetzt, sagte er nicht. Seither hat diese Vorstellung eine erstaunliche Karriere gemacht und taucht auch in den Antworten auf die Umfrage des DHV auf. So sind die Universitäten für die Vorsitzende des Bildungsausschusses des Deutschen Bundestages, Ulla Burchardt, das (anatomisch etwas merkwürdige) "Herzstück unseres Wissenschafts- und Forschungssystems". Für Krista Sager, Sprecherin für Wissenschaftspolitik der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, das (ganze) "Herz des deutschen Wissenschaftssystems".

Der Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion für Forschungspolitik, Martin Neumann, hat allerdings mit dem Herzen nicht viel im Sinn und sieht in den Universitäten "das Rückgrat des Wissenschaftssystems". Eigentlich ist damit die Auktion für das für die Universitäten als Metapher beliebteste Körperteil eröffnet. Doch es verwundert, dass die naheliegendste Metapher der Universitäten als dem "Gehirn des Wissenschaftssystems" offenbar niemandem einfällt. Macht aber erstmal nichts, man will ja mit diesem Sprachgebrauch für die Universitäten nur das Beste: Ohne sie läuft eben die ganze Chose nicht.

"Kooperation auf Augenhöhe"

Geht es um das Verhältnis von Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen, werden beide nunmehr als ganze Körper gesehen. Es geht um eine avisierte oder wiederherzustellende Kooperation "auf Augenhöhe". Das bedeutet für die Universitäten eine Verwandlung vom Einzelorgan zu einem Körper in stattlicher Größe. Dazu gehöre nach Ansicht des bayerischen Wissenschaftsministers Wolfgang Heubisch, dass sich die finanziellen Möglichkeiten von Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen nicht auseinander entwickelten. Der thüringische Wissenschaftsminister Christoph Matschie bringt mit "Vernetzung" eine weitere Großmetapher ins Spiel. Die "Vernetzung" zwischen außeruniversitärer und universitärer Forschung müsse weiter "gestärkt werden".

Dabei greift er gleichsam hilfesuchend eine alte Metapher auf und fordert, die Hochschulen müssten die "zentrale Säule im Wissenschaftssystem" sein. Wie sich Säule(n) und Netz zueinander verhalten, sagt er nicht. Die Rolle der Hochschulen in der Forschung müsse künftig gestärkt werden, weil sie zurzeit finanziell "nicht so gut abgesichert" seien wie die außeruniversitären Forschungseinrichtungen.

Für "klug gegliedert" hält der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Peter Strohschneider, das deutsche Wissenschaftssystem, und zwar in einem "Gefüge von Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Förderorganisationen". Es sei ein "höchst ausdifferenziertes, pluralistisches und dezentrales Gebilde". In den letzten Jahren sei allerdings eine "scherenartige Entwicklung" des Verhältnisses von außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Universitäten zu beobachten. Die Drittmittelabhängigkeit der einen sei zurückgegangen, während die Bedeutung wettbewerblich eingeworbener Drittmittel und ihr Anteil an der Finanzierung der Forschung in den Hochschulen gegenüber den Mitteln aus der Grundfinanzierung gewachsen seien. Diesem Trend sei entgegenzuwirken.

Das Alleinstellungsmerkmal der Universitäten

Aber nach welchem Kriterium werden die Urteile gefällt? Einen Hinweis darauf bieten die Antworten auf die gestellte Frage: "Worin sehen Sie das Alleinstellungsmerkmal der Universität?" Hier wird in der Regel durchaus universitätstheoretisch und politisch korrekt geantwortet. Es sei die Einheit von Forschung und Lehre, damit zusammenhängend das Promotions- und Habilitationsrecht. Zentral sei die "Heranbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses" (Dorothee Stapelfeld, Senatorin für Wissenschaft der Hansestadt Hamburg). Dazu käme die "Fächerbreite", wie sie in der Wissenschaftslandschaft keine zweite Einrichtungsart in sich vereinige (Wolfgang Heubisch).

Durchaus nachdenklich zeigt sich die Junge Akademie, für die die Verbindung von Forschung und Lehre mehr sein müsse als das parallele Erfüllen zweier Funktionen unter einem institutionellen Dach. Allgemein kennzeichne die Universität gerade, dass sie wenig spezialisiert sei: "Die Universität bildet nicht allein Akademiker, nicht einmal bevorzugt Forscher aus, sondern wissenschaftlich gebildete Eliten für viele gesellschaftliche Bereiche". Für die DFG ist die Universität "konstitutiv für unser Wissenschaftssystem". Sie sei der einzige Ort, der das ganze Fächerspektrum der modernen Wissenschaft abdecke und auf allen Ebenen alle wissenschaftlichen Funktionen ausübe. Die Wissenschaft aber lebe auch im Spannungsverhältnis zwischen der Erwartungshaltung der Gesellschaft auf der einen Seite und ihren intrinsischen Dynamiken auf der anderen. Die Universität sei daher auch der wichtigste Ort, an dem beides produktiv miteinander verknüpft werden könne. Alle anderen Einrichtungen des Wissenschaftssystems seien gleichermaßen angewiesen auf "spezifische Leistungen der Universitäten".

Die Finanzierungsfrage

Eine weitere Frage lautet: "Welche Finanzierungsstrukturen und -schlüssel sollen für die (außerindustrielle) wissenschaftliche Forschung in Deutschland gelten?" Die Antworten hierauf überraschen nach den bisherigen Aussagen nicht. Nach Ansicht der DFG komme es darauf an, "Balance in diesem System zu halten". Die Balancen zwischen Kooperation und Konkurrenz, Integration und Ausdifferenzierung sowie zwischen den verschiedenen Funktionen und Qualitätsstufen von Wissenschaft und nicht zuletzt auch die organisatorische Balance zwischen den Universitäten und den Einrichtungen der außeruniversitären Forschung. Etwas weniger harmonisierend lautet die Antwort der Fraunhofer-Gesellschaft. Die im föderalen System historisch gewachsene und zum Teil in sich nicht schlüssige Finanzierungsstruktur des deutschen Wissenschaftssystems verleite periodisch dazu, den "großen Wurf" zu fordern.

Nachhaltig bewege die Fraunhofer-Gesellschaft eher die Frage nach Leistungsorientierung und Effizienz: "Setzen wir die begrenzten Mittel - unabhängig von Schlüsseln und Strukturen - dort ein, wo wir am meisten Ergebnisse und Wirkung erzeugen?" Die Junge Akademie bemerkt, dass bedingt durch die verschiedenen finanziellen Möglichkeiten von Bund und Ländern gegenwärtig bei den Finanzierungsstrukturen die Projektförderung gegenüber der institutionellen Förderung einen vergleichsweise großen Raum einnehme. Dies wäre längerfristig nicht effizient und effektiv. Deshalb wäre es wünschenswert, den Artikel 91b GG zu überdenken. Welcher Finanzierungsschlüssel für Universitäten sinnvoll wäre, hänge von der angestrebten Gesamtstruktur des Wissenschaftssystems ab. Eine Änderung des Artikels 91b fordert auch die Alexander von Humboldt-Stiftung.

Die Antworten auf die Fragen des Hochschulverbandes geben einen guten Eindruck von der derzeitigen Diskussion um das Verhältnis von außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Universitäten. Es fehlt der Aspekt der Macht und der Einflussgewinnung oder der Angst vor Machtverlust. Wie sonst auch, lässt der Gebrauch der Metaphern ahnen, welche "Tätigkeiten und Untätigkeiten, Interessen und Gleichgültigkeiten" (Blumenberg) die aktuelle Hochschulpolitik regieren. Immerhin.

* Die komplette DHV-Umfrage kann bei der Redaktion von Forschung & Lehre angefordert werden.


Über den Autor
Felix Grigat, M.A., ist verantwortl. Redakteur von Forschung & Lehre.

Aus Forschung & Lehre :: Mai 2013

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