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Hochschulreif ohne Hochschulreife

Das Gespräch führte JULIA NOLTE

In Rheinland-Pfalz gibt es besondere Studienangebote für Berufstätige. Ein Gespräch mit dem Experten Ralf Haderlein.


Hochschulreif ohne Hochschulreife© giftgruen - Photocase.comAuch ohne Abitur an die Uni?
DIE ZEIT: Der klassische Zugang zum Studium läuft über Abitur oder Fachabitur. Doch seit einer Weile gibt es alternative Wege an die Hochschulen. Auch bei Ihnen in Rheinland-Pfalz können jetzt Menschen ohne Abi studieren.

Ralf Haderlein: Das ist richtig. Seit dem 1. September 2010 gibt es hier ein neues Hochschulgesetz, das Berufstätigen ohne Abitur den Zugang zur Hochschule ermöglicht. In den anderen Bundesländern gibt es ähnliche Regelungen, die zu einer größeren Durchlässigkeit zwischen Beruf und Studium führen. Doch Rheinland-Pfalz ist besonders weit gegangen.

ZEIT: Was ist bei Ihnen anders? Können Sie uns dafür ein Beispiel geben?

Haderlein: Die Zugangs- und Auswahlmöglichkeiten für die potenziellen Studenten sind größer. Der Bäcker zum Beispiel, der seine Gesellenprüfung mit einer Note von mindestens 2,5 bestanden hat und seit mindestens zwei Jahren arbeitet, kann in Rheinland-Pfalz neuerdings alles studieren, was die Fachhochschulen anbieten. 2010 gab es immerhin schon etwa 230 Studienanfänger, die über den berufsqualifizierten Weg zugelassen worden sind. Fachgebunden kann man auch an den Universitäten studieren. Ob dies zum Beispiel Lebensmittelchemie wäre, müssen die Unis allerdings noch festlegen. Ganz neu ist eine Kooperation zwischen der FH Kaiserslautern und den Verwaltungs- und Wirtschaftsakademien (VWA) in Rheinland-Pfalz.

ZEIT: Was ist eine VWA?

Haderlein: Eine Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie bietet Lehrgänge für Beamte und Angestellte im öffentlichen Dienst sowie für Kaufleute und kaufmännische Angestellte. Man muss kein Abitur mitbringen. Die Weiterbildung dauert berufsbegleitend im Schnitt drei Jahre, und man schließt als Betriebswirt (VWA) oder Verwaltungs- Betriebswirt (VWA) ab.

ZEIT: Welche Möglichkeit bietet dabei die Kooperation mit der FH Kaiserslautern?

Haderlein: Diejenigen, die eine Ausbildung und einen Abschluss an einer VWA in Rheinland- Pfalz gemacht haben, können sich in den neuen Bachelor-Fernstudiengang Betriebswirtschaft an der FH Kaiserslautern einschreiben. Dies gilt übrigens auch für die Absolventen einiger VWAs in Hessen und im Saarland.

ZEIT: Was ist daran besonders? Dank des neuen Hochschulgesetzes können sie sich doch auch ohne VWA-Abschluss an der FH einschreiben.

Haderlein: Ja, aber die Absolventen bekommen viele Leistungen, die sie an der VWA erbracht haben, angerechnet. Das können bis zu 94 Creditpoints sein von insgesamt 210, die sie erbringen müssen. Diese Studenten steigen im sechsten von zehn Semestern ein.

ZEIT: Ist dieser Quereinstieg auch für andere Studiengänge denkbar?

Haderlein: Ja, das BWL-Studium an der FH Kaiserslautern ist bewusst als Modell entwickelt worden, welches von anderen Hochschulen übernommen werden könnte. Außerdem hoffe ich, dass in Kaiserslautern und anderswo zukünftig vielleicht sogar die Abschlüsse der VWAs aus ganz Deutschland anerkannt werden. Was andere Studienfächer betrifft: Mehr Hochschulen sollten sich überlegen, welche Berufe ihren Studiengängen nahekommen und ob sie einiges davon anerkennen können.

ZEIT: Wie kann ein Studienangebot für Leute ohne Abitur oder Fachabitur generell aussehen?

Haderlein: Die Studenten, die aus dem Beruf an die Hochschulen kommen, dürfen nicht allein gelassen werden. Wer Probleme hat, ins Lernen hineinzufinden, muss Kurse zu wissenschaftlichem Arbeiten, Schreibwerkstätten oder Vorkurse etwa in Mathe angeboten bekommen.

ZEIT: Wie kann man darüber hinaus sicherstellen, dass das Studium gelingt?

Haderlein: Man könnte Kompetenzchecks durchführen und für jeden Studenten ein Lernprofil erstellen, aus dem ersichtlich wird, welche Vorkurse er besuchen sollte, um im Studium Erfolg zu haben. In diese Kurse gehen übrigens auch die Abiturienten.

ZEIT: Und wer ist besser?

Haderlein: Bei der Zentralstelle für Fernstudien an Fachhochschulen (ZFH) haben wir festgestellt, dass die berufsqualifizierten Leute nicht schlechter abschneiden als die Abiturienten. Ein Studium hat auch viel mit Organisationstalent zu tun, und diese Kompetenz bringen Berufstätige häufig stärker mit als diejenigen, die gerade erst von der Schule kommen. Wichtig ist meiner Meinung nach, dass jeder Mensch in seinem Leben mehrere Chancen bekommt. Wenn also jemand erst sehr spät für sich herausfindet, dass ein Hochschulstudium etwas für ihn sein könnte, dann soll er trotzdem noch die Möglichkeit dazu erhalten.

Aus DIE ZEIT :: 22.06.2011

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