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Hybrid Gesamthochschule

von HEYNO GARBE

Plädoyer für eine Integration der Hochschule Lausitz in die BTU Cottbus.

Hybrid Gesamthochschule@ Judith Bicking - www.123rf.comDie Ministerin Sabine Kunst fordert die umstrittene Fusionierung der Brandenburgisch Technischen Universität Cottbus (BTU) und der Hochschule Lausitz (HL)
Brandenburgisch Technische Universität Cottbus (BTU) soll nach dem Willen der Landesregierung mit der Hochschule Lausitz (HL) zu einer Gesamthochschule in der Lausitz fusioniert werden. Dagegen hat sich massiver Widerstand von Hochschullehrern, Studenten und Verbänden formiert. Ein Beitrag über die Hintergründe und die aktuelle Situation.

Am 9. Februar 2012 überraschte die brandenburgische Ministerin Professor Sabine Kunst die BTU Cottbus sowie auch die Hochschule Lausitz (HL) mit der Ankündigung, beide Hochschulen zu schließen und als eine neue Universität - damals noch mit dem Begriff "Energie- Universität" - neu zu errichten. An diesem Tag stellte Professor Rolf Emmermann sein Gutachten vor, an dem eine im Mai 2010 von der damaligen Wissenschaftsministerin Dr. Martina Münch einberufene Expertenkommission mit rund 30 Mitgliedern gearbeitet hatte. Diese Kommission sprach sich für den Erhalt der beiden selbstständigen Hochschulen aus, wenngleich sie nicht mit Kritik in einigen Bereichen sparte. Auch eine stärkere Kooperation der beiden Lausitzer Hochschulen wurde gefordert - jedoch nicht ihre Schließung.

Die Landesstrukturkommission, die im März 2011 von Ministerpräsident Platzeck den Auftrag erhielt, alle brandenburgischen Hochschulen zu evaluieren, kam ebenfalls nicht zu dem Ergebnis, beide Hochschulen zu schließen und neu zu errichten; statt dessen schlug sie eine Holding als Dach von zwei eigenständigen Einrichtungen vor. Auch die Expertise dieser von Professor Friedrich Buttler geleiteten Kommission, die ihr Ergebnis Ende Mai 2012 der Öffentlichkeit vorstellte, konnte die Ministerin nicht umstimmen. Die am 9. Februar 2012 getroffene politische Entscheidung steht seither fest; auch wenn diese nichts mit den Empfehlungen von beiden Kommissionen zu tun hat.

Im Verlauf des Frühjahrs 2012 gab es einige öffentliche Veranstaltungen mit der Ministerin; unter anderem auch in der Cottbuser Stadtverordnetenversammlung, bei der sie nicht vermitteln konnte, worum es ihr ging, so dass etliche Medien von einem "Kommunikationsdesaster" sprachen.

Wenig später ernannte die Ministerin Dr. Thomas Grünewald, bis dahin Vize-Präsident der Uni Potsdam, zum Beauftragten für die Entwicklung der Hochschulregion Lausitz, der ab 1. Mai 2012 viele Gespräche mit den verschiedenen Statusgruppen an beiden Hochschulen sowie mit Vertretern von Verbänden und Politikern führte. Zwar fanden unter seiner Regie gemeinsam mit einem Moderator sogenannte "Lausitz- Dialoge" statt, doch diese wurden nicht ergebnisoffen geführt, sondern dienten der Darstellung des jeweiligen Standpunktes.

Die ministeriellen Pläne stießen an der BTU Cottbus auf eine breite Front der Ablehnung: zwei Drittel der Professoren sprachen sich dagegen aus, die Studierenden griffen die Position der Ministerin an und gingen auf die Straße, Studierende und Mitarbeiter gründeten eine Volksinitiative. Innerhalb von nur acht Wochen sammelten sie 42 000 Unterschriften zum Erhalt der beiden Hochschulen. Zudem gibt es wöchentliche Mittwochsdemos, bei denen sich Studierende und Mitarbeiter für eine halbe Stunde zum Protest versammeln.

Die Stadtverordnetenversammlung Cottbus und der Oberbürgermeister standen bis zum 14. August 2012 hinter den Forderungen der BTU Cottbus. Bei einem Besuch des Ministerpräsidenten Matthias Platzeck am 14. August änderte der Oberbürgermeister seine Haltung und schwenkte auf den Kurs der Landesregierung mit der Begründung ein, dass fünf seiner sieben Forderungen erfüllt worden seien. Unbestritten ist, dass die Ankündigung, mit Hilfe von Hochschulverträgen den Universitäten und Fachhochschulen Planungssicherheit zu gewähren, ein erster Fortschritt ist.

Position der BTU Cottbus

Die BTU hat am 7. Mai 2012 einen eigenen Vorschlag zur Entwicklung vorgelegt, der keiner neuen gesetzlichen Regelung bedarf. Dieser geht von den Empfehlungen der Lausitzkommission aus und entwickelt diese weiter. Teil dieses Vorschlages ist die Kooperation mit der HL in wesentlichen Strukturbereichen. Dies beinhaltet strukturelle Veränderungen von der Errichtung gemeinsamer wissenschaftlicher Einrichtungen bis zur Integration ganzer Fakultäten, den Aufbau einer gemeinsamen Studienvorbereitung und Weiterbildung sowie die Kooperation im Bereich der Graduiertenausbildung. Die Weiterentwicklung der unterschiedlichen Studienprofile und die inhaltliche Schwerpunktsetzung sollen gewährleisten, dass die jeweilige Sichtbarkeit und Attraktivität beider Einrichtungen sowie der Marken BTU und HL innerhalb und außerhalb der Region erhalten bleibt bzw. verbessert wird. Die Voraussetzungen hierfür sind in der BTU gegeben. Deren Reformfähigkeit hat sich insbesondere bei der zügigen Umsetzung der Bolognareform und eines gemeinsam mit der Hochschule Lausitz bundesweit einmaligen Bauingenieurstudienganges gezeigt.

Die BTU Cottbus hält am Erhalt der beiden Institutionen - BTU und Hochschule Lausitz - fest, weil aus ihrer Sicht die Begründung des Gesetzesentwurfs für die Auflösung und Neugründung nicht nachvollziehbar ist. Für die Schließungen von BTU und HL als eigenständiger Universität bzw. Fachhochschule nach nur 21 Jahren ihres Bestehens fehlen ausreichende Argumente. Die Ursachen der im Gutachten der Lausitzkommission kritisierten Schwächen in der Forschung werden weder analysiert, noch werden Alternativen zur Verbesserung der Situation diskutiert. Es wird insbesondere nicht erklärt, wie die Fusion mit einer Fachhochschule die Forschungsleistung einer Universität verbessern kann. Das hohe Potenzial, welches in einer kontinuierlichen Weiterentwicklung der noch jungen, aber international renommierten BTU steckt, wird ebenso wie bereits erzielte Erfolge (z.B. die Einwerbung von 34 Millionen Euro Drittmittel im Jahr 2011 oder Spitzenpositionen bei renommierten Rankings) ignoriert.

Die weitreichenden Vorschläge der BTU zu ihrer zukünftigen Entwicklung wurden trotz "Lausitz-Dialogen" und zahllosen Gesprächen mit dem Transformationsbeauftragten Dr. Grünewald bislang kaum in die Diskussion einbezogen.

Die Auflösung zweier Hochschulen mit völlig unterschiedlichen Zielsetzungen und deren Zusammenfassung in einer neuen Einrichtung lässt - nach einer bereits mehrjährigen Besetzungssperre und der aktuellen, politisch bedingten Phase von Unsicherheit und Demotivation - viele Jahre des Reibungsverlustes in Forschung und Lehre mit entsprechend hohen Transferkosten, Verlust der Markenwerte und Gefährdung langjähriger Kooperationen mit der Wirtschaft sowie Ausfälle bei den Drittmitteleinnahmen erwarten. Die Position der BTU wird von mehreren Fakultätentagen, der Wirtschaft - wie zum Beispiel Rolls Royce -, Verbänden, Gewerkschaften und dem Deutschen Hochschulverband unterstützt.

Mit dem bislang vorliegenden Referentenentwurf für das geplante Errichtungsgesetz wird die Hochschulautonomie hinsichtlich der akademischen Organisationsstruktur und der Selbstverwaltung faktisch auf lange Zeit außer Kraft gesetzt.

Vor dem Hintergrund der demographischen Situation Brandenburgs und der Region Lausitz kann eine differenzierte Hochschullandschaft substanzielle Beiträge zur Dämpfung der negativen demographischen Entwicklung und des damit verbundenen, sich schon abzeichnenden Fachkräftemangels leisten.

Es bleibt daher unverständlich, warum dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit nicht Rechnung getragen wird und sofort die ultima ratio gewählt wird, wenn das Brandenburgische Hochschulgesetz auch weniger drakonische Wege ermöglicht, wie z.B. § 73 zeigt, der ohne Gesetzesakt gemeinsame wissenschaftliche Einrichtungen und Betriebseinheiten zwischen Hochschulen ermöglicht.

Der Gesetzesentwurf will ein Fachhochschulangebot und ein universitäres Miteinander vereinen sowie in den gemeinsamen Fakultäten verschränken. Unabhängig vom Namen und der rechtlichen Struktur des neuen Gebildes ist dies keine neue Idee, sondern führte Anfang der 70er Jahre in NRW sowie Hessen zur Gründung von insgesamt sechs Gesamthochschulen, die jedoch nach rund 25 Jahren in Universitäten umgewandelt wurden, wobei der Name "Gesamthochschule" nicht weiter verwendet werden sollte. Auch Hessen wandelte seine einzige Gesamthochschule 2003 in eine reine Universität um.

Fremdkörper unter den deutschen Hochschulen

Die neu zu gründende Gesamthochschule in der Lausitz wäre ein Hybrid, der einen Fremdkörper in der deutschen Hochschullandschaft darstellte und der schon beim ersten Versuch in den siebziger Jahren weder von Studierenden noch vom Beschäftigungssystem angenommen wurde.

Eine neu zu gründende Technische Universität wird Studierende davon abhalten, sich dort einzuschreiben und anstehende Berufungen extrem erschweren, weil es sich bei dem neuen Gebilde gerade nicht um eine reine Universität handelt. Inwieweit dieser Hybrid für Studierende des Fachholschulzweiges attraktiv wäre, erschließt sich ebenso wenig. Auch jetzt können Bachelor-Absolventen einer Fachhochschule bei Vorliegen der Zulassungsvoraussetzungen den Master an einer Universität erwerben und übrigens auch umgekehrt.

Die bislang vorliegenden Zusagen der Landesregierung nach mehr Mitteln aus dem Hochschulpakt sowie aus EUProgrammen können nur für bestimmte Verwendungen eingesetzt werden und dem Kerngeschäft nicht zu Gute kommen. Aufgrund all der hier aufgeführten Gründe fordert 4ING, der Dachverband von 130 Fakultäten an deutschen Hochschulen, den brandenburgischen Ministerpräsidenten auf, einen Weg für eine neu profilierte Universität und Fachhochschule in der Lausitz zu beschreiten. Die Zerschlagung und Neuerrichtung kommt das Land in vielfacher Hinsicht wesentlich teurer zu stehen als eine Integration von Teilen der Hochschule Lausitz in die BTU Cottbus.


Über den Autor
Professor Dr.-Ing. Heyno Garbe lehrt Grundlagen der Elektrotechnik und Messtechnik. Er ist Vorsitzender von 4ING, des Dachvereins der Fakultätentage der Ingenieurwissenschaften und der Informatik an Universitäten.


Aus Forschung & Lehre :: September 2012

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