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Hybride Welt

von INGRID SCHIRMER

Herausforderungen in der digitalen Dimension.

Hybride Welt© mauritius-images @ Forschung & LehreDie digitale Welt als neues Potenzial für Wirtschaft, Kommunikation und Denken
Der digitale Raum ist zum ständigen Begleiter des Menschen geworden. Es gilt, aus der digitalen Welt mit ihren unterschiedlichen Facetten Nutzen zu stiften. Welche Rolle kann die Wissenschaft, insbesondere die Informatik, einnehmen, um gestaltend mitzuwirken?*

Auf der Basis von Informationstechnologie und Informationssystemen hat sich die Menschheit in sehr kurzer Zeit eine neue, eine bisher nicht dagewesene Dimension geschaffen, einen erweiterten Lebensraum gigantischer Größe. Dieser digitale Raum wird immer beherrschender und ist zum ständigen Begleiter geworden. Wir halten uns immer länger in ihm auf; wir verlagern sehr vieles in ihn. Und gerade in dieser Durchmischung von realer und digitaler Welt liegen die besonderen Potenziale für unser Leben, unsere Arbeitswelt, unsere Wirtschaft, unsere Gesellschaft und unser Denken.

Hinter dieser digitalen Welt stehen nicht nur das WWW, sondern unzählige Informationssysteme, die über dieselbe zugrundeliegende Netzwerk-Infrastruktur zielgerichtet kommunizieren und ihre ortsungebundenen Dienste "nach außen" anbieten. Gleichzeitig beziehen diese Systeme auf den Ebenen ihrer internen Architektur zunehmend selbst technische Dienste aus dem Netz. D.h. wir stehen vor einer technischen Entgrenzung, einer Gesamt- IT-Architektur mit unglaublichem Optimierungspotenzial, das eine weltweite, dynamische, also absolut zeitnahe Steuerung freier (Rechen-, Speicher-, Netzwerk-, Software-) Kapazitäten ermöglicht, die im physischen so nicht realisierbar sind. Vernetzbare Nutzungsdaten bieten das Potenzial zu Überprüfung, Nachverfolgung, biometrischer Erkennung, Auswertungen und Transparenz, das es ebenfalls so bisher nicht gab.

Neben diesen generellen Eigenschaften weist die digitale Welt aber auch sehr unterschiedliche Facetten an ihrer "Oberfläche" auf: sie bietet einen grenzenlosen Informationspool, ein Kommunikationsmedium mit Möglichkeiten der Erreichbarkeit von Millionen von Menschen, eine Parallelwelt und einen gigantischen Marktplatz für neuartige Dienste. Ihre Anreicherung mit kognitiven Systemen, Agenten, Sensoren, Robotik- und eingebetteten Steuerungssystemen führt zu Szenarien eines Physical Cyber Space, in dem nicht nur Menschen, sondern physische Dinge mit dem Netz verbunden und Gegenstand der Auswertung, der Steuerung, der Geschäftsmodelle werden.

Daraus ist das Folgende, an sich Selbstverständliche, festzuhalten: Die technische Realisierung der digitalen Welt ist an vielen Stellen untrennbar mit der realen Welt verbunden, insb. über die funktionale Einbettung in die Sinnzusammenhänge des Menschen, in technische Systeme. Digitale und reale Welt bilden einen soziotechnischen Riesen-Cyborg, ein Business Ecosystem, eine hybride Welt, die nicht teilbar ist.

Aus dieser Verzahnung folgt eine simple Frage: die Abhängigkeit menschlicher Tätigkeit in Wirtschaft und Gesellschaft sowie die Funktionsfähigkeit unserer gesamten physischen "alten" Infrastruktur von dieser neuen ist eklatant. Sind wir uns dessen wirklich bewusst? Und eine weitere Frage: die unterschiedlichen Facetten der digitalen Welt zusammenzudenken und Nutzen daraus zu stiften, ist eine Herausforderung.

Durchdringende Innovationen basieren aber genau hierauf - und die Leader sind große Unternehmen. Welche Rolle nimmt die Wissenschaft, allen voran die Informatik, hierbei ein? Ist sie aufgrund ihrer Spezialisierung abgeschlagen, entgleitet ihr Einfluss? Aber: entgleitet auch der Wirtschaft der Einfluss? Der Markt ist nicht beherrschbar, aber hier geht es gleichzeitig um die Funktionsfähigkeit der darunterliegenden Technologie, die in jedem Fall gewährleistet sein muss!

Daher: Die Wissenschaft ist dringend interdisziplinärer und in größeren Verbünden zu organisieren, will sie deutlicher gestaltend mitwirken und nicht nur partieller "Zulieferer" sein. (Schwerpunktthemen sind u.a. Sicherheit: in wessen Verantwortung liegt Cyber Security?, Bildung: den digital natives fliegen die nötigen Kompetenzen nicht einfach zu, Mensch-Computer-Interaktion ...). Aber selbst das reicht alleine nicht aus. Der Mensch als kostbare Ressource benötigt dazu Fähigkeiten - Komplexitätsreduktion, Abstraktionsvermögen - und Reife hin zu ethischer Führungsverantwortung für das Ganze. Hierzu benötigt er Rückzug - gerade in einer Situation, in der die Gegenkräfte massiv sind.

Zwar wird der Mensch durch digitales Denken in unglaublicher Weise empowered. Gleichzeitig werden aber seine Denkgewohnheiten - durch den Eintritt in den digitalen Raum, aber auch mindestens im gleichen Maße durch die Transformation der Lebens- und Arbeitsprozesse - verändert: mit den bekannten Phänomenen der Entgrenzung der Arbeit, der ständigen Erreichbarkeit, der Arbeitsverdichtung, als mitarbeitender anonymer Kunde, in der multimedialen Freizeitgestaltung. Beschleunigung, Fokus auf Effizienz in allen Bereichen, Unterbrechung von Arbeitsschritten oder Denkprozessen, Delegation eigener Fähigkeiten an intelligente Agenten sind die Folge.

Daher benötigen wir nicht weniger als ein Umdenken, gemäß J. Ellul (zitiert in Checkland, P. (1989): Systems thinking, systems practice, Wiley, Chichester, S. 145): "Ellul means that the ever-expanding and irreversible rule of technique is extended to all domains of life. It is a civilization committed to the quest for improved means to carelessly examined ends. ... Technique turns means into ends" . Sorgsam entwickelte Ziele sind nicht einfach zu bestimmen. Sie benötigen Wissen um den Kontext, bessere Überbrückung von Analyse und Design, Ausrichtung verschiedener Perspektiven, Ressourcen, Überzeugung. Sie haben ihren eigenen Preis.

Wir benötigen daher noch einen weiteren Shift in der Perspektive über die Zielbestimmung hinaus hin zu der Frage, wer wir selbst auf diesem Weg werden. Wir als Akademia haben dieses Privileg, innezuhalten, damit aber auch die Verantwortung. Denn: Wer wird den verantwortlichen Ausbau der digitalen Welt steuern, wenn wir in der Gefahr stehen, nicht mehr bei uns zu sein, sondern zunehmend "da draußen", ständig online?

Wir sind mehr als Denken, ob digital oder nicht. Die digitale Welt braucht Menschen, die sich diese menschliche Seite des Denkens, die Intention, die Reflexion und die Einkehr bewahren. Da werden die guten Kräfte gestärkt und wir freuen uns, Verantwortung zu tragen in dieser unruhigen neuen digitalen Dimension der Menschheit. Dass wir nicht nur Getriebene, sondern gute Gestalter und Verwalter der neuen Möglichkeiten sind, das wünsche ich uns allen.

*Für die Veröffentlichung bearbeitete Fassung eines Vortrages, gehalten auf dem Symposion des Deutschen Hochschulverbandes "Digitales Denken - Wie verändert die digitale Revolution unser Leben" am 7. November 2012 in Bonn.

Über den Autor
Ingrid Schirmer, Leiterin des Fachbereichs Informatik der Universität Hamburg, ist Professorin für Informationstechnikgestaltung und Genderperspektive im Schwerpunkt Complex Systems Engineering dieses Fachbereichs.
Ihre Forschungsgebiete sind: IT-Governance, Unternehmensarchitekturmanagement, neue Querschnittsaufgaben der IT, Komplexität in sozio-technischen Ökosystemen, Informatische Bildung und Bild der Informatik.


Aus Forschung & Lehre :: Dezember 2012

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