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I love my Work - Beruf und Lebensglück

VON UWE JEAN HEUSER

Der Job entscheidet mit über das Lebensglück. Heute erkennen Forscher, woran das liegt.

I love my Work - Beruf und Lebensglück© .shock - Fotolia.comArbeit und Beruf als Schlüssel zu Glück und Lebenszufriedenheit
Lange gingen Ökonomen davon aus, dass Arbeit reine Last sei: Statt ihre Freizeit zu genießen, litten die Menschen acht oder zehn Stunden am Tag - und für dieses Übel würden sie bezahlt. Eine traurige Theorie war das und gottlob eine falsche. Heute erforschen Wirtschaftswissenschaftler, in welchem Maße der Beruf ihr Lebensglück beeinflusst und wie zufrieden Menschen sind. Und siehe da: Menschen, die sich als hochzufrieden bezeichnen, werden von anderen auch so wahrgenommen.

Sie sind offener für positive Einflüsse, nehmen leichter Kontakt auf und blicken optimistischer in die Zukunft. Sogar ihre Immunabwehr ist besser, sie sind selten krank. Nimmt man die Erkenntnisse der Wissenschaft also ernst, ist für die modernen Industriegesellschaften eines gewiss: Nicht Arbeit macht unzufrieden, sondern Arbeitslosigkeit. Wenn überhaupt, sind bloß noch Gesundheit und Familienfrieden wichtiger, die Erwerbstätigkeit kommt als Faktor für Lebenszufriedenheit gleich dahinter.

In Deutschland hat das Roman Herzog Institut dieses Phänomen jüngst aufgeschlüsselt. Fast die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung gehört demnach zur Glückselite der Hochzufriedenen, egal, ob sie Vollzeit oder Teilzeit arbeitet, abhängig beschäftigt oder selbstständig ist. Von den Arbeitslosen fühlt sich nur ein Fünftel wohl. Experten schätzen: Wollte man Menschen, die arbeitslos werden, für den dadurch erlittenen Zufriedenheitsverlust entschädigen, müsste man ihnen fast das Doppelte ihres alten, nun verlorenen Gehalts zahlen. So schwer wiegt der Verlust an Ansehen und sozialem Kontakt, an Strukturierung des Tages und an Sinnstiftung.

Doch auch bei der Arbeit gibt es Ärger und Stress. Deshalb ist es wichtig, zu erfahren, wie sich der Job im Tagesverlauf auswirkt. Dieses tatsächliche Erleben ist das »zweite Glücksmaß«, dem Forscher wie der amerikanische Psychologe und Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman nachspüren. Er bat Arbeitende im Laufe eines Tages immer wieder um Auskunft, was sie gerade getan hätten und wie zufrieden sie damit seien.

Eine Studie mit mehr als 900 berufstätigen Frauen in Texas zeigte, welche Aktivitäten sich positiv auf das Befinden auswirkten und welche negativ. Manches Ergebnis ist erwartbar: So scheint Sex der größte Glücksbringer zu sein, gefolgt von gemeinschaftlichem Ausgehen nach der Arbeit, ausführlichem Abendessen, der Entspannung, dem Sport und dem Beten. Hausarbeit und Einkaufen machten die wenigsten befragten Frauen glücklich. Überraschender ist schon, dass die Betreuung der eigenen Kinder negativ zu Buche schlug - während das Muttersein als solches paradoxerweise die Lebenszufriedenheit hebt.

Und die Arbeit? Als besonders unangenehm galt die Anfahrt am Morgen, aber auch abends machte langes Pendeln die Frauen unfroh. Die Verrichtung der - oft simplen - beruflichen Tätigkeiten wirkte im Schnitt negativ, aber die sozialen Beziehungen, Gespräche und Diskussionen, Meetings und Kantinenessen, steigerten die Zufriedenheit wieder.

»Die Arbeit« besteht also aus ganz unterschiedlichen Momenten. Deshalb spielt es eine große Rolle, welchen Beruf jemand wählt und wo und wie er ihn ausübt. Die australische Krankenschwester Bronnie Ware hat ein anrührendes Buch geschrieben über die 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen. Den ersten Merksatz fürs Leben diktierte eine todkranke Frau: Man solle sich treu bleiben, statt zu leben, wie andere es erwarten. Eigentlich eine Binsenweisheit, jeder weiß das theoretisch - und doch machen auch heute noch viele Abiturienten eine Banklehre, statt die Schauspielschule zu besuchen, oder studieren Betriebswirtschaft statt Philosophie. Weil Eltern, Onkel und Tanten es so vernünftiger finden. Und dann?

»Glück erlebt, wer die Aufmerksamkeit auf etwas Angenehmes richtet«

Dann kommt es oft anders, als man denkt: Den Bankern hagelt eine Finanzkrise in die Karriereplanung, den Betriebswirten ein Überangebot an Kaufleuten. Und zum ungeliebten Beruf kommt auch noch der Misserfolg. Studieren, was einen wirklich interessiert, könnte in der Achterbahnwirtschaft von heute die einzige verlässliche Entscheidungshilfe sein. Gut drei Viertel der deutschen Schulabgänger bekommen ihre Wunschausbildung auch - inzwischen etwas mehr Frauen als Männer.

Die Männer wählen eher die lukrativen Berufe, obwohl auch für sie Geld nicht unbedingt Glück bedeutet. So sind Wissenschaftler öfter zufrieden als Manager, die deutlich mehr verdienen. »Glück erlebt man in Momenten, in denen sich die Aufmerksamkeit auf etwas Angenehmes richtet«, sagt Daniel Kahneman. Um täglich solche Augenblicke zu erleben, braucht der Mensch nicht nur den richtigen Beruf, sondern auch den richtigen Arbeitsplatz. Nach einer Umfrage der Beratungsfirma Gallup sind mehr als 90 Prozent der Arbeitnehmer mit ihrem Job zufrieden, aber fast 25 Prozent spüren keine innere Bindung an ihr Unternehmen. Manchmal liegt das an ihnen, oft aber an Firmenkultur und Chefs. Wo Kollegen kooperationswillig sind, wo Führungskräfte schwelende Konflikte rasch lösen und die Mitarbeiter beruflich unterstützen, entsteht Zufriedenheit.

Umgekehrt geht es den meisten auf die Nerven, wenn Streitigkeiten ungelöst bleiben, niemand Apathie oder Mobbing entgegentritt. Noch schlimmer ist es nur, wenn Angestellte - zu Recht oder Unrecht - ihren Job permanent für gefährdet halten und keine Möglichkeit für einen Wechsel sehen. Produktiv ist dieses Gefühl des Ausgeliefertseins nicht, auch wenn umgekehrt ein Wohlgefühl bei den Angestellten noch keine gute Leistung garantiert. Die Wirtschaft braucht eine Atmosphäre, in der sich zufriedene Mitarbeiter über den Dienst nach Vorschrift hinaus engagieren. Und sie schafft umso mehr Wohlstand, je treffsicherer sich die Menschen erst ihren Beruf und später ihre Jobs aussuchen.

Die Bedingungen in der Wirtschaft ändern sich heute rasant, also müssen sich Erwerbstätige öfter fragen, ob die Arbeit ihre Erwartungen erfüllt. Gerade diejenigen, die sich im Job aufzehren, stellen sonst irgendwann fest, dass das übrige Leben leidet. »Man muss immer ausgeglichen leben«, sagt eine von Bronnie Wares sterbenden Kronzeuginnen. »Lass die Arbeit nicht dein ganzes Leben werden.« Kein Wunder, dass auch flexible Tätigkeiten und Phasen von Teilzeit das Glück des Einzelnen beflügeln. Und sei es nur, weil er merkt: Ich habe mein Leben selbst in der Hand.

Aus DIE ZEIT :: 24.10.2013

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