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Ich bin zwei

VON TOBIAS HÜRTER

Unser Gehirn führt ein Doppelleben. Seine beiden Hälften verfolgen unterschiedliche Interessen, glaubt der britische Psychiater Iain McGilchrist. Das prägt unser Denken ebenso wie unsere Kultur.

Ich bin zwei© albund - 123rf.comTrennt man die eine Hirnhälfte von der anderen, kann diese ein selbständiges Bewusstsein hervorbringen
Wer bin ich, und wenn ja, wie viele? - Der britische Psychiater Iain McGilchrist hat auf die populärphilosophische Frage eine klare Antwort: Ich bin zwei. Zwei Persönlichkeiten leben in uns, hervorgebracht von den zwei Hälften unseres Gehirns. Diese ergänzen sich ähnlich wie Sherlock Holmes und Dr. Watson, bringen mal geniale Einsichten hervor, pflegen mal den Blick fürs unscheinbare Detail. Und wenn McGilchrist recht hat, prägt diese Doppelnatur nicht nur unser Denken, Fühlen und Wahrnehmen, sondern letztlich die ganze menschliche Kultur.

Was wie abstrakte Theorie klingt, wurde für Vicki P. auf drastische Weise Wirklichkeit. Bei der Epilepsiepatientin wurde 1979 eine radikale Operation durchgeführt: Um ihre schweren Anfälle einzudämmen, durchtrennten Chirurgen die Verbindung zwischen ihren beiden Gehirnhälften, das sogenannte Corpus callosum. Die Anfälle nahmen ab. Dafür veränderte sich Vickis Alltag dramatisch. Jeder Einkauf im Supermarkt wurde für sie zu einem Kampf - gegen sich selbst. Wollte sie mit der rechten Hand etwas aus dem Regal nehmen, so schilderte sie es in einem Interview, »griff die linke Hand ein, und dann rangen sie miteinander«. Es dauerte Stunden, bis Vicki ihre Einkäufe beisammenhatte. Ähnlich war es morgens beim Anziehen: Linke und rechte Hand konnten sich partout nicht auf einen Kleidungsstil einigen. Solche Patientengeschichten sind für Iain McGilchrist der schlagende Beweis für seine ungewöhnliche These. »Man kann jeder Hirnhälfte eigene Ansichten, Absichten, Ziele, Werte und Neigungen zuschreiben«, sagt der britische Psychiater. Deshalb könne es mitunter zum Konflikt kommen - sowohl zwischen den beiden Hirnhemisphären als auch zwischen den beiden Händen, die über Kreuz mit der jeweils gegenüberliegenden Hirnhälfte verbunden sind.

Am Maudsley Hospital in London, wo McGilchrist jahrelang praktizierte, hat er viele Schicksale wie das von Vicki P. kennengelernt. Zum Beispiel Menschen, denen ein Tumor oder ein Schlaganfall die rechte Hirnhemisphäre lahmlegte - und die daraufhin plötzlich ihre linke Körperhälfte nicht mehr wahrnahmen und nur noch die rechte Seite kämmten, rasierten oder bekleideten. Seither treibt Iain McGilchrist die Frage nach der Doppelnatur unseres Gehirns um. Warum besteht es aus zwei Hälften? Und warum haben diese Hemisphären so unterschiedliche Aufgaben, dass sie sich im Extremfall geradezu bekämpfen? Der britische Psychiater betritt mit solchen Fragen heikles Terrain. Denn die Zweiteilung unseres Denkorgans war einmal ein Modethema der Hirnforschung - und wie so viele Moden wirkt diese heute etwas peinlich.

So postulierten einst Forscher, unser Denkorgan lasse sich in eine »analytische« linke und eine »gefühlvolle« rechte Hälfte trennen. Prompt pries der schwedische Autokonzern Volvo in einer Anzeige ein »Auto für die rechte Hirnhälfte« an. Andere verstiegen sich zu der These, in den Hirnhemisphären spiegele sich die Dualität der Welt, Verstand und Gefühl, männlich und weiblich, Yin und Yang.

Heute weiß man: Das meiste davon ist Quatsch. Es ist nicht so, dass unsere rechte Hirnhälfte ausschließlich für Impulse und Gefühle zuständig wäre und die linke für rationales Denken. Tatsächlich sind beide Hemisphären am Denken und Fühlen beteiligt; sie tauschen sich aus, und fällt eine Hirnhälfte aus, kann die andere zum Teil deren Aufgaben übernehmen. Von einer strikten Zweiteilung des Gehirns spricht deshalb heute kaum noch jemand.

Doch eine schlüssige Theorie, warum das Gehirn aus zwei Hälften besteht, fehlt noch immer. Zwar ist das Gehirn nicht das einzige Doppelorgan. Auch Herz, Nieren, Lunge und Schilddrüse sind zweifach vorhanden. Beim Gehirn allerdings ist die Zweiteilung besonders rätselhaft. Denn eigentlich ist das grundlegende Bauprinzip unseres Denkorgans die Konnektivität: die Maximierung der Verbindungen zwischen rund 100 Milliarden Neuronen.

Ausgerechnet die beiden Hirnhälften aber sind vergleichsweise schlecht miteinander verbunden. Die Brücke zwischen ihnen ist im Zuge der menschlichen Entwicklung sogar immer dünner geworden; das Corpus callosum ist - relativ zum Hirnvolumen - im Laufe der Evo lu tion nicht gewachsen, sondern geschrumpft. Und das Kurioseste: Mitunter dient der »Balken« zwischen den Hirnhälften gar nicht der Verbundenheit, sondern der Hemmung. Eine Hirnhälfte kann über das Corpus callosum die Aktivität der anderen unterdrücken. Es scheint, als hätten sich die beiden Hemisphären im Laufe der Evolution auseinandergelebt. Weil das Gehirn in vielem so rätselhaft erscheint, beschreibt man es gern in Metaphern. Die bis heute gängigste ist die Maschinenmetapher: Demnach »verarbeitet« das Gehirn die von den Sinnen einströmenden »Daten« und generiert aus ihnen mentale und physische Handlungen.

In diese Metapher passt die Verdopplung wichtiger Hirnstrukturen wie etwa Hippocampus, Temporal- und Frontallappen schlecht. Sie wäre vielleicht noch als Leistungssteigerung oder Ausfallsicherung zu erklären - wenn sie denn eine einfache Verdopplung wäre. Aber das Gehirn ist bei genauer Betrachtung asymmetrisch. Von oben gesehen, erscheint es gegen den Uhrzeigersinn gedreht, wobei die vorderen Strukturen der rechten Gehirnhälfte vergrößert sind und die hinteren der linken Hälfte. Zudem unterscheiden sich die Hirnhälften in ihrer zellulären Architektur und in der Konzentration der chemischen Botenstoffe, die sie steuern. Auch rein physiologisch haben sich die Hirnhälften auseinandergelebt. Deshalb schlägt Iain McGilchrist eine andere Metapher vor: Statt als Maschine beschreibt er unser Denkorgan als ein Team zweier individueller Charaktere, die im besten Falle zusammenarbeiten, mitunter aber auch unterschiedliche Absichten verfolgen. Für gewöhnlich merke man davon nichts, sagt McGilchrist, aber es zeige sich, wenn man eine Hirnhälfte experimentell isoliere. Dann werde klar: »Sie kann selbstständig Bewusstsein hervorbringen.«

Das zeigte sich als Erstes bei »Split-Brain-Patienten«, bei denen - wie bei Vicki P. - in den 1960er und 70er Jahren die Verbindung zwischen den Hirnhälften gekappt wurde. Diese Patienten, so stellte sich heraus, konnten Worte oft nicht erkennen, wenn sie ihnen nur in ihrem linken Gesichtsfeld präsentiert wurden. In der zugehörigen rechten Hirnhälfte (die über Kreuz mit der linken Körperseite verbunden ist) ist offenbar das Lese- und Sprachvermögen extrem schwach ausgebildet. Dafür hat sie andere Fähigkeiten. In Experimenten legte man Split-Brain-Patienten zum Beispiel das Wort »Schlüsselring« so vor, dass sie die eine Worthälfte nur mit dem linken, die andere nur mit dem rechten Auge erkennen konnten. Wurden sie gebeten, es vorzulesen, sagten sie einfach »Ring« - denn dieses Wort auf der rechten Seite konnte die sprachbegabtere linke Hirnhälfte gut erkennen. Wurden sie dann allerdings gebeten, mit der linken Hand auf den entsprechenden Gegenstand zu zeigen, dann deuteten sie auf einen Schlüssel - die rechte Hirnhälfte konnte das Objekt zwar nicht benennen, aber erkennen.

Der amerikanische Hirnforscher Michael Gazzaniga, der viele solcher Versuche durchführte, hat die Ergebnisse dieser Forschung ausführlich in seinem Buch Die Ich-Illusion beschrieben. Dabei kommt Gazzaniga zu ganz ähnlichen Schlüssen wie McGilchrist. Auch er sieht im Gehirn zwei separate Module am Werk, die einen unterschiedlichen Blick auf die Welt haben. Das Gehirn ist sehr geschickt darin, seine Zweiteilung zu verbergen. Im Normalfall arbeiten die beiden Hälften so gut zusammen, dass sie ein einheitliches Bewusstsein erzeugen. Nur in ausgeklügelten Versuchen treten die Brüche zutage. In einem Experiment etwa gaben Forscher Versuchspersonen den Befehl, ans Fenster zu gehen, präsentierten diesen Befehl aber so, dass ihn nur deren jeweils rechte Hirnhälfte wahrnehmen konnte. Prompt folgten die meisten Probanden der Aufforderung. Nach dem Grund ihres Handelns gefragt, gaben sie völlig aus der Luft gegriffene Erklärungen. Etwa: »Ich wollte aus dem Fenster schauen, weil ich Lärm gehört habe.« Offenbar versucht in solchen Situationen die sprachlich dominante linke Hirnhälfte (die den wahren Grund der Handlung nicht kennt) eine schlüssig klingende Interpretation zu liefern - auch wenn diese frei erfunden ist.

In seinem Buch The Master and His Emissary vergleicht Iain McGilchrist die Beziehung zwischen den beiden Hirnhälften mit jener zwischen einem »Herrn« und seinem »Gesandten«. Demnach gibt die rechte Hemisphäre als Herr die Richtung vor, die sprachbegabtere linke Hälfte dagegen übernimmt es, dieses Tun in Worte zu fassen. Die rechte Hemisphäre sieht eher das große Ganze, die linke liefert Begründungen dafür und beherrscht die Konzentration aufs Detail. Warum diese Art der Arbeitsteilung sinnvoll ist, beschreibt McGilchrist am Beispiel eines Vogels, der ein Nest baut. Einerseits muss er sich darauf konzentrieren, akribisch Zweige ineinanderzuflechten.

Gleichzeitig muss er offen bleiben für Unerwartetes - etwa einen plötzlich auftauchenden Feind. Er muss Ingenieur und Kundschafter zugleich sein. Um diese Herausforderung zu meistern, habe die Natur die Zweiteilung des Gehirns erfunden, sagt McGilchrist: »Vögel und andere Tiere benutzen ihre linke Hirnhälfte für eng fokussierte Aufmerksamkeit auf bereits bekannte Dinge, während sie ihre rechte Hirnhälfte wachsam halten für alles, was da kommen mag.« Bei Menschen sei es ganz ähnlich. Allerdings sei die Arbeitsteilung zwischen den Hirnhemisphären nicht so scharf, wie man früher vermutet habe, betont McGilchrist. Es handele sich eher um Unterschiede im Herangehen an Dinge, so als ob die beiden Hirnhälften unterschiedliche Charaktere hätten. Auch die rechte Seite könne sich konzentrieren, auch die linke könne ihren Fokus weiten - nur eben jeweils weniger gut als die andere.

Auch zu Vernunft und Imagination trügen beide Gehirnhälften bei. Aber ihre Beiträge unterschieden sich grundlegend: Die linke Hälfte sei der kühle Kalkulierer, die rechte gleiche einem neugierigen Kind. Der Kalkulierer denkt logisch, schematisch, prozedural. Das Kind sieht sich ständig nach Neuem um, das nicht ins Schema passt. Der Kalkulierer ist sich sicher. Das Kind staunt, fragt und zweifelt. Ihre volle Stärke gewinnen beide Weltsichten, wenn man sie kombiniert. Gemeinsam sorgen die Hirnhälften dafür, dass Menschen gegenüber der Welt die richtige Distanz behalten. Nicht zu weit weg (rechte Hälfte), nicht zu nah dran (linke Hälfte).

Seine Patienten am Maudsley Hospital testete McGilchrist oft mit einer einfachen Aufgabe: Er ließ sie einen Baum zeichnen. Während Gesunde die Bäume in ihrem ganzen Formenreichtum darstellten, vom groben Umriss bis hin zum kleinsten Ast, zeigten hirngeschädigte Patienten - je nach Art des neuronalen Ausfalls - spezifische Verzerrungen. Jene, bei denen nach einem Schlaganfall nur noch die rechte Hirnhälfte richtig funktioniert, brachten zwar den Gesamteindruck eines Baumes gut zu Papier, schlampten aber bei den Details. Schlaganfallpatienten mit gesunder linker Hirnhälfte dagegen zeichneten meist eine sehr detaillierte Struktur, die allerdings einem Baum nur entfernt ähnelte.

Ende der siebziger Jahre hatte McGilchrist zunächst begonnen, an der Universität Oxford Literaturwissenschaft zu studieren. Doch die Art der Literaturkritik missfiel ihm. »Ein Kunstwerk ist etwas, bei dem sein Schöpfer sich bemüht hat, es einzigartig in der Welt zu machen«, sagt er, »es kann weder verwässert noch paraphrasiert werden. Seine Bedeutung ist implizit. Dann kommt der Kritiker daher, abstrahiert und generalisiert die Bedeutung.« Das war nicht McGilchrists Sache. Er wollte wissen, wie Menschen das Konkrete, Körperliche, Unverwechselbare in Kunstwerken wahrnehmen - und beschloss mit 28 Jahren, Medizin zu studieren.

In einem Vortrag des Schizophrenie-Experten John Cutting hörte er erstmals von den Fähigkeiten der rechten Hirnhälfte: »Cutting sagte, die rechte Hirnhälfte sei viel besser darin, all die Dinge zu verstehen, die ich im analytischen Denken vermisst hatte: Metaphern, Körpersprache, Humor, Tonfall, das Implizite, Einzigartige. « Für zwei Jahrzehnte vertiefte McGilchrist sich in die Erkundung der Hirnhälften, dann präsentierte er seine Überlegungen 2009 in seinem (bislang nur auf Englisch erschienenen) Buch.

Dessen Titel The Master and His Emissary spielt auf eine alte Geschichte von einem Fürsten an, der seinem Gesandten die Verwaltung seines Reichs überlässt. Der Gesandte schaltet und waltet - und vergisst dabei, dass er nur im Auftrag seines Herrn regiert. Er hält sich selbst für den Herrn. Ähnlich sei es auch in unserem Kopf, meint McGilchrist. Die linke Hemisphäre sei nur der Gesandte der rechten, habe das aber offenbar vergessen und die Herrschaft übernommen. Für diese - zugegebenermaßen gewagte - Theorie hat McGilchrist viele Belege aus der Kultur- und Sozialgeschichte zusammengetragen. »In der klassischen Antike und in der europäischen Renaissance und Aufklärung waren die Hemisphären im Gleichgewicht«, glaubt der Hirntheoretiker.

Nach diesen Blütezeiten unserer Zivilisation jedoch habe jedes Mal die linke Gehirnhälfte die Oberhand gewonnen. Sogar in der Entwicklung der Porträtmalerei findet er Hinweise. »In den großen humanistischen Epochen kam plötzlich Leben in die Gemälde«, sagt er, »die Gesichter starren nicht mehr ins Leere, sie blicken direkt auf den Betrachter oder auf dessen linke Seite, also die Seite der rechten Hirnhälfte.« Sowohl in der Antike als auch in der Renaissance haben Kunsthistoriker diese Belebung verzeichnet - doch jedes Mal erstarren die Gesichter nach einer Weile wieder.

Im 16. Jahrhundert habe die Dominanz der linken Gehirnhälfte die Menschheit in die Dekadenz und schließlich ins Dunkel des Mittelalters geführt. Heute, sagt McGilchrist polemisch, führe das zur Finanzkrise. »Der Kollaps der Märkte war ein perfektes Beispiel für das blinde Befolgen von Algorithmen, die im Abstrakten als tauglich 'bewiesen' waren, die aber völlig entkoppelt waren von der wirklichen Welt.« Dass er sich mit solchen Interpretationen auf dünnem Eis bewegt, stört McGilchrist nicht. Er denkt lieber, so darf man sagen, rechtshemisphärisch- ganzheitlich. Die linke Gehirnhälfte dagegen ist ihm weniger sympathisch.

Natürlich bleibt McGilchrists Theorie nicht unangefochten. Die Erkenntnisse der Hirnforschung seien »viel zu grob, um die psychologischen und kulturellen Folgerungen zu stützen, die McGilchrist zieht«, kommentierte der englische Philosoph A. C. Grayling. Und der deutsche »Neurophilosoph« Georg Northoff hält McGilchrists Theorie zwar im Grunde für stimmig, kritisiert aber dessen Begrifflichkeit. »Das eine ist die Rede über das Gehirn, das andere ist die Rede über die Person«, sagt Northoff, »ich würde ungern beides vermischen.« Bei Hirnforschern hat es McGilchrist als Fachfremder besonders schwer. Doch er stößt durchaus auf Resonanz.

»Ich glaube, dass McGilchrist auf einer tiefen Ebene recht hat«, sagt Onur Güntürkün, der an der Universität Bochum das Zusammenspiel der Hirnhälften erforscht. »In den Hemisphären mit ihren unterschiedlichen Komponenten und Fähigkeiten stecken unterschiedliche Persönlichkeitsschwerpunkte.« Die Teilung in zwei selbstständige Einheiten sei auch funktional sinnvoll, weil sie Zeit spare. »Wir können beispielsweise Gesichter innerhalb von sechs Millisekunden erkennen«, erklärt Güntürkün. »Die Verbindung zwischen den Gehirnhälften braucht aber etwa 38 Millisekunden. Die Entscheidung, ob Willi oder Walter vor mir steht, ist von einer Hirnhälfte unendlich viel schneller erledigt, als es dau ern würde, die Gegenseite zu fragen, ob sie auch dieser Meinung ist.«

»Absolut faszinierend« findet der Psychologe Peter Brugger McGilchrists Sichtweise des geteilten Gehirns. Brugger erforscht am Zentrum für Neurowissenschaft in Zürich seit Jahrzehnten das Rätsel der Hemisphären. »Es gibt gute Daten dafür, dass die Hälften mit unterschiedlichen Persönlichkeitseigenschaften korreliert sind«, sagt er, »und McGilchrist hat auch recht darin, seine Theorie auf unsere Gesellschaft anzuwenden.« In seinen eigenen Versuchen hat Brugger festgestellt, dass Menschen, bei denen die rechte Hemisphäre ein Übergewicht hat, eher zu magischem oder esoterischem Denken neigen. Dabei hat die Frage nach der Arbeitsteilung im Gehirn auch praktische Bedeutung - etwa beim Lesenlernen. Seit Jahrzehnten konkurrieren zwei Lernstile: die »ganzheitliche « Methode, bei der die Schüler die Wörter im Ganzen erfassen sollen, und die synthetische Methode, bei der sie sich Buchstabe für Buchstabe vorarbeiten. Mal war die eine, mal die andere Methode angesagt - ein Streit, den Brugger für verfehlt hält. Die ganzheitliche Methode liege eher Schülern, in deren Denken die rechte Hemisphäre dominiert, während die synthetische Methode eher der linken Hemisphäre entspreche. »Man sollte im Leseunterricht beide Methoden vorstellen«, sagt Brugger, »und sie jedem Schüler individuell anpassen.«

Bleibt nur die Frage: Wenn McGilchrist recht hat und jeder Mensch aus zwei selbstständig bewusstseinsbegabten Einheiten besteht - warum bemerken wir davon im Alltag nichts? Eine plausible Antwort ist, dass die Evolution ein einheitliches Bewusstsein begünstigt hat. Mehrere autonome Seelen, die in einem Körper miteinander ringen, sind sicherlich kein Vorteil im Überlebenskampf. Wie die neuronalen Mechanismen das schaffen und wie in gesunden Gehirnen aus den Zulieferungen beider Hälften ein einheitliches Bewusstsein entsteht, ist eine Frage, an der die Gehirnforscher wohl noch lange knabbern werden. Denn die Arithmetik der Gehirne widerspricht der üblichen Logik: 1 + 1 = 1.

Aus DIE ZEIT :: 13.06.2013

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