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Ich bleib dann mal da

VON NINA PIATSCHECK

Jeder dritte Arbeitnehmer in Deutschland würde gern den Job wechseln, doch die wenigsten suchen sich einen neuen. Warum tun wir uns mit Entscheidungen so schwer?

wähle einen weg © ricok69 - Photocase.de Die Entscheidungsfreudigkeit eines Menschen ist anerzogen und teilweise genetisch bedingt
Dieser Text könnte ganz unterschiedlich beginnen: mit der Frage, wie oft man selbst schon gedanklich gekündigt hat. Mit der Feststellung, dass viele Freunde permanent über den Job jammern. Oder mit Studien, die belegen, dass über die Hälfte der Deutschen mit ihrer Arbeit unzufrieden ist.

Dass Sie sich, lieber Leser, nun drei verschiedenen Optionen gegenübersehen, liegt daran, dass sich die Autorin nicht entscheiden kann. Das ist ein weit verbreitetes Gefühl, gerade in der Arbeitswelt, in der die Optionen permanent zunehmen. Den Beruf der Eltern übernimmt kaum noch jemand. Stattdessen hat man hierzulande die Wahl zwischen 18.000 Studiengängen und nach dem Studium zwischen Jobangeboten auf der ganzen Welt.

Glücklicher werden die Menschen dadurch allerdings nicht, haben Forscher der Florida State University herausgefunden. Im Gegenteil. Denn sich für eine Möglichkeit zu entscheiden heißt gleichzeitig, eine andere nicht zu nutzen.

Was das Leiden unter der Wahlmöglichkeit mit dem Leiden unterm Job zu tun hat? Eine ganze Menge. Denn der Jobwechsel ist die Königsdisziplin der Entscheidungsfindungen.

Was, wenn die neue Stelle noch langweiliger ist als die alte? Wenn man den Ansprüchen des neuen Arbeitgebers nicht genügt, am Ende in der Probezeit schon Schluss ist? Was sagen die Freunde, Eltern, Kollegen? Vielleicht wird es ja beim alten Job doch wieder besser?

Christina Schwarz (Name geändert), 37, arbeitet seit zwölf Jahren in einer Agentur in Hamburg. Seit sechs Jahren ist sie unzufrieden. Oder sind es schon sieben? »Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich schon kündigen wollte«, sagt sie, schaut auf den Boden und knotet die langen dunklen Haare zum Dutt. Da ist der Vorgesetzte, der sich nie entscheiden kann und keine Ansagen macht. Da sind die Kollegen, die um sechs den Stift fallen lassen und am Ende des Monats noch Überstunden abfeiern. Da ist die Geschäftsführung, die bei neuen Ideen lieber bremst, anstatt sie zu fördern.

Schwarz ist ein temperamentvoller Mensch. Jede Regung sieht man ihr an. Erst sagt sie laut: »Selbst wenn ich mit einem komplett durchgekauten Konzept komme und es nur um Ja oder Nein geht, gibt es keine klare Antwort.« Wenig später versinkt sie im Stuhl und sagt leise: »Ich habe echt mal gerne gearbeitet, aber mit meiner Euphorie war ich ziemlich alleine.« Bei der Arbeit saß sie oft bis nachts vor ihrem Bildschirm im Großraumbüro, während die Freunde sich in Kneipen trafen. Der Wachmann kennt sie beim Namen. Analog zum Überstundenkonto wuchs die Unzufriedenheit.

Mittlerweile ist ihr vieles egal. Sie kommt jetzt auch mal später, geht früher. »Warum soll ich mich noch anstrengen?« Sie tippt sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. Dazu kommt die Sinnkrise, die sie das erste Mal kurz vor dem 30. Geburtstag nervös macht. Schwarz erinnert sich an ein Marathon-Meeting, in dem ihr Team um den Slogan für einen Joghurt ringt. »Wir saßen da Stunden für einen blöden Satz für ein fragwürdiges Unternehmen. Ich dachte nur: Was mache ich hier?« Zwischendurch kommt die Beförderung zur Etat- direktorin, da hat sie kurz Hoffnung. Doch schnell ist der Frust zurück. Vor einem Jahr hat sie sich für ein Medizinstudium beworben. Als der Ablehnungsbescheid kam, war sie traurig, aber auch erleichtert. »Es wäre wohl die schwierigste Entscheidung meines Lebens gewesen«, sagt sie.

»Der Jobwechsel ist eine der emotionalsten Entscheidungen überhaupt«, sagt Gerhard Roth, renommierter Neurobiologe und Professor am Institut für Hirnforschung an der Universität Bremen. Sich beruflich zu verändern sei nicht nur eine Frage von Gehalt und Renommee; man verlasse die Kollegen, das gewohnte Umfeld. Emotionale Entscheidungen werden überwiegend nicht im Stammhirn getroffen - dort, wo der Verstand sitzt -, sondern deutlich tiefer im Gehirn, dort, wo Gefühle und Motive entstehen.

Warum wir bei Veränderungen oft einen Rückzieher machen und im Leben gern beim Alten bleiben, erklärt Roth mit einem neurobiologischen Vorgang: Lernen und sich auf etwas Neues einstellen verbrauche sehr viel Energie. »Daher versucht das Gehirn permanent, Dinge zu automatisieren - und belohnt Routine mit der Ausschüttung von Belohnungsstoffen.« Die Angst, dass diese Belohnung aussetze, sei groß. »Dafür nimmt man auch Unzufriedenheit in Kauf.« Ähnliches belegt die nobelpreisgekrönte wirtschaftswissenschaftliche »Neue Erwartungstheorie« der israelischen Psychologen Daniel Kahnemann und Amos Tversky von 1979: Der Mensch scheut den Verlust mehr, als er den Gewinn schätzt.

Deshalb fährt Christina Schwarz mit ihrem Golf noch immer fast jeden Morgen den Weg quer durch Hamburg zur Agentur. Obwohl ihr Team immer kleiner und die Arbeit immer mehr wird. »Am schlimmsten sind die Tage, an denen ich bei meinem Chef Probleme anspreche«, sagt sie. »Ich schaue in sein Gesicht und weiß: Es wird sich nichts ändern.« Dann sucht sie im Internet während der Arbeitszeit nach Stellenangeboten. Auf ein paar hat sie sich sogar beworben, meist halbherzig. »Ich habe hier eben gute Konditionen: Sicherheit, ein gutes Gehalt, ein gutes Standing. Und viele der Kollegen sind auch nett. Wer weiß, ob das woanders noch mal so wird.« Sie ist beliebt bei den Kollegen und will auch den Status, den sie sich erarbeitet hat, nicht einfach aufgeben.

Bei ihren Eltern meidet Schwarz das Thema. Mutter und Vater haben in ihrer beruflichen Laufbahn nur von einem Arbeitgeber Gehalt bekommen und verstehen das Problem nicht. Die meisten Freunde reden Christina Schwarz gut zu. »Du bekommst doch überall was.« So vergehen die 60-Stunden-Wochen. Und die Jahre.

Martin Sauerland, Wirtschaftspsychologe an der Universität Landau und Autor des Buches Design your mind, hält dieses Verhalten für typisch. »Das Vorhaben, den Job zu wechseln, ist bei vielen ähnlich ernst zu nehmen wie der Neujahrsvorsatz«, sagt er. »Eines der Probleme: Für den Wechsel gibt es keinen festen Zeitpunkt. Deshalb wird die Entscheidung immer wieder vertagt.« Die Unzufriedenheit sei oft diffus, und teilweise habe das Jammern auch eine Funktion: Man will sich beruhigen lassen.

In einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Forsa vom Januar 2016, die im Auftrag des Online-Businessnetzwerks Xing erstellt wurde, geben 35 Prozent der befragten Arbeitnehmer an, noch in diesem Jahr den Job wechseln zu wollen. Laut einer Statistik des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung wechseln hierzulande pro Jahr aber nur 3,4 Prozent der Beschäftigten.

Ob die Entscheidung fällt, ist meist eine einfache Rechnung, sagt Martin Sauerland: Nachteile des aktuellen Jobs plus Vorteile des neuen Jobs versus Vorteile des aktuellen Jobs plus Nachteile des neuen Jobs. Der Hirnforscher Gerhard Roth hält den Blick in die Zukunft ebenfalls für hilfreich. »Man muss sich ganz konkret die Vorteile und Belohnungen der neuen Option vor Augen führen und Veränderungsängste, die in jedem von uns stecken, aktiv bekämpfen.« Welcher Vorteil der emotional ansprechendste ist, das ist individuell. Laut der Forsa-Umfrage steht für 98 Prozent der Erwerbstätigen jedoch die positive Arbeitsatmosphäre über allem. Das Gehalt folgt auf Rang drei, nach dem Verhalten der Vorgesetzten.

Mia Richter (Name geändert), 31, hat ihren Arbeitgeber schon mehrfach gewechselt. »Meine Freunde haben immer über mich gelacht und gesagt: Die hat immer eine Bewerbung offen.« Meistens stimmte das auch. Richter, flattriges Sommerkleid, schwarze Ballerinas und Pferdeschwanz, sieht eher nach einer Studentin als nach einer Bankerin aus. Ihr Lachen ist charmant, und sie lacht oft. Sie isst gesund, geht viermal in der Woche laufen, im vergangenen Jahr hat sie bei einem Triathlon mitgemacht. Richter ist perfektionistisch, ohne verbissen zu wirken - auch wenn sie schon mal ein paar Tage braucht, um sich zu entscheiden, was sie bei der Hochzeit einer Bekannten trägt.

Seit sie 2007 ihr BWL-Studium abgeschlossen hat, ist sie im Schnitt alle zwei Jahre umgezogen: von Frankfurt nach New York, von New York nach Washington, schließlich nach Frankfurt. Dort arbeitet sie nun seit zwei Jahren bei der Europäischen Zentralbank und wohnt mittlerweile in der dritten Wohnung. Die zierliche Person, die erst vor ein paar Wochen mal wieder nach dem Ausweis gefragt wurde, als sie eine Flasche Gin kaufen wollte, sagt den Chefs der großen Banken, was sie dürfen und was nicht. Im Job grübelt sie selten. »Die Zusage von der EZB war ein Sechser im Lotto«, sagt sie. »Definitiv die erste Option in meinem Leben, bei der ich mir vorstellen kann, langfristig zu bleiben.«

Hinter Richters Wechseln steckt auf der einen Seite die Suche nach neuen Herausforderungen, auf der anderen Seite ehrgeizige Karriereplanung. »Ich habe schon bei Jobantritt oft den nächsten Schritt im Kopf gehabt«, sagt sie. Deshalb sammelte sie zunächst vier Jahre lang Erfahrungen bei Morgan Stanley in Frankfurt, obwohl ihr klar war, dass sie irgendwann einmal politisch arbeiten wollte. Erst danach bildete sie sich weiter mit einem Master of Public Administration in New York. Der MPA ist eine Art Master of Business Administration (MBA) für all jene, die nicht in die Privatwirtschaft, sondern in den öffentlichen Sektor wollen, etwa zu internationalen Organisationen. Richter ging nach dem MPA zur Weltbank nach Washington, dann bewarb sie sich bei der EZB. Das oberste Ziel sei für sie gewesen, dass sie hinter ihrem Job stehen kann. »In der freien Wirtschaft würde ich jetzt ohne Probleme dreimal so viel verdienen«, sagt sie. »Aber das würde mich nicht glücklich machen.«

Konkrete Zielsetzung kann eine große Hilfe für mehr Entscheidungsfreude sein, sagt Martin Sauerland. »Wer weiß, dass er in fünf Jahren eine Familie gründen oder auswandern möchte, kann viele Optionen ausschließen.« Wer seine Wünsche nicht formulieren könne, komme ihnen über konkrete Fragen näher: Wen bewundere ich? Wen beneide ich? Und wofür? Ein weiterer Trick: »Stellen Sie sich vor, wo Sie in zehn Jahren sein wollen, und überlegen dann, über welche Schritte Sie dort hingekommen sind.«

Nach Angaben von Hirnforscher Gerhard Roth lieben nur rund 15 Prozent der Menschen die Veränderung mehr als die Konstanz. Das sei zum Teil genetisch bedingt, zum Teil auch anerzogen. »Entscheidungsfreudigkeit ist immer auch eine Frage des Elternhauses«, sagt Roth. Der Umgang mit Veränderung werde in der frühen Kindheit angelegt. »Wenn die Eltern flexibel sind, man Entscheidungen nicht streng vorgegeben bekommt, sondern diskutiert wird, dann hat man generell eine größere Bereitschaft zu Neuem.«

Richter hatte als Kind viele Freiheiten. »Bei uns wurde nie gesagt: So wird's gemacht, sondern immer gefragt: Was denkst du?«, sagt sie. Dass sie ein Jahr früher in die Schule ging als die anderen Kinder, war ihre Idee - weil ihr großer Bruder schon in der Schule war und die meisten ihrer Freunde auch. Die Eltern, beide Lehrer, stimmten zu. So war sie ihr Leben lang die Jüngste: in der Grundschule, im Gymnasium. »Erst war das schwierig, aber irgendwann hat es in mir einen ziemlichen Ehrgeiz geweckt«, sagt sie. Bei Morgan Stanley war sie mit 21 Jahren das Nesthäkchen, mit ihren 31 Jahren drückt sie in Meetings auch heute noch oft den Altersdurchschnitt.

Manchmal überlegt Mia Richter, ob sie nicht besser Ärztin geworden wäre. »Irgendwann muss man einsehen, dass es kein Falsch oder Richtig gibt.« Sie mag ihr Leben. Auch wenn sie nach den Umzügen immer einsam war. Auch wenn ihr Freundeskreis über die Welt verstreut ist und sie nur über WhatsApp und Skype mit Freunden und Familie Kontakt hält. Mia Richter sagt, sie stehe zu diesem Leben. Nur als es um die Autorisierung ihrer Zitate für diesen Artikel geht, bittet sie plötzlich darum, ihren Namen zu ändern. Schließlich möchte sie langsam mal wieder was Neues machen, am liebsten ein Projekt im Ausland. »Und falls ich mich woanders bewerbe, ist das vielleicht doch besser.«

Christina Schwarz wird wahrscheinlich nicht mehr zu einer Jobwechslerin wie Mia Richter. Doch auch sie hat vor Kurzem ihren Lebenslauf aktualisiert. Das Interview für diesen Text habe sie motiviert, sagt sie, sie wolle nun verstärkt nach einer anderen Stelle suchen. Nur den Bonus für dieses Jahr, den will sie noch abwarten.

Aus DIE ZEIT:: 22.09.2016

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