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Ich hatte mein Ziel immer vor Augen - Die Promotion als Entdeckungsreise

von JENNA VOSS

Wie fühlt es sich an zu promovieren? Wie sieht der typische Alltag während der Promotionszeit aus? Was motiviert? Welche Herausforderungen, welche Stolpersteine gibt es? Erfahrungen beim Schreiben einer Doktorarbeit.

Ich hatte mein Ziel immer vor Augen© Robert Kneschke - Fotolia.comBei ihrer eigenen Promotion hielt Jenna Voss nicht viel von richtigem Zeitmanagement, nun hilft sie anderen bei der Organisation
Als ich nach meiner Disputation die erste Sektflasche aufmachte, während es im Nebenraum noch um meine Bewertung ging, spürte ich, wie sich die Spannung löste. Es war vollbracht, doch noch fühlte es sich ganz unwirklich an. Ich wurde promoviert. Meinen Promotionswunsch bildete ich im Studium, als ich die ersten Projekte durchführte. Ich merkte, wie mich die Wissenschaft in ihren Bann zog. Es war wie ein Sog, hinter die Oberfläche zu schauen, Ursachen zu entdecken, Muster zu analysieren. Es war meins, und ich gab mich dieser Lust mit Leidenschaft hin. Doch als ich nach dem Studienabschluss meine Betreuerin nach ihrer Einschätzung fragte, riet sie mir von einer Promotion ab. "Zu alt". Ich war 33 und fühlte mich wie ein begossener Pudel ... und machte es trotzdem.

Fast fünf Jahre lang ging ich der Frage nach, welche Resonanz familiäre, bürgerschaftliche und ökologische Ansprüche in Unternehmen erzeugen. Zu promovieren fühlt sich großartig an. Es ist eine Entdeckungsreise, auf der sich in Beziehungen, Strukturen und Begriffen neue Dimensionen eröffnen. Es ist aber auch eine Reise nach innen, auf der die eigenen Möglichkeiten erkundet werden. Ich habe mich selbst auf dieser Reise entdeckt, und ... ich habe mich neu erfunden. Es war nicht immer einfach. Es war eine Herausforderung oder besser gesagt eine Aneinanderreihung von Herausforderungen.

Wie sah mein typischer Alltag aus? Bei meiner Promotion arbeitete ich zunächst als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut. In dieser Zeit bin ich kaum zu meiner Dissertation gekommen. Die Institutsarbeit und die Umsetzung des komplexen Forschungsdesigns verschlangen die meiste Arbeitszeit, die schon zu Beginn in der Regel Dreiviertel, später Vollzeit umfasste. Ich reiste durch die Republik, untersuchte spannende Betriebe und sprach mit interessanten Menschen. Wirklich zum Schreiben kam ich erst, als das Projekt fast ausgelaufen war.

Damit war am Ende des Geldes noch sehr viel für die Dissertation zu tun. Die Universität hat mich ein halbes Jahr mit einem Stipendium gefördert, was mich zeitlich sehr unter Druck gesetzt und zugleich motiviert hat, soweit wie möglich mit dem Schreiben voranzukommen. Die anschließenden drei Monate der Arbeitslosigkeit waren sowohl eine sehr arbeitsintensive als auch frustrierende Zeit ohne selbst verdientes Geld.

Mein Alltag war fast vollständig mit meiner Promotion angefüllt. Ich arbeitete jeden Tag intensiv und diszipliniert. Ausnahmen bildeten ein bis zwei Sonntage im Monat. Nur weil ich ein klares Ziel verfolgte, konnte ich das so machen. Vor meinem inneren Auge hielt ich mein Buch bereits in den Händen.

Aber es gab auch Einbrüche, Frustrationen, Krisen und Zweifel. Mein exzessiver Arbeitsstil hat sich gesundheitlich niedergeschlagen. Selbstverständlich gab es Wochen, in denen mir schlicht und ergreifend nichts einfiel, in denen ich keinen Satz zu Papier brachte. Tückisch war insbesondere die theoretisch-konzeptionelle Arbeit. Meine Aufgabe lag darin, drei unterschiedlich gelagerte gesellschaftliche Handlungsfelder unter einem Hut zu vereinen. Es war teilweise zum Verzweifeln. Nach vielen Mind Maps und etlichen Formulierungsversuchen war ich endlich mit dem Resultat zufrieden. Die zweite Falle ergab sich durch meine ausgeprägte Arbeitslust und Neigung, zu viel zu arbeiten.

In der Wissenschaft endet die Arbeit eigentlich nie, außer man gibt sich selbst Arbeits- und Zeitstrukturen vor. Und ich tat es nicht. Ich arbeitete drauf los. Diese Arbeitsweise zog ich konsequent bis zum Ende meiner Promotion durch, trotz des besseren Wissens, getragen durch meinen Willen, Trotz und meinen Glauben, dass ich es schaffen werde. Für die Veränderung meines Zeitmanagements habe ich mir keine Zeit genommen.

Am Ende hielt ich ein schlichtes moosgrünes Buch in den Händen. Doch meine Promotionszeit gab mir sehr viel mehr als wissenschaftliche Expertise. Ich habe mein Denk- und Analysepotenzial gesteigert, und ich bin menschlich enorm gewachsen und gereift. Das brachte mich zu meinem neuen Arbeitsfeld, in dem meine Erfahrungen die Basis für die Arbeit als Wissenschafts- und Lerncoach bilden.


Über die Autorin
Dr. Jenna Voss gründete eine Agentur für Wissenschaftscoaching, Vocusi, und ist als Wissenschafts- und Lerncoach im Hochschulbereich tätig. Von der Autorin ist kürzlich das Buch "Zielgerade Promotion. Auszüge aus dem Tagebuch einer Doktorandin" im UniversitätsVerlagWebler erschienen.

Aus Forschung & Lehre :: August 2012

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