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Identität, Beziehung und Information - wer nutzt soziale Netzwerke?

Von Uwe Hasebrink

Mit der Ausbreitung des Internets haben sich auch die Möglichkeiten der Kommunikation radikal verändert. In den sozialen Netzwerken schaffen neue Plattformen wie Facebook oder StudiVZ neue Möglichkeiten, Beziehungen aufzubauen und zu pflegen. Wie stark werden diese Netzwerke genutzt und wer profitiert davon?

Identität, Beziehung und Information - wer nutzt soziale Netzwerke?© Devy Masselink - iStockphoto.comKommunikation in sozialen Netzwerken bekommt auch bei erwachsenen Online-Nutzern einen immer höheren Stellenwert
Die Digitalisierung von Medien und Kommunikation, deren sichtbarster Ausdruck die seit den frühen 90er Jahren erfolgte rasante Ausbreitung des Internets ist, setzte eine Dynamik in Gang, im Zuge derer in rascher Folge zahlreiche Innovationen das zuvor relativ fest gefügte Medien und Kommunikationssystem in Bewegung brachten. Zu diesen Innovationen gehört das so genannte Social Web, das Internet-Anwendungen und darauf bezogene Umgangsweisen umfasst, deren wichtigstes gemeinsames Merkmal die Tatsache ist, dass die Nutzerinnen und Nutzer selbst zu Inhalteanbietern werden und so genannten "user generated content" produzieren können. Folge ist, dass die Unterscheidung zwischen Anbietern und Nutzern von Medienangeboten verschwimmt.

Zugleich ist den Anwendungen gemeinsam, dass sie die Vernetzung und den Austausch zwischen Nutzern in Öffentlichkeiten fördern, deren Reichweite zwischen der interpersonalen Kommunikation einerseits und der massenmedialen Kommunikation andererseits liegt. Die wichtigsten Angebote, die dem Social Web zugerechnet werden, haben innerhalb einiger weniger Jahre enorme Reichweiten und einige von ihnen in der Folge auch ungeahnte ökonomische Erfolge erzielt, zu nennen sind hier u.a. die sozialen Netzwerke Facebook sowie, in Deutschland, StudiVZ und SchülerVZ, die Online-Enzyklopädie Wikipedia, die Videoplattform YouTube sowie Weblogs oder Microblogging-Systeme wie Twitter. An dieser Stelle gilt das Hauptaugenmerk den so genannten sozialen Netzwerken, die als Basis eine Plattform bieten, sich mit einem eigenen Profil selbst darzustellen und sich mit anderen Nutzern auszutauschen und zu vernetzen. Darüber hinaus erweitern die Anbieter laufend das Spektrum der möglichen Anwendungen, etwa um Spiele und verschiedene Services.

Basisdaten zur Nutzung sozialer Netzwerke

Die ARD/ZDF-Onlinestudie ergab, dass bis zum Jahr 2010 39 Prozent der Online-Nutzer in mindestens einem privaten Online-Netzwerk ein Profil eingerichtet haben - gegenüber 2009 eine Steigerung um mehr als 30 Prozent. Unter den 14- bis 19-Jährigen liegt der Wert bei über 80 Prozent; mit zunehmendem Alter nimmt die Nutzung ab, unter den über 60-Jährigen haben nur neun Prozent ein Profil eingerichtet. Frauen nutzen entsprechende Angebote geringfügig häufiger als Männer. Spezielle berufliche Netzwerkplattformen werden nur von sieben Prozent genutzt, die wichtigste Nutzergruppe stellen Männer zwischen 30 und 39 Jahren dar.

Der Markt der Anbieter von sozialen Netzwerken tendiert dazu, dass einzelne Anbieter extrem hohe Marktanteile erzielen. In Deutschland waren dies lange vor allem SchülerVZ und StudiVZ, die, wie die Namen schon besagen, die jungen Altersgruppen bedienen. Bei einer Repräsentativbefragung unter 12- bis 24-jährigen Online-Nutzern im Oktober/November 2008 nutzten 76 Prozent der 15- bis 17-Jährigen SchülerVZ und 64 Prozent der 21- bis 24-Jährigen StudiVZ. Facebook, die weltweit mit großem Abstand größte Netzwerkplattform, spielte zum Zeitpunkt der damaligen Untersuchung so gut wie keine Rolle. In dieser Hinsicht zeichnet sich aber seit 2009 ein rascher Wandel ab: Bei einer Untersuchung im Frühsommer 2010 bezeichneten bereits 13 Prozent der 9- bis 16-jährigen Onlinenutzer in Deutschland Facebook als ihr meistgenutztes Netzwerk.

Im internationalen Vergleich ist dies (noch) ein sehr niedriger Wert: Die genannte Studie von 2010 wurde zeitgleich in 25 europäischen Ländern durchgeführt und ergab, dass 57 Prozent der europäischen Heranwachsenden in dieser Altersgruppe am häufigsten Facebook nutzen. Die zunächst paradox anmutende Erscheinung, dass sich ausgerechnet im vielfältigen und mit Milliarden von Webseiten unüberschaubaren Internet so starke Quasimonopole herausbilden, erklärt sich aus dem Netzwerkcharakter der betreffenden Angebote. Eine Netzwerkplattform wird erst dadurch interessant, dass man dort andere Nutzer kontaktieren kann; die Nutzer gehen dorthin, wo sie die Chance haben, möglichst viele andere zu treffen.

Motive und Funktionen der Nutzung im biographischen Wandel

Die grundlegenden Umgangsweisen mit dem Social Web im Allgemeinen und den sozialen Netzwerken im Besonderen lassen sich mit den Kategorien des Identitäts-, Beziehungs- und Informationsmanagements beschreiben. Der Umgang mit den sozialen Netzwerkplattformen ist eng verbunden mit den Entwicklungsaufgaben und Anforderungen der individuellen Lebensführung, wie sie vor allem mit dem Lebensalter variieren. Das Interesse an sozialen Netzwerken steigt bei den ab 10-Jährigen rasch an und löst - bei den Mädchen eher als bei den Jungen - das bis dahin starke Interesse an Spielen ab. Dies fällt zusammen mit dem wachsenden Interesse am Aufbau eigener sozialer Kontakte außerhalb des Elternhauses. Gerade bei den 12- bis 14-Jährigen ist dann oft ein recht spielerischer, experimentierfreudiger Umgang mit den Netzwerken zu beobachten, wobei durchaus verschiedene Formen der Selbstdarstellung erprobt werden.

Diese Fokussierung auf Aspekte des Identitätsmanagements entspricht der in diesem Alter mit der beginnenden Pubertät im Vordergrund stehenden Suche nach dem eigenen Ort im sozialen Gefüge. Nach unseren Ergebnissen erreicht die Häufigkeit und Intensität der Nutzung sozialer Netzwerke - vor allem für das Beziehungsmanagement - mit etwa 16 Jahren einen Höhepunkt, in der Zeit also, in der auch der Aufbau und die Pflege von Beziehungen, das Flirten sowie die Formierung von Gruppen mit sich ausdifferenzierenden Interessen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen. Bei den älteren Jugendlichen und jungen Erwachsenen flaut dann das Nutzungsniveau der sozialen Netzwerke etwas ab, bleibt aber auf relativ hohem Niveau. Zu beobachten ist in dieser Altersgruppe ein deutlich entspannterer Umgang mit diesen Angeboten, der sich weitgehend auf die Pflege bestehender Kontaktnetzwerke bezieht und zunehmend auch Aspekte des Informationsmanagements umfasst, indem etwa innerhalb der Kontaktnetzwerke Informationen über relevante Neuigkeiten ausgetauscht werden. Dies entspricht der neuen Lebensphase, in der die Nutzer bereits relativ stabile Netzwerke aufgebaut haben und sich nun der Ausbildung und Berufsfindung zuwenden.

Konsequenzen für das Medien- und Kommunikationssystem

Mit den sozialen Netzwerken ist das Medien- und Kommunikationssystem um eine neuartige Plattform erweitert worden, die im Gesamtgefüge gesellschaftlicher Kommunikation erhebliche Konsequenzen hat. Angesichts der unüberschaubaren Fülle verfügbarer Informationen suchen heute viele Menschen in persönlichen Netzwerken die notwendige Orientierung. Das geht zum Teil zu Lasten bisheriger Institutionen, z.B. des Journalismus. Allerdings ziehen daraus viele Institutionen die Konsequenz, sich ihrerseits in sozialen Netzwerken zu engagieren, indem sie dort ihre eigenen "Freundeskreise" einrichten. Damit entstehen vielschichtigere Kommunikationssysteme, in denen die früher klaren Grenzen zwischen Individual- und Massenkommunikation, zwischen Öffentlichkeit und Privatheit und zwischen Informationsanbietern und Informationsrezipienten verschwimmen. Dies wird mehr Kommunikation über Kommunikation erfordern.


Über den Autor
Uwe Hasebrink ist Professor für Empirische Kommunikationswissenschaft am Hans-Bredow-Institut der Universität Hamburg.


Aus Forschung und Lehre :: März 2011

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