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Im Eltern-Kind-Büro

VON SABRINA EBITSCH

Familienfreundliche Unternehmen unterstützen ihre Mitarbeiter mit ungewöhnlichen Maßnahmen - und profitieren davon.

Im Eltern-Kind-Büro© Dean Mitchell - iStockphoto.comVereinbarkeit von Familie und Beruf: Familienfreundliche Unternehmen finden interessante Lösungen
Die mit den Überstunden steigen auf, die anderen gehen mit schlechtem Gewissen nach Hause - muss das so sein? In der Präsenzkultur deutscher Unternehmen wird kaum ein Vorgesetzter darauf achten, dass die Work-Life-Balance seiner Mitarbeiter stimmt. Doch damit Arbeitnehmer ihre Abende in Zukunft häufiger mit ihrer Familie als mit den Kollegen verbringen können, haben das Bundesfamilienministerium und der Bund Deutscher Arbeitgeber vor einem Jahr die »Charta für familienbewusste Arbeitszeiten« unterzeichnet. Ihr Ziel: familienfreundliche und flexible Arbeitszeitmodelle und bessere Betreuungsmöglichkeiten. 40 Personaler haben seitdem mit Ministeriumsvertretern über Umsetzungsmöglichkeiten diskutiert.

»Das Thema ist mittlerweile in den Unternehmen angekommen. Die Arbeitgeber haben verstanden, dass gute Arbeitsbedingungen kein Sozialklimbim sind, sondern dass sie damit punkten können«, sagt Stefan Becker, Geschäftsführer von berufundfamilie, einer Initiative der Hertie-Stiftung, die familienbewusste Unternehmen auszeichnet. Gerade bei Arbeitszeitregelungen und Kinderbetreuung habe sich in den vergangenen Jahren viel getan.

Doch noch immer klafft eine große Lücke zwischen Anspruch und Realität. Wenn sie die Erfolgsbilanzen mancher Studien zur Familienfreundlichkeit lese, werde ihr regelrecht schlecht, sagt Christina Stockfisch vom Projektteam »Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestalten!« des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Denn es gebe die Angebote oft nur für Hochqualifizierte in großen Unternehmen, während der Normalfall immer noch sei, dass der Mann nach der Geburt umso mehr arbeite und die Frau in einem prekären Teilzeitverhältnis nur jobbe. »Oft bieten Betriebe die Maßnahmen nur theoretisch an«, kritisiert Stockfisch. »Man muss aber auch eine Unternehmenskultur haben, in der die Mitarbeiter sie wirklich nutzen können.«

»Die Unternehmen tun das nicht aus Altruismus, es muss sich rechnen«

Beispiele für Familienfreundlichkeit gibt es. Die Polizei Bremen etwa organisiert Wiedereinstiegsseminare nach der Elternzeit und bietet eine Notfallbetreuung für die Kinder ihrer Beamten, falls diese spontan zu einem Großeinsatz müssen. Der Mobilfunkanbieter Vodafone D2 hat einen sogenannten Sharepoint eingerichtet, über den Mitarbeiter in Elternzeit Kontakt halten können.

Vodafone schaffte es damit in die Endrunde des Unternehmenswettbewerbs »Erfolgsfaktor Familie« des Bundesfamilienministeriums, bei dem eine Jury gerade die Preisträger ausgewählt hat. Als Gesamtsieger wurden die Robert Bosch GmbH bei den Großunternehmen, die Mainzer Aaeron AG bei den mittleren und die Steuerberatungs- und Wirtschaftsprüfungssozietät Döcker Wigger Lührmann aus Rheine bei den kleinen Unternehmen ausgezeichnet. Sie bieten ihren Mitarbeitern, selbst Führungskräften, zahlreiche individuell angepasste Teilzeit- oder Home-Office-Modelle, haben eigene Kita-Plätze oder Eltern-Kind-Büros eingerichtet. Bei Bosch werde die als »Familienzeit« deklarierte Phase laut Jury gar als karriereförderlich gewertet: als Chance, neue Sozialkompetenzen und Managementfähigkeiten zu erwerben.

Aber auch unabhängig von Wettbewerben und Chartas hat die Vereinbarkeit von Familie und Beruf Konjunktur - auch aus dem schlichten Grund, dass die Unternehmen davon profitieren. 74 Prozent sehen laut Familienreport 2012 einen betriebswirtschaftlichen Nutzen durch Familienfreundlichkeit. »Auf Dauer tun die Unternehmen das nicht aus Altruismus«, sagt Stefan Becker, »es muss sich rechnen.« Beim Recruiting von Fachkräften, der Mitarbeiterbindung und der Senkung der Fehlzeiten zahlt sich Familienfreundlichkeit in barer Münze aus: Dadurch dass Mitarbeiter mit Nachwuchs dem Unternehmen erhalten bleiben, sinken die Kosten für Personalmarketing, für Einarbeitung und Vertretungen. Sogar bei der Kundenzufriedenheit sind positive Effekte spürbar, weil es weiterhin einen festen Ansprechpartner gibt, und beim Image sowieso.

Natürlich profitieren auch die Mitarbeiter. Monika Groscurth zum Beispiel, Unternehmensjuristin bei der Ergo-Versicherungsgruppe, berichtet, wie sie von befreundeten Müttern regelrecht beneidet wurde: Groscurth fing acht Monate nach der Geburt wieder an zu arbeiten, erst in Teilzeit, dann in Vollzeit. »Für mich wäre es keine Alternative gewesen, beruflich kürzer zu treten, ich wollte bald wieder zurück auf meine alte Stelle«, sagt sie. Dabei half ihr der Arbeitgeber. Einen Monat nach der Geburt ihres Kindes kontaktierte Groscurth den »Familienservice« von Ergo. Der vermittelte ihr aus einem Pool von Betreuungseinrichtungen eine Tagesmutter fünf Minuten von ihrer Wohnung entfernt. Damit nach Arbeitsschluss mehr Zeit für ihre Tochter bleibt, nutzt sie den firmeneigenen Wäscheservice: Mitarbeiter können ihre Kleidung im Haus abgeben und bekommen sie zwei Tage später gereinigt zurück.

Um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, hat auch Peter Schmiedel die sozialen Dienste seines Arbeitgebers schon mehrfach genutzt - sogar Sonntagabend über eine Hotline, die auch am Wochenende besetzt ist. Peter Schmiedel entwickelt Wasch- und Reinigungsmittel bei der Henkel AG und ist Vater von einem Mädchen und einem Jungen. Wenn sie nicht in die Kita können, schickt der von Henkel beauftragte Familienservice kurzfristig eine Tagesmutter vorbei. »Wir sind auf diese Unterstützung angewiesen«, sagt Schmiedel, dem sein Arbeitgeber gerade dabei hilft, eine Nachmittagsbetreuung für die nun bald schulpflichtige Tochter zu finden. »Es ist anstrengend, aber durch die Angebote schaffen wir es mit zwei Kindern und nahezu zwei Fulltime-Jobs«, sagt der 46-Jährige. Ihm ist es wichtig, dass die Firma auf die Belange der Mitarbeiter mit Kindern Rücksicht nimmt, »auch auf die der Väter«.

Neben allen Maßnahmenbündeln und Serviceangeboten ist es vor allem auch das Verständnis der Kollegen und Vorgesetzten, das einen familienbewussten Betrieb ausmacht. Bei der Kommunikations- und Strategieberatung Boy in Kiel etwa sind Kinder in erster Linie nicht der Auslöser eines Maßnahmenpakets, sondern willkommen - auch physisch. Hier gibt es ein Eltern-Kind-Arbeitszimmer mit zwei Arbeitsplätzen und einer Spielecke mit Bauklötzen, Plüschfrosch und Wimmelbuch. Wenn die Kinder krank sind oder die Kita Brückentag hat, können die Mitarbeiter sie mitbringen oder auch an firmeneigenen Laptops von zu Hause aus arbeiten. »Da kann es beim Telefonieren schon mal sein, dass im Hintergrund Kinder schreien, aber die meisten Kunden verstehen das«, sagt Linn Rudnicki, die Assistentin der Geschäftsführung.

Beruf und Familie sind unvereinbar, sagen 83 Prozent der Eltern

Sie wurde eingestellt, als sie mit dem zweiten Kind schwanger war. Ein Karrierehemmnis seien weder der Nachwuchs noch ihr Wunsch nach Teilzeit gewesen. Als Rudnicki fünf Monate nach der Geburt wieder in den Job wollte, bekam sie ein etwas abgelegenes Büro, reduzierte die Arbeitszeit und brachte ihren Sohn einfach mit. »Es war mir wichtig, ihn bei mir zu haben. Ich habe ihn auch vor dem Bildschirm gestillt«, sagt sie. Wenn im Eltern-Kind-Arbeitszimmer die Kinder vor ihrem Schreibtisch spielen, stört sie das nicht: »Ich kann das ganz gut ausblenden.«

Obwohl sich einiges bewegt hat, sind familienfreundliche Unternehmen immer noch selten. Nur 17 Prozent der Eltern minderjähriger Kinder sind laut Monitor Familienleben der Meinung, dass sich Beruf und Familie vereinbaren lassen. Experten sehen die Defizite vor allem bei kleinen und mittleren Firmen, die weder die Flexibilität von Kleinst- noch die Ressourcen von Großbetrieben haben. Und in Branchen mit hohem Männeranteil: Hier werde Familienfreundlichkeit häufig noch nicht als Erfordernis gesehen, »in frauendominierten Bereichen schauen die Unternehmen eher, wie sie ihre Mitarbeiterinnen halten können«, sagt Regina Ahrens vom Münsteraner Forschungszentrum Familienbewusste Personalpolitik. Männer in Teilzeit sind immer noch die Ausnahme, als Führungskräfte ohnehin. »Gerade in den Führungsetagen gilt oft: Wer nicht da ist, kommt nicht weiter«, sagt Christina Stockfisch vom Deutschen Gewerkschaftsbund, »die Präsenzkultur ist ein großes Problem.«

Aus DIE ZEIT :: 16.05.2012

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