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Imame in die Schulen

Das Interview führten ARNFRID SCHENK und MARTIN SPIEWAK

Wie kann ein europäischer Islam entstehen? Der Korangelehrte Bülent Uçar und Bundesministerin Annette Schavan über Glauben, Kopftuch und die neuen Lehrstühle für islamische Theologie.

Imame in die Schulen© Andre Zelck - Universität Osnabrück Prof. Dr.phil. Bülent Uçar lehrt Islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück
ZEIT: Herr Uçar, Sie bauen derzeit in Osnabrück eines der ersten Zentren für Islamstudien in Deutschland auf. Gibt es auch etwas, das Sie am heutigen Christentum bewundern?

Bülent Uçar: Ich ging in Oberhausen auf eine katholische Grundschule. Bei den Lehrkräften dort habe ich mich sehr behütet und gefördert gefühlt. Eine solche praktizierte Nächstenliebe beeindruckt mich bei gläubigen Christen sehr. Davon können Muslime etwas lernen.

ZEIT: Was schreckt Sie am Christentum ab?

Uçar: Ein rationaler Zugang zu den Quellen des eigenen Glaubens ist wichtig, ebenso ein reflektierter Umgang mit der Religion. Er darf aber nicht dazu führen, dass am Ende nur noch reflektiert und geredet wird. Viele Christen erscheinen mir zu verkopft. Rationalisieren und theoretisieren alleine ohne Spiritualität wird uns am Ende des Tages nicht reichen.

ZEIT: Frau Schavan, was fasziniert Sie am Islam?

Annette Schavan: Die selbstbewusste Weise, die eigene Frömmigkeit zu leben. Manche Christen sehen ja schon ein Anzeichen von Fundamentalismus darin, dass jemand in der Öffentlichkeit betet. Dass Muslime ihre Religion nicht meinen verstecken zu müssen, das gefällt mir.

ZEIT: Steht Ihnen ein gläubiger Muslim näher als ein Atheist?

Schavan: Ja.

Uçar: Das ist wie mit Honig. Es gibt Waldhonig, Feldhonig, Wiesenhonig. Nur wer Honig geschmeckt hat, mit dem können Sie sich über die Unterschiede der verschiedenen Sorten begründet austauschen. Glauben spricht zum Glauben, selbst im Disput.

ZEIT: Und was schreckt Sie ab am Islam, Frau Schavan?

Schavan: Situationen der Gewalt im Namen der Religion und die Feststellung, Religion und Politik seien eins. Das Christentum hat gelernt - durchaus in einem langen, schmerzvollen Prozess -, dass der Glaube nicht die Politik dominieren darf und umgekehrt. Diese Erkenntnis steht dem Islam noch bevor.

ZEIT: Ist das ein Grund, warum die Bundesregierung nun an verschiedenen Universitäten islamische Lehrstühle finanziert?

Schavan: Es ist nicht meine Aufgabe, vorzuschreiben, wohin sich der Islam zu entwickeln hat. Tatsache ist jedoch, dass Glaube nicht nur geglaubt, sondern auch gedacht werden muss. Dazu gehört unter anderem, das Verhältnis zwischen Religion und Politik zu klären. Wenn es denn so wäre, dass sich Islam und Demokratie beziehungsweise Islam und die moderne Gesellschaft nicht vereinbaren ließen, dann müsste ein Muslim sich entweder von seinem Glauben oder aus Europa verabschieden. Das kann aber nicht die Alternative sein. Aufgabe der Theologie ist es also, die Religion in die Gegenwart zu übersetzen. Eine solche zeitsensible Interpretation des Islams kann die Theologie leisten. Darüber hinaus sollen die neuen Lehrstühle Vorbeter für unsere Moscheen und Lehrer für den islamischen Religionsunterricht ausbilden.

Uçar: Erst einmal verfügt der Islam über die gleichen Rechte wie alle anderen Religionen. Wenn es eine christliche Theologie an den Universitäten gibt, muss es auch eine islamische geben. Sie wird dazu beitragen, dass sich die Muslime stärker in Deutschland beheimatet fühlen. Fakt ist: Ohne Partizipation keine Integration, ohne Integration keine Identifikation mit Deutschland.

Schavan: Als ich in Ankara an der theologischen Fakultät war, habe ich mit Frauen gesprochen, die sich zur Imamin ausbilden lassen. Einige von ihnen stammten aus Deutschland. Und eine Studentin hat mir erzählt, dass ihr Vater in Deutschland Imam war, aber weder Deutsch sprach noch das Land kannte, und wie hinderlich das bei seiner Arbeit war. Ich möchte das anders, hat mir diese Frau gesagt. Ich möchte die Welt verstehen, in der meine Gemeinde lebt. Genau solchen Menschen müssen wir die Möglichkeit eröffnen, bei uns ausgebildet zu werden.

ZEIT: Braucht der Islam Nachhilfe von oben, um sich zu zivilisieren?

Uçar: Gewiss nicht. Ich würde es so ausdrücken: Ich erhoffe mir von der islamischen Theologie, dass sie die Muslime in Deutschland auf eine Reise zu einem Islam mitnimmt, der dem Leben in Deutschland nicht entgegensteht, aber dennoch authentisch ist. Ich betone das, weil nicht wenige Muslime Angst haben, der deutsche Staat wolle ihnen vorschreiben, was sie zu glauben haben.

ZEIT: Hegen Sie diese Angst auch?

Uçar: Anfangs ja. Mittlerweile aber bin ich der Ansicht, dass der Staat die Unabhängigkeit der islamischen Theologie an den Universitäten genauso respek tie ren wird wie die wissenschaftliche Freiheit der christlichen Lehrstühle.

ZEIT: Wo verlaufen die Grenzen dieser Freiheit?

Uçar: In der Anerkennung der demokratischen Grundordnung. Der Koran kennt Passagen - wie übrigens auch die Bibel -, die sich mit dem heutigen Verständnis von Demokratie und Menschenrechten nicht vereinbaren lassen. Aufgabe der Theologie wird es unter anderem sein, diese Textstellen in ihren historischen Kontext einzuordnen.

ZEIT: Werden die Beiräte, die den neuen Lehrstühlen zugeordnet sind, eine solche aufklärerische Lesart des Korans dulden? Schließlich werden hier auch Abgesandte der konservativen islamischen Verbände vertreten sein.

Schavan: Nicht der Beirat bestimmt die Professuren, sondern die Universität, und zwar nach wissenschaftlichen Kriterien. Daran bemisst sich die Glaubwürdigkeit der neuen Lehrstühle. Die Beiräte sollen die Lehrstühle beraten. Man kann sie mit Hochschulräten vergleichen, den Aufsichtsräten der Universitäten, die sich auch nicht ins Tagesgeschäft einmischen, sondern Anregungen in die Hochschulen hineintragen.

ZEIT: Das stellen sich viele Verbandsmuslime anders vor. Schließ lich dürfen auch die christlichen Kirchen bei der Besetzung ihrer theologischen Lehrstühle mitreden und nicht genehme Professoren verhindern.

Uçar: Ein gewisses Mitspracherecht haben die Verbände, ganz klar. Ich empfehle den Beiräten aber ein hohes Maß an kluger Zurückhaltung. Sie dürfen sich nur zu theologischen Haltungen der Professoren positionieren und ihr Votum nicht von politischen oder persönlichen Erwägungen abhängig machen. Sie sollten nicht die Professoren daran messen, ob sie die in ihren Augen »wahre Lehre« verkörpern. Der Islam ist schließlich eine Weltreligion mit mannigfaltigen Strömungen. Diese Vielfalt sollte sich auf der Basis des muslimischen Grundkonsenses an den neuen Theologieinstituten auch widerspiegeln.

ZEIT: Konkret, wann dürfen die Verbände eingreifen?

Uçar: Wenn ein Professor zentrale Glaubenssätze des Islams infrage stellt, etwa erklären würde, dass der Prophet Mohammed nie gelebt habe ...

ZEIT: ... so wie es der Münsteraner Islamprofessor Sven Kalisch getan hat.

Uçar: Dann wäre eine Grenze überschritten. Schavan: Wissenschaftliche Qualität ist durch Bekenntnis nicht ersetzbar. Für jede Theologie gilt zugleich: Wer darin lebt, muss authentisch sein.

ZEIT: Warum eröffnet man den Verbänden überhaupt einen Einfluss auf die Lehrstühle?

Uçar: Die Islamverbände vertreten zwar weniger Muslime, als ihre Funktionäre behaupten. Aber immerhin 80 bis 90 Prozent der Moscheegemeinden in Deutschland gehören diesen Verbänden an. Und in diesen Gemeinden sollen die Theologen und Imame, die wir ausbilden, ja irgendwann auch predigen. In diesen Gemeinden besuchen Eltern die Moschee, die ihre Kinder in den Islamunterricht schicken sollen. Es wäre deshalb ein großer Fehler, die Verbände außen vor zu lassen. Aber sie müssen sich ändern.

ZEIT: Inwiefern?

Uçar: Sie orientieren sich immer noch zu sehr an der einstigen Heimat der Gastarbeiter, haben kaum theologische Expertise. Das kann man ihnen jedoch auch nicht vorwerfen, da es in Deutschland keine Möglichkeit für eine entsprechende Ausbildung gab. Ich erwarte allerdings schon, dass an ihrer Spitze Leute stehen, die in Deutschland aufgewachsen sind. Dies ist im muslimischen Interesse.

ZEIT: Sie beziehen sich auf Ditib, den deutschen Arm der türkischen Religionsbehörde, dem bis heute ein türkischer Staatsbeamter vorsteht.

Uçar: Ich meine keinen bestimmten Verband, sondern fordere das von allen Verbänden. Ich bin, was die Beiräte angeht, jedoch optimistisch. Vielmehr beschäftigt mich die Frage, wo die Universitäten auf einen Schlag die vielen kompetenten Wissenschaftler für die jetzt geschaffenen Lehrstühle finden sollen. Es wäre fatal, nun zweit- oder drittklassige Hochschultheologen einzustellen, die dann für 30 Jahre die Lehrstühle besetzen. Hier müssen wir sehr behutsam sein. Das ehrgeizige Projekt steht und fällt mit der Qualität der Lehrenden. Das heißt, wir werden erst einmal befristet einstellen müssen, und einige der ersten Professoren werden aus dem Ausland kommen.

ZEIT: Statt Import-Imamen haben wir dann Import-Imamausbilder, die kein Deutsch sprechen und sich ebenso wenig bei uns auskennen.

Schavan: Wer sich an einer deutschen Universität bewirbt, wird in der Regel Deutsch können. Spricht er Englisch, ist es auch okay. Auf Arabisch oder Türkisch wird der Unterricht sicher nicht sein.

Uçar: Langfristig sollen natürlich in Deutschland geborene und sozialisierte Wissenschaftler die Lehrstühle besetzen. Die Professoren haben eine Vorbildfunktion für die Studierenden. Deshalb investieren wir stark in den akademischen Nachwuchs.

ZEIT: Aber für eine Übergangszeit werden wir ausländische Professoren benötigen. Dürfen das auch Frauen sein, Frau Schavan?

Schavan: Natürlich.

ZEIT: Darf die Professorin ein Kopftuch tragen?

Schavan: Sensible Frage. Sie kennen meine Position dazu im Hinblick auf Schule. Das Kopftuch ist innerhalb des Islams hoch umstritten. Viele sehen es auch als politisches Symbol. Deshalb gilt es, innerhalb der Schule Diskretion zu üben und auf das Kopftuch zu verzichten.

ZEIT: Und in der Universität?

Schavan: Innerhalb eines Fachbereiches könnte man das differenzierter sehen. Aber solange die Debatte im Islam so heiß geführt wird, sollte man auch an der Universität Zurückhaltung üben.

Uçar: Das ist für mich nicht nachvollziehbar. Wenn wir eine Professorin auf einen Lehrstuhl berufen, dann handelt es sich um eine promovierte und habilitierte Frau, die das Kopftuch sicherlich nicht deshalb trägt, weil es ihr irgendjemand vorschreibt. Auch ihre Studentinnen sind erwachsene Menschen, die selbst entscheiden können, ob sie sich verhüllen oder nicht. Von einer zwanghaften Beeinflussung kann da meines Erachtens keine Rede sein.

ZEIT: Im Klassenzimmer dagegen schon?

Uçar: Auch da bin ich für Pluralismus und bewerte das differenzierter. Wir brauchen Lehrerinnen ohne und mit Kopftuch in den Schulen, gerade im islamischen Religionsunterricht. Daran sehen die Schülerinnen und Schüler doch, dass der deutsche Staat unterschiedliche Bekenntnisse und Glaubensauslegungen akzeptiert. Eine bessere Werbung für Toleranz kann es nicht geben. Klar muss nur sein, dass die Lehrerin niemanden aktiv missioniert. Ich habe viele Studentinnen mit und ohne Kopftuch, die gleichermaßen demokratisch gesinnt, fachlich kompetent und authentisch sind.

Schavan: Sie darf nicht einmal den Anschein erwecken, jemanden missionieren zu wollen.

ZEIT: Wo sollen diese ausgebildeten Imame eigentlich einmal Arbeit finden?

Uçar: Das ist ein großes Problem. Ein großer Teil der Imame erhält sein Gehalt aus dem Ausland, die meisten aus Ankara. In anderen Moscheen predigen pensionierte Imame aus der Türkei, die ihre Rente aufbessern, oder Teilzeitimame. So gut wie keine Gemeinde ist heute in der Lage, einem Imam Gehalt zu bezahlen, das einem Akademiker angemessen ist. Eine islamische Kirchensteuer gibt es nicht, und auch der deutsche Staat darf die Prediger nicht bezahlen.

Schavan: Auch dafür brauchen wir kreative Lösungen. Möglich wäre es zum Beispiel, dass Imame als Religionslehrer eine Anstellung in der Schule finden; eventuell mit einer halben Stelle. Das kennen wir auch von christlichen Pfarrern. Diesen Vorschlag finde ich sehr interessant.

ZEIT: Der vergangene CDU-Parteitag in Karlsruhe hat beschlossen, dass Zuwanderer die deutsche Leitkultur »respektieren und anerkennen« sollen. Was heißt Leitkultur für Sie?

Schavan: Eine Volkspartei muss sich auch immer die Frage stellen nach dem kulturellen Kitt einer Gesellschaft. Jahrelang ist in diesem Land von Multikulti geschwärmt worden und die Integration vergessen worden. Es war die Union, die den ersten Integrationsminister hatte und die in Niedersachsen als Erste eine Einwanderin zur Ministerin machte. Unter Bundeskanzlerin Merkel wurden die Islamkonferenz und der Integrationsgipfel einberufen. An diesen Taten messe ich die CDU.

ZEIT: Und was verstehen Sie nun unter Leitkultur?

Schavan: Den Geist des Grundgesetzes, der von der einzigartigen Würde des Menschen ausgeht, und den Gottesbezug in der Präambel, der zu unserer religionsfreundlichen Gesellschaft gehört.

Uçar: Mit dieser Leitkultur kann ich wunderbar leben.

Aus DIE ZEIT :: 14.04.2011

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