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In aller Freundschaft

Von Christine Böhringer

Morgens Workshop zum Thema "Kreative Problemlösungsstrategien", abends Gala mit Viergängemenü, am nächsten Morgen Jazzbrunch, dazwischen Geisterbahn. Ein Programm ganz nach dem Geschmack von Claudia Reicherts Schützlingen. 1200 Anmeldungen, die Hotels sind gebucht, alle wollen sie zum großen Treffen in den Freizeitpark. "Die Leute rennen uns die Bude ein", sagt Reichert, die an der Uni Karlsruhe Studenten betreut. Ehemalige Studenten.

In aller Freundschaft© herry - stock.xchng
Bereits seit einem Jahrzehnt knüpft die Hochschule an ihrem Alumni-Netzwerk, einem Zusammenschluss von Absolventen. Mitt lerweile hat es 15 000 Mitglieder und seit zwei Jahren eine neue Dimension: Damals wurde die Alumni-Arbeit mit Stiftungen, Career Service und Fundraising in einer Stabsstelle gebündelt und damit zur Chefsache erklärt.

Vorbild waren sogenannte Development Departments an amerikanischen Hochschulen. "Es sollten möglichst viele Synergien zwischen den einzelnen Zielgruppen genutzt werden", sagt Stabsstellenleiterin Caroline Mattingley-Scott. Ein Beispiel, dem derzeit zahlreiche deutsche Universitäten folgen: Sie professionalisieren ihre Arbeit mit Ehemaligen und versuchen so, sie an sich zu binden.

"Viele staatliche Hochschulen haben Alumni als wichtigen strategischen Pfeiler erkannt", sagt Christian Kramberg, Vorsitzender von alumniclubs. net, dem Verband der Alumni-Orga ni satio nen im deutschsprachigen Raum. Von der neu entdeckten Liebe zur Alma Mater können beide Seiten profitieren: Den Studenten soll sie bessere berufliche Kontakte verschaffen - und den Universitäten mehr Geld. Die Rechnung scheint aufzugehen. Im Sommer sagten bei einer Telefon aktion der Uni Bremen die Ehemaligen zu, insgesamt 16 000 Euro zu spenden. Die TU Berlin sammelte vor zwei Jahren 80 000 Euro für die Renovierung eines Hörsaals, die Uni Karlsruhe im Winter und im Spätsommer 40 000 Euro für einen Stipendienfonds. Immer wieder kämen von den Alumni mal kleine, mal große Summen, sagt Caroline Mattingley-Scott. Und ältere Menschen wollten der Universität nach ihrem Tod etwas vererben. Zahlen mag sie nicht nennen.

Hohe Einzelspenden wie in den USA, wo ehemalige Studenten wie der Milliardär John Werner Kluge ihrer alten Hochschule schon mal 400 Millionen Dollar überlassen, gehören in Deutschland nicht zur Regel. "Doch bei der Alumni-Arbeit ist auch Fundraising ein wichtiges Ziel", sagt Mattingley-Scott. Eine Kombination, die an amerikanischen Hochschulen bestens funktioniert: Ihre Bildungsstätte zu beschenken gehört dort bei Absolventen zum guten Ton - und es wird ihnen leicht gemacht. Bei jeder Hochschule kann man bequem online per Kreditkarte spenden. Die Universität von Minnesota nahm im vergangenen Jahr zum Beispiel von 50 000 Alumni insgesamt 83 Millionen Dollar ein.

Damit sich die Absolventen in Deutschland positiv an ihre Uni erinnern und später vielleicht auch einmal etwas zurückgeben, bieten die hiesigen Alumni-Netzwerke ihnen heute schon viel Service. Eine Homepage, mit deren Hilfe die Ehemaligen miteinander Kontakt aufnehmen können, jährliche Alumni-Treffen, eine lebenslange Weiterleitungs-E-Mail-Adresse, die Zusendung der Uni-Zeitschrift und der monatliche Newsletter gehören zum Standard. Auch ermäßigten Eintritt ins Fitnessstudio oder zum Yoga, verbilligte Handytarife oder ein kostenloses Abo eines Wirtschaftsmagazins gibt es, doch: "Alumni - Netzwerke sind in erster Linie beruflich ausgerichtet ", sagt Claudia Reichert.

Die Absolventen können etwa ihre Bewerbungsmappen überprüfen lassen, ihren Lebenslauf im Karriereportal hinterlegen und dort selbst nach Praktikanten, Werkstudenten und Mitarbeitern für das eigene Unternehmen suchen. Bei der Alumni-Organi sation der Fakultät für Betriebswirtschaft der LMU München bekommen Unternehmen als Fördermitglieder Zugang zu den besten Absolventen und Doktoranden eines Jahrgangs. Firmenbesichtigungen, Vorträge und Summer Schools runden das Angebot für die Ehemaligen ab.

Und selbst in anderen Städten in Deutschland und im Ausland muss sich ein Ehemaliger nie allein fühlen: Absolventum, das Ehemaligennetzwerk der Universität Mannheim (Slogan: "Im Kreis der Besten bleiben"), zählt 51 Regionalclubs, von Hawaii über Halle bis Sydney, wo man sich zu Vorträgen, zum Plaudern oder zum traditionellen Gansessen trifft.

Trotz aller Vorteile: Anfangs zumindest kostet die Mitgliedschaft in den Alumni-Netzwerken wenig oder gar nichts. In Karlsruhe und Bochum zahlen die Absolventen keinen Cent, in München 30 Euro und in Mannheim 50 Euro im Jahr. Das
ist durchaus Berechnung, wie Jessica Runte, Leiterin des Alumni-Büros der Ruhr-Universität Bochum, einräumt: "Wir wollen erst einmal eine Beziehung aufbauen und nicht nach Geld fragen. Einen neuen Freund bittet man nach ein paar Wochen ja auch nicht gleich um Geld."

Am Beziehungsaufbau arbeitet die Ruhr-Universität seit drei Jahren gezielter: Seitdem findet die Alumni-Arbeit auch fächerübergreifend statt. Der Schwerpunkt liegt derzeit bei der Online arbeit, innerhalb von zwei Jahren haben sich über 3000 Alumni registriert, und "jeden Tag kommen fünf weitere hinzu", sagt Runte. Wie an anderen Hochschulen können bereits Studierende Mitglied im Netzwerk werden: "Wir wollen den Kontakt so früh wie möglich aufbauen." Für Christian Kramberg von alumni - clubs.net fängt Alumni-Arbeit sogar "mit der Bewerbung um einen Studienplatz an".

Auch andernorts ist das Interesse der Ehemaligen groß. Und das liegt nicht nur an den Serviceleistungen. "Die Absolventen wollen wissen, was an ihrer alten Universität passiert, und selbst aktiv werden", sagt Claudia Reichert. Sie geben gern ihr Wissen weiter, halten Vorträge bei Kolloquien, interessieren sich für den aktuellen Stand ihres Fachs. "Viele bringen sich als Mentoren ein", sagt Sibylle Runz von Absolventum aus Mannheim.

Auch in Bochum fragt man nach "Zeitspenden " der Ehemaligen und versucht, sie für die inhaltliche Arbeit zu gewinnen. "Wer auf uns zukommt und spenden will, kann das allerdings auch tun", sagt Runte. Sie freut sich dann - und weist die Ehemaligen an die entsprechen den Stellen weiter.

Aus DIE ZEIT :: 10.01.2008

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