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In der Freiheit liegt eine phantastische Chance


Von Bernhard Kempen

Über die Freiheit der Wissenschaft und ihre Bedrohung.

In der Freiheit liegt eine phantastische Chance© gabs0110 - Photocase.comFür den wissenschaftlichen Fortschritt ist die Freiheit der Wissenschaft unabdingbar

Freiheit der Wissenschaft gehört zu den Grundrechten, ist dabei aber kein Reservat von beruflichen Sonderrechten, sondern verheißt Nutzen für die gesamte Gesellschaft. Wie kann in diesem Spannungsfeld dem einzelnen Wissenschaftler ausreichend Freiheitsraum gesichert werden? Wie kann dem Misstrauen gegen diese Freiheit begegnet werden?

Freiheit ist ein großes Wort. Freiheit ist Sicherheit, Freiheit ist Mündigkeit, Freiheit ist Recht, Freiheit ist Ungleichheit, Freiheit ist Verantwortung. Freiheit sieht manchmal auch wie ein Privileg aus. Wenn Professoren von Freiheit sprechen, stehen sie im Verdacht, fünf Monate Urlaub und eine Neun-Stunden-Woche zu meinen. Freiheit ist, Missverständnissen ausgeliefert zu sein. Von Zeit zu Zeit ist es notwendig, sich des Werts der Freiheit zu erinnern. Wenn dies nicht geschieht, drohen Freiheitsmissbrauch und Freiheitsbeschränkung. Ohne die hygienische und vorbeugende Übung der Freiheitsvergewisserung gerät die Freiheit unmerklich aus dem Blick, bis sie ganz verloren ist.

Ohne Freiheit keine Menschenwürde

Die Freiheit ist Bestandteil der menschlichen Würde. Ohne Freiheit keine Menschenwürde. Das liegt für die klassischen Freiheiten der politischen Aufklärung des ausgehenden 18. Jahrhunderts auf der Hand. Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Religionsfreiheit und Freiheit vor willkürlicher Festnahme sichern dem Einzelnen seine Würde. Für die Wissenschaftsfreiheit ist das so selbstverständlich nicht. Denn bei ihr schiebt sich vor den individuellen, würdebezogenen Zweck der Nutzen, den die Gesellschaft von einer freien Wissenschaft hat. Die Wissenschaftsfreiheit ist drittnützige Freiheit. Sie dient weniger den Wissenschaftlern als den Nichtwissenschaftlern. Darin ist sie mit der verfassungsrechtlichen Garantie der richterlichen Unabhängigkeit vergleichbar. Richter besitzen diese Unabhängigkeit nicht als einen besonderen beruflichen Nimbus, sondern weil die Gesellschaft ein höheres Maß an Gerechtigkeit von einer unabhängigen Justiz erwartet. Freie Wissenschaft ist nicht ein Reservat von beruflichen Sonderrechten, sondern die Verheißung wissenschaftlichen Fortschritts für alle. Die funktionale Zuordnung der Wissenschaftsfreiheit zum gesellschaftlichen Nutzen ändert freilich nichts daran, dass es am Ende immer darauf ankommt, dem einzelnen Wissenschaftler einen individuellen Freiheitsraum der wissenschaftlichen Betätigung zu sichern. Der Nutzen ist kollektiv, das Freiheitsrecht des Wissenschaftlers ist individuell. Der Nutzen tritt nur ein, wenn das individuelle Recht unbeeinträchtigt bleibt, wenn es gelebt werden kann, Stunde für Stunde, Tag für Tag.

Im Universitätsalltag ist das nicht immer zu spüren. Viele Wissenschaftler fühlen eine zunehmende Einengung ihrer beruflichen Freiheit, und diese subjektive Empfindung ist viel verheerender als das Jedermanns-Gefühl, dass alles immer teurer wird. Gegen die gefühlte Inflation mag man die statistisch ermittelte Inflationsrate einwenden können, gegen den gefühlten Freiheitsverlust hilft keine Statistik. Wenn in der Wissenschaft ein Gefühl der Unfreiheit entsteht, ist es schon fast zu spät. Wissenschaft wird unfruchtbar, wenn sie sich bedroht sieht. Zwang und Druck mobilisieren nicht die letzten Kreativitätspotenziale, sondern drohen sie zu ersticken. Es ist dabei keineswegs ein irreales Gefühl des Freiheitsverlusts, das Professoren heute beunruhigt und verunsichert, vielmehr ist der Zugriff auf die Freiheit ganz manifest. Die Besoldung wird bei den Professoren - nicht bei den übrigen Beamten - abgesenkt, um erst bei nachgewiesener Leistung, und oft genug nicht einmal dann, auf das vormalige Niveau gebracht werden zu können. Das Zeitbudget, das für die Forschung zur Verfügung steht, wird geplündert, um es zur Untertunnelung nahender Studentenberge der Lehre zuzuschlagen. Die korporativen Gestaltungs- und Mitwirkungsrechte der Professoren werden von Direktions- und Steuerungskompetenzen der Präsidenten und Rektoren, Hochschulräte und Dekane abgelöst, die sich mehr als Unternehmer denn als Wissenschaftler verstehen. Die auf wissenschaftlichem Sachverstand beruhende Freiheit, auf die Studienorganisation Einfluss zu nehmen, wird rechtfertigungspflichtig vor Agenturen, deren Tätigkeit nichts als lautes Gelächter hervorruft.

Natürlich wissen wir, dass für jeden einzelnen der staatlichen Freiheitszugriffe nachvollziehbare Gründe genannt werden können. Die W-Besoldung soll für mehr Leistungsgerechtigkeit sorgen, das gesteigerte Lehrdeputat soll der Haushaltsnot abhelfen, die neuen Hochschulhierarchien sollen den komplexeren Universitätsaufgaben Rechnung tragen, und die Akkreditierung soll die Qualität der neuen Bologna-Studiengänge sicherstellen.

Das Misstrauen gegenüber der Wissenschaft

Aber in der Summe der Freiheitszugriffe ist ein neuer Rechnungsposten mit einem ungeheuerlichen Belastungsmehrwert unübersehbar, und das ist das Misstrauen gegenüber der Wissenschaft als gesellschaftlichem Subsystem, ein Misstrauen, das mit nichts zu erklären ist. Misstrauen ist neben dem Einsparmotiv die kräftigste Triebfeder für die Hochschulreformen unserer Tage, und wenn es dafür auch keine Erklärung gibt, so doch einzelne Ursachenhinweise. Da wäre das Verhalten von - ehemaligen - Kollegen zu nennen, die Organtransplantationen und Promotionsbetreuungen gegen Geld versprochen oder sich sonst disziplinar- und strafrechtlich auffällig verhalten haben, da wäre der in einzelnen Studiengängen zu beobachtende fahrlässige Umgang mit den Erwartungen der Studierenden zu nennen, da wäre aber auch zu erwähnen, dass jedenfalls bei minderbegabten Politikern das Klischee vom "faulen Prof." tief verwurzelt ist, und da wäre am Ende zu konstatieren, dass es so etwas wie eine weit verbreitete negative Stimmung gegenüber der Welt der Wissenschaft gibt, gegen die fast kein Kraut gewachsen ist, es sei denn das gemeinsame Vorleben von bester wissenschaftlicher Praxis. Ist Misstrauen das Motiv für den direkten staatlichen Freiheitszugriff, so ist modisches Nützlichkeitsdenken das Motiv für den möglicherweise noch gravierenderen indirekten Freiheitszugriff. Hier geht es nun nicht mehr um die direkte Steuerung per Gesetz und Verordnung, sondern um subtile Lenkungseffekte, die der goldene Zügel gelegentlich unbewusst und unbeabsichtigt auslöst.

Schleichende Anpassungsprozesse

Hinter den vielen Forschungsprogrammen, die auf lokaler, regionaler, überregionaler und internationaler Ebene aufgelegt werden, stehen Prioritätenentscheidungen, die immer zugleich auch Nachrangigkeiten festlegen. Das Geld, das in das eine Programm gesteckt wird, fehlt an anderer Stelle, die Begünstigung ist immer auch zugleich Benachteiligung. Damit soll nun nicht jeder Programmförderung die Berechtigung abgesprochen werden, aber es darf mehr Sensibilität für die Freiheitsfolgen der programmatischen Wissenschaftsbeeinflussung erwartet werden. Es geht ja weniger um das Vorhandensein von Geld an der einen und dessen Fehlen an der anderen Stelle, sondern vielmehr um schleichende, unmerkliche Anpassungsprozesse, die das bunte Spektrum wissenschaftlicher Forschung auf wenige Farben reduzieren. "Mainstream-Forschung" kann überwiegend wissenschaftlich induziert sein. Wenn sie überwiegend utilitaristisch induziert ist, drohen die Nebenströme der Wissenschaft, auf die wir angewiesen sind, auszutrocknen. Bei aller berechtigter Programmförderung muss sichergestellt sein, dass jeder Wissenschaftler an der Universität so viel Förderung erhält, dass auch neben und außerhalb von themenbezogenen Programmen wissenschaftlich gearbeitet werden kann. Vor gar nicht allzu langer Zeit hat sich eine sehr leistungswillige und erfolgreiche junge Kollegin aus einem Fach, das so klein ist, dass ich es nicht nennen kann, ohne dass sie sofort wissen oder googeln, um wen es sich handelt, verzweifelt an mich gewandt: Für sie gebe es keine Möglichkeit, in einem Cluster zu forschen, und auch an einer Graduiertenschule mitzuwirken sei ihr nicht möglich. Zu den Forschungslieblingskindern der Politik habe sie keine Beziehung. Ihr bliebe nur die zurückgezogene Forschung in Einsamkeit und Freiheit. Dabei brauche sie Unterstützung, doch ihre Hochschule beschneide ihre Ausstattung, weil die Mittel anderweitig gebraucht würden. Ein Einzelförderungsantrag sei gerade abgelehnt worden, weil die Fachgutachter, die anderen Denkschulen entstammten, mit ihrem Forschungsansatz erwartungsgemäß nichts anfangen konnten. Sie werde nun wohl noch einen Antrag stellen.

Phantastische Chance

Freiheit ist kein Projekt, das wir eines Tages mit einem säuberlichen Projektbericht abschließen könnten. Vielleicht gelingt es uns ja, ein ganz kleines Stück dazu beizutragen, dass die phantastische Chance verwirklicht wird, die in der Freiheit der Wissenschaft liegt.

Leicht gekürzte Fassung eines Vortrags gehalten zur Eröffnung des 61. DHV-Tages in Potsdam am 11. April 2011.

Aus Forschung und Lehre :: Mai 2011

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