Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

In der "Rush Hour des Lebens" - wissenschaftliche Karriere und Familienwunsch

Von MARIA E. HARDE und MATTHIAS SCHWARZKOPF

Familie und wissenschaftliche Karriere schließen sich offensichtlich für viele junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus: über 70 Prozent der Frauen und Männer im Mittelbau sind kinderlos. Der Best Practice Club "Familie in der Hochschule" sucht nach Lösungsmöglichkeiten für eine bessere Vereinbarkeit von wissenschaftlicher Karriere und Familie und unterstützt hierbei die Hochschulen.

In der "Rush Hour des Lebens" - Wissenschaftliche Karriere und Familienwunsch© Catherine Yeulet - iStockphoto.comNur 29 Prozent der Männer und 26 Prozent der Frauen im Mittelbau entscheiden sich für eine Familie
Das deutsche Hochschulsystem lebt von erstklassiger Forschung. Hartnäckig hält sich vielfach noch der Mythos der Unvereinbarkeit wissenschaftlichen Arbeitens mit der Übernahme von Familienaufgaben. Die wichtigen Qualifikationsphasen für eine wissenschaftliche Karriere in Deutschland fallen jedoch in die "Rush Hour des Lebens", die Zeit zwischen 25 und 40 Jahren, in der auch, sofern sie denn gewünscht ist, die Familiengründung ansteht. Dies führt dazu, dass Nachwuchskräfte zum Teil ihre privaten Wünsche zurückstellen: 71 Prozent der Männer und 74 Prozent der Frauen im Mittelbau sind kinderlos (Metz-Göckel 2010).

Gleichzeitig gibt es viele hochqualifizierte Absolventinnen, Absolventen und Nachwuchskräfte, die früh nach Alternativen außerhalb der Wissenschaft suchen; hierfür sprechen z.B. Schwierigkeiten bei der Stellenbesetzung in den Ingenieurwissenschaften und der Informatik. Neben der Gleichzeitigkeit von wissenschaftlicher Karriere und Familiengründungsphase spielen auch die hohe Zukunftsunsicherheit und die häufig prekären Beschäftigungsverhältnisse in der Wissenschaft eine wichtige Rolle für den Verzicht auf Familienverantwortung oder das Aussteigen aus den wissenschaftlichen Karrierewegen an Hochschulen.

Dabei hat gerade die Wissenschaft durch eine oft große räumliche oder zeitliche Flexibilität das Potenzial, bessere Möglichkeiten der Vereinbarkeit zu bieten als viele Bereiche der Privatwirtschaft. Die vorhandenen Gestaltungsspielräume werden meist jedoch noch zu wenig genutzt, um die Attraktivität einer wissenschaftlichen Karriere zu steigern und damit kluge Köpfe zu gewinnen und an die Hochschule zu binden. Familienorientierung bietet Hochschulen die doppelte Chance, die Forschungsexzellenz zu fördern und ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nachzukommen.

Projekte zur Familienförderung an Hochschulen

Es gibt jedoch engagierte Initiativen an verschiedenen Hochschulen, die sich dieser Problemlage annehmen. Im Best Practice Club "Familie in der Hochschule", einem von der Robert Bosch Stiftung, dem Centrum für Hochschulentwicklung und dem Beauftragten der Bundesregierung für die Neuen Bundesländer geförderten Programm, arbeiten zwölf Hochschulen, darunter die Universitäten Konstanz, Jena, Tübingen und Erfurt, gemeinsam an Wegen zu einer familienorientierten Hochschule. Die Hochschulen des Clubs "Familie in der Hochschule" erarbeiten zu verschiedenen Fragen der Familienorientierung Leitfäden und Handreichungen, zu finden unter www.familie-in-der-hochschule.de.

In verschiedenen Teilprojekten werden im Austausch Lösungsmöglichkeiten für die Herausforderungen der Vereinbarkeit von wissenschaftlicher Karriere und Familie entwickelt und die Ergebnisse anderen Hochschulen zur Verfügung gestellt. Grundlegend für Veränderungen ist es jedoch, eine Kultur an Hochschulen zu schaffen, die Familie als eine gewünschte Lebensform vertritt und fördert. Dies kann nur gelingen, wenn Hochschulleitungen und Vorgesetzte, d.h. Professorinnen und Professoren, dieses Thema aufgreifen und in ihrer täglichen Arbeit vorantreiben.

Nachwuchskräfte sowie Professorinnen und Professoren zu gewinnen und an die Hochschule zu binden ist dabei auch eine Frage der Infrastruktur. Die Universität Konstanz hat ein eigenes Kinderhaus für 100 Kinder; andere Hochschulen, wie die Universität Jena, unterstützen Hochschulangehörige bei der Suche nach Kita-Plätzen. In Berufungsverhandlungen werden regelmäßig Kita-Plätze nachgefragt; auf ein gutes Angebot vor Ort verweisen zu können ist ein Konkurrenzvorteil insbesondere ostdeutscher Hochschulen. Darüber hinaus brauchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler flexible Betreuungsmöglichkeiten über die Öffnungszeiten von Kitas hinaus. Mit Unterstützung der Hochschulleitungen sind an den Universitäten Konstanz, Erfurt und Jena verschiedene Angebote flexibler Kinderbetreuung entstanden.

Die Universität Konstanz bietet ihren promovierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit Familienaufgaben darüber hinaus flexible Arbeitsmodelle an, bei denen sie auch personelle Unterstützung für delegierbare Aufgaben oder Labortätigkeiten erhalten. Außerdem bekommen Nachwuchskräfte einen Zuschuss zu Reisekosten, wenn Kind und ggf. Partner oder Babysitter auf Tagungen mitreisen.

Dual Career Couples

Neben dem Kinderbetreuungsangebot ist es beim Ruf an eine Hochschule häufig auch ein wesentliches Entscheidungskriterium, ob der Partner bzw. die Partnerin vor Ort berufliche Anschlussmöglichkeiten findet. Die inzwischen weit verbreitete Unterstützung von Dual Career Couples (DCC) an deutschen Hochschulen kann jedoch nur dann wirkungsvoll sein, wenn es auf der einen Seite ein klares Dual Career Konzept gibt, wie an der Universität Konstanz, deren Dual Career Policy u.a. den Umgang mit Dual Career Couples bei Stellenbesetzungsverfahren von Anfang an transparent darstellt, und wenn auf der anderen Seite diese Arbeit auch mit den notwendigen personellen Ressourcen ausgestattet wird.

Neben solchen Maßnahmen ist die Unterstützung der beteiligten Akteure durch Beratung und Kompetenzerweiterung ein wichtiger Baustein. An den Universitäten Tübingen und Konstanz werden spezielle Workshops zum Thema "Familienfreundliche Führungs- und Arbeitskultur" durchgeführt, in denen die Bedürfnisse unterschiedlicher Zielgruppen von der Hochschulleitung über die Verwaltung bis zu den Nachwuchskräften adressiert werden. Diese Workshops beschäftigen sich mit Inhalten wie Teamorganisation, Karriereplanung, Zeitmanagement und peer consulting und werden modular nach den Bedürfnissen der jeweiligen Zielgruppe angeboten.

All diese Maßnahmen sind wichtig, brauchen jedoch die beschriebene Kultur der Erwünschtheit von Familie. So ist gerade die aktive Kommunikation eine tragende Säule der besseren Vereinbarkeit von Wissenschaft und Familie. Über eigene Vereinbarkeitswünsche am Arbeitsplatz zu sprechen darf für Nachwuchskräfte, aber auch für deren Vorgesetzte kein Tabu sein. Wichtig ist der Abbau von bestehenden Vorurteilen und Vorbehalten durch Wissen und Erfahrungen, um ein Klima der Familienfreundlichkeit zu schaffen. Vor dem Hintergrund von Nachhaltigkeits- und Gesundheitsdebatten dürften gerade Forscherinnen und Forscher mit einem weiten Lebens- und Erfahrungshorizont zukünftige gesellschaftliche Entwicklungen optimal begleiten und vorantreiben können.

Über die Autoren
Maria E. Harde, Geschäftsstelle "Familie in der Hochschule" beim CHE, Centrum für Hochschulentwicklung; Dr. Matthias Schwarzkopf, Servicestelle Lehre Lernen an der Friedrich Schiller Universität Jena. Weitere Autorinnen: Petra Kleinser, Gleichstellungsbüro der Universität Tübingen; Tanja Weisz, Referat für Gleichstellung und Familienförderung der Universität Konstanz; Anke Wenta, Gleichstellungsbüro der Universität Tübingen

Aus Forschung & Lehre :: April 2012

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote