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In Einklang bringen - der Wandel des Arztbildes in der Hochschulmedizin

Von Reinhard Putz

Von Ärzten werden Wunder erwartet. Können Mediziner aber die vielen Erwartungen in Wissenschaft und Klinikalltag meistern und zugleich ein hohes Niveau in Forschung und Krankenversorgung sichern?

In Einklang bringen - der Wandel des Arztbildes in der Hochschulmedizin© Artur Gabrysiak - iStockphoto.comPatientenversorgung, Lehre und Forschung - kann die Hochschulmedizin das alles leisten?
Das immer schon vielschichtige Bild des Arztes in der Hochschulmedizin hat sich als Spiegel der Entwicklung unseres Wissenschafts- und unseres Gesundheitssystems im Laufe des letzten Jahrzehnts weiter differenziert, nicht zuletzt getrieben vom sich ausweitenden molekularmedizinischen Paradigma. Nach wie vor geht es aber um die Frage, wie die persönlichen Voraussetzungen des Arztes mit den zentralen Aufgaben der universitären Medizin in Einklang zu bringen sind. Patientenversorgung, Forschung und Lehre auf höchstem Niveau zusammen mit einer sich verschärfenden wirtschaftlichen Situation und einer kritischen ethischen wie juristischen Betrachtungsweise im täglichen Leben abzustimmen, ist die Herausforderung heute.

Der Druck auf die Führung der Universitätskliniken, sich selbst wirtschaftlich zu tragen, steigt weiterhin in einer Weise, die die übrigen universitären Aufgaben zu bedrohen scheint. Der Einfluss der Exzellenzinitiative und anderer wissenschaftspolitischer Konzepte der Forschungsförderung ist nicht zu übersehen, wie auch der damit verbundene Druck zu Schwerpunktbildung und institutioneller Überspezialisierung. Dazu kommt die öffentliche Forderung nach Verbesserung der ärztlichen Ausbildung und Anpassung an internationale Standards.

Nicht zuletzt muss die Rolle von Leistungsanreizen und Karrierechancen, natürlich auch die Entwicklung des Entlohnungssystems für den Wandel des Arztbildes geprüft werden. Die klinische Hochschulmedizin hat Konkurrenz bekommen. Es haben sich private Kliniken etabliert, die sich im Wissen um eine mögliche Risikoabdeckung durch die Universitätsklinik Spezialaufgaben auf hohem Niveau widmen können. Damit mithalten zu können, erfordert in vielen Kliniken angesichts dünner Personaldecken organisatorische Kraftakte, weil neben diesen Spezialeinrichtungen übergeordnete klinische Leistungen und Ausbildungsaufgaben zu erfüllen sind. Als Zentren der Vollversorgung und angesichts der komplexen Verpflichtung zur Weiterbildung können es sich die Universitätskliniken aber nicht erlauben, lediglich als Ansammlungen ebenfalls spezialisierter klinischer Abteilungen zu agieren. Die Dynamik des Wandels im Gesundheitssystem zwingt überdies zu wirtschaftlichen und administrativen Konsequenzen, die für die wissenschaftlichen Herausforderungen und die Verpflichtungen in der Lehre nicht unbedingt förderlich sind.

Die wissenschaftliche Hochschulmedizin bekommt ebenfalls weitere Konkurrenz. Der extreme Anspruch der Exzellenzinitiative ist innerhalb der Medizin nur zu erfüllen, wenn ein Bogen aus der Grundlagenforschung heraus bis zur Anwendung am Patienten gespannt werden kann. Die Wissenschaftspolitik trägt dazu in verschärfender Weise bei, indem sie außeruniversitäre anwendungsorientierte Forschungseinrichtungen gezielt fördert, die sich in Kooperation mit klinischen Spitzenforschern den wichtigsten gesundheitsrelevanten Themen widmen sollen.

Derartige Spitzenforschung aber kann sich nur dort etablieren, wo sich die Aufgeschlossenheit für Grundlagenforschung und die Erfahrung der Forschung am Patienten treffen - möglichst in ein- und derselben Führungsperson. In neuer Intensität haben sich die medizinischen Fakultäten in den letzten Jahren mit der Ausbildung der Studierenden auseinanderzusetzen begonnen. Abgesehen von lokalen curriculären Modellversuchen ist mit der neuen ÄAppO unverkennbar eine Welle der Professionalisierung entstanden. Inzwischen werden z.T. sogar verpflichtende hochschuldidaktische Weiterbildungsprogramme angeboten, eine leistungsorientierte Mittelverteilung auch in der Lehre ist an manchen Fakultäten bereits etabliert.

Die früher im klinischen Bereich angesichts des Druckes der Patientenversorgung häufig etwas zur Seite geschobene Lehrverpflichtung ist an vielen Orten zu einer positiv besetzten Lehraufgabe geworden. Dazu beigetragen hat ohne Zweifel der Trend, schrittweise auch für die Lehre getrennte Budgets einzurichten und die große zeitliche Belastung durch methodische Professionalisierung aufzufangen.


Noch vor wenigen Jahren stand der Vorschlag im Raum, die zentralen Aufgaben der Universitätsmedizin, Patientenversorgung und Lehraufgabe einerseits sowie Forschungsaufgaben andererseits auf verschiedene Köpfe zu verteilen. Die oben dargestellte Differenzierung der Aufgaben der Hochschulmedizin hat eine derartige Struktur als neuen Weg erscheinen lassen. Um das "Tandemmodell" für die Leitung von Universitätskliniken, wie es von Wissenschaftsrat und DFG gefordert worden war, ist es allerdings inzwischen wieder still geworden. Nur auf den ersten Blick überzeugte die Idee, damit die hoch spezialisierte Leistung des Einzelnen besser ausschöpfen zu können. Zu schnell wurden die damit zwangsläufig verbundenen kommunikativen und organisatorischen Probleme sichtbar, ganz zu schweigen von Status- und Ausbildungsfragen. Wie man es dreht und wendet, die Sonderstellung der klinischen Hochschulmedizin besteht nach wie vor darin, dass sie in unerlässlicher Weise in der Person des Arztes Patientenversorgung, Forschung und Lehraufgabe verbinden muss. Nur aus dieser engen Verzahnung heraus kann sie ihrer jeweiligen Aufgabe gerecht werden. Der persönliche Spielraum freilich, in welchem Ausmaß die einzelnen Bereiche als persönliche Schwerpunkte ausgebaut werden, hat sich ausgeweitet.

Diese Frage muss vor allem in ihren Auswirkungen auf die Orientierung des wissenschaftlich-ärztlichen Nachwuchses diskutiert werden. Um sich in jungen Jahren auf den steinigen Karriereweg zu machen, gehört ein zumindest in Umrissen erkennbares Bild, nach dem man sich orientieren kann. Die Unschärfe dieses Bildes und der überhöhte Anspruch haben ohne Zweifel dazu beigetragen, dass sich heute zu wenige junge Menschen auf diesen Weg einer universitären Laufbahn machen. Nach Jahren übergroßen Einsatzes kommt bei vielen Nachwuchswissenschaftlern vielleicht auch die Unsicherheit dazu, wie die eigenen Karrierechancen zu bewerten sind.

Darum scheint es mir in der Frage des Arztbildes in der Hochschulmedizin heute zu gehen: Über eine gründliche postgraduale wissenschaftliche Tätigkeit muss ein wissenschaftsorientiertes Denkmuster für die Entwicklung eigenständiger Fragestellungen und für klinische Forschungsaufgaben erworben werden, das damit zur Grundlage jeglicher wissenschaftlicher Kooperation werden kann. Nur auf diesem Weg kann dem Wandel zum molekularmedizinischen Paradigma und dem raschen Fortschritt der biomedizinischen Forschung Rechnung getragen werden. Professionalisierung in den Aufgaben in Patientenversorgung und Lehre muss dieses notwendigerweise komplexe Bild ergänzen. Dass jeder Arzt innerhalb dieses Gesamtbildes natürlich einen persönlichen Schwerpunkt entwickeln wird, ändert nichts daran, dass die Einheit des Arztbildes weiterhin die unerlässliche Voraussetzung zur zukunftsorientierten Gewährleistung des hohen Niveaus der klinischen Hochschulmedizin sein wird.


Über den Autor
Professor Dr. med. Dr. h.c. Reinhard Putz lehrt Anatomie und ist Vizepräsident der Ludwig-Maximilians-Universität in München.


Aus Forschung und Lehre :: April 2010

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