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In fünf Schritten zur Exzellenz

VON MARKUS BAUMANNS

Was brauchen neu gegründete Hochschulen, um sich zu Spitzeneinrichtungen zu entwickeln? Ein Erfolgsrezept.

In fünf Schritten zur Exzellenz© Jon Schulte - iStockphoto.com
Die Hochschullandschaft verändert sich rasant. Neue Studiengänge entstehen, Forschungscluster, Graduiertenschulen und private Hochschulen, die einen hohen wissenschaftlichen Anspruch für sich reklamieren. Sie trachten nach Exzellenz und internationaler Wettbewerbsfähigkeit oder schreiben sich diese Modewörter, ohne die nichts mehr zu gehen scheint, zumindest auf die Fahnen. Zahlreiche Neugründungen spiegeln die Hoffnung wider, sich weitgehend unabhängig von institutionellen Zwängen und bürokratischen Vorgaben entwickeln zu können. Doch wovon hängt ihr Erfolg ab? Meines Erachtens sind fünf Faktoren ausschlaggebend. In der richtigen Mischung lassen sie wissenschaftliche Spitzeneinrichtungen entstehen, deren Exzellenz sich nach langer Reifezeit beweist.

1. Ein überzeugendes Programm

Worin liegt der Bedarf an einem neuen Studienoder Forschungsangebot? Warum sollten Studierende diesen noch nicht erprobten Studiengang einem bereits existierenden vorziehen? Warum sollten gute Professoren an diese Einrichtung wechseln oder hier ihre Karriere beginnen? Ohne eine gründliche Wettbewerbsanalyse und Gespräche mit unabhängigen Experten kann kein Profil mit einer klaren Botschaft, überzeugenden Inhalten und neuartigen Herangehensweisen an den Stoff erarbeitet werden.

2. Eine gesunde Finanzierungsgrundlage

Einrichtungen mit hohem wissenschaftlichem Anspruch rechnen sich nicht. Forschung und Lehre bringen kein Geld - jedenfalls bei Weitem nicht in dem Umfang, der notwendig wäre, um sie aus Studiengebühren oder Patentlizenzen zu refinanzieren. Wissenschaft muss es sich leisten können, zu irren, einmal eingeschlagene Lösungswege zu verwerfen und wieder von vorn anzufangen. Wissenschaft braucht also Zeit, viel Zeit. Neben einem klaren Businessplan für die ersten Jahre brauchen neue Wissenschaftseinrichtungen oder Studiengänge deshalb eine langfristig gesicherte Finanzierungsgrundlage. Rein projektbezogene Finanzierung von Forschung kann, das hat die Praxis hinlänglich gezeigt, diesen Zweck nicht erfüllen.

3. Eine durchdachte Personalstrategie

Jede Neugründung steht vor einem Start-up-Problem: Kluge Professoren ziehen kluge Studenten und weitere kluge Professoren an und kluge Studenten wiederum kluge Professoren und weitere kluge Studenten. Was ist zu tun, wenn noch keine der beiden Gruppen existiert? Im internationalen Universitätsbetrieb greifen Neugründungen auf eine »Program Faculty« zurück: Führende internationale Wissenschaftler werden als Unterstützerkreis angesprochen, um als Qualitätsgaranten von außen den Aufbau des Personals zu begleiten. Die Experten der Program Faculty sprechen ihrerseits gezielt exzellente Professoren an, die für die Hochschule infrage kommen. Den Interessenten wird ein insgesamt attraktives Gesamtpaket angeboten, das sich aus Forschungsfreiraum und Entwicklungsmöglichkeiten wie Lehrverantwortung, Zusammenarbeit mit Industrie und Handel, Qualität der Studierenden und Kollegen und dem Spirit der Hochschule zusammensetzt. Die Professoren forschen und lehren ohne die im deutschen Lehrstuhlsystem üblichen wissenschaftlichen Mitarbeiter und Assistenten. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass die Studierenden von den Professoren selbst betreut werden. Dieses Prinzip geht mit geringeren Lehrdeputaten, höheren und erfolgsabhängigen Gehältern der Professoren und einer sorgfältig ausgewählten Studierendenschaft einher. Durch den Wegfall des Lehrstuhlapparates sind die finanziellen Belastungen eines solchen Modells nur unwesentlich höher. Ein strukturiertes Doktorandenprogramm, das ausgesuchte Nachwuchswissenschaftler absolvieren, die wiederum durch Stipendien unterstützt werden, trägt ebenfalls zu einem starken Forschungsprofil der Hochschule bei.

4. Ein professionelles Management

Unter Einhaltung kurzer Entscheidungswege kümmert sich die Verwaltung um die Belange der Professoren und Studenten und arbeitet eng mit diesen zusammen. Um gute neue Studenten zu gewinnen, zieht die Hochschule beispielsweise alle Register eines modernen Marketings. Nationale Grenzen spielen dabei keine Rolle mehr. Und wieder ist die Kundensicht maßgeblich. Ein ansprechender Webauftritt wird durch die Pflege von Social Media und produktspezifischen Plattformen im Netz, durch Messebesuche, Informationstage auf dem Campus sowie durch eine individualisierte Begleitung der Kandidaten im Bewerbungsprozess umrahmt. Das Career Office begleitet das Interesse der Professoren an industrienahen Projekten durch die Einwerbung von Praktikanten- und Arbeitsplätzen für Studierende und Absolventen. Daraus ergeben sich wie derum Inhalte und Kunden für Weiterbildungsprogramme, die zusätzliche Einnahmequellen für den Haushalt der Hochschule darstellen.

5. Eine kompetente Hochschulleitung

Die Stärke einer Hochschule liegt immer auch in der Stärke ihrer Individuen. Jede Professorin und jeder Professor wird selbst zur »Marke«; sie und er müssen sich als Einzelforscher in ihrer Zunft behaupten. Das Profil der Hochschule bildet sich aus der Summe dieser Einzelleistungen und der Reibung der starken, klugen Köpfe aneinander. Diese Reibung auf ein gemeinsames strategisches Ziel hinzuführen und die gute Zusammenarbeit zwischen Akademie und Management zu fördern sind wichtige Aufgaben der Hochschulleitung. Zudem öffnet diese die Freiräume für neue Forschungs- und Lehrinitiativen, muss bestehende Geldgeber pflegen und neue Geldquellen auftun. Diese anspruchsvollen Aufgaben setzen ein Führungsverständnis voraus, das einen verlässlichen Kurs verfolgt, eine klare und nach innen transparente Zeit- und Ressourcenplanung aufstellt und umsetzt, dabei aber offen ist für Anregungen und Veränderungen. Aus diesem Führungsverständnis heraus und dem ihm zugrunde liegenden Vertrauen gegenüber den Mitgliedern der Institution entstehen Energie und Spirit, die eine Wissenschaftseinrichtung veränderungsfähig und wettbewerbsfähig halten.


Über den Autor
Markus Baumanns von der Unternehmensberatung schumann&baumanns war Geschäftsführer der Bucerius Law School. Anschließend hat er den Aufbau der privaten Kühne Logistics University in Hamburg geleitet.


Aus DIE ZEIT :: 20.01.2011

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