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Interessante Alternative? Rahmenbedingungen für eine Universitätskarriere in Spanien


von ALEXANDER MÜLLER und MIGUEL ÁNGEL VILLACORTA

Für deutsche Akademiker ist Spanien kein "typischer" Standort für eine Hochschulkarriere. Zu Unrecht, wie der nachfolgende Beitrag aufzeigen möchte - auch wenn sich das spanische Hochschulsystem zunehmend den finanzpolitischen Umständen beugen muss.

Interessante Alternative? Rahmenbedingungen für eine Universitätskarriere in Spanien© Maridav - Fotolia.com»Ein klassischer "Lehrstuhl" nach deutschem Vorbild mit eigenen Mitarbeitern und Assistenten existiert nicht.«
Arbeiten in Forschung und Lehre an einer spanischen Universität? Das klingt zunächst einmal ungewohnt, jedoch bietet die Tätigkeit an spanischen Hochschulen interessante Alternativen zum Hochschulstandort Deutschland. Von den insgesamt 79 zugelassenen Universitäten sind 29 privat organisiert. Als Dozent oder Professor an einer privaten Universität zu arbeiten bedeutet, den Großteil der Arbeitszeit im Vorlesungssaal zu verbringen. Für Forschungstätigkeiten bleibt oft wenig Zeit.

Attraktiver ist es hingegen, an einer öffentlichen Universität zu forschen. Diese genießen weitreichende Autonomie mit eigener Personalverantwortung und universitärer Selbstverwaltung.

Klare Hierarchiestufen und Professur ohne Habilitation

Die Hierarchieebenen für Dozenten und Professoren an den öffentlichen Universitäten sind klar strukturiert. Eine Universitätskarriere beginnt als "Ayudante". Ähnlich dem wissenschaftlichen Mitarbeiter in Deutschland muss dieser in einem Zeitraum von max. fünf Jahren die Dissertation abgeschlossen haben, die im Rahmen eines strukturierten Doktorandenprogramms verfasst wird. Der Promovent hat darüber hinaus umfangreiche Lehrtätigkeiten zu absolvieren. Eine Halbierung oder Drittelung von Stellen ist in Spanien grundsätzlich nicht üblich.

Für den Aufstieg in die nächst höhere Stufe (Ayudante Doctor, vergleichbar mit einem Post-Doc) muss eine staatliche Akkreditierung (ANECA) erfolgen. Die Position des "Ayudante Doctor" ist zeitlich auf drei bis vier Jahre begrenzt. In dieser Zeit muss neben umfangreicher Lehrtätigkeit das Curriculum Vitae um weitere Publikationen mit Impact Factor erweitert werden, um die Voraussetzungen für die Akkreditierung zum "Profesor Contratado Doctor" (Lecturer) zu erfüllen. Bereits auf dieser Hierarchiestufe erhält man einen unbefristeten Arbeitsvertrag und kann daraufhin die eigentliche Professur vorbereiten. Ein klassischer "Lehrstuhl" nach deutschem Vorbild mit eigenen Mitarbeitern und Assistenten existiert nicht.

Bereits für die hier genannten Hierarchieebenen (Junior Staff) bestehen weitreichende Freiheiten für die eigenverantwortliche Durchführung der Lehre und der Forschungstätigkeit. Alle Mitglieder des Lehrkörpers tragen den Professorentitel.

Um als Professor verbeamtet zu werden, ist eine Akkreditierung als "Titular" (vergleichbar W 2) Voraussetzung. Eine Habilitation nach deutschem Vorbild ist unbekannt, ebensowenig die Praxis des "Rufs" von einer anderen Universität. Stattdessen gibt es das System der "sexenios", bei dem die jeweils fünf wichtigsten Publikationen von einem Expertengremium (CNEAI) bewertet werden. Die Qualität des Kandidaten wird somit an der Anzahl der "sexenios", an geleiteten Forschungs- und Lehrprojekten, aber auch an seiner Tätigkeit in der akademischen Selbstverwaltung gemessen. Schließlich bildet die höchste Stufe der akademischen Laufbahn der "Catedrático" (W 3), für den ebenfalls zunächst eine Akkreditierung notwendig ist. Erst die Position des Catedráticos ermöglicht das Ausüben bestimmter Ämter innerhalb der Universität (z.B. Dekan oder Rektor). Zusätzlich gibt es noch den "Profesor Asociado", vergleichbar mit einem Dozenten, der hauptberuflich einer Tätigkeit nachgeht, die mit seinem Lehrgebiet verwandt ist.

Finanzierung als Scheideweg

Das spanische Hochschulwesen funktionierte jahrzehntelang weitestgehend abgeschottet von den Entwicklungen in Europa. Seit einigen Jahren ist jedoch eine Öffnung hin zu mehr Internationalität und europäischen Qualitätsstandards erkennbar. Sichtbare Veränderungen sind die Einführung des Bachelor (Grado) und des Master. Zunehmend gibt es Lehrveranstaltungen in englischer Sprache, und der Studentenaustausch (Erasmus) ist alltägliche Praxis geworden. Darüber hinaus hat eine Anlehnung an internationale Publikationsstandards (SSCI, JCR etc.) stattgefunden und die Juniorprofessur mit Tenure Track (profesor visitante) wurde zumindest an einigen Universitäten eingeführt.

Das Thema Finanzierung ist inzwischen zum Damoklesschwert für das spanische Unversitätssystem geworden. Die privaten Universitäten Spaniens wurden relativ frühzeitig (2007) von der Finanzkrise erfasst, viele von ihnen haben inzwischen gelernt, mit der veränderten Finanzlage umzugehen. Weitaus kritischer stellt sich die Lage für die öffentlichen Universitäten dar, die sich i.d.R. nur zu ca. zehn Prozent selbst finanzieren.

Seit 2010 sind erhebliche Einschnitte vorgenommen worden, dennoch ist die Verschuldungssituation als sehr kritisch anzusehen. Inzwischen umfassen die Sparmaßnahmen auch Neueinstellungsverbote, und wegfallende Stellen werden nicht mehr besetzt. Geldgeber sind vielerorts die spanischen Bundesländer, die selbst unter Finanzierungsengpässen leiden und somit immer weniger Spielraum bei der Weitervergabe von Mitteln haben. Mit dem Regierungswechsel in Spanien im Dezember 2011 wurde der Sparkurs noch verschärft, die Verhandlungsposition der Universitäten ist zunehmend geschwächt.

Spezielles Akkreditierungsverfahren

Eine Besonderheit stellt das spanische Akkreditierungssystem für Hochschulen dar: Eine Universität darf eine Professorenstelle nur an solche Bewerber vergeben, die im Voraus die dafür notwendige Akkreditierung erhalten haben. Mit dieser Maßnahme sollten einerseits Standards bezüglich der akademischen Qualität der Bewerber vereinheitlicht werden, andererseits sollten die Universitäten gezwungen werden, sich stärker als früher gegenüber externen Bewerbern zu öffnen. Das Akkreditierungssystem wurde 2007 erneuert, allerdings bietet es erheblichen Interpretationsspielraum für die Evaluatoren. Mit Beginn der Finanzkrise ist die Akkreditierungspolitik rigoroser geworden. Durch eine künstliche Reduzierung der Kandidatenzahl für eine Professur durch höhere Ablehnungsquoten im Akkreditierungsverfahren wird dem Umstand Rechnung getragen, dass mangels Finanzierung immer weniger neue Professuren ausgeschrieben werden können.

Eine Karriere im spanischen Hochschulsystem stellte bis vor Kurzem eine interessante Alternative zu anderen Ländern dar. Vorteile bestehen in einer Karriereplanung ohne Zeitverlust durch eine Habilitation und in einer frühzeitigeren unbefristeten Anstellung als in Deutschland. Positiv zu werten ist außerdem die Existenz eines soliden Personalmittelbaus in der Lehre, in der bereits frühzeitig Eigenverantwortung gefragt ist. Der Zugang zur Professur ist unkomplizierter. Eine enge Vernetzung des Lehrpersonals sowie weitgehende Freiheiten bei der Verwirklichung der eigenen Forschungstätigkeit sind weitere Vorteile.

Diese positiven Aspekte sind in letzter Zeit jedoch Opfer der prekären Finanzlage geworden. Die Streichung oder Kürzung von Forschungsmitteln und das "Parken" von Full-time-Doktoranden auf schlecht bezahlten Praktikantenstellen sind zur gängigen Praxis geworden und machen eine Universitätskarriere vor allem für Nachwuchswissenschaftler zunehmend unattraktiv. Aufgrund der ungewissen Finanzsituation der öffentlichen Universitäten ist hier zumindest kurzfristig auch keine Besserung zu erwarten. In der Folge ist seit Kurzem eine verstärkte Abwanderung hochqualifizierter spanischer Akademiker vor allem ins englischsprachige Ausland zu beobachten, bedingt durch mangelnde berufliche Perspektiven im eigenen Land.

Über die Autoren
Miguel Ángel Villacorta ist Professor am Fachbereich Rechnungwesen, insbesondere Finanzbuchhaltung, an der Complutense Universität in Madrid. Alexander Müller ist dort wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent am Fachbereich Rechnungswesen, insbesondere Jahresabschlussanalyse.

Aus Forschung & Lehre :: April 2012

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