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International English als Wissenschaftssprache


von Inez De Florio-Hansen

Seit geraumer Zeit ist das Englische zur weltweit akzeptierten und genutzten Wissenschaftssprache avanciert. Das bedeutet nicht, dass Nationalsprachen in der Wissenschaft "abgeschafft" werden sollen. Doch wird von vielen Seiten gegen Englisch als Wissenschaftssprache opponiert. Sind diese Argumente aber stichhaltig? Ein Plädoyer für den Gebrauch von "International English" in der Wissenschaft.

International English als Wissenschaftssprache© kaan tanman - iStockphoto.comDie Anwendung von International English als Wissenschaftssprache gefährdet nicht zwangsläufig die Nationalsprache

Denksprache = Nationalsprache?

In engagierten Veröffentlichungen von Befürwortern von Deutsch als Wissenschaftssprache heißt es zum Beispiel: "Um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen und diese sich selbst und anderen anschaulich zu machen, brauchen Sie Wörter wie zum Beispiel Urknall, Gedächtniszelle, Getriebe. Wollen Sie in Ihrem wissenschaftlichen Denken auf solche Wörter verzichten?" Zunächst ist festzuhalten, dass der Begriff 'Urknall' von Sir Fred Hoyle geprägt wurde, also aus dem Englischen stammt und auf einer Übertragung von Big Bang beruht. Diese Sätze suggerieren, dass Denken in einer Nationalsprache erfolgt. Das ist wissenschaftlich in dieser Form nicht haltbar.

Es gibt zwar kein einheitliches Sprachproduktionsmodell, aber alle gängigen Modellierungen sind in drei unabhängig voneinander agierende Module unterteilt, gleichgültig ob eine sequentielle oder parallele Sprachverarbeitung angenommen wird. Auf die sprachunabhängige Konzeptionierung, d.h. die Planung der Botschaft, folgen die sprachliche Formulierung und die Artikulation.

Nun geht es den Befürwortern von Deutsch als Wissenschaftssprache anscheinend noch um etwas anderes, nämlich um den Zusammenhang zwischen Denken und Sprechen, also um "innere" Sprache. Zusammenfassend und stark vereinfachend kann man sagen, dass die Fragen zur Problemlösung oder zur Änderung der Weltsicht sprachlich erfolgen, während die eigentliche Problemlösung oder die Anpassung der Weltsicht sich mentalistisch ohne Sprache vollzieht.

Linguistischer Imperialismus der USA oder International English?

Für das Englische als Wissenschaftssprache sprechen in erster Linie sprachstrukturelle Gründe. Stellvertretend für zahlreiche Untersuchungen sei an die von O. Jespersen aufgestellten Parameter für die Effizienz von Sprachen erinnert, nämlich:
1. Relative Kürze der Formen, daher weniger Anstrengung und Zeit bei ihrer Aussprache;
2. insgesamt weniger Formen, daher geringere Belastung des Gedächtnisses;
3. größere morphologische Regelmäßigkeit,
4. größere syntaktische Regelmäßigkeit;
5. relativ analytische und abstrakte Wortbildung, daher mehr Kombinationsmöglichkeiten;
6. Rückgang der grammatischen Angleichung,
7. feste Wortstellung, daher Eindeutigkeit.

Ohne an dieser Stelle explizit auf einzelne Parameter eingehen zu können, ist unbestritten, dass das Englische im Vergleich zum Deutschen (oder auch dem Französischen) eine größere Regelhaftigkeit verbunden mit einer größeren Vielfalt des Wortschatzes aufweist.

Die Vorstellung, dass die US-amerikanische Variante als Wissenschaftssprache fungieren soll, ist obsolet. Auch im akademischen Bereich ist International English längst Realität geworden, vor allem bei Wissenschaftlern nicht englischer Muttersprache. Dass sich International English noch nicht gänzlich durchgesetzt hat, liegt u.a. daran, dass es mit Basic English oder Globish verwechselt wird nach dem Motto: "Anything goes". Wer die hohen Standards des International English kennenlernen möchte, sollte die englische Fassung von Spiegel Online konsultieren bzw. sich mit den Bemühungen der Chinesen um diese Sprachvariante, insbesondere in der Wissenschaft, vertraut machen.

Europäische Mehrsprachigkeit vs. Einsprachigkeit der Wissenschaft?

Wenn es darum geht, den Erhalt der Nationalsprachen in Europa zu verteidigen, würde die Zurückhaltung von Wissenschaftlern geradezu als Ketzerei angeprangert. Was bei vielen Stellungnahmen aber nicht mitbedacht wird bzw. nicht zum Ausdruck kommt, ist die Tatsache, dass die Europäische Union ihr Plädoyer für den Sprachenerhalt mit der Forderung nach Dreisprachigkeit verbindet. Die Bürger Europas sollen mindestens drei Sprachen beherrschen, nämlich ihre Muttersprache, das Englische und eine "Nachbarsprache", welche nach revidierter Auffassung auch die Sprache zugewanderter Migranten sein kann.

Es ist nicht leicht nachzuvollziehen, warum Wissenschaftler sich nicht stärker um den Auf- und Ausbau ihrer Englischkenntnisse bemühen, zumal Englisch als leicht lernbar gilt und die meisten über "Schulkenntnisse" verfügen. Stattdessen lassen sie übersetzen, oder sie übersetzen selbst. Der Gebrauch des Englischen als Wissenschaftssprache durch nicht Muttersprachler bedeutet aber nicht, dass man einen auf Deutsch verfassten Beitrag mehr schlecht als recht ins Englische überträgt. Vielmehr müssten bei im Wesentlichen konstanten Inhalten zwei unterschiedliche Publikationen entstehen: Nach der oben angedeuteten Konzeptionierung bewirkt die Formulierung in verschiedenen Sprachen das Entstehen unterschiedlicher Beiträge, selbst wenn man ein ähnliches Niveau und eine ähnliche Ausrichtung der Zeitschrift oder des Sammelbandes annimmt.

Was bei der kürzeren Darstellung empirischer, vor allem experimenteller Forschungsergebnisse noch gerechtfertigt erscheinen mag, nämlich eine bestimmte Gliederung, gilt für die meisten Publikationen in den Human- bzw. Geisteswissenschaften sicher nicht. Es kann nicht darum gehen, sich sklavisch an Strukturvorgaben zu halten. Vielmehr eröffnet International English die Möglichkeit, eigene Vorstellungen einzubringen. Wodurch würde sich sonst der Beitrag eines deutschen Wissenschaftlers von einem inhaltlich ähnlichen eines Chinesen unterscheiden? International English - es gibt übrigens inzwischen auch Sprachkurse für Briten und Amerikaner in dieser Varietät - bietet Gelegenheit, einen Beitrag zur Weiterentwicklung des Englischen als Wissenschaftssprache zu leisten.

Und die Nationalsprachen?

Austausch und Zusammenarbeit in englischer Sprache schließt das Publizieren auf Deutsch und/oder in einer anderen Nationalsprache nicht aus. Ganz zu Recht wird gefordert, auch um des Dialogs mit den Angehörigen der eigenen Sprachgemeinschaft willen, auf die Nationalsprache nicht zu verzichten und so demokratische Prozesse zu unterstützen. Wie wäre es denn, wenn wir uns alle bemühen würden, unsere schönen Ergebnisse nicht nur der scientific community zur Kenntnis zu bringen, sondern bei Publikationen auf Deutsch auch die sogenannten interessierten Laien zu berücksichtigen?


Über die Autorin
Inez De Florio-Hansen, Professorin i.R., lehrt Fremdsprachenforschung und Interkulturelle Kommunikation an der Universität Kassel.

Aus Forschung & Lehre :: April 2013

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