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Internationale Hochschule - geht es auch in Deutschland internationaler?

Die Fragen stellte JAN-MARTIN WIARDA

Deutsche Universitäten könnten viel besser sein, wenn sie den Mut hätten, öfter über den heimischen Tellerrand zu blicken, sagt der Rektor der Universität Luxemburg.

Internationale Hochschule - geht es auch in Deutschland internationaler?© Université du LuxembourgProf. Rolf Tarrach ist Rektor der Universität Luxemburg
DIE ZEIT: Professor Tarrach, Sie sind Spanier mit deutschen Wurzeln, haben in der Schweiz geforscht und sind heute Rektor der Universität Luxemburg. Ist Heimatlosigkeit eine Grundvoraussetzung, um heute als Wissenschaftler erfolgreich zu sein?

Rolf Tarrach: Sie tun so, als ob mein Lebenslauf der Normalfall wäre. Aber schauen Sie sich mal die deutschen Universitäten an. Da gibt es vermutlich kaum einen im Ausland geborenen Rektor.

ZEIT: Und, ist das ein Problem?

Tarrach: Ich glaube, ja. Gerade habe ich in der Jury des Preises für Hochschulkommunikation (siehe Kasten) mitgemacht. Das Thema lautete »Die weltoffene Hochschule«, es ging um Konzepte gelungener Internationalisierung. Das, was wir an Wettbewerbsbeiträgen vorgelegt bekamen, war zahlenmäßig überschaubar.

ZEIT: Das klingt pessimistisch. Wir hier in Deutschland haben das Gefühl, in den vergangenen zehn Jahren einen Riesensprung nach vorn gemacht zu haben dank Exzellenzinitiative und zusätzlicher Milliarden zumindest für die Forschung.

Tarrach: Das haben Sie auch. Die Exzellenzinitiative ist zum Vorbild für andere Länder geworden, Spanien etwa oder Frankreich. Die technische Ausstattung der Labore und Forschungsanlagen hat inzwischen Weltniveau. Und während der Rest der Welt sparen muss, gibt Deutschland jedes Jahr mehr aus für Wissenschaft und Forschung. Nur: Schlagen die Universitäten schon ausreichend Kapital daraus? Was ist mit all den europäischen Doktoranden und Postdocs in den USA, die nach Hause wollen, aber in ihren eigenen Ländern keine Chance haben? Nach Deutschland kommen die bislang viel zu selten.

Ausgezeichnet: Die internationale Hochschule

Keine Universität möchte heute als provinziell gelten. Doch wie international treten deutsche Hochschulen tatsächlich auf? In der kommenden Woche wird darauf in Berlin eine Antwort gegeben. Dann verleihen die Hochschulrektorenkonferenz (HRK), die ZEIT und die Robert Bosch Stiftung den »Preis für Hochschulkommunikation«. Die Preissumme beträgt 25 000 Euro. Die Auszeichnung wird zum vierten Mal vergeben. In den vergangenen Jahren wurden das beste Studierendenmarketing (2009: Universität Duisburg-Essen), der gelungenste Internetauftritt (2007 Universität Marburg) sowie das überzeugendste Hochschulmagazin (2005 TU Berlin) ausgewählt. In diesem Jahr werden Hochschulen für ihre weltoffene Darstellung nach außen wie innen prämiert. Wichtig war der Jury, dass sich die verschiedenen Mitglieder der Hochschule angesprochen fühlen: Professoren und Studenten, Alumni wie auch die Öffentlichkeit. Ebenso kam es auf beispielhafte Ideen an sowie den Nachweis, dass Pressestelle, Auslandsamt und Universitätsleitung bei der Internationalisierungs-Strategie an einem Strang ziehen.
ZEIT: Und woran liegt das?

Tarrach: Das hat mehrere Gründe. Der geringste ist noch die Komplexität der deutschen Forschungslandschaft. Da haben sie die Universitäten, die Technischen Universitäten, die Fachhochschulen und Berufsakademien. Dann die Forschungsinstitute von Max Planck über Fraunhofer bis Leibniz. Da braucht ein Ausländer eine Weile, um durchzusteigen. Viel dramatischer aber ist: Die Professoren hier zulande sind fast alle deutsch - zumindest in den Universitäten. Da gibt es viel zu wenig Vielfalt. Doch mehr Vielfalt bringt oft mehr Qualität.

ZEIT: Wieso das?

Tarrach: Wenn Sie den jeweils Besten im Fach suchen, macht es die Angelegenheit doch ziemlich eng, wenn man nur unter Wissenschaftlern aus dem eigenen Land auswählt.

ZEIT: Und wenn sich nur Deutsche bewerben?

Tarrach: Das ist der Denkfehler. Wenn Sie den Anspruch haben, die exzellentesten Köpfe weltweit zu bekommen, dann müssen sie als Rektor selbst zum Telefon greifen und die potenziellen Kandidaten anrufen, auch wenn sie in Singapur sitzen. Natürlich müssen Sie denen dann auch etwas bieten, und da liegt das Problem: An vielen deutschen Unis löst es immer noch Konflikte aus, wenn der eine Professor deutlich mehr verdient als der andere.

ZEIT: Das Beamtenrecht lässt das doch gar nicht zu.

Tarrach: Das stimmt mit der W-Besoldung und den dadurch möglichen Zuschlägen längst nicht mehr. Aber Sie haben trotzdem recht: Natürlich reden wir auch über Geld, und natürlich haben es deutsche Unis schwer, weil sie im internationalen Vergleich unterfinanziert sind. Darum bin ich - das nur nebenbei gesagt - so verwundert gewesen darüber, dass die Deutschen peu à peu die Studiengebühren wieder abgeschafft haben. Das ist doch widersinnig. Im Übrigen aber schaffen es schon jetzt einige wenige Universitäten trotz ihrer knappen Budgets hervorragend, Spitzenwissenschaftler ins Land zu holen.

ZEIT: An welche Hochschulen denken Sie?

Tarrach: Zum Beispiel an die Münchner Universitäten. Es zeigt sich, dass gelungene Internationalisierung vor allem eine Frage des Mutes ist. Und der zahlt sich aus. Gehen Sie mal die Liste der deutschen Nobelpreisträger durch. Ist da irgendeiner nicht in Deutschland geboren? Schauen Sie sich dann die entsprechende Liste bei den Briten oder Amerikanern an. Da finden Sie nicht nur Einheimische.

ZEIT: Und was ist mit den Studenten?

Tarrach: Die kommen fast automatisch, wenn die Professoren international sind. Die bringen ja nicht nur einen Pass mit, der anders aussieht, sondern eine andere Art, zu forschen und zu lehren. Und häufig ein weltweit gespanntes Netz von Kontakten. Die Studenten tauschen ihre Erfahrungen online aus. Das gilt es fürs Hochschulmarketing zu nutzen.

ZEIT: In einem kleinen Land wie Luxemburg haben Sie es da auch etwas leichter.

Tarrach: Das stimmt. Bei uns sind 70 Prozent der Professoren Ausländer. Aber es wäre doch eine feine Sache, wenn die Quote in Deutschland nicht mehr bei fünf Prozent, sondern vielleicht bei 15 oder 20 Prozent läge, oder?

ZEIT: Und den internationalen Studenten müssen Sie dann gar nichts mehr extra bieten, damit die kommen?

Tarrach: Doch, doch. Wir haben ein Extrabüro für sie, wir veranstalten »Integration Days«, bei denen zum Beispiel jeder Student von einer Luxemburger Familie zum Essen eingeladen wird und anschließend mit der Familie die Stadt besichtigt. Aber man kann da sicher auch zu viel machen, das sind ja erwachsene Leute.

ZEIT: Genau das ist der Vorwurf, der hierzulande der Bologna-Reform gemacht wird: Sie verschule das Studium. Wollen die ausländischen Studenten das überhaupt?

Tarrach: Ich frage mich, warum in Deutschland so negativ über diese Reform gedacht wird. Die Idee, den ersten Abschluss an der einen Uni zu machen und den Master dann woanders, mobil zu sein und früh Erfahrungen im Berufsleben zu machen, bevor man zurückgeht zum Studieren: Das ist doch toll. Vielleicht haben es die Unis in Deutschland ähnlich gemacht wie in Spanien: Bei allen unangenehmen Reformen, die so anstanden, haben sie einfach behauptet, Bologna erfordere das.

ZEIT: Also kurzum: Die deutschen Universitäten haben ihr Schicksal selbst in der Hand?

Tarrach: Auf jeden Fall. Wobei ich noch mal sage: Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie einen weiteren Quantensprung machen werden, solange sie nicht über mehr Geld verfügen. Allein auf den Staat zu schielen wird dabei nicht reichen.

Aus ZEIT :: 17.11.2011

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