Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Internationale Mobilität in der Wissenschaft

von Antje Wegner

Spätestens seit der Verleihung des Nobelpreises an den Biochemiker Thomas Südhof und der Streitfrage, ob damit nun eigentlich ein deutscher oder ein amerikanischer Wissenschaftler in den Olymp der Wissenschaft aufgenommen wurde, hat die Debatte um die Abwanderung von Wissenschaftlern aus Deutschland erneut wieder Fahrt aufgenommen.

Internationale Mobilität in der Wissenschaft© andreart - iStockphoto.comFördert die zunehmende Mobilität von Forschern deren Abwanderung ins Ausland?
Während krisengebeutelte Staaten wie Portugal, Spanien oder Griechenland derzeit geradezu einen Exodus ihrer hochqualifizierten Nachwuchskräfte erleben und in der Vergangenheit vor allem die osteuropäischen Staaten unter der Abwanderung von Wissenschaftlern zu leiden hatten, erweist sich Deutschland nach wie vor weder als expliziter Gewinner noch als Verlierer im Wettbewerb um die "klügsten Köpfe".

Im vergangenen Jahr legte das US National Bureau of Economic Research eine systematische Studie zur Mobilität von Wissenschaftlern in 16 Ländern vor. Darin präsentierte sich die Schweiz mit 57 Prozent ausländischer Wissenschaftler als Spitzenreiter unter den Mobilitätsgewinnern, gefolgt von Kanada, Australien, Schweden und den Vereinigten Staaten. Die Liste der Länder mit dem höchsten Anteil an im Ausland lebenden Wissenschaftlern wird hingegen von Indien angeführt. Deutschland liegt mit rund 25 Prozent ausländischen Wissenschaftlern im Inland und etwa 22 Prozent deutschen Wissenschaftlern im Ausland eine recht ausgewogene Bilanz vor.

Auch verzeichneten deutsche Hochschulen zumindest in den letzten Jahren einen starken Zuwachs an Mitarbeitern mit nichtdeutscher Staatsbürgerschaft. Laut Analysen des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) im Rahmen der Initiative "Wissenschaft weltoffen" wuchs die Zahl der wissenschaftlichen Mitarbeiter aus dem Ausland seit 2006 um 53 Prozent, die der ausländischen Professoren jedoch nur um 32 Prozent. Während in den Ingenieurwissenschaften viele der ausländischen Mitarbeiter aus dem asiatischen Raum stammen (37 Prozent), dominieren im medizinischen und gesundheitswissenschaftlichen Bereich Forscher aus Osteuropa. Der Anteil aus Westeuropa hingegen ist besonders in den Kunst-, Sprach- und Kulturwissenschaften ausgeprägt.

Deutsche Post-Graduierte und Postdocs - so zeigen die Daten des DZHW sowie eine Befragung des Stifterverbandes - zieht es vor allem in die USA, Großbritannien und die Schweiz. Andere Weltregionen wie Mittel- oder auch Südamerika spielen eine eher untergeordnete Rolle. Bemerkenswert ist hier, dass mehr als zwölfmal so viele asiatische Wissenschaftler unterstützt durch deutsche Förderinstitutionen in Deutschland lebten und arbeiteten wie deutsche Wissenschaftler in asiatischen Ländern. Ein ähnliches Bild ergibt sich auch für Osteuropa.

Internationale Mobilität in der Wissenschaft © Angaben der Förderinsitutuionen und DZHW Berechnungen, wissenschaftweltoffen.de Ausländische Wissenschaftler in Deutschland 2010 nach Erdteilen und Gefördertengruppen

Qualitativer Wandel im Mobilitätsverhalten

Spätestens seit den 1990er Jahren sind akademische Auslandsaufenthalte nicht mehr nur einer kleinen Elite vorbehalten. Im Jahr 2011 ermöglichten Förderorganisationen mehr als 7.000 deutschen Wissenschaftlern einen mindestens vierwöchigen Auslandsaufenthalt, hinzu kommt eine nicht näher quantifizierbare Anzahl von Aufenthalten finanziert durch Drittmittelprojekte oder andere - auch ausländische - Finanzierungsquellen. Darüber hinaus deuten Schlagworte wie "Brain Circulation" und "multiple Mobilitäten" in der Wissenschaft auf einen qualitativen Wandel im Mobilitätsverhalten hin. Dieses geht in der Wissenschaft in der Regel über einmalige Forschungs- und Studienaufenthalte im Ausland hinaus. Doch befördert die zunehmende Mobilität der Forscher im wissenschaftlichen Alltag langfristig auch die Abwanderung und somit den Brain Drain? Schlussfolgerungen darüber, ob tatsächlich ein substantieller Abfluss von Humankapital vorliegt, können schwerlich allein aus Wanderungssalden gezogen werden. Angesichts der Tatsache, dass bei vielen Auslandsaufenthalten die Frage nach der Rückkehr offen bleibt und diese oftmals Bestandteil einer "verlängerten Qualifikationsphase" über die Promotion hinaus sind, ist auch der Übergang zwischen Brain Drain im Sinne von dauerhafter Abwanderung und temporärer internationaler Mobilität fließend.

Internationale Mobilität in der Wissenschaft © Angaben der Förderinsitutuionen und DZHW Berechnungen, wissenschaftweltoffen.de Deutsche Wissenschaftler im Ausland 2010 nach Erdteilen und Gefördertengruppen

Wanderungsmotive

Unzureichende Forschungsbedingungen sind jedoch oftmals nur ein Grund für die Aufnahme einer Forschungstätigkeit im Ausland. Eine Befragung von Wissenschaftlern durch den Stifterverband im Jahre 2002 deutet darauf hin, dass die Beweggründe weitaus komplexer sind. Neben wahrgenommenen Defiziten in den Arbeitsbedingungen im eigenen Land ist vor allem auch die Attraktivität einzelner Forschungseinrichtungen ausschlaggebend für die Entscheidung, im Ausland zu forschen. Sowohl deutsche Wissenschaftler im Ausland als auch internationale Wissenschaftler in Deutschland nannten - unabhängig von ihrer fachlichen Verortung - die Attraktivität der neuen Gasteinrichtung gepaart mit der Möglichkeit, eigenen Forschungsinteressen nachzugehen, als wichtigstes Motiv für den Schritt in anderes Land.

Bezeichnend ist weiterhin, dass bessere Karrieremöglichkeiten oder mangelnde berufliche Perspektiven von deutschen Wissenschaftlern doppelt so häufig als Grund für die Entscheidung im Ausland zu arbeiten genannt werden wie bessere Verdienstmöglichkeiten. Auch eine aktuellere Befragung des Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (iFQ) zu Forschungsbedingungen in Deutschland und im Ausland legt nahe, dass sich daran insgesamt bislang wenig geändert hat. Indes erweist sich die Exzellenzinitiative als Lichtblick am Horizont und legt nahe, dass sich mit verbesserten Rahmenbedingungen erstens durchaus einige der abgewanderten Forscher zur Rückkehr bewegen lassen und zweitens deutsche Forschungseinrichtungen auch für ausländische Forscher attraktiver geworden sind. Im Jahre 2008 waren im Rahmen der Exzellenzinitiative bereits ein Viertel der Stellen in den Graduiertenschulen und fast ebenso viele in den Exzellenzclustern durch im Ausland rekrutierte Wissenschaftler besetzt. Darunter stellten mit einem Anteil von 42 Prozent, Zu- und Rückwanderer aus den USA die weitaus größte Gruppe, gefolgt von Indien, Italien, Frankreich und China.

Rückkehr und Brain Gain

Dennoch zeigt die Studie des Stifterverbandes als auch die des iFQ, dass nur für rund jeden Zehnten der deutschen Wissenschaftler in Nordamerika die Rückkehr nach Deutschland bereits beschlossene Sache ist. Für die Übrigen kommt eine Rückkehr erst dann in Frage, wenn ein konkretes Stellenangebot vorliegt oder Arbeitsumfeld und Forschungsbedingungen attraktiv sind. Neben den eigenen beruflichen Perspektiven spielen auch die des Partners durchaus eine bedeutende Rolle für die Rückkehr in das Heimatland.

Während einige Länder versuchen, ihre im Ausland qualifizierten und forschenden Wissenschaftler mit Sanktionen und Rückkehrverpflichtungen an sich zu binden, setzt Deutschland verstärkt auf aktive Ansprache deutscher Wissenschaftler im Ausland. So informiert das German Academic International Network, kurz GAIN genannt, seit 2003 potentielle Rückkehrer über Fördermöglichkeiten und bringt auf seiner alljährlichen Tagung Forscher mit Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Unternehmen in Deutschland in Kontakt. Einer Verbleibstudie des Umfragezentrums Bonn (uzbonn) zufolge kehrten knapp zwei Drittel der Tagungsteilnehmer aus den Jahren 2004 bis 2008 nach Deutschland zurück. Auch deutet diese Studie darauf hin, dass deutsche Forscher in Nordamerika überproportional häufig Nachwuchspositionen bekleiden und es einem Teil nach der Rückkehr gelingt, ihre Karriere auf einer angemessenen Position als Nachwuchsgruppenleiter oder einer W2- oder W3-Professur fortzusetzen.

Balance halten

Am Ende bleibt festzuhalten, dass die Internationalisierung mittlerweile ein etabliertes Qualitätsmerkmal an Hochschulen und Forschungseinrichtungen ist, internationale Mobilität für viele Wissenschaftler bereits zur "biographischen Normalität" gehört und bisher eher wenig Anlass besteht, einen Brain Drain in Deutschland zu fürchten. Trotzdem bleibt der Umgang mit Mobilität eine wissenschaftspolitische Herausforderung.

Im Spannungsfeld zwischen nationalstaatlicher organisierter Verankerung und internationaler Wissensproduktion sind wissenschaftspolitische Akteure zunehmend mit der Aufgabe konfrontiert, Anreize und Rahmenbedingungen zu schaffen, die im Land tätigen Wissenschaftler zu halten, ausländische Wissenschaftler anzuziehen und bereits Abgewanderte zurückzugewinnen.

Dabei legt ein Blick auf die Beweggründe abgewanderter Forscher nahe, dass es lohnenswert sein kann, der Verbesserung der Karriereperspektiven im deutschen Wissenschaftssystem mehr Aufmerksamkeit zu schenken, um auch langfristig im Prozess der "Brain Circulation" die Balance zu halten.

Eine ausführliche Fassung mit Literaturangaben kann bei der Redaktion von Forschung & Lehre angefordert werden.


Über die Autorin
Antje Wegner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (iFQ) in Berlin im Themenbereich Nachwuchs & Karrieren.

Aus Forschung & Lehre :: Dezember 2013

Ausgewählte Stellenangebote