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Irre Ehe: Forschung und Wirtschaft

VON JAN-MARTIN WIARDA

Berlin packt Forschung und Wirtschaft in ein Ministerium: Wird Wissenschaft so noch kommerzieller?

Irre Ehe: Forschung und Wirtschaft© Ricardo Reitmeyer - iStockphoto.comIst Forschung keine Wissenschaft mehr?
Am Mittwoch vergangener Woche hat Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) Post bekommen. Der Kreis der Absender hätte illustrer kaum sein können - 22 Universitätsrektoren, Präsidenten führender Forschungsinstitute und weltbekannter Wissenschaftsorganisationen.

Sie alle vereinte der Protest gegen eine Idee, die nicht nur auf den ersten Blick absurd erscheint: Der neue rot-schwarze Senat will die politische Zuständigkeit für Wissenschaft in zwei unterschiedliche Ministerien aufteilen. Die Forschung soll der Wirtschaft zugeschlagen werden, die Unis aber der neu zu schaffenden Senatsverwaltung für »Jugend, Bildung und Wissenschaft« unterstellt werden. Heißt das, dass Forschung nach Meinung Wowereits und seines neuen CDU-Partners Frank Henkel keine Wissenschaft ist?, rätseln derzeit die politischen Beobachter in der Hauptstadt. Und was ist mit der Forschung, die an Universitäten stattfindet und nicht etwa an den Forschungsinstituten außerhalb der Hochschulen? Ist die dann der Definition nach keine Forschung mehr?

In ihrem offenen Brief werden die 22 Wissenschaftsfunktionäre deutlich: Die geplante Zuordnung lasse befürchten, »dass die direkte wirtschaftliche Umsetzbarkeit von Forschungsergebnissen die Bedeutung der (...) Grundlagenforschung in den Hintergrund drängt«. Vor allem aber sei es unsinnig, wenn künftig die Trennlinie genau zwischen den Universitäten auf der einen und den Forschungsinstituten wie Max Planck, Leibniz oder Helmholtz auf der anderen Seite verlaufen solle. »Das Zentrum der Wissenschaft und damit der Forschung liegt in den Hochschulen«, sagt Mitunterzeichnerin Margret Wintermantel, die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). »Wer versucht, da etwas auseinanderzureißen, läuft in eine falsche Richtung.«

Tatsächlich müht sich die Wissenschaft derzeit genau um das Gegenteil: Sie will das lange Zeit wenig produktive Nebeneinander beider Welten zu einem funktionierenden Miteinander machen. Dieser Prozess der Verzahnung von Hochschulen und Forschungseinrichtungen aber werde durch die »bundesweit einmalige« Ressorttrennung konterkariert, kritisiert der offene Brief. Von Wowereit und Henkel selbst fehlt eine plausible inhaltliche Begründung, was die neue Aufteilung bezwecken soll. Aus Insiderkreisen heißt es, beim Zuschnitt hätten weniger wissenschaftspolitische Erwägungen eine Rolle gespielt als der Handel um begehrte Senatorenposten. Denn dass an der Wissenschaft vor allem die technologieaffine Forschung als attraktiv gilt, die Verantwortung für die unterfinanzierten Hochschulen dagegen als Garantie für künftige Unpopularität, ist ein offenes Geheimnis.

So aber fürchten viele Wissenschaftler, die Berliner Forschungsagenda werde sich künftig vor allem an kommerziellen Zielen ausrichten. Von »Ökonomisierung der Wissenschaft« ist die Rede - ein Trend, der auch in anderen Bundesländern neuerdings am Ressortzuschnitt ablesbar sei. Worauf die Mahner anspielen: Bereits drei Landesregierungen haben Wissenschaft und Wirtschaft in einem Ministerium verschmolzen: im Saarland, in Schleswig-Holstein und, erst vor wenigen Monaten, in Sachsen-Anhalt. »Verschmolzen, nicht auseinandergerissen«, betont indes Birgitta Wolff (CDU), Ministerin für Wissenschaft und Wirtschaft in Sachsen-Anhalt.

»Das ist ein himmelweiter Unterschied.« Tatsächlich verblieben Wissenschaft und Forschung in allen drei Fällen unter einem Dach - oder wurden wie in Sachsen-Anhalt sogar erst vollständig vereint, weil zuvor für einige Forschungsinstitute allein das Wirtschaftsministerium zuständig gewesen war. Dennoch gesteht Wolff ein, dass es auch an Sachsen-Anhalts Hochschulen Vorbehalte gegen die ungewöhnliche Zweckehe gegeben habe. »Da dachten einige, die Wissenschaft müsse jetzt liefern, was die Wirtschaft will«, sagt sie. Heute fürchte das kaum noch einer, zumal die Unternehmen selbst davon langfristig überhaupt nicht profitieren würden, so Wolff. »Wissenschaft muss so unabhängig sein, dass sie an den Lösungen für morgen und übermorgen arbeiten kann.« Erfolgreiche Unternehmer verstünden das übrigens auf Anhieb. »Die denken doch genauso. Wer bei der Weiterentwicklung seiner Produkte nur nach dem geht, was die Kunden im Moment schon haben wollen, ist auch nicht innovativ.« Im Namen ihres Ministeriums hat Wolff denn auch demonstrativ die Wissenschaft der Wirtschaft vorangestellt.

Wobei sich angesichts der steten Beteuerungen zur Wissenschaftsfreiheit die Frage stellt: Wozu dann den ganzen Ärger riskieren? »Weil wir in einem wirtschaftsschwachen Land wie Sachsen-Anhalt nur Wachstum bekommen, wenn wir diese unlogische Barriere zwischen Wirtschaft und Wissenschaft abbauen«, sagt Wolff. Ideen an den Hochschulen gebe es genug, die zu echten Innovationen werden könnten - wenn sie nur den Weg in ein Unternehmen fänden. »Viel zu oft versickern sie irgendwo. Das wollen wir ändern, indem wir Netzwerke schaffen.« Eine Unterstützerin findet Wolff ausgerechnet in HRK-Präsidentin Wintermantel: »Was in Sachsen-Anhalt und anderswo versucht wird, kann, solange die Unabhängigkeit der Wissenschaft garantiert wird, sogar zu ihrem Vorteil sein und ihre gesellschaftliche Geltung erhöhen.« Die Ehe Wirtschaft/Wissenschaft muss also nicht zwangsläufig ein Reinfall werden - wenn sie vernünftig angebahnt wird. Ministerin Wolff etwa glaubt, dass so etwas nur in kleinen Ländern mit überschaubarer Forschungsstruktur funktionieren könne. »Und Berlin mit seiner auch im internationalen Vergleich extrem komplexen Wissenschafts- und Hochschullandschaft gehört gewiss nicht zu diesen Fällen.«

Aus DIE ZEIT :: 01.12.2011

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