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Ist die Bologna-Reform mobilitätsfördernd?

Von Felix Grigat

Aktuelle Studien über die Mobilität der Studenten erfassen meist nur den Zeitraum weniger Jahre. Wie häufig aber sind die Studenten in früheren Jahrzehnten ins Ausland gegangen? Hat die Bologna-Reform, wie behauptet, wirklich "mobilitätsfördernd" gewirkt? Antwort auf diese Frage geben aktuelle Studien.

Ist die Bologna-Reform mobilitätsfördernd?© PinkBadger - iStockphoto.comKonnte die Bologna-Reform die Mobilität von Studenten steigern?
Die Bologna-Reform hat zunächst zu einer Stagnation und dann zu einem Rückgang der internationalen Mobilität von Studenten geführt. Das vom Bundesbildungsministerium, der Kultusministerkonferenz und der Hochschulrektorenkonferenz über mehr als zehn Jahre propagierte Ziel, ebendiese Mobilität und damit die Internationalisierung des Studiums durch die Einführung des Bachelor- und Mastersystems zu erhöhen, wurde damit klar verfehlt.

Im Gegenteil: Die durch Bachelor und Master abgelösten Magisterstudiengänge der 90er Jahre haben sich im Vergleich als überlegenes Modell erwiesen. Denn in diesem Zeitraum stieg die Auslandsmobilität im Vergleich der letzten 50 Jahre am stärksten, nämlich auf 32 Prozent bei studienbezogenen Auslandsaufenthalten. Flexible Studienzeiten und mehr Freiheit bei der Studiengestaltung hatte den Magisterstudenten ermöglicht, im Studium eine Auslandsphase einzulegen. Dies sind die Ergebnisse einer noch unveröffentlichten Studie, die die HIS-Hochschul-Informations-System GmbH im Auftrag des DAAD durchgeführt hat und die Forschung & Lehre vorliegt.

Niveau gehalten?

Die Autoren der Studie sagen es deutlich: Im Zuge der 'Bologna-Reform' sei es "zu keiner Steigerung des Mobilitätsverhaltens der Studierenden" gekommen. In den letzten zehn Jahren sei das Niveau der studentischen Auslandsmobilität "im Wesentlichen" auf der zum Anfang des Jahrzehnts erreichten Höhe geblieben. Damit widersprechen die Hochschulforscher der Behauptung von Bundesbildungsministerin Annette Schavan vom Mai diesen Jahres, nach der die Zahlen belegten, dass die Mobilität in den gut zehn Jahren des Bologna-Prozesses "deutlich zugenommen" habe. Die Stagnation der Mobilität müsse angesichts der vielfältigen Bemühungen um studentische Auslandsmobilität "durchaus verwundern", heißt es in der Studie. Unter Umständen sollte der Verbleib auf relativ hohem Niveau schon als "ein Erfolg" gewertet werden. Die Hochschulen hätten in den letzten Jahren eine "sehr ambitionierte Studienstrukturreform" im Zuge der Bologna-Reform durchgeführt, die durchaus mit "Übergangsschwierigkeiten und Verunsicherungen" einhergegangen sei. Besondere Bemühungen haben dabei auch der Einhaltung von Studienzeiten gegolten. Dies habe sich "zweifelsohne" auf die studentische Bereitschaft zu Auslandsaufenthalten ausgewirkt.

Mobilitätsrückgang

Bei genauem Hinsehen ist die Lage noch prekärer: Bei den Bachelor-Studenten ist die Auslandsmobilität relativ zu den alten Studiengängen erheblich zurückgegangen. Das haben HIS-Mobilitätsstudien für die Jahre 2007, 2009 und 2011 ergeben. Demnach stagniert die Mobilitätsrate der Bachelorstudenten an Universitäten bei studienbezogenen Auslandsaufenthalten zwischen 2007 und 2009 bei 15 Prozent, 2011 bei 16 Prozent. An Fachhochschulen stieg diese Quote für die Bachelorstudenten von 9 auf 13 Prozent im Jahr 2009 und auf 17 Prozent 2011 an. Von den Master- Studenten im 3./4. Semester haben 2011 unabhängig von der Hochschulart 37 Prozent eine Zeitlang im Ausland studiert oder ein Praktikum absolviert. Auf den ersten Blick nähert sich dies dem Niveau der alten Studiengänge an. Doch täuscht dies, da nur ein Teil der Bachelorabsolventen ein Masterstudium aufnimmt und hier auch Auslandsaufenthalte des Bachelorstudiums miteinbezogen sind. Betrachtet man Bachelor- und Masterstudiengänge an Universitäten und Fachhochschulen allerdings zusammen, so hatten 2007 23 Prozent, 2009 26 Prozent und 2011 25 Prozent einen solchen studienbezogenen Auslandsaufenthalt (s. Grafik).

Damit aber wird wieder etwa das Niveau von 1995 erreicht. Auch wenn diese drei HIS-Studien gegenüber den vorangegangenen Daten aus den Sozialerhebungen des Studentenwerks neu angelegt wurden, liegt auf der Hand: Je mehr die neuen Studiengänge greifen, desto seltener gehen die Studenten ins Ausland. Oder anders: Das hohe Mobilitätsniveau konnte in den vergangenen zehn Jahren nur deshalb solange gehalten werden, weil es noch Magister- und Diplomstudiengänge gab. Dafür spricht, dass bei den Diplomstudiengängen der Anteil der auslandsmobilen Studenten zwischen 2007 und 2009 an den Universitäten von 24 auf 35 Prozent anstieg, an den Fachhochschulen von 21 auf 29 Prozent.

Dabei fallen die Anteile der Studenten höherer Semester in den Diplom-Studiengängen in der Untersuchung 2009 überdurchschnittlich stark aus. Nach Angaben des DAAD hatten sogar 55 Prozent der Magisterstudenten im 9. und 10. Semester einen studienbezogenen Auslandsaufenthalt. Bei Universitätsstudenten mit Abschlussziel Diplom waren es 49 Prozent und beim Staatsexamen im 9. und 10. Semester 39 Prozent, im 11. und 12. Semester 50 Prozent. Für das Jahr 2011 haben HIS und DAAD auf eine Analyse der Diplom- und Magisterstudiengänge verzichtet, da es sich um "auslaufende Studiengänge" handele.

Die Perspektive seit 1963

Die studentische Auslandsmobilität ist laut HIS seit 1960 am stärksten in den 90er Jahren gestiegen. Der Anteil an auslandserfahrenen Studenten höherer Semester hat sich demnach von 20 Prozent im Jahr 1991 auf 32 Prozent im Jahr 2000 erhöht. Bei Studenten an Universitäten stieg diese Zahl sogar um 14 Prozent auf 35 Prozent. Rund 162 000 Studenten höherer Semester konnten im Jahr 2000 einen studienbezogenen Auslandsaufenthalt vorweisen. Nach Ansicht der Hochschulforscher war diese positive Entwicklung neben den günstigen Studienbedingungen in den Magisterstudiengängen auch möglich, weil die Hochschulen in diesem Zeitraum keine höheren Studentenzahlen zu verkraften hatten. Gleichfalls seien auch keine neuen Bewerbergruppen aus bildungsferneren Schichten an die Universitäten und Fachhochschulen gekommen.

Weitere Gründe seien die große Zahl an Förderinstrumenten des DAAD wie auch von Hochschulpartnerschaften. Gleichfalls positiv habe das ERASMUS-Programm gewirkt. Interessant sind auch die Ergebnisse der Studie seit den sechziger Jahren, für die allerdings nur ein einzelner Messwert aus dem Jahr 1963 vorliegt. In diesem Jahr lag der Anteil deutscher Universitätsstudenten in höherem Semester, die zeitweilig an einer ausländischen Hochschule waren, schon bei sechs Prozent. Zwar stiegen in den darauffolgenden Jahren die Studentenzahlen, aber die Quote der Studenten mit Auslandsstudium (ohne Praktika etc.) fiel laut HIS-Studie auf drei Prozent zurück und verharrte bis 1982 auf diesem Niveau. Dies änderte sich erst Mitte der achtziger Jahre: 1985 und 1988 betrug der entsprechende Anteil sieben Prozent, um dann bis zum Jahr 2000 auf 18 Prozent, 2003 auf 19 Prozent zu wachsen. Damit habe sich in den 40 Jahren von 1963 bis 2006 der Anteil der Studenten an Universitäten in höheren Semestern, die ein zeitweiliges Auslandsstudium vorweisen können, mehr als verdreifacht.

Bezieht man auch Praktika in die Erhebung ein, so ergibt sich (s. Grafik), dass Mitte der achtziger Jahre 14 Prozent aller deutschen Studenten in höheren Semestern im Laufe ihres Studiums einen oder mehrere solcher Auslandsaufenthalte durchgeführt haben. In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre erhöht sich dieser Anteil deutlich auf 21 Prozent, geht dann Anfang der neunziger Jahre etwas zurück auf 20 Prozent und steigt im Laufe dieses Jahrzehnts dann wieder kontinuierlich an. Im Jahr 2000 liegt die Rate der auslandserfahrenen deutschen Studenten in höheren Semestern bei 32 Prozent und "verharrt", so HIS, seitdem in den letzten zehn Jahren auf diesem Niveau. Diese Werte beziehen sich, so hebt HIS hervor, ausschließlich auf Studenten in herkömmlichen Diplom-, Magister- und Staatsexamens-Studiengängen. Seit Mitte der achtziger Jahre sei also eine Verdopplung der auslandserfahrenen deutschen Studenten in höheren Semestern zu registrieren.

"Dies bedeutet, dass sich in den letzten zehn Jahren zwar noch die Quote für das zeitweilige Auslandsstudium leicht steigerte, aber nicht mehr die entsprechenden Werte für weitere Aufenthaltsarten." Viele Indizien sprechen dafür, so meinen die Forscher, dass sich die studentische Auslandsmobilität derzeit in einer Übergangssituation befinde. Es gehe darum, unter den neuen Studienbedingungen auch schon im Bachelorstudium einer höheren Zahl von Studenten Auslandsaufenthalte zu ermöglichen. Eine weitere Erhöhung der Auslandsmobilität scheine durchaus möglich zu sein. Es müssten neue Reglements und Verhaltensweisen entwickelt werden, um "Mobilitätsphasen" in das Studium einzubinden.

Gerechtfertigter Optimismus?

Ist soviel Optimismus gerechtfertigt? Nimmt man die Gründe, die nach Ansicht der Hochschulforscher in den 90er Jahren zu einer Steigerung der Mobilität der Studenten geführt haben, als Benchmark, so ist deutlich: Studiengänge mit viel Freiraum für die eigenständige Studiengestaltung wie die Magisterstudiengänge fördern die Mobilität. Wer die Mobilität fördern will, muss die Studiengänge verlängern - und dem alten System wieder angleichen. Wer kürzere Studiengänge haben will, wird auf Mobilität verzichten müssen. Ein weiteres Dilemma: Der Studie zufolge fördern niedrigere Studentenzahlen die Mobilität. Die Studentenzahlen in Deutschland werden in den nächsten Jahren bei bleibend dramatischer Unterfinanzierung auf ein Allzeithoch steigen. Es steht zu vermuten, dass "neue Reglements" hier nicht weiterhelfen werden.

Aus Forschung und Lehre :: September 2011

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