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Ist eine wissenschaftliche Karriere auch ohne Habilitation möglich?

Ist eine wissenschaftliche Karriere auch ohne Habilitation möglich?© view7 - Photocase.com

Ich hatte mich nach Abschluss meines Studium zunächst gegen eine Promotion entschieden, da ich keine klassische wissenschaftliche Karriere (also erst Promotion und dann Habilitation) angestrebt habe. Ich dachte daher, eine Promotion würde unter dieser Voraussetzung keinen Sinn machen, da sie mir nicht viel für andere Berufsfelder bringt. Ich habe Psychologie studiert.

Vor ein paar Tagen jedoch hatte ich ein Treffen mit einer früheren Dozentin, welche an meiner Diplom-Arbeit weiterforschen möchte und meine Unterstützung bei der Einarbeitung in die Inhalte und vor allem in den Gebrauch der Forschungssoftware benötigt. Dabei habe ich gemerkt, dass es mir sehr leicht fällt, dieses Wissen abzurufen, obwohl meine Diplom-Arbeit inzwischen fast 1,5 Jahre her ist. Ich habe außerdem festgestellt, dass es mir sehr viel Freude bereitet, mich wieder damit zu beschäftigen und dass ich in den dazwischenliegenden 1,5 Jahren kein einziges Mal ein ähnliches Erlebnis hatte, das mir so viel Freude bereitet hat und so leicht von der Hand ging. Daher spiele ich jetzt mit dem Gedanken, doch noch zu promovieren, da es mir bei der momentanen Jobsuche sehr schwer fällt, etwas zu finden, mit dem ich mich gleichermaßen identifzieren kann.

Ich kann mir trotz allem jedoch immer noch nicht vorstellen, nach der Promotion den kompletten klassischen Karriereweg der Wissenschaft zu verfolgen. Mir fehlt hierzu irgendwie das "Karriere-Gen". Was ich damit meine ist, dass meine Motivation nicht das "Karriere-machen" ist, sondern dass mir die Wissenschaft einfach "nur" Freude macht. Meine konkrete Frage ist nun, ob es unter dieser Voraussetzung Sinn macht, zu promovieren bzw. welche Berufsaussichten dies für später ergibt. Denken Sie, dass ich einen anderen Weg einschlagen sollte, wenn ich nach der Promotion quasi meine wissenschaftliche Weiterbildung nicht weiterverfolgen würde? Oder ist es durchaus möglich, auch "nur" als Doktor in der Wissenschaft langfristig arbeiten zu können?

Diese Angelegenheit quält mich sehr, denn ich habe realisiert, dass experimentelle psychologische Forschung immer noch meine Begeisterung entfacht und es fällt mir schwer, mich anderweitig zu orientieren. Dennoch möchte ich nicht nur aus Begeisterung heraus promovieren, wenn ich danach zur konsequenten Weiterbildung gezwungen wäre, um beruflich in der Wissenschaft arbeiten zu können.

Die Antwort des DHV-Expertenteams: Es ist schön zu hören, dass Sie sich mit so viel Begeisterung der Wissenschaft zugeneigt fühlen. Die Durchführung der von Ihnen ins Auge gefassten Promotion dient keineswegs allein der Vorbereitung einer sich daran wiederum anschließenden weitergehenden wissenschaftlichen Qualifikation, obwohl die Promotion regelmäßig notwendige Voraussetzung beispielsweise für die Zulassung zur Habilitation oder die Berufung auf eine Juniorprofessur ist.

Die Promotion als Nachweis der Befähigung zu vertiefter wissenschaftlicher Arbeit hat eine eigenständige wissenschaftliche Bedeutung jenseits der dadurch eröffneten Möglichkeit einer Weiterqualifikation. Abgesehen davon, dass die Durchführung einer Promotion, wie Sie zu Recht schildern, eine ganze Menge Freude bereiten kann, qualifiziert Sie dieser Nachweis vertiefter wissenschaftlicher Arbeit auch für eine ganze Reihe von Tätigkeiten, zu deren Ausübung es keiner weitergehenden Qualifikationen bedarf. Hierbei wäre nicht nur an die wissenschaftliche Mitarbeit im Rahmen von Hochschulen zu denken, sondern auch an die vielfältigen Beschäftigungsmöglichkeiten für Wissenschaftler in der Industrie bzw. freien Wirtschaft.

Welche konkreten Berufsbilder im Bereich der experimentellen psychologischen Forschung für Sie in Betracht kommen könnten, sollten Sie beispielsweise einmal anhand von Recherchen im Internet oder auch im Gespräch mit Fachwissenschaftlern eruieren. Fest steht, dass eine Promotion Ihnen auch abseits des von Ihnen geschilderten klassischen Karrierewegs vielfältige Möglichkeiten in der Wissenschaft eröffnen kann. Wie bei jeder anderen Tätigkeit würde eine solche Beschäftigung in der Wissenschaft regelmäßig auch mit einer stetigen Weiterbildung einhergehen, nicht notwendigerweise allerdings mit einer stetigen Weiterqualifikation.
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