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Ist eine wissenschaftliche Lehre ohne eigene Forschung möglich?

"Nein", sagt Kärin Nickelsen, Assistenzprofessorin am Lehrstuhl für Wissenschaftstheorie und -geschichte der Universität Bern.

Ist eine wissenschaftliche Lehre ohne eigene Forschung möglich? Prof. Dr. Kärin Nickelsen ist Assistenzprofessorin am Lehrstuhl für Wissenschaftstheorie und -geschichte an der Universität Bern
Wie diese Frage zu beantworten ist, hängt davon ab, wie man das Prädikat "vernünftig" versteht. In einer schwachen Lesart kann dies schlicht heißen "rational"; oder es kann heißen "einigermaßen akzeptabel". Beides lässt sich ohne eigene Forschung gewährleisten. Wählen wir* aber die starke Lesart und sprechen wir von wissenschaftlicher Lehre, wie sie den eigentlichen Zielsetzungen einer Universität entspricht, sieht dies anders aus.

Welche Ziele wollen wir in der wissenschaftlichen Lehre erreichen? Diese Frage stellt sich jedes Semester wieder, wenn wir Vorlesungen, Seminare, Praktika und Übungen vorbereiten. In der Regel werden wir eine Mischung anstreben: Einerseits geht es um die Vermittlung von Wissen im Sinne eines know what; andererseits geht es um die Vermittlung von Wissen im Sinne eines know how. Es geht um Interpretation und Argumentation; um die Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen, Lösungswege zu formulieren und Hypothesen darüber zu entwickeln, wie die Antwort aussehen könnte. Kurzum: Es geht um die Vermittlung der wissenschaftlichen Arbeitsweise, die ja nicht nur dem zukünftig forschenden (und lehrenden) Nachwuchs innerhalb und außerhalb der Universitäten nützt, sondern im Berufsleben breit einsetzbar, in vielen Bereichen sogar unverzichtbar ist.

Lassen sich diese Ziele "ohne eigene Forschung" erreichen? Beginnen wir mit der Wissensvermittlung. Naturgemäß knüpft nicht jede Veranstaltung an persönlich gewonnene Forschungsinhalte an; und in einführenden Lehreinheiten werden nur selten aktuelle Probleme der Forschung präsentiert. Und doch ist es etwas anderes, wenn eine solche Veranstaltung von engagierten Dozierenden gehalten wird, die in Teilgebieten des Stoffes selbst forschen. Nur sie können den Studierenden aus eigener Erfahrung - und damit überzeugend - nahe bringen, wo die dringenden Fragen liegen, welche Probleme noch einer Lösung harren und welche Ansätze und Methoden sich als unfruchtbar erwiesen haben. Nur sie werden über viele Zyklen hinweg bereit sein, jedes Mal wieder die Lehrinhalte zu erneuern und anzupassen - denn nur sie haben ein Eigeninteresse daran, auf dem letzten Stand der Dinge zu bleiben. Gleiches gilt für die Vermittlung des wissenschaftlichen know how, für die Vermittlung von Wissenschaft als Prozess der Diskussion, der kritischen Reflexion und Argumentation: Lehrende können dies nur dann authentisch weitergeben, wenn sie selbst auf diese Weise arbeiten.

Lesen Sie auch Damit sei nicht gesagt, dass man sich durch Forschen allein für "vernünftige" wissenschaftliche Lehre (in oben angegebener, starker Lesart) qualifiziert. Wie die Forschung ist auch die Lehre ein Handwerk, dessen Rüstzeug man sich aneignen kann und sollte. Aber für die angemessene Gestaltung der Lehrinhalte ist unserer Meinung nach die eigene Kreativität und inhaltliche Weiterentwicklung durch Forschung unerlässlich. Eine Spaltung des wissenschaftlichen Personals in Lehrende und Forschende wäre fatal. Wir würden es im Gegenteil begrüßen, wenn die Verzahnung von Forschung und Lehre auch über die Universitäten hinaus gefördert würde.

Es sollten deutlich stärkere Anreize als bisher dafür geschaffen werden, dass auch außeruniversitär tätige Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sich in der Lehre engagieren - durch eine zusätzliche Vergütung, aber auch durch positive Anerkennung des geleisteten Aufwands. Dies würde nicht nur den Studierenden zugute kommen: Denn der Wert kritischer und von einer Außenperspektive geleiteter Fragen von Studierenden für die eigene wissenschaftliche Arbeit sollte nicht unterschätzt werden.

Wir sehen insofern zum Prinzip der Einheit von Forschung und Lehre keine Alternative: Vernünftige Lehre, im Sinne einer Lehre auf hohem wissenschaftlichen Niveau, ist ohne eigene Forschung unmöglich.

* Dieser Beitrag wurde gemeinsam mit Bettina Beer, Katharina Landfester und Florian Steger verfasst. Die Autoren sind Mitglieder der Jungen Akademie (AG Lehre) und haben im Jahr 2008 ein Positionspapier zur Zukunft der Lehre veröffentlicht.

Aus Forschung und Lehre :: Juni 2010

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