Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Ist Europa passé? - Eine US-amerikanische Analyse

von Felix Grigat

In den letzten Jahren konnte der Eindruck entstehen, die US-amerikanische Wissenschaft habe sich von Europa ab- und vor allem Asien und China zugewandt. So hat der amerikanische Präsident Barack Obama das 21. Jahrhundert zu "America's Pacific Century" erklärt. Eine aktuelle Analyse stellt allerdings diese Einschätzungen in Frage.

Ist Europa passé? - Eine US-amerikanische Analyse© daboost - Fotolia.comSchwindet das Interesse der USA am Wissenschaftsstandort Europa?
Auf den ersten Blick ist der Trend klar: Präsident Obama hat große Bildungsinitiativen in China, Indonesien, Indien und Lateinamerika begonnen, ja, das 21. Jahrhundert zum "Amerikanisch-Pazifischen Jahrhundert" erklärt. In Planungspapieren der Universität Yale werden Projekte in China und Indien vielfach, Europa jedoch kaum erwähnt. Von den "global centers" der Columbia Universität sind zwei in Asien, zwei im Mittleren Osten, zwei in Lateinamerika, nur eines in Europa. 17 der 28 strategischen Partner der Washington University in St. Louis sind in Asien, nur zwei in Europa.

Dies sind einige Schlaglichter einer bemerkenswerten Analyse über die Zukunft der Beziehungen von amerikanischer und europäischer Wissenschaft, die der Chronicle of Higher Education, die größte us-amerikanische Hochschulzeitung, unlängst (2. August 2013) veröffentlichte. Der Titel lautet: "Is Europe passé?" - immerhin noch in Frageform.

Die Autorin bringt weitere Beispiele, die für eine Abwendung von Europa sprechen: So werde oft berichtet, dass europäische Universitäten zur Zeit Schwierigkeiten hätten, strategische Partner von amerikanischen Colleges zu werden. Neue Geldquellen für die Forschung und für den Austausch konzentrierten sich auf Länder außerhalb Europas. Die Bildungsallianz zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten, so wird Richard Everitt vom British Council zitiert, sei strategisch komplett vernachlässigt worden. Suchten amerikanische Universitäten nach neuen Chancen, richteten sich die Blicke nicht nach Europa. In einer Trendanalyse aus dem Jahr 2012 über internationale Perspektiven, platzierten die Universitäten auf die Frage, wo sie neu investieren würden, Europa ans Ende der Tabelle, knapp vor Afrika und Japan.

Europa sei bereits so lange im Fokus der us-amerikanischen Institutionen, dass sie es weder aufregend fänden noch für notwendig erachteten, viel für diese Beziehungen zu tun, sagte der Direktor des Büros für internationale Beziehungen der Universität Leicester in England. "Man meint, dass alles von selbst gehe. Man könne sich auf Konferenzen treffen und dann Forschungsprojekte vereinbaren. Aber das geschieht eben nicht." Die Autorin des Chronicle Artikels weist darauf hin, dass zwar die Kooperationen mit europäischen Ländern im letzten Jahrzehnt stetig gewachsen seien, die mit China aber geradezu kometenhaft gestiegen seien.

Die Zahl der Studenten, die aus China, Indien und Südkorea in die USA kommen, hat sich laut Chronicle zwischen 2000 und 2011 auf fast 367.000 mehr als verdoppelt. Alle europäischen Länder zusammen kämen 2011 dagegen auf 85.000 Studenten. Die amerikanischen Universitäten hätten ihre Kalkulationen umgestellt. Sie suchten zahlungskräftige Studenten, die die Studiengebühren bezahlen, und Partner, die Forschungsprojekte finanzieren könnten, um die Budgetkürzungen zu Hause zu kompensieren. "Wir alle suchen nach diesen Geldströmen und sie führen uns in andere Regionen der Welt", sagte ein Provost der Ohio State University. Eine Vertreterin der Syracuse University sagt: "Wir tendieren dazu, Europa als ein Landkarte an der Wand zu sehen, ein Gefühl von Europa als einem statischen Objekt". Nach Europa zu gehen, sei eher etwas touristisches, andere Hochschulkenner sagen, es gebe keine wirkliche kulturelle Wechselwirkung, weil Europa und die USA nicht verschieden genug seien. Jeder in Europa spreche Englisch und es gebe zu viele andere Amerikaner, die man treffe. Ein weiteres Beispiel: Betrachte man die Herkunftsländer von Studenten in der Stammzellforschung, so werden viele der nächsten Forschergeneration mehr Verbindungen zu Asien als zu Europa haben.

Interessant ist auch die Einschätzung der Folgen des europäischen Bologna-Prozesses für die Internationalisierung. Dieser habe zwar die unterschiedlichen Hochschulsysteme innerhalb Europas zusammengeführt, aber ein Studium in den USA weniger attraktiv gemacht. Denn die kürzeren Studiengänge mit Bachelor und Master bekämen die europäischen Studenten ja jetzt auch in der Heimat geboten. Warum sollten sie für das gleiche und mehr Geld in die USA gehen? Ein Hochschullehrer der George Washington Universität sagte laut Chronicle: "Ich habe oft versucht, Studenten aus Europa zu bekommen, und es war stets ein schwieriger Prozess." So habe er kürzlich einen Doktorkandidaten aus Deutschland nicht bekommen können, der, obwohl er in Washington arbeitete, zu einer britischen Universität gehen wollte. Mittlerweile werde er geradezu "bombardiert" mit E-Mails von chinesischen Studenten, die alle zusätzlich ein staatliches Stipendium mitbringen könnten.

Ist Europa also auf dem absteigenden Ast? Vor diesem Urteil schreckt die Autorin dann doch zurück. Auch viele amerikanische Universitäten antworteten auf diese Frage mit "keinesfalls". Sie richteten nur ihre Aufmerksamkeit auf vernachlässigte Weltregionen, um eine ausbalanciertere globale Strategie zu schaffen. Die transatlantischen Kooperationen seien nach wie vor intensiv.

Das Research Council des Vereinigten Königreichs investiere etwa 2,3 Milliarden Pfund in aktive Forschungspartnerschaften mit den USA. Mehr als die Hälfte der Amerikaner, die in Übersee studierten, wählten Europa als ihr Ziel. Und auch wenn die Universität Yale sehr viel Aufmerksamkeit auf Asien richte, hätte sie nach wie vor viel mehr Forschungsprojekte in Europa. Auch produziere die Europäische Union mehr Güter und habe viel tiefere ökonomische und finanzielle Verbindungen zu den Vereinigten Staaten als China. Die USA und Europa hätten nach wie vor Vieles gemeinsam, von sehr gut ausgestatteten Forschungslaboren bis zu dem Schutz geistigen Eigentums.

"Ich glaube, man legt zu viel in diesen Hype. Es gibt immer noch ein immenses Interessse in Europa", sagte Mr. Bruststein von Ohio State. Manche sehen auch die Zukunft in tri- oder multilateralen Partnerschaften. Ja, Asien sei im Aufwind, so ein Sprecher der Michigan State University. Dennoch glaube er nicht, dass das 21. Jahrhundert ein asiatisches werde. Es werde ein globales Jahrhundert werden.

Aus Forschung & Lehre :: Oktober 2013

Ausgewählte Stellenangebote