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It would be a good idea

von REINHARD KRECKEL

Der US-amerikanische Tenure Track als Importmodell "Tenure" und "Tenure Track" werden in einem Atemzug mit dem US-Hochschulsystem genannt. Doch an vielen US-Hochschulen ist auch beim Tenure Track längst nicht mehr alles Gold, was glänzt. Man könnte fast von einer Umkehrung der Verhältnisse sprechen: Während in Deutschland der Tenure (Track) salonfähig wird, nimmt die Zahl der kurzfristig Angestellten ohne Tenure Track-Perspektive an den US-Hochschulen zu. Aktuelle Tendenzen.

It would be a good idea© Martin-Luther-Universität Halle-WittenbergProf. Dr. Reinhard Kreckel über das Tenure Track-Modell an US-Hochschulen
Das amerikanische Tenure Track-Modell ist in aller Munde. Man will damit die deutschen Universitäten international stärken und dem zunehmenden Missverhältnis zwischen der stagnierenden Zahl der Professoren und dem wachsenden Heer von befristet tätigen wissenschaftlichen Mitarbeitern ohne klare Zukunftsperspektive abhelfen. Nun ist es bei dem als Vorbild gewählten US-Hochschulsystem wie beim Skat, beim Tennis oder bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen: Ihre Spielregeln sind bizarr - aber sie funktionieren. Die Frage ist nur, ob sie sich auch gefahrlos in andere Kontexte übertragen lassen.

Dazu einige Fakten:
  • In den USA existieren ca. 4.500 Hochschulen. Nur ungefähr 300 von ihnen - teils private Stiftungen, teils öffentliche Hochschulen - sind als "Research & Doctoral Universities" überhaupt mit den deutschen Universitäten vergleichbar, weil nur dort regelmäßig Promotionen stattfinden.
    Unter ihnen gelten ca. 200 auch als Forschungsuniversitäten im engeren Sinn, darunter etwa 100 als Spitzenuniversitäten. Letztere vereinen allein rund 80 Prozent der Gelder auf sich, die in den USA für akademische Forschung ausgegeben werden.
  • Es gibt in den USA keine außeruniversitäre akademische Forschung wie in Deutschland in den Max-Planck-Instituten oder in Frankreich beim CNRS. Akademische Forschung ist allein Sache der US-Forschungsuniversitäten.
  • Öffentliche Hochschul-Ranglisten sind ein wichtiger Teil des "american way of life". Die in Deutschland geläufige Gleichheitsfiktion, derzufolge alle deutschen Universitäten und ihre Abschlüsse als prinzipiell gleichwertig gelten, kennt man hier nicht. Die ersten 20 Spitzenränge beim allgemein anerkannten nationalen jährlichen Ranking des Monatsmagazins U.S.
    News & World Report werden vor allem von privaten US-Hochschulen mit zum Teil riesigem Stiftungsvermögen belegt, allen voran die Harvard University mit 31 Milliarden Dollar. Erst auf dem 21. Platz findet man im USNWR-Ranking mit Berkeley die erste staatliche Universität (Vermögen: 3 Milliarden).
  • In deutschen Professorenaugen ist die "Hausberufung" von Professoren ein Horror. Man befürchtet Klüngelwirtschaft und wissenschaftliche Stagnation. Viele Research & Doctoral Universities in den USA sind aber Weltspitze, trotz - oder vielleicht sogar wegen - ihres Tenure Track-Systems.

Ein Modell für alle Hochschulen

Zwischen den Research & Doctoral Universities sind die Qualitätsunterschiede allerdings dramatisch. Man muss sich deshalb fragen, wen man sich zum Vorbild nehmen will - das unvorstellbar reiche und leistungsstarke Harvard oder die bescheidene South Dakota State University auf dem 200. Rangplatz?

Denn, ungeachtet dieser extremen Unterschiede gilt für alle US-Hochschulen (mit gewissen Ausnahmen bei den kommerziellen Hochschulen und den Junior Colleges) das gleiche Tenure Track-Modell:

Dessen zentrales Merkmal ist die relativ flache Hierarchie und hohe berufliche Sicherheit der Hochschullehrer. Man kann für die USA sagen: Die Hierarchie zwischen den Hochschulen ist steil, innerhalb der Hochschulen flach. Das Machtgefälle liegt dort eher zwischen den Boards, Präsidenten und Deans einerseits, der Professorenschaft andererseits. In Deutschland ist es tendenziell "Tenure" und "Tenure Track" - das ist eine in das US-Hochschulsystem tief eingebettete Normvorstellung. Sie besagt, dass der Hochschullehrerberuf primär von hauptberuflichen und eigenverantwortlichen Professoren ausgeübt werden soll (full-time instructional faculty). Nur in begrenztem Umfang sollen sie dabei von ergänzendem Lehrpersonal ohne vollen Faculty-Status (Instructors, Lecturers, Adjunct Faculty, Graduate Student Assistants u.ä.) unterstützt werden. Die Professoren sind nach dieser Leitvorstellung entweder als Associate Professors oder Full Professors unbefristet tätig (tenure), oder sie werden als Assistant Professors für eine befristete Probezeit von vier bis sieben Jahren berufen, nach der sie bei positiver Evaluierung in eine unbefristete Associate Professur überführt werden und schließlich auch hausintern zum Full Professor aufsteigen können (tenure track). Bei negativer Evaluierung scheiden sie aus ("up or out"). Gerade bei den renommierten Forschungsuniversitäten ist die Tenure Evaluation sehr streng, die Anforderungen sind hoch, und das Begutachtungsverfahren ist der deutschen Habilitation durchaus vergleichbar.

In einer Spitzenuniversität wie Harvard liegt die Erfolgschance eines Assistant Professors, auf eine Professur mit Tenure übernommen zu werden, nur bei etwa 20 Prozent. An den weniger herausgehobenen Universitäten geht es wesentlich schonender zu. umgekehrt.

It would be a good idea © Forschung & Lehre Wissenschaftliches Kernpersonal an Universitäten: Deutschland und USA
In der Grafik wird die Full-Time Instructional Faculty der US-Research & Doctoral Universities mit dem vollzeitbeschäftigten wissenschaftlichen Kernpersonal der deutschen Universitäten kontrastiert. Man sieht, es stehen sich zwei völlig unterschiedliche Universitätswelten gegenüber: In USA lehren überwiegend die Professoren, in Deutschland eher die Assistenten. Vor allem die große Zahl von Professorenstellen an den US-Universitäten lässt genügend Spielraum, um einen Teil der Associate und Full Professors im Tenure Track-Verfahren rekrutieren zu können, einen anderen Teil durch externe Berufungen.

An den deutschen Universitäten ist die Personaldecke auf der Professorenebene dafür zu dünn. Der Umstand, dass von den - ohnehin wenigen - neu eingerichteten Juniorprofessuren die meisten ohne Tenure Track-Perspektive besetzt worden sind, belegt dies. Die Grafik orientiert sich an der üblichen Zählweise der amtlichen US-Hochschulpersonalstatistik, die mit ihrer besonderen Betonung der "Full-Time Instructional Faculty" dem normativen Leitbild von der Professorenuniversität folgt. Es bleiben dabei allerdings bestimmte Aspekte unterbelichtet, die ergänzt werden müssen:

USA: Tenure Track-Positionen schrumpfen

An den US-Hochschulen wächst, ebenso wie in Deutschland, seit langem der Anteil der Teilzeitbeschäftigten und des kurzfristig angestellten "ambulanten Lehrpersonals" ohne Tenure Track-Perspektive.

Die Association of American University Teachers und die American Federation of Teachers - zwei einflussreiche Standesorganisationen, die die Interessen der Hochschullehrer aller Hochschularten vertreten - weisen immer wieder darauf hin, dass die sog. "Contingent Faculty" stetig zunimmt und der Anteil der echten Tenure- und Tenure Track-Positionen schrumpft. Neuere statistische Daten für die Research & Doctoral Universities sind nicht verfügbar. Die letzte vorliegende Erhebung von 2003 bestätigt aber diesen Trend: Wenn man alle voll- und teilzeitangestellten Lehrpersonen mit und ohne Tenure bzw. Tenure Track berücksichtigt und Vollzeitäquivalente berechnet, so ergibt sich ein Professorenanteil von 67 Prozent am Lehrkörper der US-Research & Doctoral Universities (statt der 84 Prozent in der Übersicht). An den deutschen Universitäten machen die Professoren (bei Anwendung der gleichen VZÄ-Berechnung) heute ganze 13 Prozent aus.

Die US-Hochschulstatistik konzentriert sich auf das Lehrpersonal. Wissenschaftler mit reinen Forschungsaufgaben - in deutscher Terminologie: das Drittmittelpersonal - werden nicht systematisch mitberücksichtigt. Aber für die USA gilt ebenso wie für Deutschland, dass das über Drittmittelprojekte finanzierte wissenschaftliche Personal an den Universitäten in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen hat.

Die hauptsächlichen Träger der Drittmittelforschung sind in USA die Postdocs. Zu etwa 80 Prozent handelt es sich dabei um promovierte jüngere Wissenschaftler, die - in der Regel unter der Leitung eines "Principal Investigator" (meist ein Professor) - an einem zeitlich befristet finanzierten Forschungsprojekt arbeiten und sich dabei für eine Professur oder eine Forscherkarriere weiterqualifizieren sollen; die restlichen Postdocs sind über Stipendien u.ä. finanziert.

Genaue statistische Zahlen über die Postdocs an den US-Hochschulen gibt es nicht. Man weiß aber, dass etwa 90 Prozent an den hundert Spitzen-Forschungsuniversitäten tätig sind. Im Teilbereich der Natur-, Technik-, Gesundheits- und Sozialforschung gibt es zurzeit ca. 60.000 Postdocs an Universitäten; für die (weniger drittmittelaktiven) Geistes-, Erziehungs- und Rechtswissenschaften liegen keine belastbaren Zahlen vor. Aber mit ca. 70.000 befristet tätigen Postdocs an den hundert forschungsintensivsten US-Universitäten kann man wohl rechnen. Andererseits sind an den 108 Spitzenuniversitäten der Carnegie Classification rund 100.000 Full, Associate und Assistant Professors vorhanden. Wenn man diese beiden Zahlen gegenüberstellt, gewinnt man ein ungefähres Bild von den Größenordnungen: Würde man die drittmittelfinanzierten US-Postdocs - wie in Deutschland üblich - in die statistische Erfassung des wissenschaftlichen Universitätspersonals einbeziehen, so würde der Professorenanteil rein rechnerisch auf etwa 40 bis 50 Prozent zurückgehen.

Er läge damit aber noch immer drei- bis viermal höher als in Deutschland. Hinzu kommt aber, dass der Ausländeranteil unter den US-Postdocs extrem hoch ist. Die National Postdoctoral Association schätzt ihn auf über 60 Prozent. Ein Aufenthalt als Postdoc an einer möglichst renommierten amerikanischen Research & Doctoral University ist für viele Promovierte aus dem Ausland attraktiv. Er dient der Weiterqualifizierung, verleiht internationales Flair und verbessert die Chancen im eigenen Land. Nicht zufällig ist nahezu jeder zehnte ausländische Postdoc an der Harvard University angesiedelt. Wie die Hochschulforscher Enders und Bornmann einmal formuliert haben, handelt es sich dabei eher um "Intermezzi zwischenzeitlicher Auslandstätigkeit und seltener um einen langfristigen 'Verbleib' im Ausland." Das heißt, anders als in Deutschland konkurriert in den USA vermutlich nur ein kleiner Teil der Postdocs um eine der begehrten Tenure Track-Positionen an einer Universität.

Mehr Hochschullehrerstellen in Deutschland

Zusammen genommen bedeutet das alles: Der Vorschlag, das Tenure Track-System für deutsche Universitäten zu übernehmen, "would be a good idea" (Mahatma Ghandi) - vorausgesetzt, dass der Personalanteil, der für das Tenure Track-Verfahren in Frage kommt, deutlich erweitert wird. Nur wenn - wie in den USA - eine ausreichende Zahl an hauptberuflichen Hochschullehrerpositionen zur Verfügung steht, lässt sich ein sinnvolles Verhältnis zwischen externen Berufungen und internen Tenure Track-Bewährungsaufstiegen herstellen. Um das zu ermöglichen, müsste man sich allerdings ein Stück weit von der deutschen Tradition verabschieden, einen Großteil der Haushaltsstellen nicht für selbstständige Hochschullehrer, sondern für weisungsgebundene Qualifikanten bereit zu halten.


Über den Autor
Professor (em.) Reinhard Kreckel, Soziologe, war Rektor der Universität Halle-Wittenberg und Direktor des Instituts für Hochschulforschung e.V. (HoF) in Wittenberg.

Aus Forschung & Lehre :: Januar 2013

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