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Janusköpfig

Von Klaus Zierer

Forschungs- bzw. Drittmittelprojekte zählen seit geraumer Zeit zu den wichtigsten Reputationsmerkmalen eines Wissenschaftlers. Welche Art von Wissen wird in diesen Projekten vorrangig untersucht? Welche Forschung damit begünstigt? Eine kritische Analyse.

JanusköpfigQuelle: Wikimedia Commons
Wer sich gegenwärtig um eine Professur bewirbt, kann sich der Frage, welche Projekte er bisher durchgeführt hat und welche Projekte er zukünftig plant und initiiert, nicht verschließen. "Dritt- Mittel-Projekte" sind, nach Peer-Review- Beiträgen in renommierten Zeitschriften, das Maß aller Dinge und wichtigstes Reputationsmerkmal. Was kennzeichnet diese, wenn auch nicht neue, derzeit aber doch dominante und prägende Form der Forschung? Auf den ersten Blick offenkundig ist, dass Forschungsprojekte aus dritter Hand gefördert werden. Dies kann entweder als "Auftragsforschung" oder als "freie Forschung" geschehen. Das Besondere an einem Forschungsprojekt wird aber erst auf den zweiten Blick ersichtlich, wie Cristina Besio in einer Meta-Analyse sozialwissenschaftlicher Projekte zeigt: "Damit etwas projektiert werden kann", so ihr Resümee, "muss es noch unbekannt sein (andernfalls machte die Forschung keinen Sinn), gleichzeitig muss es aber bereits bekannt sein (weil sich sonst keine Forschungsplanung entwerfen ließe)." Forschungsprojekte geben vor, eine neue Fragestellung zu bearbeiten, und zwar in einem bereits fest vorgegebenen Rahmen. Kurz gesagt: Das Ziel steht und der Weg ist klar. "What you see, is what you get." Aus der Wissenschaftsgeschichte, insbesondere aus den Studien von Thomas S. Kuhn zu wissenschaftlichen Revolutionen, wissen wir aber, dass Forschung nicht immer solche klare Strukturen besitzt, sondern häufig über Irrgänge und Umwege Entdeckungen und Erfindungen passieren. Dieses Problem lässt sich in Anlehnung an Cristina Besio weiterführen zu der Frage: "Welches Wissen ist projektierbar?".

Das Paradoxon

Bei der Beantwortung dieser Frage zeigt sich, dass Polaritäten entstehen, die gleichzeitig Möglichkeiten und Grenzen, Chancen und Gefahren von Forschungsprojekten offenbaren. Diese Polaritäten sind alle Folge des bereits erläuterten Hauptkennzeichens eines Forschungsprojektes: Es basiert auf einem Paradoxon; Forschungsprojekte geben vor, etwas nicht zu wissen, um gleichzeitig aber auch zu belegen, dass der Weg zu diesem Wissen planbar, also bereits bekannt ist. Mit dieser Kennzeichnung selegieren Forschungsprojekte eine gewisse Art von Wissen. Um welche Art von Wissen handelt es sich hierbei? Welche Forschung wird damit begünstigt?

"Abstraktheit versus Konkretheit"

Forschungsfragen lassen sich hinsichtlich ihres Abstraktionsgrades unterscheiden: Sie können nach Robert K. Merton abstrakt formuliert sein und eher zu den "grand theories" zählen oder ein konkretes Problem angehen und eher zu den "empirical generalizations" gehören. Der Großteil der Forschungsprojekte lässt sich nach Cristina Besio eindeutig den "empirical generalizations" zuordnen: "Die Forschungsfrage wird nur so abstrakt formuliert, dass noch eine konkrete empirische Untersuchung durchgeführt werden kann. Entsprechend beziehen sich fast alle Projektbeschreibungen aus der SIDOS-Datenbank auf konkrete Fallstudien oder auf Surveys. Nur 42 von 302 Projekten weisen keinen gut definierten empirischen Teil auf. Zudem beschränken sich viele Projekte auf die Analyse eines konkreten Falls und verzichten auf jegliche Form der Generalisierung". Eine entsprechende Feststellung bringt der Blick in die SOFIS-Datenbank. Infolgedessen konzentrieren sich Forschungsprojekte auf konkrete Fragestellungen, die zeitlich und räumlich überschaubar und begrenzt sind. Sie führen Cristina Besio zufolge in ihrer Ausschließlichkeit zu einer punktuellen Forschung, die mit der Vorstellung kompatibel ist, dass "wissenschaftlicher Fortschritt durch die Summe kleiner Teilbeobachtungen erreicht wird". Seit Thomas S. Kuhns "Struktur wissenschaftlicher Revolutionen" ist jedoch sicher, zumindest naheliegend, dass wissenschaftlicher Fortschritt so nicht interpretiert werden kann. Forschung, die sich abstrakten Fragestellungen zuwendet und "grand theories" als Ziel verfolgt, bildet nicht den Bereich, der über Projekte erschlossen wird, ja werden kann. Daraus resultiert die zweite Polarität:

"Theorie versus Methode"

Auf den ersten Blick mag es überraschen, wieso Theorie und Methode in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen können. Insofern bedarf diese Gegenüberstellung einer Erläuterung. Grundsätzlich lassen sich zwei Möglichkeiten des Verhältnisses zwischen Theorie und Methode formulieren: Entweder die Theorie wird durch die Methode einer Überprüfung unterzogen oder die Methode verfolgt die Entwicklung einer Theorie. Für Forschungsprojekte lässt sich laut Cristina Besio eine eindeutige Zuweisung geben: "Innerhalb von Projekten wird selten Theoriearbeit geleistet ... Nur in 60 von 302 Projekten findet sich genuine Theoriearbeit". Erneut sei an dieser Stelle auf die SOFIS-Datenbank verwiesen, die ein ähnliches Bild zeichnet. Dies hängt mit dem bereits angesprochenen Hauptkennzeichen von Forschungsprojekten zusammen: Durch die Gleichzeitigkeit des Bekannten und des Unbekannten greifen Forschungsprojekte auf bereits bekannte Theorien zurück und versuchen, diese in neuen, noch unbekannten Settings zu überprüfen. Hält man sich an dieser Stelle noch vor Augen, dass die Finanzierung des Projektes auf dem Spiel steht, dann liegt auf der Hand, dass bei der Wahl der Theorie und auch der Methode auf jene Theorien und Methoden zurückgegriffen wird, die verbreitet und unumstritten sind. Forschungsprojekte privilegieren in diesem Sinn Theorien und Methoden. Auch hier zeigt sich, dass Forschungsprojekte von einer bestimmten Vorstellung ausgehen, wie Wissenschaft funktioniert. Cristina Besio schreibt hierzu: "Das Wissenschaftsmodell, das in Projekten bevorzugt wird, ist dasjenige der Deduktion." Daneben finden Induktion und Analogie kaum Platz in Forschungsprojekten. Bei aller berechtigten Kritik, die gegenüber diesen Verfahren besteht: Wissenschaftshistorisch ist unbestritten, dass viele Schlussfolgerungen und neue Erkenntnisse über den Weg vom Besonderen zum Allgemeinen und vom Besonderen zum Besonderen gezogen beziehungsweise gewonnen werden. Führt man diesen Gedanken weiter, dann lässt sich festhalten, dass Forschungsprojekte weniger der Entwicklung neuer Theorien als vielmehr der Überprüfung bestehender Theorien dienen.

"Komplexität versus Einfachheit"

Die Komplexität einer Forschung zeigt sich beispielsweise an der Anzahl der Variablen, die noch dazu vernetzt sind, und an den unterschiedlichen Untersuchungsebenen (etwa Mikro-, Meso- und Makroebene). In diesem Sinn kann eine Forschung als "einfach" eingestuft werden, wenn sie wenige Untersuchungsebenen berücksichtigt und die untersuchten Variablen kaum Wechselwirkungen aufweisen, sondern isoliert voneinander betrachtet werden können. Welchem Typ von Forschung stehen Projekte näher? Die Beantwortung dieser Frage ist pauschal nicht möglich. Allerdings lassen sich zwei wichtige Hinweise nennen: Erstens erfordert das Bemühen, Forschungsgelder zu bekommen, eine klare Struktur in der Ausarbeitung des Projektantrages. William Lyman weist darauf hin, dass ein Projekt in der Regel nicht deshalb abgelehnt wird, weil es zu einfach, sondern weil es zu komplex ist. Insofern werden bewährte Theorien und ein überschaubares Methodenrepertoire gewählt. Dementsprechend kommt Cristina Besio in ihrer Meta-Analyse zu dem Ergebnis: "In Bezug auf die Methoden geben 27,6 Prozent der Beschreibungen aus der SIDOS-Datenbank nur eine Methode an, 46,3 Prozent geben zwei oder drei Methoden an, 19,8 Prozent nennen vier oder fünf Methoden und nur 6,3 Prozent geben an, sechs oder mehr als sechs Methoden verwendet zu haben ... [Zudem] werden nicht zu viele Forschungsfragen gestellt, und diese lassen sich in der Regel unter eine einzige Hauptfrage subsumieren". Zweitens zwingt der mit einer Förderungsbewilligung einhergehende und festgelegte Zeitrahmen, die Komplexität des Projektes in Grenzen zu halten. Andernfalls würde Gefahr bestehen, eine angefangene Forschung auf halber Strecke abzubrechen. Die Folge aus dem Gesagten kann sein, dass Forschungsprojekte zu einer Simplifizierung neigen und demgemäß "Einfachheit" vor "Komplexität" stellen.

"Innovation versus Konservatismus"

Dass Forschungsprojekte innovativ sind, bezweifelt in der Regel niemand - zumindest niemand, der derartige Forschung betreibt und an ihre Innovationskraft glaubt. Dennoch gibt es einige Kritiker, die dies infrage stellen. Diese unterscheiden zwischen "neu" und "innovativ" und argumentieren, dass Projekte sicherlich "neu" hinsichtlich Methode, Stichprobe, Variablenkorrelation etc. sind, das Innovationspotenzial aber deutlich geringer ist. Ausgangspunkt der Kritik ist das Paradoxon, das Forschungsprojekten zugrunde liegt: Sie beabsichtigen, etwas Unbekanntes auf bereits bekanntem Weg zu erforschen. Demzufolge muss Innovationskraft bei gleichzeitiger Kohärenz zum Forschungsstand, Machbarkeit des Vorgehens und Vorhersagbarkeit der Ergebnisse gewährleistet sein. "Projekte begrenzen und erzwingen Innovation", schreibt Cristina Besio infolgedessen, womit ein weiteres Paradoxon von Forschungsprojekten genannt ist. Demnach kann über Forschungsprojekte nicht gesagt werden, dass sie per se innovativ sind. In der Regel haben sie auch einen konservativen Charakter.

"Angewandte Forschung versus Grundlagenforschung"

Gemeinhin wird zwischen Basisforschung, gerichteter Grundlagenforschung und angewandter Forschung unterschieden. Dabei verfolgt Basisforschung das Ziel, neues Wissen über die Grundlagen der Phänomene zu gewinnen. Geschieht dies vor dem Hintergrund, Fragen zu spezifischen Interessensbereichen zu beantworten, spricht man von gerichteter Grundlagenforschung. Demgegenüber beabsichtigt eine angewandte Forschung, Erkenntnisse der Grundlagenforschung in der Praxis zu überprüfen und Mittel zur Lösung konkreter Probleme zu entwickeln. Im Wesentlichen lassen sich drei Gründe nennen, warum sich Projekte besser für eine angewandte Forschung im Vergleich zur Grundlagenforschung eignen: Erstens ist der Ungewissheitsgrad geringer, weil sich angewandte Forschung auf ein überschaubares Forschungsfeld mit ausgewählten Kategorien konzentriert. Zweitens sind Effekte besser nachweisbar. Dies ist, wie bereits erwähnt wurde, Sinn und Zweck einer angewandten Forschung. Und drittens ist die Relevanz leichter zu begründen, da angewandte Forschung einen höheren Praxisbezug aufweist. All dies sind Faktoren, die die Gewinnbarkeit des Drittmittelgebers begünstigen, was zur Folge hat, dass Projekte eher als angewandte Forschung konzipiert werden. Heine von Alemann bestätigt dies mit seiner Befragung von Forschern, von denen 18,1 Prozent ihre Projekte als Grundlagenforschung, 42,2 Prozent als angewandte Forschung und 39,7 Prozent als Mischform von beiden Formen bezeichnen.

"Interdisziplinarität versus Disziplinarität"

Unbestritten ist es ein Charakteristikum von Forschungsprojekten, interdisziplinär angelegt zu sein. Dies lässt sich nicht nur an der personellen Zusammensetzung der meisten Projekte erkennen, sondern auch an ihrer theoretischen Fundierung. Laut Cristina Besio umfassen 55,3 Prozent der Projekte aus der SIDOS-Datenbank mehr als eine Disziplin. Dieses Übergewicht unterliegt zudem einer steigenden Tendenz mit Blick auf die letzten zehn Jahre. Mit ein Grund für diese interdisziplinäre Ausrichtung kann in ihrer positiven Wertung bei Fördereinrichtungen gesehen werden, die sich in der interdisziplinären Zusammensetzung der Gutachtergruppen zeigt (vgl. beispielsweise die Gremien der DFG). Hier wird also das bedient, was der Drittmittelgeber gerne sieht. Aber: Auch diese Ausrichtung, ja Vereinseitigung kann Nachteile mit sich bringen und selegiert erneut Forschung. Denn ein Problem dieser Interdisziplinarität kann sein, dass die disziplinspezifische Forschungs- und Theoriearbeit vernachlässigt wird. Hinzu kommt, dass die Gefahr besteht, sich auf Kosten der Interdisziplinarität mit einer Fragestellung zu befassen, die aus disziplinärer Perspektive nur marginales Gewicht besitzt. Zusammenfassend lässt sich festhalten: Forschungsprojekte basieren in ihrer bestehenden Form auf einem Wissenschaftsverständnis, dass kumulativ und deduktiv ist. Vor diesem Hintergrund verfolgen sie überwiegend konkrete, nicht zu komplexe Fragestellungen, greifen größtenteils auf konsolidierte Theorien und Methoden zurück, sind in der Regel als angewandte Forschung konzipiert und weisen meistens einen interdisziplinären, teils innovativen, aber auch konservativen Zugang vor. Diese Charakterisierung eines Projekts ist ihrem Merkmal geschuldet, dittmittelfinanziert zu sein und deshalb dem Paradoxon folgen zu müssen: Scheinbar Unbekanntes auf bekanntem Weg zu erschließen. Umgekehrt werden dadurch eine Reihe von anderen Forschungsarten vernachlässigt, ja sogar ausgeklammert, die aber für die disziplinäre Entwicklung nicht minder bedeutsam sind.

Konsequenz: Selektives Wissen

Projekte verhindern nicht, dies sei abschließend betont, wissenschaftlichen Fortschritt. Aber sie können Forschungsrichtungen begünstigen und dadurch Disziplinen nachhaltig und weitreichend verändern. Diese Folgen können in der Tat negativen Einfluss auf disziplinäre Entwicklungen nehmen. Insofern erscheinen folgende Forderungen wichtig: - Wissenschaft entwickelt sich nicht ausschließlich deduktiv und kumulativ. Forschungsprojekte sind zwar wichtig, dürfen aber nicht das einzige Bestreben nach wissenschaftlichem Fortschritt sein. Infolgedessen erscheint es auch nicht zweckmäßig, wenn eine bestimmte Art von Forschung gegenüber anderen Arten hervorgehoben oder unnötig betont wird. - Die Dominanz von Projekten führt zu einer Selektion von Wissen und gleichzeitig zu einer Vernachlässigung wichtiger Bereiche, beispielsweise der Theoriearbeit. Im schlimmsten Fall kann sogar eine Stagnation des wissenschaftlichen Fortschrittes die Folge sein - vor allem dann, wenn es zu einer Ausschließlichkeit von projektorientierter Forschung kommt. Grund hierfür ist: - Theorieentwicklung ist wichtig, vor allem auch für zukünftige Projekte, da diese auf Theorien basieren. Demzufolge muss eine entsprechende Honorierung und auch Finanzierungsmöglichkeit für derartige Forschung geschaffen werden. - Forschungsprogramme, die einzelne Projekte bündeln und vernetzen, müssen vermehrt hinzu treten. Mit ihrer Hilfe kann es gelingen, aus einzelnen Forschungsprojekten ein größeres Theoriegebäude zusammenzuführen und der Komplexität in pädagogischen Handlungsfeldern gerecht zu werden. Damit ist auch der Weg von "empirical generalizations" hin zu "middle range theories" möglich, was für Robert K. Merton das Ziel sozialwissenschaftlicher Forschung ist. - Forschungsförderung darf Forschung nicht in einem zu starken Maße selegieren. Andernfalls führt sie dazu, Wissenschaft zu vereinseitigen, im schlimmsten Fall sogar ihre Entwicklung zu bremsen - und das ist genau das Gegenteil von dem, was Forschungsförderung erreichen will. "Projekte dienen der Entwicklung der Wissenschaft, aber nur um den Preis einer Selektion von Wissen", resümiert Cristina Besio. Sie können, sofern sie ihre Dominanz weiter ausbauen - vor allem durch eine entsprechende Förderpolitik, die dies begünstigt -, den "structural drift" einer Disziplin so weit beeinflussen, dass darin all das, was nicht als Projekt bearbeitbar ist, nicht mehr als Problem wahrgenommen wird. In diesem Sinn lässt sich mit Paul Feyerabend schließen: Wider den Projektezwang.

Die ausführliche Fassung des Beitrages mit dem Titel "Wider des Projektezwangs" incl. Literaturangaben erschien in der Zeitschrift Erziehungswissenschaft, Heft 24, 2011, und kann bei der Redaktion angefordert werden.




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