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Jedem Trend auf der Spur

Von Jan-Martin Wiarda

Die Germanistik gehört zu den beliebtesten Studiendisziplinen. Doch der Preis, den das Fach für seine ständige Modernisierung zahlt, ist einigen Traditionalisten zu hoch.

Jedem Trend auf der Spur© AllzweckJack - Photocase.comEine Vielzahl an neuen Studienangeboten beweist die zunehmende Interdisziplinarität der Germanistik
Nils Beckmann hat nicht viel Zeit heute. Bis zum Abend muss sich der 22 Jahre alte Bochumer Student noch durch die Reden von Norbert Röttgen, Frank-Walter Steinmeier und Angela Merkel klicken. Beckmann sucht den Kern dessen, was eine moderne politische Rede ausmacht. Und so beobachtet er auf YouTube, wie Röttgen über die soziale Marktwirtschaft philosophiert, er ist dabei, als Steinmeier mit erhobenem Zeigefinger die Politik der schwarz-gelben Koalition verdammt, und macht sich Notizen, während Angela Merkel in der Bundestagsdebatte einen Zwischenrufer abbürstet.

Nein, Beckmann ist kein angehender Politologe. Sein Hauptfach ist die Germanistik, und die Hausarbeit, an der er sitzt, soll zum Vorläufer seiner Bachelorthesis werden. Für heutige Studenten ist es fast schon eine Selbstverständlichkeit, doch ihre Vorgänger, die vor 20 oder 30 Jahren das Fach studiert haben, reiben sich verdutzt die Augen: Wie kaum eine andere Disziplin in den Geisteswissenschaften hat sich die Germanistik nach außen geöffnet, hat sie die Fachgrenzen gesprengt, ihr hergebrachtes Selbstverständnis infrage gestellt. Was noch vor wenigen Jahrzehnten eine fast blütenreine Sprachwissenschaft war, hat sich zu einem Paradebeispiel dessen entwickelt, was im Wissenschaftlerjargon Interdisziplinarität genannt wird: Kooperationen mit der Politikwissenschaft, der Soziologie oder der Informatik gehören zum Tagesgeschäft.

Vermutlich ist ihre Offenheit einer der Gründe, warum die deutsche Philologie es geschafft hat, sich trotz des Bedeutungsverlustes des Deutschen in der internationalen Literatur- und Wissenschaftsszene auf Platz eins der beliebtesten Geisteswissenschaften an deutschen Hochschulen zu halten. Auch im Vergleich aller Studienfächer muss sich die Germanistik mit mehr als 80 000 Hauptfachstudenten nur der Betriebswirtschaft, dem Maschinenbau und der Rechtswissenschaft geschlagen geben. Michael Becker-Mrotzek, Professor an der Universität Köln und Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für angewandte Linguistik, sagt: »Die Gesellschaft fördert auf Dauer jene Disziplinen, die ihr bei der Lösung ihrer Probleme helfen. Die anderen werden irgendwann als überflüssig wahrgenommen.«

Neue Programme namens Literarische Anthropologie und Gerontolinguistik

Öffnet euch, oder ihr verschwindet - folgt man Becker-Mrotzeks Logik, dann wäre die Vielzahl ungewöhnlich klingender neuer Studienangebote und aktueller Forschungsfelder Teil einer germanistischen Erfolgsgeschichte: Computerphilologie, Gerontolinguistik oder Literarische Anthropologie. Besonders die im Zuge der Bologna-Studienreform neu eingerichteten Masterprogramme bilden die interdisziplinären Strömungen ab, oft kann man an ihren Namen die Vorlieben der Professoren im jeweiligen Fachbereich ablesen. Die Bachelorstudiengänge dagegen versprechen zumindest dem Label nach meist noch die »reine« Germanistik.

Das klassisch gleichberechtigte Nebeneinander der traditionellen germanistischen Teilbereiche Mediävistik, Linguistik und Neue deutsche Literatur (NdL) haben indes auch sie oft aufgegeben: Besonders die mittelalterliche Literatur gilt als schwierig, zieht nur noch wenige Studenten an und leidet auch bei den Forschern unter Nachwuchsproblemen. Folglich verlangt kaum noch ein Fachbereich von seinen Bachelorstudenten, mittelhochdeutsche Texte im Original zu lesen, die Vertiefung des Studiums hin zur Mediävistik ist teilweise nicht mehr möglich, und die verbliebenen Mediävisten greifen aus Angst, auch die letzten Aufrechten abzuschrecken, »nach jedem kulturwissenschaftlichen Strohhalm, der sich ihnen entgegenstreckt«, wie Traditionalisten hinter vorgehaltener Hand ätzen. Da beschäftige sich ein Seminar dann schon mal ein Semester lang mit dem Frauenbild Hildegard von Bingens.


Den Bewahrern ist die Flucht in neue Wissenschaftsbereiche ein Dorn im Auge, ebenso wie das umstrittene Bologna-Versprechen, der Bachelorabschluss solle fit für das Berufsleben machen. Welcher Beruf soll das sein?, fragen sich nicht nur die Traditionalisten. Zwar ist den meisten Germanisten der Jobeinstieg schon in der Vergangenheit ohne große Verzögerung gelungen, doch ist ihr Betätigungsfeld vielfältig und reicht vom Verlagslektor über den Bibliothekar bis zum Berater einer PR-Agentur. »Nur der Germanist als prädestinierter Taxifahrer, der ist eine Mär«, sagt Carsten Zelle, Germanistikprofessor an der Ruhr-Universität Bochum.

Weil Germanistikabsolventen sich schon heute in so unterschiedlichen Karrieren bewähren, erscheint es vielen Skeptikern absurd, in den ohnehin schon knapp bemessenen sechs Semestern bis zum ersten Studienabschluss Zeit für Praxiskurse zu opfern. Sie warnen vor einer zunehmenden Beliebigkeit der Studieninhalte, öffentlicher Anbiederei und einer unnötigen Selbstgefährdung des Fachs. Und so wächst sie, die Kluft zwischen den »Kulturwissenschaftlern« und den »Rephilologisierern« - so sehr, dass auch der diesjährige Germanistentag von ihr geprägt sein dürfte. Es sei Zeit für eine selbstbewusste Standortbestimmung der deutschen Sprache und Literatur im europäischen Kontext, gibt Hans-Jochen Schiewer, Rektor der Universität Freiburg und Erster Vorsitzender des Deutschen Germanistenverbandes, schon einmal die Konfliktlinie des im September geplanten Klassentreffens der führenden Fachvertreter vor.

»Deutsch ist die Sprache mit den meisten Sprechern in Europa, mit einer lebendigen Literatur und Kultur. Wir müssen uns nicht hinter den anderen Sprachen verstecken.« Schiewer, selbst Mediävist, warnt: »Wir dürfen die Kernkompetenzen unseres Fachs nicht einfach so aufgeben zugunsten eines Gemischtwarenladens.« Sein Kölner Kollege Becker-Mrotzek hält dagegen: Wer zurück zu den traditionellen Inhalten wolle, verhalte sich wie ein Ingenieur, der für sein Fach die Ausweitung der Professuren für Dampflokomotiven fordere. Immerhin, in der Förderung eines Trends sind sich die Germanisten der Republik einig und bauen den Zweig Deutsch als Fremdsprache (DaF) fast flächendeckend aus, manchmal als Teil des eigenen Fachs, manchmal auch als eigenen Fachbereich. Bei DaF geht es um die Theorie und die Praxis des Deutschunterrichts für Nichtmuttersprachler. Angesichts von Prognosen, denen zufolge künftig mehr als 50 Prozent der jungen Generation in Deutschland einen Migrationshintergrund haben werden, ein zukunftsträchtiges Forschungs- und Berufsfeld - und, wenn man so will, ein Fach, in dessen Aufstieg sich sowohl die Kulturwissenschaftler als auch die Rephilologisierer bestätigt fühlen können.

Der anhaltende Streit um das germanistische Selbstverständnis hat auch mit der Demografie der Germanistikstudenten zu tun: Mehr als die Hälfte von ihnen sind angehende Deutschlehrer und fragen vor allem die vermeintlich lebensnäheren NdL-Seminare nach. In der Linguistik und Mediävistik interessieren sie sich, wenn überhaupt, oft nur für die handfesten kulturwissenschaftlichen Lehrinhalte. Folglich empfinden einige Professoren die angehenden Pädagogen als lästige Schmalspur-Germanisten, die sie von der wahren, der sprachwissenschaftlichen Forschung abhalten - und vergessen dabei gelegentlich, dass es ohne die Lehramtsstudenten kaum 50 Prozent der germanistischen Lehrstühle gäbe.

Dass gute Lehre in einem Massenfach funktioniert, zeigt die Uni Bochum

Die Konsequenz: Einige Fachbereiche erzielen in Umfragen regelmäßig Spitzennoten in Sachen Forschungsreputation, schneiden bei ihren Studenten jedoch mies ab. Beispiele dafür gibt es auch im aktuellen Ranking»
des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE). Das CHE wird getragen von der Hochschulrektorenkonferenz und der Bertelsmann Stiftung. Seinen Ergebnissen zufolge liegt etwa die Germanistik der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität im Ansehen der Professoren ganz vorn, dem Studentenurteil nach jedoch bestenfalls im Mittelfeld. »Womöglich wirkt sich unser Status als Exzellenzuniversität in der Lehre schädlich aus«, räumt der LMU-Germanistikprofessor Oliver Jahraus ein. »Wir haben einfach eine Reihe exzellenter Forscher, die der Lehre verloren gehen.« Das mieseste Ansehen bei den Studenten haben indes zwei Fachbereiche, die auch in der Forschung unter »ferner liefen« auftauchen: Duisberg-Essen und Köln. Der Kölner Michael Becker-Mrotzek verweist auf die gewaltige Studentenzahl, mit der die Kölner Germanisten klarkommen müssten: »Wir haben fast 8000 Studierende, das bedeutet eine Auslastung der Studienplätze von bis zu 180 Prozent und eine untragbare Zumutung für Lehrende und Studierende.« Wobei es sich die Kölner bei allen berechtigten Klagen womöglich zu einfach machen.


Ein Blick hinüber zur benachbarten Ruhr-Universität zeigt, dass die Ausrede Massenfach allein nicht taugt: Die Bochumer mit einem der deutschlandweit größten Germanistik-Fachbereiche zählen zu den Shootingstars im Ranking, erstmals bewerten die Studenten die Studienbedingungen als spitze, für die Betreuung gilt das auch in den Lehramtsstudiengänge. »Masse und Klasse schließen sich eben nicht aus«, sagt der Bochumer Germanist Carsten Zelle. Anstatt sich selbst im Klein-Klein der sogenannten Modularisierung zu verlieren, haben die Bochumer viel Wahlfreiheit eingebaut. Anderswo bekommen Studenten nur Leistungspunkte, wenn sie ein aus mehreren Veranstaltungen bestehendes Modul absolviert haben, bei den Bochumer Germanisten können sie sich auch Teilveranstaltungen anrechnen lassen.

»Wir haben die Studiengänge von den Interessen der Studenten her konzipiert«, sagt Zelle. »Es gibt keine Bologna-Polizei - wir machen, was wir für richtig halten.« So kommt es dann, dass einer wie Nils Beckmann, der nach seinem Studium eine Karriere als Kommunikationstrainer und Rhetorikspezialist anpeilt, sich seinen Stundenplan entsprechend zusammenbauen kann. »Ich gebe mir Mühe, möglichst viel mitzunehmen aus meinem Studium«, sagt Beckmann. »Und hier in Bochum kann ich das.«

Unangefochtene Nummer eins im Germanistik-Ranking des CHE ist ausgerechnet die Hochschule des obersten deutschen Germanisten: Freiburg. In den wichtigsten Kriterien erzielt Hans-Jochen Schiewers Hochschule bei den Studenten durchweg Bestnoten, und auch in der Forschung liegt Freiburg mit vorn - womit auch die These, der Status einer Exzellenz-Uni schade automatisch der Lehre, hinfällig wäre. Warum seine Germanisten so gut dastehen, weiß allerdings auch Schiewer nicht so recht. »Es gibt kein Patentrezept«, sagt er. Sicher habe die Verkleinerung der Seminare auf 30 Teilnehmer geholfen, vielleicht die Einführung von Tutorien oder der Schreibberatung, vielleicht auch die konsequente Ausrichtung des Kursangebots an der Nachfrage.

Womöglich aber sind die Erfolge Bochums und Freiburgs, so unterschiedlich die Fachbereiche sein mögen, auch zwei Seiten einer Medaille: Beide haben ein in sich stimmiges Studienangebot geschaffen - die einen stärker kulturwissenschaftlich orientiert, die anderen eher der philologischen Tradition verhaftet. So könnte am Ende aus dem Konflikt beider germanistischen Strömungen in Deutschland ein fruchtbares Miteinander werden: Die Studenten wissen, was sie am jeweiligen Standort erwartet, und können sich für ihren Weg entscheiden.

So wie Caroline Döhmer, 22, aus Luxemburg, die in ihren jungen Jahren bereits an drei deutschen Universitäten Germanistik studiert hat: in Hamburg, Würzburg und, seit bald drei Jahren, in Freiburg. »Es war ein langer Weg hierher«, sagt sie. War ihr das Studium in Hamburg zu oberflächlich und in Würzburg zu verschult, hat sie in Freiburg ihre Leidenschaft gefunden: die Linguistik. Sie erzählt von Satzmodellen, von Konversationsanalysen und syntaktischen Variationen. Wie entsteht Türkendeutsch? Warum folgt nach »Weil« heute oft ein Hauptsatz? »Das Besondere in Freiburg ist, dass die Sprachwissenschaft immer mit der gesprochenen Sprache abgeglichen wird«, sagt Döhmer. Was nach einer Selbstverständlichkeit klingt, ist noch längst nicht überall die Regel, mancherorts verlieren sich die germanistischen Linguistiker noch immer in Theoremen und Modellkonstruktionen - und verschrecken so die eifrigsten Erstsemester. Nicht so in Freiburg. »Hier mache ich auch meinen Master«, sagt Döhmer - und verzichtet damit sogar auf ein neues Studienangebot, das unter der Beteiligung von Germanisten gerade in ihrer Heimat gestartet ist: An der Universität Luxemburg gibt es seit vergangenem Wintersemester einen Master in Luxemburgistik.

Aus DIE ZEIT :: 06.05.2010

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