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Jenseits der Bologna-Checkliste: Studiengangentwicklung zwischen Regulierung und Diskurs

von MICHELLE MALLWITZ und GABI REINMANN

Wenn an einer Universität ein Studiengang reformiert werden soll, gilt es, bindende Ordnungen, technische Erfordernisse als auch fachwissenschaftliche Argumente und studentische Erwartungen miteinander in Einklang zu bringen. Ein Erfahrungsbericht.

Jenseits der Bologna-Checkliste: Studiengangentwicklung zwischen Regulierung und Diskurs© jannoon028 - Fotolia.comEine Studiengangsreform abseits von Checklisten
Nie gab es mehr Vorgaben, Rechtsgrundlagen, Empfehlungen und Arbeitshilfen für die Entwicklung von Studiengängen als heute. Unter dem Dach des Qualitätsmanagements sind Prozesse zur Studiengangentwicklung geradezu normiert in der Hoffnung, um die Teilhabe der wichtigsten Anspruchsgruppen und gute Resultate sicherzustellen. Allerdings bleiben dazugehörige Maßnahmen notwendigerweise abstrakt, da sie für alle Studiengänge gelten sollen. Sie verleiten dann zum Formalismus, indem beispielsweise der Gang durch Gremien und Abteilungen mechanisch abgearbeitet wird. Auf der Strecke bleibt nicht selten die Frage, wie man es schafft, ein Programm auszuhandeln, das fachlich konsistent, wissenschaftlich begründet, organisatorisch umsetzbar und für Anschlusssysteme nützlich ist.

Wir skizzieren unsere Erfahrungen zur diskursiven Gestaltung von Studiengängen jenseits der Checklisten aus dem Bologna-Werkzeugkasten. Wir berichten diese aus der Perspektive als ehemalige studentische Vizepräsidentin an der privaten Zeppelin Universität in Friedrichshafen sowie als Hochschullehrerin an der Universität Hamburg. In beiden Fällen war es das Ziel, Wissen, Erfahrungen und Bedürfnisse von Lehrenden, Studierenden und Verwaltungspersonal bei Reformen in der Lehre einzubeziehen und den Aushandlungs- und Abstimmungsprozess gezielt zu moderieren, um innovative Ansätze und einvernehmliche Lösungen zu erarbeiten.

Gedankenexperiment zur innovativen Lehrorganisation

Studien haben gezeigt, dass es das Lernverhalten positiv beeinflusst, wenn man nicht mehrere Veranstaltungen parallel anbietet, sondern Module blockt, also nacheinander abhält und dafür so viel Zeit einräumt, wie es der Umfang der Leistungspunkte erfordert. Zwischen Herbst 2014 und Frühling 2015 hat die Zeppelin Universität in Friedrichshafen einen für alle Statusgruppen offenen Prozess in Gang gesetzt, mit dem geprüft wurde, ob eine solche Reorganisation für die eigenen Studiengänge eine geeignete Option ist. Vorab legte ein Kernteam fest, welche Personen und Gremien beteiligt werden, um notwendige Perspektiven abzudecken. Der Kreis der Teilnehmenden wurde bewusst über Ämter hinaus geöffnet, um motivierte Mitdenkende zu gewinnen.

Der Prozess selbst war ergebnisoffen gestaltet und auf Konsens ausgerichtet. Festgelegt wurde, mit welchem Mandat die Gruppe arbeitet und welches Gremium letztendlich entscheidet. Den Auftakt machten ein Vortrag eines langjährigen Experten der hochschulischen Bildungsforschung und ein sich anschließender Workshop zu Fragen, Ideen und Befürchtungen rund um die Umstellung auf geblockte Module. So wurden eine gemeinsame Situationsbeschreibung und eine von allen akzeptierte Fragestellung erarbeitet. Die Ergebnisse flossen in einen weiteren Workshop ein, in dem geklärt wurde, wie die Vor-Ort-Bedingungen für die angestrebte Reorganisation sind, welche Prämissen gelten, was Priorität hat und wo man einen Pilotversuch starten könnte. Aus den ersten beiden Runden bildete sich eine kleinere Arbeitsgruppe, die in mehreren Sitzungen Empfehlungen zu einer zweistufigen Einführung erstellte und der Senatskommission Lehre vorlegte.

Reform eines Weiterbildenden Masterstudiengangs

Hochschuldidaktische Zertifikatsprogramme sind heute fast schon selbstverständlich an deutschen Hochschulen. Das war nicht immer so: Lange Zeit war der Master of Higher Education an der Universität Hamburg Vorbild auf diesem Sektor. Eine kombinierte Selbst-Fremdevaluation mit zwei namhaften Experten aus der Hochschuldidaktik sowie Lehrenden und Alumni des Studiengangs zeigte im Herbst 2015, dass die aktuelle Landschaft hochschuldidaktischer Angebote eine grundlegende Reform einfordert, wenn das Angebot weiterhin Impulse geben will. In die Evaluation flossen neben dem Status quo drei mögliche, intern erarbeitete Modelle für die Weiterentwicklung ein.

Das in der Evaluation favorisierte Modell wurde entsprechend der Rückmeldungen modifiziert und bildete den Gegenstand von zwei Lehre-Klausur-Tagen, die mit einem Abstand von zwei Wochen im Winter 2016 durchgeführt wurden. Beteiligt waren alle Lehrenden des Masterstudiengangs und Lehrende angrenzender Angebote (Workshop- und Tutorien-Programm), die Studienorganisation und Master-Studierende. In Kleingruppen und im Plenum wurde das neue Master-Modell konkretisierend weiterentwickelt, Entscheidungen wurden nochmals validiert und neue Gestaltungsaspekte ergänzt. Ein Konzeptpapier, das in kleiner Runde finalisiert wurde, dokumentiert die Ergebnisse und ist nun Basis der Reform.

Aushandeln und Aushalten

Ansprüche an Studiengänge sind vielfältig und lassen sich nicht immer vereinbaren: Bindende Ordnungen und technische Erfordernisse müssen bei Reformen ebenso bedacht werden wie fachwissenschaftliche Argumente und studentische Erwartungen. Wenn Lehre reformiert wird, bewegt man sich zwischen Optionen, die es unter möglichst vielen Perspektiven abzuwägen gilt. Dafür braucht man die Akzeptanz und das Interesse aller Beteiligten, im Sinne der Sache aufeinander zuzugehen. Es gilt, eine begründete Lösung auszuhandeln und diese anschließend gemeinsam zu tragen, manchmal auch auszuhalten.

Unseren Erfahrungen zufolge war es in beiden Beispielen höchst fruchtbar, dass konkrete Konzeptideen (das empirisch bewährte Konzept der geblockten Module und ein Grobkonzept zur Master-Reform) in den Prozess der diskursiven Studiengangentwicklung eingeflossen sind. Die Kombination "Gegenstandsfokus - Konzeptbasis - Entwicklungsspielraum" erscheint wichtig, um unkoordinierbare Ideensammlungen ebenso wie bloße Legitimierungsaktionen zu vermeiden. Voraussetzung ist eine gemeinsame Wertebasis, also eine Einigung darauf, was man warum und wozu in der Lehre verändern will. Die Ausarbeitung breit diskutierter Ideen in kleinerer Gruppe ermöglicht es, zeitökonomisch Ergebnisse zu erzielen. Eine transparente prozessbegleitende Dokumentation stärkt das Vertrauen in das Verfahren. Externe Experten einzubeziehen erweitert den Horizont und erhöht für alle Beteiligten die Relevanz ihres Engagements, weil das Signal lautet: Das ist wichtig, was wir hier machen, dabei werden wir von außen beobachtet und unterstützt.

Was die Moderation einer diskursiven Studiengangentwicklung betrifft, so halten wir resümierend fest: Es ist ein Balanceakt zwischen kreativer Dynamik und stringenter Struktur, zwischen inhaltlichem Ideenreichtum und eingrenzender Pragmatik, zwischen basisdemokratischer Kompromissbildung unter vielen und begründeter Entscheidungsfindung von wenigen. Warum es sich lohnt? Abseits von Checklisten und Umsetzungs-Aktionismus erkämpft man sich so Gestaltungsfreiräume für eine bessere Lehre.


Über den Autor
Gabi Reinmann ist Professorin für Lehren und Lernen an der Hochschule und Leiterin des Hamburger Zentrums für Universitäres Lehren und Lernen (HUL) an der Universität Hamburg. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Hochschuldidaktik und Educational Design Research.
Michelle Mallwitz ist Beraterin bei der rheform - EntwicklungsManagement GmbH, einem Beratungsunternehmen für Bildungs-, Lehr- und Forschungseinrichtungen. 2013 bis 2014 war sie hauptamtliche Studentische Vize präsidentin der Zeppelin Universität in Friedrichshafen.

Aus Forschung & Lehre :: Juni 2016

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