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Jenseits der Grenze -
Zum Risiko wissenschaftlichen Fehlverhaltens


von MARTIN REINHART

Wissenschaftliches Fehlverhalten besteht aus vielen Facetten. Normverstöße finden dabei nicht nur am unteren Ende der Qualitätsskala statt, sondern können die Wissenschaft auch produktiv machen.

Jenseits der Grenze - Zum Risiko wissenschaftlichen Fehlverhaltens© slovegrove - iStockphoto.comDas Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (iFQ) untersucht wissenschaftliches Fehlverhalten
Forschung & Lehre: Aus Risikofreude wird manches Mal riskantes Verhalten, das in der Wissenschaft zu einem echten Fehlverhalten führen kann. Sie untersuchen Karrieren unredlicher Forscher, die in ihrer Forschung die Grenze zum Unerlaubten überschritten haben. Lässt sich eine Art Typologie dieser Karrieren ausmachen?

Martin Reinhart: Am bekanntesten ist vermutlich das Fehlverhalten im Rahmen von wissenschaftlichen Abschlüssen, zumal der Promotion, insbesondere der Statuspromotion, die weniger auf wissenschaftlichem Interesse fußt und mehr an beruflichen Chancen, beispielsweise in Politik oder Wirtschaft, orientiert ist. Die diversen Promotionsskandale, über die in den Medien vielfach berichtet wurden, zeugen von unredlichen Abkürzungen zum akademischen Titel. Uns am Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (iFQ) interessiert aber das Fehlverhalten in seiner Breite und im gesamten Spektrum einer wissenschaftlichen Karriere.

Für eine Typologie ist es sicher noch zu früh, da wir mit unserem Forschungsprojekt zu diesem Thema noch ganz am Anfang stehen und auch die spärliche Forschungsliteratur zum wissenschaftlichen Fehlverhalten enthält bloß Anekdotisches zu Karrieren von unredlichen Forschern. Ich gehe aber davon aus, dass ein weiterer Typus von Fehlverhalten dort häufiger auftaucht, wo hochgradig originelle und damit auch riskante Forschung betrieben wird. In solchen Kontexte werden die Grenzen des etablierten wissenschaftlichen Wissens überschritten, was den Neuerern durchaus den Vorwurf des Fehlverhaltens einbringen kann. Große wissenschaftliche Durchbrüche bedeuten immer auch weitreichende Machtverschiebungen in den jeweiligen Forschungsfeldern, so dass Kontroversen und teilweise heftiger Streit nicht ausbleiben. Der Vorwurf des Fehlverhaltens oder gar des Betrugs kann in solchen Situationen ein Mittel sein, das von Wissenschaftlern eingesetzt wird. Da Durchbrüche und Revolutionen in der Wissenschaft kein alltägliches Phänomen darstellen, dürfte dieser Typus jedoch nicht allzu häufig auftreten.

F&L: Welche Grenzüberschreitungen treten am häufigsten auf?

Martin Reinhart: Da wissenschaftliches Fehlverhalten ein Tabuthema darstellt, müssen wir annehmen, dass ein erhebliches Dunkelfeld vorliegt. Fast alles, was wir über die Häufigkeit von wissenschaftlichem Fehlverhalten wissen, basiert auf Befragungen von Wissenschaftlern, der Analyse von zurückgezogenen Artikeln und der Berichte von Forschungsförderungsorganisationen oder dem Office of Research Integrity (USA).

Das breiteste Bild liefern wohl die Befragungen. Diese sind zwar anonym, erzeugen aber aufgrund des problematischen Themas Verzerrungen, die bei der Interpretation zu Vorsicht raten. Größere Befragungen, u.a. auch die Wissenschaftlerbefragung des iFQ in Deutschland, deuten darauf hin, dass vor allem die nicht korrekte Vergabe von Autorschaft und Nachlässigkeiten bei der Begutachtung, insbesondere das Nichtanzeigen von Befangenheitsgründen, am häufigsten als problematisch wahrgenommen werden. Auch die medial so häufig diskutierten Plagiate wollen ein Fünftel der Befragten entweder selbst schon angefertigt oder zumindest bei Kollegen beobachtet haben. Dagegen scheinen die Manipulation oder gar Fälschung von Daten sehr selten aufzutauchen.

F&L: Welches Umfeld begünstigt diese Grenzüberschreitungen?

Martin Reinhart: Hier gilt es zwischen den eigentlichen Ursachen und der Wahrscheinlichkeit, dass Fehlverhalten entdeckt wird, zu unterscheiden. Es scheint beispielsweise so zu sein, dass im Fächervergleich vor allem in der Biomedizin häufig Fälle von Fehlverhalten auftreten. Ob das nun daran liegt, dass diese Forschungsfelder kompetitiver sind und deshalb der Druck, zu unlauteren Mitteln zu greifen, höher ist oder aber dass in diesen Bereichen stärkere externe Kontrollen, insbesondere durch den Bezug zum Gesundheitswesen, einfach mehr Fälle aufdecken, lässt sich nicht so einfach sagen. Gegen das Wettbewerbsargument spricht, dass Wissenschaftler schon immer sehr stark dadurch motiviert waren, neue Erkenntnisse vor ihren Konkurrenten präsentieren zu können. Denken Sie nur an den heftigen Streit zwischen Newton und Leibniz darüber, wer als erster die Infinitesimalrechnung erfunden habe. Sogenannte Prioritätsstreitigkeiten gehören mindestens seit dem 17. Jahrhundert zur wissenschaftlichen Kommunikationskultur.

Aus diesem Grund bestand eine der Hauptaufgaben der Royal Society in England auch von ihrem Beginn an darin zu zertifizieren, wer zu welchem Zeitpunkt eine bestimmte Entdeckung gemacht hatte. Für das Wettbewerbsargument spricht hingegen, dass Wissenschaftler zunehmend davon abhängig sind, viele Drittmittel einzuwerben und in den renommiertesten Zeitschriften und Verlagen zu publizieren. Gelingt ihnen dies über längere Zeit nicht, können Forschungsprojekte nicht durchgeführt werden oder es steht sogar die eigene Karriere auf dem Spiel. Für die adligen Amateurwissenschaftler des 17. Jahrhunderts gab es diesen existentiellen Erfolgsdruck sicher nicht und auch für das 20. Jahrhundert war er nicht in dem Maße ausgeprägt, wie wir dies seit den 1980er Jahren feststellen.

F&L: Wie gut greifen die in der Wissenschaft bewährten Kontrollmechanismen für diese Fälle?

Martin Reinhart: Viele hielten die Wissenschaft für weitgehend frei von Fehlverhalten. Diese Ansicht hat sich über erstaunlich lange Zeit sowohl innerhalb der Wissenschaft als auch in der Öffentlichkeit gehalten. Sogar die Wissenschaftsforschung war bis weit ins 20. Jahrhundert der Meinung, dass sich die Wissenschaft durch ein bindendes Set von Normen auszeichnet, an das sich die Wissenschaftler halten, da sie sonst den Verlust ihres Rufs zu befürchten haben.

Erst eine Reihe von Wissenschaftsskandalen in den 1970er Jahren, insbesondere in den USA, haben ein langsames Umdenken bewirkt. Man kann deshalb sagen, dass die Wissenschaft keine bewährten Kontrollmechanismen kennt, da insbesondere das Peer Review nicht darauf ausgerichtet ist, Fehlverhalten aufzudecken. Es wurden jedoch in der Zwischenzeit eine ganze Reihe von Maßnahmen ergriffen. Die USA kennen mit dem Office of Research Integrity beispielsweise eine Behörde, die, ähnlich einer Staatsanwaltschaft, mit relativ weitreichenden Befugnissen selbst ermitteln kann. Häufiger eingerichtet wurden, wie beispielsweise auch in Deutschland, ein Ombudswesen, das zum Teil an die Universitäten und manchmal auch an nationale Forschungsförderer geknüpft ist. Aktiv sind insbesondere auch die Zeitschriften geworden, weil ihnen ein direkter Rufschaden droht, wenn gehäuft problematische Texte publiziert werden. Die systematische Kontrolle von Bildmaterial und Statistiken auf mögliche Manipulationen gehört da vielerorts inzwischen zum Alltag. Wie effektiv all diese Kontrollmechanismen sind, lässt sich gegenwärtig noch nicht abschätzen.

F&L: Wie reagiert die Scientific Community auf Wissenschaftler, die betrogen haben?

Martin Reinhart: Wissenschaftler leben in hohem Maße von ihrem Ansehen. Als innovativ, originell und klug, aber auch als zuverlässig und methodisch korrekt arbeitend zu gelten, ist die Voraussetzung dafür, dass Arbeiten zur Kenntnis genommen werden. Daraus ergeben sich dann Möglichkeiten, an Kooperationspartner, Stellen und Mittel für Forschung zu gelangen, welche das Ansehen steigen lassen. In der Wissenschaftsforschung spricht man in diesem Zusammenhang von einem Glaubwürdigkeitszyklus, der nur solange weiter läuft, wie das Ansehen einer Person nicht angekratzt ist. Bei Fehlverhalten reagiert die wissenschaftliche Gemeinschaft in der Folge mit Ansehensverlust und Vertrauensentzug; so würden wir zumindest vermuten.

Dem ist aber nicht immer so. Es ist nicht selten zu beobachten, dass es renommierten Wissenschaftlern gelingt, trotz Fehlverhaltensvorwürfen weiter in der Forschung tätig zu sein und dies ohne erheblichen Ansehensverlust. Weniger renommierten Persönlichkeiten und insbesondere Doktoranden und Post-Docs dürfte dies sehr viel seltener gelingen. Eine sehr wichtige Entwicklung scheint mir in diesem Zusammenhang zu sein, dass durch die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation zunehmend Formate und Foren geschaffen werden, in denen diese etablierten Machtverhältnisse durcheinander gebracht werden können. Die Plagiatswikis dürften in Deutschland diesbezüglich wohlbekannt sein. Ein weiteres Beispiel stellt der Blog Retraction Watch dar, der die Hintergründe von zurückgezogenen Artikeln recherchiert und zur Diskussion stellt.

F&L: Wie hängen Betrug und "Scheitern als Tabu" in der Wissenschaft zusammen?

Martin Reinhart: Es ist wohlbekannt, dass negative Resultate kaum publiziert werden können und die entsprechend dahinterstehende wissenschaftliche Arbeit zum Verschwinden gebracht wird. Auch aus nicht geglückten Versuchen, nicht signifikanten Resultaten und unproduktiven Methoden könnte die wissenschaftliche Gemeinschaft lernen und das wiederholte Scheitern vermeiden. Der dadurch entstehende Erfolgsdruck führt sicher auch dazu, dass Daten so manipuliert, gefälscht oder ins rechte Licht gerückt werden, dass die Resultate langwieriger Arbeit zumindest publizierbar sind. Inwiefern es sich hierbei aber um einen systematischen Zusammenhang handelt, können wir bisher bestenfalls vermuten. Hier wird unser Projekt "Beschämte Wissenschaft" am iFQ bald mehr Aufschluss geben.


Über den Autor
Martin Reinhart ist Juniorprofessor für Wissenschaftssoziologie und Evaluationsforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin und am Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (IFQ).

Aus Forschung & Lehre :: April 2014

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