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Jiu-Jitsu für die Psyche

Das Gespräch führten ULRICH SCHNABEL UND ELISABETH VON THADDEN

Wie man die menschliche Trägheit nutzt, um schädliche Gewohnheiten zu verändern. Ein Gespräch mit der Wirtschaftspsychologin Elke U. Weber.

Jiu-Jitsu für die Psyche© Matthew SeptimusElke U. Weber ist eine der Gründungsdirektorinnen des Center for Decision Sciences an der Columbia University in New York
DIE ZEIT: Frau Weber, warum fällt es uns so schwer, unsere schlechten ökologischen Gewohnheiten zu verändern?

Elke Weber: Eine Gewohnheit ist ein Anpassungsmechanismus. Er hilft, die geringe Menge an Aufmerksamkeit, die wir haben, aufs Beste zu verwenden. Wenn etwa unsere Essgewohnheiten oder die Gewohnheiten unseres Energiekonsums funktionieren und Gewinn bringen, wiederholen wir sie und sind uns bald der automatischen Auslösung dieser Handlungen nicht mehr bewusst. Eine notwendige Veränderung - etwa weil sich unser Blutzucker erhöht oder das Klima sich verändert - ist dann anstrengend und benötigt bewusste Aufmerksamkeit. Und wenn diese schon durch anderes beansprucht ist, etwa Sorgen über die Wirtschaftskrise, tendieren wir dazu, weiter entfernte Symptome erst einmal zu ignorieren oder anzuzweifeln.

ZEIT: Bei der Falling Walls-Konferenz in Berlin kommende Woche sollen Sie erklären, wie man diese Trägheit gegenüber Veränderungen überwindet. Was schlagen Sie vor?

Weber: Wir wissen heute, dass Entscheidungen nicht bloß das Ergebnis einer nüchternen Analyse unserer Präferenzen sind, sondern dass sie häufig kurzfristig »konstruiert« werden und dass dieser Prozess beeinflussbar ist. Daher kommt es stark auf den Entscheidungsrahmen an.

ZEIT: Was bedeutet das konkret?

Weber: Wenn wir uns selbst nach Argumenten für verschiedene Handlungsmöglichkeiten befragen, gehen wir diese zwar eine nach der anderen durch; doch bevorzugen wir unwillkürlich stets die erste Option. Bei dem inneren Plädoyer für die erste Wahlmöglichkeit unterdrücken wir automatisch jene Gründe, die für andere Optionen sprechen, weil sie mit der ersten Option in Konflikt gerieten. Dieser Mechanismus führt dazu, dass die unterdrückten Argumente später mehr Schwierigkeiten haben, wieder an die Oberfläche zu kommen, wenn »ihre« Frage »dran ist«.

ZEIT: Und welche Option wird gewöhnlich zuerst in Betracht gezogen?

Weber: Der Status quo. Fast automatisch suchen wir zunächst nach Argumenten für das, was wir augenblicklich und schon länger tun. Aus evolutionärer Sicht macht das Sinn. Hat man etwas über längere Zeit getan, heißt das meistens, dass es zu guten Resultaten führte und nicht gefährlich war. Daher halten wir am Status quo fest.

ZEIT: Wie lässt sich dieser Reflex verhindern?

Weber: Natürlich kann man versuchen, seine innere Trägheit durch Willenskraft zu überwinden. Aber das ist schwer, und nicht jeder hat genügend Willenskraft. Häufig muss man sich selbst überlisten - ähnlich wie Odysseus, der sich an den Mast binden ließ, um dem Gesang der Sirenen lauschen zu können, ohne ihnen zu verfallen. Man muss sich von vornherein jene Handlungsmöglichkeiten verbauen, von denen man weiß, dass sie gefährlich, aber unwiderstehlich sind.

ZEIT: Wie der Langschläfer, der den Wecker abends so weit außer Reichweite stellt, dass er morgens aufstehen muss?

Weber: Genau.

ZEIT: Wie überlistet man gesellschaftliche Gewohnheiten?

Weber: Man kann den Handlungsspielraum gesetzlich einschränken - wie durch das Rauchverbot in Restaurants und öffentlichen Gebäuden. Aber fast ebenso effektiv und politisch weniger kontrovers ist es, den Entscheidungsrahmen so zu verändern, dass ein positives Verhalten begünstigt wird. Ein gutes Beispiel dafür sind die Bestimmungen zur Organspende. In manchen Ländern wie Deutschland oder den USA gilt die Opt-in-Lösung: Man ist so lange kein Spender, bis man sich aktiv dazu erklärt. In anderen Ländern gilt das Opt-out-Prinzip: Dort ist man im Prinzip ein Spender, solange man nicht aktiv erklärt, keiner mehr sein zu wollen. In diesen Ländern ist die Spendenbereitschaft sehr viel höher.

ZEIT: Die Bevorzugung des Status quo führt also mal zu diesem, mal zum gegenteiligen Ergebnis, je nachdem, wie man die Entscheidung formuliert?

Weber: Genau. Ich sehe das als eine Art von psychologischem Judo oder Jiu-Jitsu, bei dem eine potenziell negative Energie wie die menschliche Trägheit positiv umgeleitet wird.

ZEIT: Ist es prinzipiell leichter, sich fürs Nichthandeln als für eine Handlung zu entscheiden?

Weber: Ja. Das Unterlassen einer Handlung wird meist nicht einmal als Entscheidung angesehen - auch wenn es de facto natürlich eine ist. Aber Menschen fühlen sich eben weniger verantwortlich für die Konsequenzen des Unterlassens als für die Konsequenzen einer Handlung. Dasselbe gilt für das Unterlassen einer Veränderung.

ZEIT: Wie lassen sich Entscheidungen noch beeinflussen?

Weber: Eine große Rolle spielen jene Anreize, die unsere Umgebung ständig aussendet - Werbung, Medien, Webseiten. Sie können uns an wichtige Ziele erinnern und so unser Verhalten nachhaltig beeinflussen. Eine weitere Möglichkeit ist es, die verschiedenen Optionen mit unterschiedlich attraktiven Etiketten oder Reizwörtern zu versehen. In den USA ist zum Beispiel jede politische Option, die den Begriff »Steuer« beinhaltet, für Konservative ein rotes Tuch.

ZEIT: Was unterscheidet eine gemeinsame Entscheidung, wie etwa jene für ein Gesetz zur Förderung erneuerbarer Energien, von einer individuellen Entscheidung, etwa für die Wärmedämmung des eigenen Hauses?

Weber: Individuelle und kollektive Entscheidungen unterliegen in der Tat verschiedenen Dynamiken und Prozessen. Dennoch lassen sich beide durch die Fragestellung und äußere Anreize beeinflussen. Interessant ist die Beobachtung, dass Menschen sich in sozialen oder ökologischen Belangen in der Gruppe oft anders entscheiden als alleine. Wenn es etwa in Afrika darum geht, was für die nächste Pflanzperiode zu tun ist, dann sind Menschen, die gemeinsam auf einem Dorfplatz überlegen, eher bereit, sorgsam mit Wasser umzugehen als einzelne Bauern.

ZEIT: Wie erklären Sie sich das?

Weber: Wenn wir unter anderen Menschen sind, erinnern wir uns unbewusst eher daran, dass unser Verhalten Konsequenzen für andere hat.

ZEIT: Sie kommen gerade aus Indien, wo Sie mit dem Dalai Lama konferierten. Worum ging es, und welche Anregungen bringen Sie mit?

Weber: Eine der Fragen, die ich mit dem Dalai Lama diskutiert habe, war die Tatsache, dass Wissen alleine - etwa über Klimawandel oder Artenschwund - offenbar nicht ausreicht, aktiv zu werden. Sondern es gibt eine Vielzahl von geistigen und motivationsrelevanten Hindernissen, die überwunden werden müssen. Deshalb ist es so wichtig, sich über solche Zusammenhänge klar zu werden.


Zur Person
Elke U. Weber ist eine der Gründungsdirektorinnen des Center for Decision Sciences an der Columbia University in New York. In der kommenden Woche wird sie in Berlin bei der »Falling Walls«-Konferenz vorschlagen, wie man die Mauern des Widerstands gegen Veränderungen einreißen kann.

Aus DIE ZEIT :: 03.11.2011

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