Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Jobs für Jedi-Meister

VON FRIEDERIKE LÜBKE

Die App-Branche verspricht Informatikern kreative Arbeit und ist enorm gewachsen. War das erst der Anfang?

Jobs für Jedi-Meister© Marcello Bortolino - iStockphoto.comIn nur fünf Jahren hat sich die App-Branche zum kreativen Arbeitsplatz mit Wachstumspotenzial gemausert
Kaum fünf Jahre alt, ist die Mobile-Branche schon da, wo die Reichen und Schönen verkehren: Berlin, Französische Straße, zentraler geht es nicht. Neben Nobelboutiquen liegt hier auch das Borchardt, Berlins Promi-Restaurant, wo hinter den verhängten Scheiben berühmte Schauspieler und Politiker speisen. Im Haus gegenüber befindet sich der Firmensitz der Smart Mobile Factory GmbH. Das Gebäude hat eine Kamera über der Klingel und eine imposante Eingangshalle. In den Geschäftsräumen in zweiten Stock dämpft Teppich die Schritte - als wäre das nötig, wenn fast alle Turnschuhe tragen. Nur der Chef ist hier über dreißig: Torsten Oelke und sein Team gehören zu einer aufstrebenden Branche, in der Apps für Smartphones und Tabloid-PCs entwickelt werden. Wer verstehen will, was diese jungen Menschen hergebracht hat, muss nicht weit zurückblicken. Im Jahr 2007 präsentierte Steve Jobs - auch er in Turnschuhen - in San Francisco das iPhone. Im folgenden Jahr startete das Onlinegeschäft von Apple mit 500 Programmen, die man herunterladen und auf dem Gerät installieren konnte. Die »App«, wie das englische Wort für »Anwendung« abgekürzt wird, macht es möglich, den Inhalt bestimmter Internetseiten auch auf den Bildschirmen kleiner Geräte sinnvoll anzuzeigen. Außerdem knüpften Apps an das an, was in alten Handys der eingebaute Taschenrechner war, und lieferte einen Service, der das Leben erleichtern soll. 2012, vier Jahre später, gibt es im App-Store von Apple nicht mehr nur 500, sondern mehr als 550 000 verschiedene Apps, und Apple erwartet den 25-milliardsten Download. Der Konzern verkaufte auch 2011 noch die meisten Smartphones, doch Samsung, Nokia, Research in Motion oder HTC bieten ebenfalls Smartphones an. Weltweit war 2011 fast jedes dritte verkaufte Handy ein Smartphone, meldet das Marktforschungsinstitut Gartner. Apps laufen inzwischen nicht nur auf Smartphones, sondern auch auf den handlichen Tablet-PCs. Nach Angaben des Interessenverbands der Informationswirtschaft, Bitkom, gab es 2011 in Deutschland 962 Millionen App-Downloads - ein riesiger Markt.

Mit Apps wollen Firmen ihren Kunden näherkommen: Direkt in die Tasche

Mit der Zahl der Geräte und Programme wächst auch das Arbeitsfeld für Informatiker. Torsten Oelke hat 2009 mit gerade einmal drei Mitarbeitern begonnen, inzwischen beschäftigt er dreißig. Und bis Ende des Jahres will er die Zahl noch einmal verdoppeln. Für die Nutzer sind viele Apps kostenfrei oder selten teurer als drei Euro, Unternehmen, die eine App in Auftrag geben, bezahlen für die Entwicklung bei Torsten Oelke zwischen 50 000 und 150 000 Euro. »Seit es das Internet gibt, brauchen Unternehmen eine Website. Seit es mobile Geräte gibt, brauchen sie eine App«, sagt Oelke. Ihre Hoffnung: Dem Kunden näher zu kommen als ohne App, genau genommen: direkt in seine Tasche. In der Beschäftigungsstatistik der Agentur für Arbeit sind aktuell rund
554 300 Datenverarbeitungsfachleute gemeldet, ihre Zahl ist kontinuierlich gewachsen, aber Nachwuchs-Bedarf gibt es trotzdem noch. »Wir suchen permanent nach Mitarbeitern«, sagt Torsten Oelke, aber gute Leute seien eine »kritische Ressource« in einer jungen Branche. Den Studiengang »App-Entwickler« gibt es in Deutschland bislang nicht, Informatikstudenten können allerings mit Vertiefungen oder Wahlfächern darauf hinarbeiten. Das Interesse an der Programmierung für mobile Geräte nimmt zu, heißt es von der Gesellschaft für Informatik. An der Hochschule Osnabrück etwa wird der Master »Verteilte und Mobile Anwendungen« inzwischen zweimal jährlich angeboten, die Plätze sind gefragt. Philipp Richter, 29, App-Entwickler bei der Smart Mobile Factory GmbH, hat Informatik und Mathematik studiert. »Alles, was ich im Studium gelernt habe, kann ich jetzt brauchen, weil so viele Teilbereiche der Informatik vorkommen«, sagt er, »Datenverwaltungssysteme zum Beispiel oder Benutzerschnittstellen. « Zwischen einem und drei Monaten dauere es, eine App zu entwickeln. Daran beteiligt ist ein Team aus zwei bis sechs Mitarbeitern. Wöchentlich wird mit dem Kunden Rücksprache gehalten. Das Klischee des schweigsamen Programmierers passe nicht zu App-Entwicklern, meint Philipp Richter: »Man muss gut kommunizieren können, untereinander und mit dem Kunden.«

755 Millionen oder 386 Millionen Downloads? Auf jeden Fall viele

Für eine erfolgreiche App gibt es nicht nur ein Rezept, sondern viele. Apps können zu populären Internetseiten gehören, wie die Facebook-App. Sie können einen praktischen Nutzen haben, wie die myTaxi-App, die dem Nutzer dabei hilft, ein Taxi zu finden, und ihm anzeigt, wie sich das Fahrzeug nähert. Sie können aber auch eine reine Spielerei sein, wie die Angry-Birds-App, bei der ein Spieler mit Vögeln auf Schweine schießt. Neue Programmierer werden schnell eingearbeitet: Jeder kann von jedem lernen, wie bei den Jedi-Rittern in Star Wars, sagen die Mitarbeiter. Im Aufenthaltsraum, den man hier »Comfort Zone« nennt, hängen zwei Zeichnungen des obersten Jedi-Meisters Yoda an der Wand. Wo steht Philipp Richter im Lernsystem? »Ich glaube«, antwortet er vorsichtig, »ich bin ein Jedi-Meister.« Sein größtes Projekt war bisher eine App für die Münchner Sicherheitskonferenz. Er entwickelte eine interaktive digitale Tagungsmappe, in der die Teilnehmer Hintergrundinfos, Lebensläufe und Reden fanden und sich ihren persönlichen Terminplan zusammenstellen konnten. »Politiker, die man aus dem Fernsehen kennt, haben unsere App benutzt«, sagt er stolz. Geht es um die Zukunft der Mobile-Branche, werden meist große Zahlen bemüht. Das IT-Unternehmen IBM etwa schätzt, dass es im Jahr 2016 weltweit 5,6 Milliarden mobile Endgeräte geben werde. Die meist optimistischen Prognosen sind allerdings mit Vorsicht zu genießen. So hatte der Verband Bitkom für das Jahr 2010 einen Download mobiler Apps in Deutschland in Höhe von 755 Millionen prognostiziert - nach seiner neusten Rechnung sind es jedoch nur 386 Millionen Downloads gewesen. Anstelle der erwarteten 343 Millionen Euro wurden Bitkom zufolge mit der App-Entwicklung 2010 nur 94 Millionen Euro umgesetzt. Beim Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie sind keine Angaben dazu erhältlich, wie viel Umsatz mit Apps tatsächlich gemacht wird. Unklar bleibt auch, wie sich die Nachfrage weiterhin entwickeln wird. Natürlich könnte theoretisch jeder Smartphonebesitzer Hunderte von Apps auf sein Gerät laden, wenn er über genügend Speicherplatz verfügt - aber in der Praxis wäre das für die Nutzer viel zu unübersichtlich, sagt John Delaney, Leiter des Bereichs Mobiltelefonie beim IT-Marktforschungsunternehmen IDC. Abzuwarten bleibt auch, wie die Tätigkeit der App-Entwickler in Zukunft aussehen wird. Denn Delaney zufolge wird sich die Programmierung von Internetseiten dahingehend verändern, dass Apps künftig nicht mehr auf einem Endgerät installiert werden müssen, sondern im Internet verbleiben können. Dadurch hätten Programmierer weniger Arbeit, weil sie dann nicht mehr unterschiedliche Apps für die App-Stores der verschiedenen Anbieter schreiben müssten, sie wären aber auch unabhängiger. Eines jedoch ist unbestritten: Smartphones haben sich schneller ausgebreitet als andere technische Errungenschaften wie etwa der Computer. »Wir haben ja erst das Jahr fünf«, sagt Geschäftsführer Torsten Oelke. Für die Mobile-Branche hat die Zeitrechnung mit Steve Jobs begonnen.

Aus DIE ZEIT :: 01.03.2012

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote