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Jobsharing in der Chefetage - Zwei Frauen, eine Stelle

Die Fragen stellte JUSTUS VON DANIELS

Geht das? Ja, aber nur mit starkem Willen und gegenseitigem Vertrauen, sagen die Oberärztinnen Christiane Bieber und Miriam Komo-Lang.

Jobsharing in der Chefetage - Zwei Frauen, eine Stelle© o-zero - photocase.deJobsharing - Entlastung oder doch nur organisatorischer Aufwand?
DIE ZEIT: Frau Dr. Bieber und Frau Dr. Komo-Lang, Sie leiten gemeinsam die Psychosomatische Ambulanz am Universitätsklinikum Heidelberg. Was hat Ihr Vorgesetzter zu der Idee gesagt, dass Sie sich den Job einer Oberärztin teilen wollen?

Christiane Bieber: Der Impuls zum Jobsharing kam von ihm.

ZEIT: Tatsächlich?

Bieber: Ich hatte vorher schon als Oberärztin gearbeitet. Als die Leitung der Psychosomatischen Ambulanz neu besetzt werden sollte, fragte er mich, ob ich mir ein Jobsharing vorstellen könne. Er wusste, dass ich mein zweites Kind bekommen hatte und daher nur in Teilzeit zurückkommen wollte. Meine Kollegin kannte ich schon aus der Facharztausbildung, und wir konnten uns das gut vorstellen, weil wir ähnlich denken.

Miriam Komo-Lang: Außerdem arbeiten wir seit vielen Jahren in der Klinik, und da liegt es doch nahe, auf qualifizierte Mitarbeiter zurückzugreifen, statt jemanden von außen zu holen.

ZEIT: Selbstverständlich ist Ihr Modell allerdings noch lange nicht. Wie haben Ihre Kollegen reagiert?

Komo-Lang: Es hat schon gedauert, bis wir das Team davon überzeugen konnten, dass wir kein Programm sind, das Mütter wiedereingliedert, sondern einfach als qualifizierte Ärztinnen arbeiten wollen. Da kam dann zum Beispiel die Frage: Was ist, wenn die Kita anruft und du musst weg, obwohl wir dich bräuchten?

ZEIT: Was war Ihre Antwort?

Komo-Lang: Manchmal muss ich eben weg.

ZEIT: Haben Sie das Gefühl, dass man als 60-Prozent-Ärztin nicht ganz für voll genommen wird?

Komo-Lang: Das ist immer ein Thema, wenn man vorher schon mal Vollzeit gearbeitet hat. In der Psychosomatischen Ambulanz stellen wir die Erstdiagnose und schätzen ein, ob eine Therapie geeignet ist. Daher wird sicher kritisch beobachtet, ob wir richtig entscheiden. Man muss sich schon gut überlegen, ob das eine Belastung ist, die man tragen kann.

ZEIT: Hatten Sie Zweifel?

Bieber: Ich hatte keine Zweifel, wir hatten uns im Vorfeld genau überlegt, was die Voraussetzungen für das Jobsharing sind. Man braucht vor allem einen starken Willen. Wenn man es will, dann geht das auch.

ZEIT: Sie klingen wie eine Motivationstrainerin...

Bieber: Gerade in der Anfangsphase ist der Kraftakt sehr groß. Jobsharing klappt nicht, wenn man es nur halbherzig macht. Wichtig ist vor allem Solidarität untereinander, das Versprechen, sich gegenseitig zu helfen.

ZEIT: Wie teilen Sie die Stelle auf?

Bieber: Ich arbeite 65 Prozent, meine Kollegin 60 Prozent. Daher haben wir uns die Tage aufgeteilt und überschneiden uns zwischendurch. Das geht auch deswegen, weil zu uns jeden Tag neue Patienten kommen. Wichtig ist uns, dass die Lasten und die Vorteile gerecht verteilt sind. Ich bin drei volle Tage und einen halben hier...

Komo-Lang: ...ich arbeite drei volle Tage. Das ist ein organischer Ablauf für mich, und ich kann mir auch mal die Zeit nehmen, eine Pause zu machen.

ZEIT: Fragen Sie sich an den freien Tagen zu Hause, was die andere wohl gerade macht?

Bieber: Ich weiß, dass meine Kollegin unseren Job mindestens genauso gut macht. Das Zutrauen zum Sharingpartner ist eine ganz wichtige Basis für das gemeinsame Arbeiten.

Komo-Lang: Man darf sich nicht für den Nabel der Welt halten - weder in der Klinik noch zu Hause. Man muss die Arbeit so organisieren, dass sie auch ohne einen laufen kann, und man muss sich von der Vorstellung verabschieden, dass man selbst die Einzige ist, die ein Problem lösen kann.

ZEIT: Und wenn Ihre Kollegin in Ihrer Abwesenheit anders entscheidet, als Sie es getan hätten?

Komo-Lang: Letzte Woche hatten wir so einen Fall. Eine Magersüchtige kam zu uns, ich habe sie gleich auf die Psychotherapiestation geschickt. Ein Kollege wollte aber noch mal bei dir nachfragen, Christiane.

Bieber: Ich hätte tatsächlich anders entschieden. Ich habe aber gesagt, wenn Miriam das so entschieden hat, muss der Kollege es nicht noch mit mir besprechen. Unsere Lösungsideen waren beide gut.

ZEIT: Sie führen ein Team von zwölf Mitarbeitern. Die haben nun zwei Ansprechpartner. Führt das zu Unsicherheiten?

Bieber: Wir versuchen, unsere Anforderungen an die Mitarbeiter zu normieren. Wir achten darauf, Verwirrung zu vermeiden, die dadurch entstehen könnte, dass die eine etwas so und die andere es anders haben will. Wenn unsere Kollegen eine grundlegende Frage haben, ist unsere Antwort: Wir klären das gemeinsam und entscheiden dann.

Komo-Lang: Das ist ja auch ein echter Vorteil, sich besprechen zu können. Andere Oberärzte müssen alleine entscheiden.

Bieber: Aber natürlich reagieren wir unterschiedlich. Ich bin vielleicht ein bisschen strenger. Miriam wiederum ist schon länger hier und kennt die Ambulanz besser. Du hast hier Heimvorteil. Vielleicht kommen unsere Mitarbeiter deswegen mit kritischen Anliegen eher zu dir. Aber wir sprechen uns gut ab, um nach außen dieselbe Haltung einzunehmen und uns nicht aushebeln zu lassen. Es ist ein bisschen wie bei Eltern, wenn die Kinder zur Mutter kommen und sagen, »Papa hat uns erlaubt, Süßigkeiten zu essen«.

ZEIT: Bedeutet gemeinsame Verantwortung für Sie auch, dass die eine für die Fehler der anderen geradesteht?

Bieber: Neulich haben vier Patienten, die ich auf die Station geschickt hatte, ihre Behandlung gleich wieder abgebrochen. Da kommt natürlich die Frage auf, ob sie nicht gut beraten und nicht genügend für eine stationäre Behandlung motiviert worden waren. Ich habe mich gefragt, ob ich etwas übersehen hatte. Du warst da solidarisch.

Komo-Lang: Mein erster Gedanke war nicht, dass du etwas übersehen haben könntest. Wenn ein Patient eine Behandlung abbricht, gibt es dafür etliche Gründe. Ich habe das auch vor den Kollegen vertreten.

ZEIT: Sie haben unterschiedliche Ausbildungen. Wie ähnlich muss man sich sein, wenn man sich eine Führungsposition teilen will?

Komo-Lang: Man braucht auf jeden Fall die gleiche Einstellung zur Arbeit. Ich muss wissen, dass wir uns beide reinhängen. Meine Kollegin darf keine Arbeit an mich abdrücken.

Bieber: Man darf auch nicht auf Konkurrenz gepolt sein.

ZEIT: Das klingt ja fast zu perfekt: zwei Oberärztinnen, die Karriere machen, aber nicht in Konkurrenz denken...

Bieber: Ich glaube, bei Psychotherapeuten ist das Ego- und Ellenbogendenken generell nicht so ausgeprägt.

Komo-Lang: Doch, da gibt es auch ganz andere! Wir haben einfach beide zwei Kinder, da wird man auch demütig...

Bieber: ...in dem Sinne, dass Arbeit nicht das Wichtigste ist.

Komo-Lang: Für die Vereinbarkeit braucht es sehr viele Gespräche, auch zu Hause. Jede Woche muss das organisiert werden.

ZEIT: Und dann die Übergaben...

Bieber: Der Aufwand ist in der Tat hoch. Wir machen eine Übergabe pro Woche und telefonieren zwischendurch regelmäßig. Aber wir nehmen uns gegenseitig auch Arbeit ab. Das gleicht sich aus.

Komo-Lang: Ich muss bei der alltäglichen Kommunikation noch effizienter werden. Manchmal sind es scheinbar kleine Dinge: Schreibe ich schnell mal eine E-Mail, oder sammele ich ein paar Punkte und schreibe dann eine große E-Mail?

ZEIT: Könnten Sie sich auch ein Jobtandem mit einem Mann vorstellen?

Bieber: Wenn ich wüsste, dass er ein Vater und ein netter Mensch ist, sofort. Bei Unbekannten - und das gilt genauso für eine Frau - gibt es viele Fallstricke.

Komo-Lang: Man ist ja auch verletzlich. Gerade wenn schwierige Sachen entschieden werden müssen, ist man in einer angreifbaren Position.

Bieber: Ich glaube, unter Frauen ist die Zusammenarbeit einfacher, weil die nicht so hierarchisch denken, sondern mehr auf Kooperation eingestellt sind.

Komo-Lang: Ich sehe das nicht so, Frauen sind nicht immer so. Aber es gibt bisher tatsächlich wenige Männer, die sich eine Position teilen wollen. In der Klinik nehmen lediglich einige Männer eine kurze Elternzeit. Ein paar würden vielleicht gerne länger reduzieren, trauen sich aber nicht.

Da geht noch mehr

Anteil der Unternehmen, die Jobsharing anbieten:
2012: 11,1 %
2009: 20,4 %
2006: 14,3 %
2003: 9,1 %
ZEIT: Sehen Sie sich als Beispiel für andere?

Komo-Lang: Ganz ehrlich, bisher nicht. Kooperation und Karriere - das ist ein Spagat, den man von sich aus wollen muss. Das ist nicht jedermanns Sache.

ZEIT: Zum Jobsharing in Führungspositionen hört man oft: Das mag funktionieren, aber nicht in meinem Beruf.

Komo-Lang: Wenn Leute sofort sagen: »Das geht nicht«, denke ich immer: »Das geht natürlich nicht, wenn man nicht anfängt, anders zu denken und Abläufe infrage zu stellen!«

Bieber: Wobei wir im Vergleich zu anderen Abteilungen der Klinik den Vorteil haben, dass es bei uns selten um Leben oder Tod geht. Dadurch stehen wir weniger unter Zeitdruck.

ZEIT: Liegt es an solchen Umständen, ob dieses Modell funktioniert oder nicht?

Bieber: Es steht und fällt mit dem Chef. Wenn der Chef Frauen unterstützt, dann kann es klappen. In der Medizin sind die Strukturen noch sehr männlich geprägt, nur ein Bruchteil der Entscheidungspositionen ist mit Frauen besetzt. Solange Männer Teilzeit allgemein für gruselig halten, wird es auch wenig Jobsharing in Führungspositionen geben.

Komo-Lang: Es hängt nicht nur an den Männern. Es gibt auch Chefinnen, die sagen: »Die soll es auch nicht besser haben als ich damals.« Der Unterschied liegt im Verständnis von Elternsein und Partnerschaft.

ZEIT: Erfüllt sich die Erwartung, dass Sie genug Zeit für Beruf und Familie haben?

Bieber: Bevor wir als Jobtandem anfingen, habe ich die Abteilung drei Monate allein überbrückt, bis Miriam aus der Elternzeit zurückkam. Da war es schwierig, im Spagat zwischen Kindern und Arbeit auch Zeit für mich selbst zu finden. Ich habe zum Beispiel gar keinen Sport mehr getrieben. Das kann ich jetzt wieder aufnehmen.

Komo-Lang: Ich brauche noch ein wenig, um einen passenden Rhythmus zu finden. Die Taktung ist schon hoch. Das hat aber auch etwas sehr Belebendes. Für mich ist es ein Luxus, beides zu haben: Zeit für die Familie und einen interessanten Job.

Bieber: Natürlich muss man viel organisieren. Es funktioniert auch nur, wenn man Teile des Haushalts und der Kinderbetreuung auslagern kann. Das ist immer eine individuelle Entscheidung. Aber bevor wir uns die Stelle geteilt haben, habe ich meine Kinder unter der Woche kaum mehr gesehen. Jetzt habe ich viel mehr von ihnen.

ZEIT: Hilft es Ihnen für Ihren weiteren Aufstieg, dass Sie sich eine Leitungsposition teilen?

Bieber: Man kommt in Teilzeit eher im dritten Gang voran als im fünften. Manchmal ärgert mich das, aber zurzeit ist es die richtige Entscheidung.

Komo-Lang: Wenn der dritte Gang so aussieht wie meine jetzige Stelle, dann finde ich ihn eigentlich ganz passend für mich.


Über die Interviewten
Christiane Bieber, 42, und Miriam Komo-Lang, 35, leiten die Psychosomatische Ambulanz am Universitätsklinikum Heidelberg.

Aus DIE ZEIT :: 23.04.2015

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