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Die Juniorprofessur - Bewährungsprobe bestanden: Empirische Erkenntnisse und Reformanregungen

VON SIGRUN NICKEL UND ANNIKA RATHMANN

Der Wissenschaftsrat hat in seinen jüngsten Empfehlungen die Verbesserung wissenschaftlicher Karrierepfade angemahnt. Dass die Juniorprofessur dafür bereits eine gute Vorarbeit geleistet hat, zeigen nach Ansicht der Autorinnen neue Ergebnisse eines von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Forschungsprojekts, welches gemeinsam vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) und dem Institut für Hochschulforschung Halle-Wittenberg (HoF) durchgeführt wird.

Die Juniorprofessur - Bewährungsprobe bestanden© kasto - Fotolia.comDie Juniorprofessur gewinnt an Akzeptanz
Im Juni 2014 schlugen die deutschen Medien Alarm: Die Zahl der abgeschlossenen Habilitationen pro Jahr war laut Berechnungen des Statistischen Bundesamtes um fünf Prozent auf 1.567 gesunken. Nicht erwähnt wurde jedoch, dass gleichzeitig die Zahl der Juniorprofessuren in Deutschland weiter zugenommen hatte.

Dieser noch relativ junge wissenschaftliche Qualifizierungsweg, welcher 2002 als Alternative u.a. zur traditionellen Habilitation eingerichtet wurde, wuchs nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes seit dem Zeitpunkt seiner Einführung kontinuierlich auf nunmehr 1.439 Stellen. Die Juniorprofessur hat sich demzufolge also im deutschen Wissenschaftssystem etabliert.

Dabei herrschte am Anfang viel Skepsis gegenüber diesem ungewohnten Karrierepfad und zwischenzeitlich wurden auch schon Abgesänge auf ihn verfasst. Doch bei den geäußerten Einschätzungen handelte es sich in der Regel um Einzelmeinungen und persönliche Eindrücke. Wissenschaftlich abgesicherte Erkenntnisse fehlten indes weitgehend. Diese Lücke schließt nun das Forschungsprojekt von HoF und CHE.

Hauptziel der auf drei Jahre angelegten Untersuchung ist, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, welche Vorteile die Juniorprofessur gegenüber alternativen wissenschaftlichen Karrierepfaden aufweist und welche Verbesserungen notwendig sind. Dazu wurden bundesweit sowohl aktuelle und ehemalige Juniorprofessoren als auch Nachwuchsgruppenleiter des Emmy-Noether-Programms der DFG und seit 2002 berufene Professoren online befragt sowie Habilitierende über Interviews einbezogen. Mithilfe der gewonnenen Daten werden die Einschätzungen zu den unterschiedlichen Qualifizierungswegen verglichen. Eine zentrale Frage dabei ist, ob die Juniorprofessur die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt hat oder nicht.

Wesentliche Erwartungen bei der Einführung der Juniorprofessur waren vor allem, Nachwuchswissenschaftlern zum einen frühzeitig eine eigenständige Forschung und Lehre sowie zum anderen einen effizienten Einstieg in den Karriereweg zum Professor und zur Professorin zu ermöglichen. Letzteres sollte insbesondere durch eine Minimierung des Drucks, sich habilitieren zu müssen, erreicht werden. Stattdessen sollte der Nachweis wissenschaftlicher Befähigung beispielsweise durch das Verfassen eines zweiten Buchs und durch das erfolgreiche Abschneiden in spezifischen Evaluationsverfahren geführt werden können. Doch wie sieht die Praxis nach über einem Jahrzehnt tatsächlich aus?

Hohe Eigenständigkeit

Der Blick zunächst auf die aktuell als Juniorprofessor oder Juniorprofessorin tätigen Personen zeigt, dass die Möglichkeit, den eigenen Forschungsinteressen nachgehen zu können und dabei über ein hohes Maß an Selbstständigkeit zu verfügen, die beiden zentralen Motive bei der Entscheidung für diesen Qualifizierungsweg darstellen. Das ergab eine Vollerhebung auf Basis einer aufwendigen bundesweiten Adressrecherche. Dank einer Rücklaufquote von rund 50 Prozent liegen nunmehr repräsentative Befragungsergebnisse von 604 Juniorprofessoren vor.

Die Juniorprofessur - Bewährungsprobe bestanden © Forschung & Lehre Abb. 1: Zufriedenheit aktueller Juniorprofessoren mit Aspekten ihrer beruflichen Situation. Angaben in Prozent (N = 604)
Danach spielen das Interesse an Lehrtätigkeiten und die Option, Leitungsaufgaben zu übernehmen, ebenfalls eine bedeutsame Rolle für die Wahl dieses Karrierepfads. Hingegen geben nur rund die Hälfte der Befragten an, sich für die Juniorprofessur entschieden zu haben, weil die Rahmenbedingungen attraktiver seien als bei anderen Karrierepfaden zum Hochschullehrerberuf. Das "gute Image der Juniorprofessur" nimmt ebenfalls eine untergeordnete Rolle ein. Nur 23 Prozent der Befragten führen dies als wichtigen Grund an. Auch die Möglichkeit, die Berufungsfähigkeit ohne Habilitation zu erlangen, war nur für rund jeden zweiten Stelleninhaber entscheidungsrelevant.

Mit ihrer aktuellen beruflichen Situation zeigen sich die befragten Juniorprofessoren im Großen und Ganzen zufrieden. 85 Prozent der Befragten geben an, dass sie erneut diesen Qualifizierungsweg wählen würden. Lediglich 15 Prozent würden sich, stünden sie noch einmal vor der Wahl, aus heutiger Sicht dagegen entscheiden. Besonders positiv werden die Freiräume in der Forschung sowie jene in der Lehre hervorgehoben. Auch die Arbeitsaufgaben und -inhalte sowie die Einschätzung der aktuellen Position erzielen hohe Zufriedenheitswerte (vgl. Abb. 1). Deutlich kritischer werden hingegen die Entwicklungsperspektiven und das derzeitige Einkommen eingeschätzt. Hiermit zeigt sich nur noch jeweils etwa die Hälfte der Befragten zufrieden.

Die Juniorprofessur - Bewährungsprobe bestanden © Forschung & Lehre Abb. 2: Karriereverläufe ehemaliger Juniorprofessoren. Angaben in Prozent (N = 156)
Zu den Bereichen, mit denen sich ein Großteil der Befragten unzufrieden äußert, zählen die zeitliche Beanspruchung, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die Planbarkeit der Karriere. Insbesondere in Bezug auf die Planbarkeit fällt das Urteil negativ aus: Nahezu drei Viertel der Juniorprofessoren geben an, hiermit unzufrieden zu sein. Lediglich jeder Zehnte sieht eine gute Planbarkeit seiner Karriere gegenwärtig als gegeben an.

Wenig Zeit zum Publizieren

Um eine Beurteilung des momentanen Arbeitszeitaufwandes gebeten, äußern die Befragten, dass für Forschen und Publizieren deutlich zu wenig Zeit bleibe. Sie konstatieren dabei vor allem eine hohe zeitliche Beanspruchung durch administrative Tätigkeiten. Eine weitere Doppelbelastung, auch in zeitlicher Hinsicht, kann zudem aus der Habilitationsabsicht erwachsen. Insgesamt sind rund drei von zehn Befragten bereits habilitiert oder planen dies sicher. Auch wenn die Habilitationsneigung der Juniorprofessoren je nach Fachdisziplin variiert, beläuft sich der Anteil jener Befragten, die aktuell überlegen, ob sie sich habilitieren sollten, unabhängig von fachkulturellen Einflüssen auf knapp ein Drittel. Dies zeigt, dass - trotz der seit 2002 beobachtbaren stetigen Abnahme der Anzahl - die Habilitation nach wie vor ein fester Bestandteil des deutschen Wissenschaftssystems ist.

Ein gutes Drittel der Befragten äußert, dass während der Tätigkeit als Juniorprofessor bereits ernsthaft darüber nachgedacht wurde, die Stelle aufzugeben. Ursächlich dafür sind vor allem die unsicheren Beschäftigungsperspektiven. Insgesamt blicken die aktuellen Stelleninhaber aber durchaus optimistisch in die Zukunft. So rechnen sich gut zwei Drittel der Juniorprofessoren nach Ablauf ihrer Stelle gute bis sehr gute Karriereaussichten an Universitäten aus. Nahezu alle befragten Juniorprofessoren streben künftig eine Tätigkeit im Bereich der Forschung und Lehre an Hochschulen an (98 Prozent). Volle Konzentration auf Forschung an Hochschulen können sich rund 88 Prozent vorstellen.

Besser als ihr Ruf

Die spannende Frage ist, ob diese Hoffnungen berechtigt sind. Um hier mehr Klarheit zu schaffen, wurde zusätzlich eine bundesweite Befragung ehemaliger Juniorprofessoren durchgeführt. Diesen Personenkreis ausfindig zu machen und zu kontaktieren, war noch etwas schwieriger als bei der Befragung aktueller Juniorprofessoren. Ehemalige Juniorprofessoren tauchen in keiner zugänglichen Statistik auf und konnten deshalb nur durch intensive Recherchen auf den Webseiten der Universitäten oder durch Aufrufe in Medien wie der Zeitschrift Forschung & Lehre oder dem Business-Netzwerk Xing identifiziert werden.

Auf diesem Wege gelang es, 333 Personen zu ermitteln. Aus dieser Gruppe haben sich 156 ehemalige Juniorprofessoren aus dem gesamten Bundesgebiet an der Online-Befragung beteiligt. Rund 43 Prozent stammen aus mathematisch-naturwissenschaftlich-medizinischen Fächern, rund 38 Prozent aus den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und 19 Prozent aus den Sprach-, Kultur- und Kunstwissenschaften. Wie Abbildung 2 zeigt, hat die überwiegende Mehrheit der Befragten nach Beendigung der Juniorprofessur eine Anschlussbeschäftigung als Professorin oder Professor erreicht, nur rund fünf Prozent sind außerhalb der Wissenschaft tätig. Bemerkenswert ist, dass rund 83 Prozent der Befragten ihre Professur ohne Habilitation erreichten.

Das kann als Indiz dafür gesehen werden, dass sich die Juniorprofessur als Alternative zur traditionellen wissenschaftlichen Qualifizierung etabliert hat. Bei der Entscheidung pro oder contra Habilitation spielen im hohen Maße individuelle Gründe eine Rolle, je nach Forschungsgebiet und Jobsituation. Dabei müssen sie mitunter auch für die Juniorprofessur als Qualifizierungsweg erst noch Akzeptanz schaffen. So ergab eine weitere im Rahmen des Forschungsprojekts durchgeführte repräsentative Befragung von seit 2002 berufenen Professoren, die sich nicht über die Juniorprofessur, sondern über andere Wege qualifiziert haben, dass die Habilitation bei diesem Personenkreis noch immer einen deutlich besseren Ruf besitzt als die Juniorprofessur.

Diese Vergleichsgruppe umfasst 581 Personen aus 116 Hochschulen, die knapp zur Hälfte aus mathematisch-naturwissenschaftlich-medizinischen Fächern und zu einem Drittel aus den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften stammen. Die auf dem traditionellen Weg Qualifizierten billigen der Habilitation konsequenterweise auch weit bessere berufliche Erfolgschancen zu als der Juniorprofessur. Die Empirie zeigt jedoch ein anderes Bild. So haben 94,2 Prozent der befragten ehemaligen Juniorprofessoren nach maximal sechs Jahren den Sprung auf eine anschließende Professur geschafft. Auch wurde als häufigster Grund für den Abbruch der Juniorprofessur das Angebot einer Professur genannt. Knapp 78 Prozent der Befragten geben an, bereits nach fünf und weniger Jahren eine Professur erhalten zu haben. Sie haben also die übliche Befristungsdauer von sechs Jahren überwiegend nicht ausgeschöpft und konnten relativ schnell aufsteigen.

Tenure Track gefordert

Mit Nachdruck wird von einem Großteil aller im Rahmen des Forschungsprojekts befragten Personengruppen die flächendeckende Einführung eines Tenure Tracks gefordert. Das gilt insbesondere für die aktuellen und ehemaligen Juniorprofessoren. Aber auch die seit 2002 berufenen Professoren, die nicht über eine Juniorprofessur auf ihre Stelle gelangt sind, sehen positive Effekte des Tenure Tracks. Eigene Erfahrungen besitzen allerdings die wenigsten der Befragten.

Als wesentliche Vorteile werden neben der Planbarkeit und Sicherheit der wissenschaftlichen Karriere vor allem die Reduktion psychischer Belastungen und eine motivationsfördernde Wirkung gesehen. Es kann also davon ausgegangen werden, dass die vom Wissenschaftsrat im Juli 2014 empfohlene Weiterentwicklung der Juniorprofessur zu einer "Tenure-Track-Professur" nicht nur beim wissenschaftlichen Nachwuchs, sondern auch innerhalb der Professorenschaft durchaus Fürsprache erhält.

Insgesamt betrachtet hat die Juniorprofessur nach zwölf Jahren ihres Bestehens ihre Bewährungsphase erfolgreich überstanden. Die befragten aktuellen und ehemaligen Juniorprofessoren sind überwiegend zufrieden mit ihrer beruflichen Situation. Die hohen Zufriedenheitswerte dürfen jedoch nicht über durchaus kritische Aspekte des Qualifizierungsweges hinwegtäuschen wie die hohe zeitliche Belastung, die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder insbesondere die aus der derzeit noch mangelhaften Planbarkeit der beruflichen Karriere resultierenden Probleme.


Über die Autoren
Dr. Sigrun Nickel arbeitet als Hochschulforscherin beim Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) und leitet gemeinsam mit Dr. Anke Burkhardt vom Institut für Hochschulforschung Halle-Wittenberg (HoF) das Forschungsprojekt zur Juniorprofessur.
Annika Rathmann, M.A. ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am HoF sowie an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.

Aus Forschung & Lehre :: September 2014

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