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Kaffeepause - gute Idee

VON STEFANIE SCHRAMM

Chinesische Nachwuchsforscher auf Tour durch Deutschland - zwischen Labors, Biergärten und Eminenzen.

Kaffeepause - gute Idee© Huchen Lu - iStockphoto.comIn einer gemeinsamen Kaffeepause tauschen sich Kollegen miteinander aus
»Klose«, sagt Xiang Tingting. »Klose gefällt mir am besten.« Die Biologin - halblange schwarze Haare und modische Hornbrille - hockt im Biergarten von Steingaden in Oberbayern. Public Viewing. Die Doktorandin hat den Bayern-Stürmer schon oft gesehen, daheim in Peking, am Gemeinschaftsfernseher ihres Wohnheims. Jetzt leuchten die deutschen Spieler auf einer Leinwand im Alpenvorland. Das 2700-Seelen-Dorf ist für einen halben Tag zum Anschauungsobjekt für chinesische Jungforscher geworden. So sieht also Deutschland aus. Als ein Tor fällt, springen Chinesen wie Bayern von den Bierbänken, ein hochgewachsener Physiker klopft einem Karohemdträger auf die breiten Schultern, eine Biologin im rosa Kleid posiert mit schwarz-rot-golden bemalten Kindern fürs Foto. Und Xiang lächelt zufrieden.

Die Nachwuchswissenschaftler sind auf Tour durch Deutschlands Forschungslandschaft, besuchen quer durch die Republik Institute und Hochschulen. Und zwischendurch: Schloss Neuschwanstein, Deutsches Museum, Hofbräuhaus und, klar, Fußball. 9000 Doktoranden hatten sich beworben, 30 wählte das Chinesisch-Deutsche Zentrum für Wissenschaftsförderung (CDZ) in Peking aus. Dessen Vizechef Zhao Miaogen sagt: »Die haben sich gefreut wie Nobelpreisträger.« Schließlich verspricht die Reise Kontakte für die Zeit nach der Doktorarbeit, Einblicke in ein Land mit exotischen Bräuchen - und nicht zuletzt die Aura versammelter Forschereminenz. Seit 2004 haben fast 200 Chinesen jene Konferenz in Lindau besucht, bei der Jungforscher auf Nobelpreisträger treffen. 15 Prozent kamen später wieder, mit Stipendien deutscher Forschungsorganisationen. Das alljährliche Nobeltreffen am Bodensee war der Startpunkt der Tour.

Xiang Tingting hörte sich dort den Vortrag von Jack Szostak (Medizinnobelpreis 2009) an, am Ende drängte sie sich an Forschern aus aller Welt vorbei zur Bühne. Während der Diskussion hatte sie schon Kommentare zu künstlichen Zellen, Membranproteinen, Signalwegen eingeworfen. Danach wollte die 27-Jährige eins noch unbedingt wissen: »Was ist wichtig für junge Forscher?« - »Freiheit«, antwortete Szostak. »Folgen Sie Ihren Interessen!«

Xiangs Wangen werden immer noch rot, wenn sie davon spricht. »Ich wollte unbedingt mit Szostak reden, einer meiner Professoren hat bei ihm studiert. « Stolz schwingt mit, und die Freude, irgendwie zu dieser erlauchten Szene zu gehören. 59 Preisträger waren in Lindau zu bestaunen, die meisten weit älter als das Treffen selbst - es fand zum 60. Mal statt.

Noch mehr als für viele andere sind Nobelpreisträger für Chinesen etwas Besonderes. »Natürlich hätten wir gern selbst einen«, sagt Xiang, als sie mit Gästen aus den USA, aus Brasilien und Indien bei der Essensausgabe am Seeufer ansteht. Forscher mit chinesischen Wurzeln wurden schon ein paar Mal geehrt. »Das zeigt ja, dass wir clever sind«, sagt die Doktorandin und grinst. Tatsächlich wurden bisher aber nur Exilanten ausgezeichnet. So wie im vergangenen Jahr der Physiker Charles Kao, längst britischer und amerikanischer Staatsbürger.


Als Xiang ihren Teller beladen und einen Platz am Stehtisch gefunden hat, sinniert sie: »Im Westen, besonders in den USA, gibt es schon lange Spitzenforschung, da hat sich die Wissenschaft sozusagen angehäuft.« Das könne China nicht von jetzt auf gleich aufholen. »Ein Genie zu sein reicht nicht, man braucht das richtige Umfeld.« 50 bis 100 Jahre werde es noch dauern, bis ein Nobelpreis nach China gehe, meint Xiang. Ein Kollege ist optimistischer: »20 Jahre.« Vielleicht erhält die ersehnte Ehrung eines Tages sogar einer von ihnen. »Sie sehen hier einige wahnsinnig gute Leute«, sagt Yue Rui und zeigt in die Runde. Yue stellt sich als deren CEO vor, als Vorstandsvorsitzender. Sein Job ist es, die Hotelzimmer zu verteilen, zur Pünktlichkeit zu mahnen und offenbar auch, alle ins rechte Licht zu rücken. »Der hier hat schon eine Veröffentlichung in Science und eine in Nature«, sagt Yue. Dabei sei der Strukturbiologe, auf den er zeigt, gerade einmal im dritten Jahr seiner Doktorarbeit. »Und der da hinten mit dem gestreiften T-Shirt hat in den vergangenen fünf Jahren 40 paper geschrieben, 200 impact points!« Diese Punkte sind das internationale Maß für das Ansehen wissenschaftlicher Veröffentlichungen. »Ich selbst, ich bin auch nicht schlecht«, sagt Yue. »Ich habe ein paper in Cell.«

Von solchen Erfolgsbilanzen träumen die meisten deutschen Doktoranden höchstens, für die chinesischen Jungforscher sind sie für die weitere Karriere schlicht überlebensnotwendig: »Wir müssen einfach viel publizieren, die Konkurrenz ist enorm«, sagt der Chemiker He Lei von der renommierten Tsinghua-Universität und schickt den Standard-Stoßseufzer seiner Landsleute hinterher: »Es gibt zu viele Chinesen.« Publish or perish - dieser Druck ist in China noch weit stärker als im Westen. Er mache es schwer, kreativ zu forschen. Dabei hat die Regierung just das als Devise ausgegeben: zizhu chuangxin - eigenständige Innovation statt Nacharbeiten. Auch für einen chinesischen Nobelpreis wäre das wohl die Voraussetzung.

Xiang möchte in der Grundlagenforschung bleiben, erzählt sie, während der Tourbus zum Zentrum für Pharmaforschung an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität rollt. Sie wolle herausfinden, wie genau eine Pflanzenzelle Informationen verarbeitet. »Ich mache natürlich nur ganz winzige Entdeckungen. Aber ich bin trotzdem jedes Mal ziemlich aufgeregt.« Viele andere aus der Gruppe wollen in die Anwendung oder gleich selbst ein Unternehmen gründen. »Arbeiten Sie mit der Industrie zusammen?«, fragt einer. »Was für Karrieren machen Ihre Studenten später?« Auch: »Haben Sie eine eigene Firma?« Angelika Vollmar verneint lachend. Die Professorin hat die Gruppe mit ausgewählt. »Die sind extrem motiviert«, sagt sie. »Da müssen die deutschen Studenten zusehen, dass sie mithalten.« Ein Chemiker aus Wuhan würde am liebsten gleich bleiben: »Sie forschen ja an chemischen Verbindungen aus der Natur, die muss doch jemand im Labor synthetisieren. Können Sie mich da nicht gebrauchen?«

In Deutschland forschen, für ein paar Jahre - das können sich auch andere vorstellen. Der meisten Traumziel aber heißt USA, einer tritt schon in dieser Woche seinen Job in Texas an. Trotz riesiger Absolventenzahlen: Chinas Elitestudenten werden umworben, nicht nur auf dieser Tour.

Als die Besucher durch das Münchner Labor schlendern, entdecken sie nicht viel Neues. Die meisten arbeiten an Spitzeninstituten in Peking oder Shanghai, die ganz ähnlich ausgestattet sind. »Das Durchflusszytometer hier, davon haben wir das große Modell!«, sagt einer zum Laboranten. Der guckt ein bisschen gequält: »Jaaa, wir haben halt zwei kleine.« Auch Xiangs Institut ist gerade neu ausgerüstet worden. »Unsere Maschinen sind sogar ein bisschen moderner als diese hier«, sagt sie. »Aber nicht so gut gepflegt. Bei uns arbeiten eben viel mehr Leute in einem Labor, da geht schneller etwas kaputt. Und hier stellen die Forscher alles ganz, ganz ordentlich wieder an seinen Platz.«

Vor dem Leseraum stößt sie dann doch noch auf etwas Außergewöhnliches: Hier sitzen kaffeetrinkende Wissenschaftler zusammen und reden! »Das ist ja eine gute Idee«, sagt Xiang Tingting. »Eine gemeinsame Kaffeepause, so was gibt es bei uns nicht.« Austausch mit Kollegen laufe nur nebenbei. »Solche Treffen, das sollten wir auch mal machen.« Am Ende will sie unbedingt noch etwas loswerden. »In Ihrem Vortrag eben, da haben Sie diesen Signalweg gezeigt, den mit dem Cytochrom c«, sagt sie. Vollmar nickt. »Den hat ein Professor des Instituts entdeckt, an dem ich mein Diplom gemacht habe, Wang Xiaodong! Kennen Sie den?« Die deutsche Professorin schaut zuerst verwirrt, dann betreten. »Tut mir leid, ich kann mir chinesische Namen immer so schlecht merken.«

Aus DIE ZEIT :: 15.07.2010

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