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Kaffeesatzleserei?

Über die Kunst der Graphologie.

Kaffeesatzleserei?© madphoenix* - Photocase.comGraphologie - eine "echte" Wissenschaft?
Forschung & Lehre: Oft zieht man beim Betrachten einer Handschrift Rückschlüsse auf die Persönlichkeit des Verfassers. Ist das auf wissenschaftlich gesichertem Weg möglich?

Dietrich Ebert: Die Frage, was "wissenschaftlich gesichert" heißt, müsste bei kritischen Analysen besser definiert werden. Insbesondere muss bei Negativ-Ergebnissen von statistischen Arbeiten (wie sie in der Psychologie üblich sind) hinterfragt werden, ob die richtigen Fragen gestellt wurden. Handschrift ist eine Ausdrucksbewegung auf mikromotorischer Ebene und als solche psychologisch deutbar, ähnlich der Mimik, Gestik, dem Gang eines Menschen. Die graphologische Methodik entstand auf der Basis von Beobachtung, Erfahrung und Experiment, sie ist lehrbar und bei entsprechender Begabung (bei der Fähigkeit, psychologisch zu denken) auch lernbar. Psychologische Schlussfolgerungen können mit konkreten handschriftlichen Befunden belegt werden. Verschiedene (gut ausgebildete) Graphologen kommen zu übereinstimmenden Aussagen.

F&L: Können Sie einige Kriterien für eine graphologische Analyse nennen?

Dietrich Ebert: Kriterien wären das Strichbild, Bewegungsbild, Formbild und Raumbild, jeweils mit vielen Unterkriterien, aber auch die Gestalteinheitlichkeit/ Uneinheitlichkeit, Rhythmusstärke und der Spannungsgrad. Neuerdings wird auch mittels einer digitalen Schriftanalyse versucht, quantitative Kriterien anzuwenden, wobei man Schreibgeschwindigkeit, Druckstärke, Eckdaten des zeitlichen Verlaufs usw. messen kann. Dazu laufen zur Zeit viele wissenschaftliche Studien.

F&L: In welchen Bereichen kann die Handschriftenanalyse heute sinnvoll eingesetzt werden?

Dietrich Ebert: Bei Schriftexpertisen, in der Kriminologie und Historischen Forschung. Sie ist hinweisgebend für einige medizinische Probleme (toxikologisch, neurologisch, psychiatrisch - bei umfassender Berücksichtigung der Untersuchungsbedingungen). Charakterologisch sehr verbreitet bei der Berufswahl und der Führungskräfteauswahl und - entwicklung beispielsweise, Letzteres ist aber meines Wissens noch nicht psychologisch validiert.

F&L: Nach Untersuchungen eines Teams der hebräischen Universität von Jerusalem ist die Trefferquote der Graphologie sehr gering. Ist die Graphologie eher dem Lesen von Kaffesatz vergleichbar?

Dietrich Ebert: Ja und Nein: Es gibt gute und schlechte Graphologen - so wie es gute und schlechte Psychologen und gute und schlechte Ärzte gibt. Und es gibt verschiedene Schulen der Graphologie - mehr oder weniger fundiert. Man müsste vor einer Untersuchung die Kriterien der Untersucher und der Untersuchten definieren (und hinterher auch veröffentlichen). Es gibt aber auch Aussagen darüber, dass die Trefferquote über 80 Prozent liegt. Wer hat recht?


Zur Person
Dr. med. Dietrich Ebert ist Privatdozent und Facharzt für Physiologie und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Zur Zeit ist er Oberarzt in der Klinik für Psychiatrie am Klinikum Chemnitz. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die feinmotorische Koordination bei automatisierten Bewegungen (Musik- und Schreibbewegungen).


Aus Forschung und Lehre :: September 2010

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