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Kafkaeske Monate

Von ERNST-LUDWIG WINNACKER

Der Aufbau des Europäischen Forschungsrates - Fragen an Ernst-Ludwig Winnacker.

Kafkaeske Monate© Forschung & LehreProfessor Ernst-Ludwig Winnacker ist in Strasbourg als Generalsekretär des Human Frontier Science Program (HFSP) tätig
Der Europäische Forschungsrat (ERC) hat sich zwischenzeitlich zu einem Prestige-Projekt der Europäischen Kommission entwickelt. Doch aller Anfang ist schwer, besonders dann, wenn Wissenschaft auf Bürokratie trifft. Eindrücke des ersten Generalsekretärs des ERC.*

Forschung & Lehre: Europas Forschung im Aufbruch. Abenteuer in der Brüsseler Bürokratie heißt Ihr aktuelles Buch. Ein so großes Abenteuer, dass Sie darüber ein Buch schreiben mussten?

Ernst-Ludwig Winnacker: Die Situation war extremer, als ich es mir vorgestellt hatte. Der "Kommission", jedenfalls ihrer damaligen Führung, war die Sache nicht geheuer. Erstmals durfte jemand mitreden, nämlich die Wissenschaft. Das hatte es in Brüssel noch nie gegeben. Man hat es mich und die anderen Beteiligten merken lassen. Mehrere Male standen wir kurz vor dem Scheitern.

F&L: Die Gründung des "Europäischen Forschungsrates" (ERC) bezeichnen Sie als revolutionär. Warum?

Ernst-Ludwig Winnacker: Revolutionär war das ERC, weil es ein Wettbewerb einzelner Köpfe war und ist. Auf europäischer Ebene kannte man bislang nur Netzwerke, also Mechanismen der Kooperation, weniger des Wettbewerbs. Außerdem: Alles musste zum ersten Mal geschehen. Wieviele Anträge würden wir erhalten? War überhaupt irgendjemand daran interessiert, sich in das kalte Wasser eines solchen Wettbewerbs zu stürzen? Würden wir in einer Antragsflut untergehen? Würden wir genügend Gutachter finden?

F&L: Halfen Ihnen Ihre Erfahrungen als ehemaliger DFG-Präsident?

Ernst-Ludwig Winnacker: Natürlich haben mir diese Erfahrungen genützt, vor allen Dingen im Vorlauf zum Start des ERC. Der Gedanke des Europäischen Forschungsrates geht auf ein Papier des damaligen Forschungskommissars Busquin aus dem Jahr 2000 zurück. Diese Idee musste jedoch in die Tat umgesetzt werden. Es gab zahllose Konferenzen, Gutachten, Stellungnahmen, in denen auch ich mich eingebracht habe, zeitweise als Vorsitzender der sogenannten EuroHORCs, als Vorsitzender der Nationalen Forschungsförderorganisationen. Wie war ein solcher Rat zu konstruieren? Wie war die Wissenschaft einzubinden, wie die Administration? Welche administrativen Strukturen der Kommission waren geeignet, welche nicht? Einen großen Durchbruch brachte eine Konferenz im Harnackhaus in Berlin im März 2003, als die Engländer, die lange gezögert hatten, ihre Zustimmung signalisierten. Ihnen ging es um die Sicherung der wissenschaftlichen Exzellenz. Sie hatten Angst vor allfälligen politischen Einflüssen auf die Entscheidungen des ERC. Auch dann noch stand die Sache immer wieder auf Messers Schneide, bis in die letzten Tage des Jahres 2006. Den meisten dieser "Störenfriede" ging es darum, den ERC aus den Klauen der Kommission zu "befreien". Das war möglicherweise gut gemeint, aber unrealistisch.

F&L: Die Startphase des ERC bezeichnen Sie in Ihrem Buch als "kafkaesk", die Führung der Kommission sei schwach, der ehemalige Generaldirektor Forschung unsicher und risikoscheu: wenig schmeichelhafte Beschreibungen der Europäischen Kommission ...

Ernst-Ludwig Winnacker: Kafkaesk erschien mir die Situation deshalb, weil sie so unheimlich war. Niemand von uns verstand die Denk- und Handlungsweise der Kommission. Oft genug erschien sie extrem widersprüchlich. Wollte man den ERC überhaupt, habe ich mich mehrmals gefragt? Wer einer Sache so viele Steine in den Weg legt, der kann eigentlich nicht hinter ihr stehen. Heute weiß ich, dass die EU-Bürokratie damals nicht auf Vertrauen, sondern auf Misstrauen baute. Wegen einiger Korruptionsfälle war sie seinerzeit in Misskredit geraten und hat dann in der Folge unendliche Hürden und Kontrollen aufgebaut, die der Wissenschaft nicht angemessen waren. Diese haben wir dann nach und nach überspringen gelernt. Mit dem neuen Generaldirektor Robert-Jan Smits, der am 1. Juli 2010 sein Amt angetreten hat, ist dann ohnehin alles viel besser geworden.

F&L: Wie reagierten der Wissenschaftliche Rat und die internationalen Gutachter auf die Widerstände und die Bürokratie, denen der ERC ausgeliefert war?

Ernst-Ludwig Winnacker: Wissenschaft und Wissenschaftlicher Rat haben mich und die Mitarbeiter der ERC-Administration immer unterstützt. Vieles allerdings spielte sich nur intern ab. Aber mehr als einmal musste der Wissenschaftliche Rat die Generaldirektion Forschung mit Rücktrittsdrohungen darauf aufmerksam machen, dass es so nicht weiterging. Vor den Tausenden von Gutachtern kann ich mich nur mit Hochachtung verbeugen. Sie haben mitgemacht und realisiert, dass nicht alles auf einmal geändert werden konnte. Es ist bekanntlich weder klug noch möglich, an jeder Front Krieg zu führen. Wir mussten daher die Schwierigkeiten angehen, wie sie entstanden und immer wieder überlegen, ob sich ein Widerstand lohnte oder eben nicht. Heute liegt das alles unendlich weit entfernt. Wo und wenn immer ich irgendwo hinkomme, man versteht kaum noch, wie es seinerzeit gewesen ist, bei der Auswahl der Gutachter, bei den Bewilligungsbescheiden, bei den Berichtspflichten etc. Ich glaube auch, dass unsere Verfahren inzwischen auf andere Bereiche der Kommission "abgefärbt" haben und auch dort rationaler gearbeitet wird. Ich möchte auch anfügen, dass es natürlich auch innerhalb der Kommission immer Personen gab, die das System kannten, die mitgedacht und in den Auseinandersetzungen mit dem Generaldirektor geholfen haben.

F&L: Welche Bedeutung wird in Brüssel der Grundlagenforschung, die ja im Fokus des ERC steht, beigemessen? Oder geht es vor allem um die Ökonomie?

Ernst-Ludwig Winnacker: Für die Kommission ist der ERC heute ein Leuchtturm. In ihrem Vorschlag für den kommenden Rahmenplan (Horizon 2020) sieht sie eine 80prozentige Steigerung für den ERC vor. Ist das genug für die Grundlagenforschung? Wer die Ansprachen der Kommissarin verfolgt, merkt, dass man längst die zentrale Rolle der Grundlagenforschung im Innovationsprozess akzeptiert hat. Ob das die "Kundschaft" auch so sieht, oder ob sie die Kommissionsverfahren immer noch als Subventionshöfe ansieht, das ist schwer zu beurteilen. Ein Wettbewerb, der allein auf wissenschaftlicher Exzellenz beruht, ist schwerer und unbequemer, als vor den warmen Öfen des regionalen Ausgleiches zu sitzen und die Hände zu wärmen.

F&L: Falls der ERC auch nach 2013 weiter gefördert wird: Wird es ihm vor dem Hintergrund der anhaltenden Wirtschaftskrise auch weiterhin gelingen, jegliches Länderproporzdenken zugunsten von Exzellenzkriterien zu vermeiden? Wenn ja, wie?

Ernst-Ludwig Winnacker: Es muss dem ERC gelingen, weiterhin allein nach Qualitätskriterien zu operieren. Sollten seine Entscheidungen jemals politikgeleitet werden, wäre das sein Ende. Die Situation ist allerdings nicht einfach, da nur wenige Prozent der Bewilligungen in die neuen Beitrittsländer gehen. Das liegt nicht am Mangel an Talenten, sondern daran, das die Infrastruktur fehlt. Es wird langsam besser, wird aber noch einmal eine Generation dauern, bis in diesen Ländern diese Strukturen wieder aufgebaut sind. Aus meiner persönlichen Sicht müssten bei diesem Prozess die nationalen Forschungsförderorganisationen viel mehr helfen, als sie es jetzt tun. Warum öffnet man die nationalen Verfahren nicht für Antragsteller aus diesen Ländern? Es würde die Bewilligungsquoten kaum reduzieren, aber die eigenen Prozesse transparenter und wettbewerbsfähiger machen. Leider hat die Idee in Europa derzeit wenig Konjunktur. Das Wort Solidarität ist vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise zum Unwort geworden. Ohne eine gewisse Solidarität geht es aber nicht. Haben wir dies denn nicht aus der Wiedervereinigung gelernt?

F&L: "Allein auf der Grundlage wissenschaftlicher Exzellenz" sollen die Fördermittel vergeben werden. Heißt das also auch, dass keinerlei Rücksichten auf Fächerverteilung oder Frauenanteile genommen werden?

Ernst-Ludwig Winnacker: Niemals wurde vorgeschrieben, welche Anteile die diversen Fächer erhalten. Es hat sich so ergeben und eingependelt. Ca. 20 Prozent Geistes- und Sozialwissenschaften, das ist auch bei den nationalen Förderern nicht anders. Die Gendersituation spiegelt die eher leidige Lage von Wissenschaftlerinnen in Europa wider. Bei Starting Grants liegen die Anteile bei 25 Prozent, bei Advanced Grants nur bei 12 Prozent. Der ERC hat eine Strategie entworfen, um mehr Wissenschaftlerinnen zur Antragstellung zu bewegen. Es wird allerdings sehr auf das Mentoring in den einzelnen Institutionen ankommen, um die Situation zu verbessern. In frankophonen Ländern scheinen mir die Bedingungen ohnehin sehr viel günstiger zu sein, da dort die Kinderbetreuung ungleich besser organisiert ist als etwa in Deutschland.

F&L: Ist die Europäische Kommission der "Idee Europa" gewachsen?

Ernst-Ludwig Winnacker: Die Kommission ist der "Idee Europa" durchaus gewachsen, besser jedenfalls als beim Start des ERC. Die viel wichtigere Frage ist, ob wir selbst der "Idee Europa" gewachsen sind. Viel zu viele Leute hängen sich am Krümmungsradius von Bananen oder den Regelungen für Glühbirnen auf. Mir scheint es, dass zur Zeit allein die Wissenschaft in dieser wunderbaren Idee eine Chance sieht. Ein gemeinsames Europa ist ohne Solidarität nicht zu haben.

*Von Ernst-Ludwig Winnacker ist aktuell erschienen: "Europas Forschung im Aufbruch. Abenteuer in der Brüsseler Bürokratie", Berlin University Press 2012


Über Ernst-Ludwig Winnacker
Professor Ernst-Ludwig Winnacker war langjähriger Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (1998 bis 2006) und erster Generalsekretär des Europäischen Forschungsrates von 2007 bis Juni 2009. Er ist jetzt in Strasbourg als Generalsekretär des Human Frontier Science Program (HFSP) tätig.


Aus Forschung & Lehre :: November 2012

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