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Kann das weg?

VON ANNA-LENA SCHOLZ

Warum Nischenfächer an den Universitäten so wichtig sind.

Kann das weg?© jala - photocase.deNischenfächer werden lediglich bei öffentlichem Interesse gefördert
Die Welt ist aus den Fugen. Terror, Krieg, Klimakatastrophen, Pleitestaaten. Krise ist überall, sie ist zum Dauerzustand erwachsen. Die Universitäten beobachten und analysieren die Krisen, doch können sie uns wirklich weiterhelfen? Vier Diagnosen, warum das zu selten gelingt.

Geld fließt erst, wenn es brennt

Würden Sie eine Germanistik-Professorin anrufen, damit sie den NSU-Prozess analysiert? In einer ähnlichen Lage befinden sich seit dem 11. September 2001 Arabisten und Islamwissenschaftler an deutschen Universitäten. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center stellte die Gesellschaft plötzlich mehr Fragen, als die wenigen Professoren beantworten können. Und es wurde immer komplizierter: Arabischer Frühling, Bürgerkriege, Boko Haram, der Terror des »Islamischen Staats«.

Die neue Aufmerksamkeit brachte Geld. Für Forschungsgruppen, Konferenzen, Austauschprogramme. Die Universität Marburg etwa unterhält seit 2009 in Kooperation mit dem DAAD eine Außenstelle in Kairo. Das Auswärtige Amt unterhält seit 2012 Partnerschaften, etwa mit Tunesien und Libyen, um die Länder des Arabischen Frühlings beim Aufbau demokratischer Strukturen zu unterstützen. Aber nur 1,5 Millionen Euro aus dem jährlichen Topf von 50 Millionen Euro fließen in die Politikberatung durch Wissenschaftler.

Projektgebundene Gelder wie diese funktionieren nach dem Prinzip Feuerwehr: Das Geld fließt erst, wenn es brennt, und nur für begrenzte Zeit. Wissenschaftliche Arbeit aber ist langsamer als die schnell getakteten Aufmerksamkeitsökonomien von Medien und Politik. Das nachhaltigste Instrument, um Expertenwissen zu verstetigen, sind Professuren. Hier tat sich jedoch kaum etwas. In der Arabistik und Islamwissenschaft ist die Zahl der Professuren in ganz Deutschland von 42 nur auf 45,5 gestiegen (die Gesamtzahl aller Professuren stieg im selben Zeitraum von 37.700 auf heute 45.600). Auf die Politik des Nahen und Mittleren Ostens entfallen weitere vier Lehrstühle. Reicht das, um eine kritische Masse auszubilden, die ein fundiertes Wissen über die islamische Welt hat? Das erscheint mehr als zweifelhaft.

Zu früh gestrichen

Hat die Feuerwehr den Brand gelöscht, zieht sie weiter. So geschehen nach dem Ende des Kalten Krieges. Die Osteuropaforschung verlor in den letzten zwei Jahrzehnten 18 Professuren. Osteuropäische Geschichte ist heute häufig kein eigenständiges Fach mehr, sondern nur eine Teildisziplin an den Historischen Instituten. Der Abzug von Geld und Personal aus der Erforschung einer ganzen Region vollzog sich rutschartig nach der Wende und konnte bis heute - trotz EU-Osterweiterung seit 2004 - nicht ausgeglichen werden.

Wenn Arbeitsplätze in der Wissenschaft gestrichen werden, trifft es überwiegend die sogenannten Kleinen Fächer. Als Mecklenburg-Vorpommern 2004 beschloss, 190 Stellen an der Uni Greifswald zu streichen, wurden die Romanistik und Altertumswissenschaft komplett abgewickelt, nun schrumpft das Institut für Slawistik von drei auf zwei Professuren: Ausgerechnet jetzt stirbt der bundesweit einzige Lehrstuhl für Ukrainistik. Der Wissenschaftsrat empfiehlt als Antwort auf diese Entwicklung geisteswissenschaftliche Zentren mit Regional-Schwerpunkten.

Vorreiter ist Hessen: Seit 2006 finanziert es das »Centrum für Nah- und Mitteloststudien« in Marburg, das »Interdisziplinäre Zentrum für Ostasienwissenschaften« in Frankfurt und das »Gießener Zentrum Östliches Europa«. Dort hat sich die Zahl der Slawistikstudierenden seit Gründung des Zentrums verdoppelt. An Hessen erkennt man, dass sich die Kleinen Fächer durch Vernetzung selbst retten können. Die Drittmittelakquise gelingt in einem Forscherverbund besser als im Ein-Prof-Betrieb, auch können interdisziplinäre Zentren die Komplexität politischer Weltereignisse besser erforschen. Doch die Vielfalt an Fächern und Standorten war immer eine Stärke des deutschen Hochschulsystems. Je größer die Zentren, umso verzichtbarer erscheinen die Kleinstinstitute an anderen Orten. Gerade das Beispiel Osteuropaforschung zeigt: Was einmal gestrichen wurde, kommt nicht mehr zurück.

Besser vernetzen!

Eine Meisterin der Vernetzung und Zentralisierung ist die Klimaforschung. Sie betreibt seit über drei Jahrzehnten Lobbyarbeit in politischen Gremien und der Öffentlichkeit. An riesigen Thinktanks wie dem 1992 gegründeten Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) forschen über 300 Wissenschaftler in interdisziplinären Teams. Die Grundfinanzierung liegt bei jährlich 14 Millionen Euro, einige Forscher des PIK beraten den UN-Weltklimarat.

Politische Bekenntnisse, wie jüngst der Plan von US-Präsident Barack Obama zur Emissionsverringerung, sind Kapital für die Wissenschaftler: Es verschafft ihnen einen Legitimationsschub. Erfolgreich ist die Klimaforschung auch, weil sie das globale Megathema lokal zugänglich macht - sie operiert »glokal«. Beispiel Universität Hamburg: Unter dem Begriff Klima-Campus führt sie Forschungseinrichtungen und Politik zusammen. Wissenschaftler und Politiker der örtlichen Umweltbehörden treffen sich regelmäßig, ein Ökonom aus dem angeschlossenen Exzellenzcluster zum Klimawandel sitzt im Nachhaltigkeitsrat der Bundesregierung. Allerdings: Je größer die Institute, desto mehr Geld brauchen sie. Weil die Grundfinanzierung der Hochschulen sinkt, sind auch die lang aufgebauten Infrastrukturen der Klimaforschung bedroht.

Mehr Wissenschaftler in die Politik!

Die Wirtschaftswissenschaften sind in Deutschland ein Massenfach. Aber wo waren all die Ökonomen, als 2008 die Banken kollabierten? In welchen Schubladen liegen ihre Instrumente zur Reparatur der Euro-Großbaustelle? Weltweit hatten nur eine Handvoll Ökonomen die Banken- und Schuldenkrise vorhergesagt - wie kann das sein?

Auch irritiert es, dass weder Finanzminister Wolfgang Schäuble noch einer seiner fünf Staatssekretäre ausgebildete Volkswirte sind. Beim Thema Finanzkrise drängt sich die Frage auf: Gelangt ausreichend wissenschaftliche Expertise in die Entscheidungsränge der Politik? Tatsächlich arbeiten in Deutschland Wirtschaftswissenschaftler in einem ganzen Arsenal an Sachverständigenräten und Expertengremien. Professoren haben die Arbeitsmarktreformen unter der Schröder-Regierung 2002 begleitet und auch die Einführung der Schuldenbremse 2009. Viel Wert wird dabei auf institutionelle Unabhängigkeit gelegt. Bis heute sitzt der 1963 gegründete »Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung« in Wiesbaden und behauptet somit schon räumlich seinen Status als abgerücktes Expertenteam.

Aber die deutsche Wissenschaft ist nahezu undurchlässig für den beruflichen Wechsel in die Politik. Die lange, häufig prekäre Qualifizierungsphase bis zur Professur ermuntert kaum zum Ausflug in ein Ministerium. Auch umgekehrt hält man Distanz: Kein Politiker stellt seine wissenschaftliche Qualifikation zur Schau - zu groß die Angst, als akademischer Besserwisser zu erscheinen. Sind aber nicht gerade Krisen der ideale Zeitpunkt für die politische Klasse, sich auf die wissenschaftliche Potenz deutscher Universitäten zu besinnen? Und wäre es nicht der Augenblick für Deutschlands Professoren, sich als politische Subjekte Gehör zu verschaffen?

Aus DIE ZEIT :: 27.08.2015

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