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Kapital oder Kapitulation?

Von Stephan A. Jansen und Tome Sandevski

Vertreter der Oppositionsparteien und des Studentenwerks lehnen das geplante nationale Stipendienprogramm der Bundesregierung aus Gründen der fehlenden Bildungsgerechtigkeit ab. Die Hochschulen sehen Kapazitätsprobleme. Beide Probleme sind lösbar.

Kapital oder Kapitulation?© Ruslan Bustamante - iStockphoto.comFördert das Stipendienprogramm lediglich die Reproduktion bestehender Ungleichheiten?
Laut Gesetzentwurf für das nationale Stipendienprogramm sollen die Hochschulen monatlich 150 Euro an Spenden für ein Stipendium einwerben. Bund und Länder verdoppeln dann den Betrag auf 300 Euro. Diese Stipendien sollen ausschließlich leistungsorientiert vergeben werden, sie werden nicht auf das BAföG angerechnet. Dafür sollen staatlicherseits jährlich bis zu 300 Millionen Euro bereit gestellt werden. Zwei Kritiken werden nun diskutiert: 1. Die Vergabe der Stipendien ist herkunftsabhängig, d.h. der finanzielle Hintergrund der Eltern entscheidet faktisch. Stattdessen wird für eine Erhöhung des BAföG plädiert. 2. Die Hochschulen sehen kaum Kapazitäten für die Einwerbung der Spenden, die Auswahlverfahren für die Stipendiaten und die Betreuung der Fördererer.

Der erste Einwand fokussiert richtigerweise auf die in Deutschland dramatische Herkunftsabhängigkeit von Bildungsbiographien allgemein und bei den Stipendienprogrammen insbesondere. Eine Studie der Hochschul-Informations-System GmbH hat gezeigt, dass die übergroße Mehrheit der Stipendiaten der elf Begabtenförderwerke aus gehobenen und hohen Bildungsgruppen kommt. Begabtenförderwerke "fördern" also nicht, sondern sie reproduzieren bestehende Ungleichheiten. Dies gilt im übrigen auch für alle parteinahen Stiftungen - Regierung wie Opposition. Die Fundamentalkritik am nationalen Stipendienprogramm ist dennoch wenig zielführend, würde sie doch eine Abschaffung der Begabtenförderung zu Gunsten des BAföG bedeuten. Wir brauchen beides - Leistungs- und Bedürftigkeitsförderungen. Und von beidem mehr.

Es sind die Hochschulen, die dann in die Pflicht genommen werden müssen, ihre Auswahl nach Leistungs- wie Bedürftigkeitskriterien vorzunehmen. Das führt zur zweiten Herausforderung: Die Kapazitäten der Hochschulen. Bedürftigkeitskriterien können im nationalen Stipendienprogramm verankert werden. Die Annahme, dass Förderer mit Stipendien in erster Linie leistungsstarke und nicht bedürftige Studierende fördern wollen, ist sehr irreführend. Schließen sich etwa Bedürftigkeit und Leistung aus? Eingeschriebene Studierende erfüllen die Zulassungsvoraussetzungen. Sie sind damit gut genug, einen akademischen Abschluss zu erwerben, aber nicht genug, dies ohne finanzielle Sorgen zu tun?

Ohne Fundraising keine Stipendien

Der Entwurf sieht vor, dass bis zu acht Prozent der Studierenden gefördert werden können. Dies bedeutet, dass die Hochschulen pro tausend Studierenden bis zu 144.000 Euro pro Jahr einnehmen müssten. Im Rahmen des NRWStipendienprogamms, das die Vorlage für das nationale Stipendienprogramm darstellt, warben die Hochschulen im Wintersemester 2009/2010 insgesamt 1.400 Stipendien ein. Die RWTH Aachen war mit 190 Stipendien die erfolgreichste Hochschule. Im Rahmen des nationalen Stipendienprogramms müsste eine Hochschule wie die RWTH die eingeworbenen Stipendien innerhalb von zwei Jahren auf etwa 2.400 Stipendien steigern.

Der Entwurf für das nationale Stipendienprogramm bedenkt den Aufbau von Fundraising-Kapazitäten der Hochschulen nicht, obwohl selbst die Kosten für das Ausfüllen der Zusageformulare und die Überweisung der Gelder im Entwurf veranschlagt werden. Die Kosten für die Hochschulen selbst werden aber nicht erwähnt. Erfolgreiches Fundraising kostet Geld. In den USA und anderen Ländern nehmen Hochschulen signifikante Spendenmittel ein, weil sie über gut ausgestattete Fundraising-Abteilungen mit Dutzenden und sogar Hunderten von Mitarbeitern verfügen. Förderer spenden nicht aus Langeweile für Hochschulen. Sie müssen von den Hochschulen nach Spenden gefragt werden. Dies gilt auch für Stipendien.


Internationale Vorbilder

In Ländern, wo Hochschulfundraising eine neuere Entwicklung darstellt, liegen die Kosten entsprechend hoch. In den USA und Kanada liegen die direkten Fundraisingkosten der Hochschulen gemessen an den Spendeneinnahmen bei etwa 15 Prozent, in Großbritannien sogar bei 33 Prozent. Diese Ausgaben sind sehr lohnende Investitionen: In welchem Wirtschaftsbereich bringen Investitionen das Dreifache an Einnahmen? Wenn wir die britische Erfahrung auf Deutschland übertragen, müssten die Hochschulen pro tausend Studierenden mit etwa 48.000 Euro an Kosten rechnen. Wie sollen die deutschen Hochschulen diese Zusatzausgaben leisten, die bei Stipendienprogrammen eben nicht zu Zusatzeinnahmen für die Hochschule selbst führen?

Eine Möglichkeit sind staatliche Kapazitätsgelder, die wir in einer international vergleichenden Analyse untersucht haben. Dafür gibt es Beispiele in England, Singapur und Hongkong. Dort haben die Regierungen in den letzten 15 Jahren mehrfach sogenannte Matching Funds-Programme aufgelegt, um Spenden an Hochschulen zu bezuschussen. Vor dem Beginn der Matching Funds-Programme stellten die Regierungen den Hochschulen Gelder für den Aufbau von Fundraising-Kapazitäten zur Verfügung. Im Falle Hongkongs waren dies umgerechnet 480.000 Euro pro Hochschule. Dafür bescherten die vier seit 2003 durchgeführten Matching Funds-Programme den zehn teilnehmenden Hochschulen etwa 670 Millionen Euro an Spendeneinnahmen, die mit 370 Millionen Euro an staatlichen Zuschüssen honoriert wurden. Ähnliche erfolgreiche Programme existieren auch in Neuseeland, Norwegen, Kanada und in den USA.

Staatliche Investitionen Voraussetzung

In Ländern, in denen Hochschulen Spenden in signifikanter Höhe einwerben, liegen die staatlichen Bildungsausgaben über dem OECD-Durchschnitt. Das Stopfen von staatlichen Finanzierungslücken ist für Förderer nicht attraktiv. Spenden ermöglichen Hochschulen zusätzliche Handlungsspielräume. Diese Handlungsspielräume brauchen deutsche Hochschulen im internationalen Wettbewerb dringend. Bund und Länder könnten etwa den Aufbau von Fundraising-Kapazitäten an hundert deutschen Hochschulen mit jeweils einer Million Euro finanzieren. Weitere 700 Millionen Euro könnten innerhalb von vier Jahren für die Bezuschussung von Spendeneinahmen von bis zu 900 Millionen Euro bereit gestellt werden. Die Hochschulen müssten mindestens 20 Prozent der Spendeneinnahmen und staatlichen Gelder für Stipendien verwenden.

Artikel zum Thema Damit wäre ein nationales Stipendienprogramm in ganzheitliche Fundraisingaktivitäten eingebettet. Die Überlegungen für das nationale Stipendienprogramm bieten - wenn die berechtigten Kritiken intelligent beantwortet werden - optimale Voraussetzungen für den Start eines konsequenten Ausbaus des Hochschulfundraisings in Deutschland. Die Bildungsförderer sind offener, als sich das manche Kritiker vorstellen können. Aber ein politisches Zerreden dieser Initialzündung wäre für die politisch gewünschte Bildungsrepublik mit erhöhter privater Finanzierung im tertiären Bereich mehr als schädlich.

Das von den Autoren verfasste Diskussionspapier "Matching Funds - Staatliche Strategien für private Wissenschaftsförderung. Eine internationale Vergleichsstudie mit Empfehlungen für Deutschland" ist hier» abrufbar.


Über die Autoren
Prof. Dr. Stephan A. Jansen ist Präsident der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen und forscht u.a. zum Thema Bildungsfinanzierung im internationalen Vergleich.
M.A.Tome Sandevski ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Konfliktforschung der Philipps-Universität Marburg.


Aus Forschung und Lehre :: Juni 2010

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