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Kapitulation ist feige

Das Gespräch führten FRANK DRIESCHNER und FRITZ VORHOLZ

Vor dem Weltklimagipfel in Doha: Hans Joachim Schellnhuber über die Folgen der ungebremsten Erderwärmung - und darüber, dass der Kampf noch nicht verloren ist.

Kapitulation ist feige© daskleineatelier - Fotolia.com Um die Folgen der Erderwärmung einzudämmen, ist schnelles Handeln erforderlich
Was geschieht, wenn nichts geschieht? Wenn sich die Erde mangels Klimapolitik bis zum Ende des Jahrhunderts um vier Grad erwärmt? Nichts Gutes. Die Weltbank verpasste einer von ihr in Auftrag gegebenen Studie deshalb einen neuen Dreh. Vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und dem Forschernetzwerk Climate Analytics wollte sie ursprünglich nur wissen, wie sich arme Länder auf die heißen Zeiten vorbereiten können. Geht nicht, so der Befund. In der am Wochenende veröffentlichten Studie heißt es jetzt, die Vier-Grad-Welt müsse »vermieden« werden. Und das geht, behauptet PIK-Chef Schellnhuber.

DIE ZEIT: Herr Schellnhuber, kurz vor Beginn der Weltklimakonferenz warnen Sie vor schrecklichen Folgen der globalen Erwärmung. Mit Verlaub, uns erscheint das wie ein Ritual. Wenn das Megaevent vorbei ist, werden Sie wahrscheinlich wieder sagen, die Beschlüsse seien zwar unzureichend, die Welt sei aber trotzdem noch zu retten.

Hans Joachim Schellnhuber: Dieses Ritual bleibt so lange notwendig und sinnvoll, wie eine Destabilisierung des Weltklimas noch vermieden werden kann. Und es führt eben kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass es bittere Folgen haben wird, wenn der Klimaschutz weiter auf der Stelle tritt. Wenn also die Erderwärmung nicht bei einem Plus von rund zwei Grad stabilisiert wird und stattdessen bis Ende des Jahrhunderts doppelt so stark ausfällt.

ZEIT: Worin liegt der Unterschied zwischen zwei und vier Grad?

Schellnhuber: Das war genau die Kardinalfrage. Tatsächlich hat bisher niemand so recht zusammengetragen - Region für Region, Sektor für Sektor -, was vier Grad bedeuten. Wenn man das tut, wie wir in unserer Studie für die Weltbank, dann verschlägt es einem auch als Forscher den Atem. Es wird harte Treffer geben.

ZEIT: Wie wird Deutschland getroffen?

Schellnhuber: Deutschland gehört interessanterweise zu den Regionen, die am spätesten betroffen sein werden. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Irgendwann werden auch wir Hitzerekorde erleben von 42 Grad und mehr. Flüsse wie der Rhein werden öfters mal austrocknen. Es wird auch mehr Überschwemmungen geben, vergleichbar der Elbeflut von 2002. Wir registrieren schon heute eine Zunahme sogenannter Trogwetterlagen mit heftigem Regen. Alles bekannte Ansagen, aber die Tage des Wandels rücken näher. Das Wetter wird extremer, bedroht die Menschen hierzulande allerdings noch lange nicht in ihren Existenzgrundlagen. Anderswo sieht es für Millionen wesentlich düsterer aus.

ZEIT: Wo?

Schellnhuber: Nehmen wir die Tropen. Dort herrschen seit Jahrtausenden sehr stabile klimatische Verhältnisse. Nachts ist es fast genauso warm wie tagsüber, es gibt keine echten Jahreszeiten. Diese Verhältnisse, Durchschnittstemperaturen von rund 26 Grad, haben den tropischen Regenwald entstehen lassen. Erwärmt sich die Erde nun im globalen Mittel um vier Grad, dann heißt das für die Tropen plus fünf oder gar sechs Grad. Das würde Umweltschwankungen so weit jenseits des dort Gewohnten erzeugen, dass die großen Regenwälder wohl kaum auf Dauer überleben könnten.

ZEIT: Und das bedeutet ...

Schellnhuber: ... dass die Menschen in den Tropen wahrscheinlich einem Klimaschock ausgesetzt sein werden. Um zu überleben, müssten sie sich neu erfinden, wie es so schön heißt, am besten innerhalb weniger Jahrzehnte. In Afrika beispielsweise leben heute gut eine Milliarde Menschen, gegen Ende des Jahrhunderts könnten es rund drei Milliarden sein. Diese stark wachsende Bevölkerung würde in einer Vier-Grad-Welt nicht genug Nahrung erzeugen können, unter anderem weil mit dem Regenwald vielerorts auch die dünne Schicht fruchtbaren Bodens verschwände und sich zugleich der Wasserkreislauf veränderte. Afrika geriete regelrecht in einen Schraubstock.

ZEIT: Wenn der Kontinent die wachsende Zahl der Menschen nicht ernähren kann ...

Schellnhuber: ... dann wird es eben Hungertote oder mehr Abtreibungen geben, sagen Zyniker, und alles pendelt sich neu ein. Ich sage, dieser Gedanke ist unerträglich. Klimawandel ist kein Schicksal, sondern menschengemacht. Also sind wir dafür verantwortlich, etwas gegen ihn zu tun. Sonst kollabieren in manchen Regionen irgendwann nicht nur die natürlichen Systeme, sondern eben auch die Gesellschaften.

ZEIT: Oder die Menschen emigrieren.

Schellnhuber: Können Sie sich das wirklich vorstellen? Millionen Klimaflüchtlinge? Ich möchte dieses Szenario erst gar nicht durchspielen.

ZEIT: Einverstanden, aber die ungemütlichen Zeiten sind nach siebzehn erfolglosen Weltklimakonferenzen kaum noch vermeidbar. Es wäre fahrlässig, sich nicht darauf vorzubereiten.

Schellnhuber: Nein, genau umgekehrt. Die Vier-Grad-Welt ist dermaßen abschreckend, dass wir alles daransetzen sollten, den Temperaturanstieg auf zwei Grad zu begrenzen. Selbst dann läge die Erwärmung noch jenseits des Erfahrungsbereichs unserer Zivilisation, und hierauf müssen wir uns in der Tat vorbereiten, Stichwort Anpassung. Aber es gilt immer noch in erster Linie Emissionen zu vermeiden. Vermeiden, vermeiden, vermeiden!

ZEIT: Sie fordern, was seit zwei Jahrzehnten nicht funktioniert, allen Bekenntnissen zum Trotz.

Schellnhuber: Es wird schwierig, die Zwei-Grad-Linie zu halten, Herrgott ja. Und es wird umso schwieriger, je länger die Mehrheit der Politiker weltweit zaudert. Warten die Entscheider und ihre Wähler tatsächlich weitere zehn Jahre, dann wird die Zwei-Grad-Brandmauer wohl zur Filmkulisse verkommen. Aber noch ist es nicht so weit. Noch hält sich meine Frustration deshalb in Grenzen.

ZEIT: Sie können viel einstecken.

Schellnhuber: Es ist ja nicht so, als gäbe es keine Erfolge. Immerhin haben wir einige bequeme Unwahrheiten aus dem Weg geräumt. Die erste lautete, es gebe keine Erderwärmung, die zweite, der Mensch habe nichts damit zu tun. Leider sämtlich dummes Zeug.

ZEIT: Die dritte bequeme Unwahrheit?

Schellnhuber: Wird so schlimm schon nicht werden. Falsch, wie unsere aktuelle Studie zeigt. Die vierte bequeme Unwahrheit ist die alles entscheidende. Sie lautet: Ist ohnehin alles zu spät. In bitterer Ironie ließe sich diese Logik so zusammenfassen: »Es gibt keinen Klimawandel - und nichts kann ihn stoppen.«

ZEIT: Kann ihn noch etwas aufhalten?

Schellnhuber: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Klimapolitik dramatische Maßnahmen gegen eine dramatische Bedrohung beschließt, liegt bei vielleicht zehn Prozent. Ich nenne das die Restchance. In der Kerntechnik gibt es das Restrisiko, das sich durch Multiplikation einer sehr kleinen Eintrittswahrscheinlichkeit mit einem immensen Schadenspotenzial ergibt; es ist deshalb immer noch sehr groß. Bei der Restchance verhält es sich ähnlich. Der Gewinn aus einem vielleicht nur mit gnädigen Schicksalsmächten realisierbaren Klimaschutzes - immerhin die Bewahrung unserer Hochzivilisation - ist den Einsatz allemal wert.

ZEIT: Klingt kompliziert.

Schellnhuber: Ist aber ganz einfach: Die kühle Vernunft gebietet, für den Klimaschutz zu kämpfen.

ZEIT: Auch wenn es fast aussichtslos ist?

Schellnhuber: Ich habe früher leidenschaftlich Fußball gespielt, und meine Mannschaft lag zur Halbzeit auch schon mal zurück. Wir sind aber nie auf die Idee gekommen, deshalb gar nicht mehr anzutreten. Sollen wir also jetzt nicht mehr aus der Kabine kommen, nur weil die Klimapolitik bisher erfolglos war? Weil Italien mit zwei Treffern vorne liegt?

ZEIT: Also durchhalten, auch wenn klar ist, dass zwei Grad nicht zu erreichen sind?

Schellnhuber: Das ist eben ganz und gar nicht klar. Wenn der globale CO2-Ausstoß bis 2020 sein Maximum erreicht, danach bis um das Jahr 2070 auf null sinkt und anschließend der Atmosphäre jährlich noch drei bis vier Milliarden Tonnen CO2 entzogen werden, ist das Zwei-Grad-Ziel zu schaffen. Technisch und ökonomisch spricht im Prinzip nichts dagegen. Es kostete die Menschheit nur wenige Prozent ihrer Wirtschaftsleistung. Was bisher allein fehlt, ist politischer Wille.

ZEIT: Ohne Regierungsprogramme geht es nicht.

Schellnhuber: Da haben Sie recht. Aber Regierungen tragen Verantwortung, gerade für die Zukunft. Wenn es beispielsweise um das Leben eines Kindes geht, dann frage ich doch die besten Ärzte, ob eine Heilung möglich ist. Sollten sie diese ausgeschlossen haben - nun, dann muss ich nach Hause gehen und trauern. Wenn aber ein Spezialist sagt, es gibt eine Wahrscheinlichkeit von zehn Prozent auf Heilung, dann werde ich doch alles dafür tun, sogar mein ganzes Vermögen opfern. Der entscheidende Punkt ist jedoch: Beim Klimawandel geht es nicht um ein einziges Kind. Es geht um alle! Da kann die Politik sich nicht davonstehlen.

ZEIT: Dann erklären Sie bitte Ihren Heilungsplan für den Planeten.

Schellnhuber: Denken wir mal vom Ende her. Nach 2070 müsste CO2 aus der Atmosphäre herausgeholt werden, ungefähr ein Zehntel der heutigen Jahresemissionen. Aufforstung wäre eine Möglichkeit. Womöglich in Kombination mit der Verbrennung von Biomasse und anschließender CO2-Bunkerung unter der Erde. Zudem gibt es chemische Verfahren, die heute noch zu teuer sind, aber sicher billiger werden. Die drei bis vier Milliarden Tonnen, um die es geht, sind zu schaffen.

ZEIT: Mag sein. Aber wie wollen Sie dafür sorgen, dass schon bald weniger Klimagas in die Atmosphäre hineingeblasen wird?

Schellnhuber: Durch das Umstellen unserer Energiesysteme auf erneuerbare. Durch den vorübergehenden Einsatz von Gas statt Kohle. Dadurch, dass die nötigen Technologien für das Bunkern des bei der Verbrennung von Kohle und Öl entstehenden CO2 anwendungsreif entwickelt werden. Schnelle Erfolge ließen sich bei den kurzlebigen Treibhausgasen erzielen, etwa bei Ruß aus Auspuffen. Überfällig ist auch eine drastische Steigerung der Energieeffizienz im Gebäudebereich - es gibt Hunderte, Tausende Dinge, die zu tun sind.

ZEIT: Trotzdem ist das Ziel in immer weitere Ferne gerückt.

Schellnhuber: Das sehe ich auch. Viele sagen deswegen jetzt: Seid mal realistisch, wir wissen doch, wie Politik funktioniert. Doch diese Klimakapitulation ist voreilig, vielleicht sogar ein bisschen feige. Immerhin haben die Staaten der Welt auf den viel geschmähten Gipfeltreffen beschlossen, dass es bis 2020 einen Weltklimavertrag geben soll. Solange 2020 nicht durch ist, so lange ist auch das Spiel nicht abgepfiffen. Es lohnt sich, um jeden Tabellenpunkt, um jedes Zehntelgrad zu kämpfen.


Aus DIE ZEIT :: 22.11.2012

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